Freitag, 10. Juli 2009

Der Mann auf der Mauer


Was für ein drolliger Film! Oder war es die Doppelstadt Berlin-West und -Ost, die so drollige Figuren wie den Mauerspringer Arnulf Kabe, klasse gespielt von Marius Müller-Westernhagen, hervorbrachte vor langer, langer Zeit? Oder hatte das Elend der deutschen Teilung, die im Jahr 1982 den Szene-Berliner herzlich herzlos kalt ließ, eben auch drollige Züge? Ein bisschen von allem trifft zu auf Reinhard Hauffs Film Der Mann auf der Mauer. Das Drehbuch zu dem Film von 1982 hatte Peter Schneider geschrieben, ein Lesebuch folgte im selben Jahr unter dem Titel Der Mauerspringer (noch erhältlich bei Amazon; dort schreibt ein missvergnügter Kunde: "Langweiliges Buch über Ost-West-Kacke"). Der Film jedenfalls ist kurzweilig, skurril und eine Wiederbegegnung mit einer Vergangenheit, an teilgenommen zu haben man nicht mehr für möglich hält. So weit weg ist das alles, dabei habe ich in diesen 1980er Jahren Zitty gemacht, war mittendrin im Mauerstadtirrsinn und kannte sogar einen, der mit einem echten Mauerspringer befreundet war.

20 Jahre Mauerfall, und einer tut was. Aber es ist nicht arte, es ist Ars Sacrow, der rührige Verein zur Förderung des Kulturerbes in Potsdam-Sacrow, der die AugenBlicke im Schloss präsentiert. Das Schloss ist das königlich-preußische Schloss Sacrow (Abbildung oben rechts, fünf Autominuten oder fünfzig Laufminuten südlich von Berlin-Kladow, also ganz nah für mich), und die Filmreihe zum Mauerfall organisiert ehrenamtlich Vereinsmitglied Joachim von Vietinghoff, im Hauptberuf Filmproduzent in Berlin. Die Filme laufen jeweils am letzten Freitag des Monats im Spiegelsaal-Kino (auf dem Foto der Anbau ganz rechts im Schatten - Bild durch Anklicken vergrößern, dann lässt sich alles besser erkennen), der heutige Termin war eine Ausnahme. Eine lohnenswerte; denn es gibt stets nicht nur den Haupt-, sondern auch noch einen Vorfilm zu sehen (heute eine fabelhafte SFB-Produktion von 1985 mit fiktivem, vorweggenommenem Mauerfall; beim letzten Mal waren es Karin Bandelins 14 Minuten vor Mitternacht Achtung, Sie verlassen jetzt West-Berlin), und es sind stets Gäste da, heute Peter Schneider, der im Gespräch mit Michael Strauven Auskunft über Film, Buch und Zeitgeist gab. (Schade nur, dass der Gast so spät kam, gern hätte ich ihn noch zum Springer Tribunal befragt - siehe meinen letzten Eintrag vom 3. Juli). Die AugenBlicke zum Mauerfall sind ein Konzept, das sicher einem größeren Publikum gut täte. Wünschenswert wäre es, wenn arte im Herbst, wenn das Mauerfalljubiläum näher rückt, etwas Gleichwertiges auf die Beine stellte.

Freitag, 3. Juli 2009

Springer Tribunal


Das finde ich eine sehr gute Idee. Die Axel Springer AG selbst will im Herbst, Oktober oder November 2009, ein Springer Tribunal ausrichten, bei dem es um die Rolle der Printmedien dieses Konzerns (Bild, BZ, mopo) während der Studentenunruhen in den Jahren 1967 und 1968 gehen soll. Der Chefredakteur der Welt, Thomas Schmid, hat das gestern in seinem Blog angekündigt und begründet:
Kürzlich wurde bekannt, dass der Westberliner Polizist, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, im Nebenberuf SED-Mitglied und Stasi-Mitarbeiter war. Das war nun doch eine Überraschung, und in dieser Zeitung ist die Frage aufgeworfen worden, ob das nicht neue Fragen aufwerfe. Immerhin, der Mann, der Benno Ohnesorg erschoss, war nicht nur Repräsentant des bundesrepublikanischen Obrigkeitsstaates, sondern repräsentierte auch das "bessere Deutschland", die DDR. Manche jedoch sahen wenig Grund zu neuem Nachdenken und warfen dem Verlag Axel Springer vor, er wolle nun den Spieß umdrehen, die Geschichte der Studentenbewegung umschreiben und als später Sieger aus dem Duell "Enteignet Springer!"-Kampagne gegen Verlag Axel Springer hervorgehen. Das will, das soll geklärt sein.
Deswegen nimmt der Verlag den Faden auf, den die Springer-Gegner vor Jahrzehnten fallen gelassen haben. Im Frühjahr 1968 war in West-Berlin ein "Springer-Hearing" geplant, das auch als "Springer-Tribunal" konzipiert war. Dort sollten die Zeitungen des Hauses analysiert und als Organe politischer Hetze entlarvt werden. Doch das Tribunal fand nie statt. Das ist schade. Der Verlag Axel Springer will Abhilfe schaffen: Er wird das Tribunal in diesem Herbst nachholen, und zwar im eigenen Haus.
[Quelle: Welt online]
Mir gefällt diese Idee aus zwei Gründen: Seit dem 30. April 2009 gibt es in Berlin-Kreuzberg die Rudi-Dutschke-Straße, die mit der Axel-Springer-Straße eine gemeinsame Ecke bildet, in der das Springer-Hochaus steht (siehe auch meinen Eintrag vom 18. April 2009 mit einem Absatz zum historischen Kompromiss an der Kochstraße). Die Namensgebung erfolgte konfrontativ auf Betreiben von Teilnehmern und Nachfahren der Protestbewegung von 1967/68. Die Konfrontation empfand ich schon damals als Ausdruck gestriger Gesinnung. Viel mehr hätte ich mir gewünscht, dass Friede Springer und Gretchen Dutschke, die beiden Witwen der Kontrahenten von einst, sich unter dem Straßenschild die Hand gereicht und sich anschließend für eine Aussprache unter vier Augen zurückgezogen hätten. Und die Erben, die Verlagsführung auf der einen Seite, die Protestbewegten auf der anderen, hätten sich gemeinsam an einen Tisch setzen und reden sollen: Was war das damals? Und was sagen wir heute dazu? Dieser Teil meines Wunsches scheint nun im Oktober nachträglich in Erfüllung zu gehen. Das ist gut.

Als zweites habe ich einen persönlichen Grund. Im letzten Jahr, 2008, ging es um 40 Jahre 1968. Ursprünglich hatte ich die Absicht, mein Buch von 1988 (darin geht es um 20 Jahre 1968 - Abbildung oben rechts) online wiederzuveröffentlichen und aus heutiger Sicht zu kommentieren. Das habe ich sein gelassen, weil ich fand, in den letzten 20 Jahren keinen nennenswerten Erkenntniszuwachs zu dem Thema erzielt zu haben. Das änderte sich erst, als ich im Frühjahr 2008 einige Jubiläumsveranstaltungen besuchte. Sie waren der Auslöser zum Führen dieses Blogs (siehe meinen ersten Eintrag vom 12. April 2008). Der Erkenntiszuwachs lautete nun: Die Zeiten haben sich geändert, aber die 68er nicht mit ihnen. Im Gegenteil: Eine schier unfassbare Reideologiesierung der Linken findet statt und mit ihr die Rückkehr zur totalitären Matrix.

Das geplante Springer Tribunal kommt mir sehr entgegen. Es ist ein guter Anlass, den Faden vom letzten Jahr wieder aufzugreifen. Ob die Veranstaltung ein Erfolg wird, hängt am Ende von der Linken ab. Denn die erfreuliche Entideologisierung aller Diskurse von Atomkraft bis Schwulenehe hat zwar weite Teile der bürgerlichen Mehrheit erfasst (und nicht nur ihre intellektuellen Spitzen), aber die bürgerliche Minderheit, die allem und jedem marktorientierten Denken und Handeln ablehnend bis feindselig gegenüber steht, geht gerade in die entgegengesetzte Richtung. Das Echo, das die Ankündigung des Tribunals in diesen Kreisen heute fand, fiel entsprechend negativ aus. Kein gutes Wort beim Autor von spiegel online oder bei dem der taz. Na, dann schaun wir mal.
 

Montag, 29. Juni 2009

Olaf Leitner: "Wir haben den Grimme Online Arward"


Ein guter Bekannter aus alten Zitty-Tagen freut sich: Vor kurzem, am 24. Juni, ging der Grimme Online Arward 2009 an das Internetradio ByteFM (die Abbildung rechts zeigt die Homepage), und Olaf Leitner ist einer der Moderatoren dieses innovativen Onlinesenders. Seine Sendung Der West-Östliche Diwan ist alle zwei Wochen sonntags von 15-16 Uhr zu hören, die nächste am 12. Juli 2009. Herzlichen Glückwunsch, Olaf, dir und dem ganzen Team!

Olaf Leitner war in den 1980er Jahren eine wichtige Figur in der West-Berliner Szene, weil er als Musik- und Kulturredakteur beim RIAS immer darauf drang, über den Tellerrand zu gucken, der in Berlin eine Mauer war. Das war uns bei Zitty gerade recht, hatten wir doch mit unseren VEBerlin-Seiten als einzige im Westen ein 14-tägiges Ost-Berlin-Programm im Angebot und auch sonst immer wieder Beiträge aus der dortigen Subkultur und über sie - sehr zum Ärger der DDR-Behörden. 2002 hat mich Olaf Leitner für sein Erinnerungsbuch West-Berlin. Westberlin. Berlin (West), in dem es über Kultur, Szene und Politik in den Achtzigern geht, interviewt. Das war eine schöne Gelegenheit, von den letzten Jahren der Frontstadt vor dem Mauerfall zu schwärmen - und froh zu sein, das es sich bei alledem um abgeschlossene Vergangenheit handelt. Über den Charakter der DDR waren wir uns (anders als heute etliche Deutsche - siehe Eintrag vom 23. Mai) einig. Und nun also ByteFM. Olaf Leitner hat mir die folgende Siegesmeldung geschickt:
ByteFM ist ein Musikradio mit Anspruch – wie es wahrscheinlich nur im Internet existieren kann. Moderiert und gestaltet von Musikjournalisten, Musikern und Kennern der Szene, unabhängig von Plattenlabels und Werbekunden. Die Musik wird noch von Hand ausgewählt, gespielt werden neue und alte Platten ohne Superhits und Computerrotation, Mitschnitte von Live-Konzerten und exklusive Mixe von lokalen und internationalen DJs. Zusätzlich gibt es Interviews und Hintergrundinformationen über Musik und ihre Macher, Szenen, Bands, Entwicklungen und Zusammenhänge. Internetadresse: www.byte.fm

Begründung der Jury

"I am a DJ, I am what I play" sang David Bowie, bevor der kommerzielle Umbruch der Radiosender den geschmacksbildenden Radio-DJ durch den chartgesteuerten Computer ersetzte. Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein. Doch ist "ByteFM" kein verklärter Blick in die Vergangenheit, sondern eine von Musikliebhabern für Musikliebhaber gestaltete und betriebene Plattform, die geschickt die Möglichkeiten des neuen Mediums nutzt, die Grenzen des Browsers durchbricht und über mehrere Kanäle hinweg ein stimmiges Erlebnis bietet. Die anspruchsvolle Technik bleibt dabei angenehm im Hintergrund, um dem Musikgenuss mehr Raum zu bieten. Von der Gestaltung der Website über den in einer unaufdringlichen Zusammenarbeit mit Panasonic angebotenen Player bis hin zu den redaktionellen Inhalten wird Qualität geboten, die nun ausgezeichnet wird.

Lediglich einen Wunsch kann "ByteFM" nicht erfüllen: Ein Archiv der Sendungen, so dass eine verpasste Sendung auch später noch gehört und die Nicht-Linearität eines Web-Radios ausgenutzt werden kann. Doch dieser Wunsch richtet sich eigentlich an die Musikindustrie, die gerade den Musikliebhabern, von denen sie ja schließlich lebt, bessere Nutzungsmöglichkeiten einräumen sollte.

"Video Killed the Radio Star" sangen die Buggles, und YouTube scheint diese Entwicklung zu beschleunigen, angefacht durch virales Marketing und crossmedialen Werbedruck. Gerade darum wird ein Kontrapunkt wie "ByteFM" dringend benötigt, um qualitativ hochwertige Orientierung abseits einer DSDS-geprägten Kultur zu bieten. [Ende der Jury-Begründung]

Und zum Schluss eine Werbung für Olaf Leitners Sendung DIWAN

2009 feiern wir 60 Jahre BRD und 60 Jahre die (nunmehr virtuelle) DDR.
Und wir haben Hochzeitstag: Deutschland-West und Deutschland-Ost sind 20 Jahre fest liiert. Ganz unvorbereitet sollte man diesen Ereignissen nicht entgegenfiebern. Auf dem West-Östliche Diwan wird deshalb Bilanz gezogen und rekapituliert, wie sich die beiden Deutschlands durch ihre Populärkultur definiert haben und ob das Willy Brandt´sche Zusammenwachsen wenigstens auf diesem Terrain geklappt hat. Ossis kannten Wessis aus dem Fernsehen. Aber was wussten Wessis von den Ossis? Was war hüben ähnlich, was war drüben ganz anders?
Mit Musik, Interviews und Analysen von damals und von heute blickt man auf dem West-Östlichen Diwan das Gesamtkunstwerk „BRDDR“ zurück. Und nach vorn.

Der West-Östliche Diwan

Alle zwei Wochen. Sonntags. 15 bis 16 Uhr. Auf ByteFM.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Der Tod des Demonstranten


Stell dir vor, es gibt ein Denkmal, und keiner guckt hin. Bestimmt 5000mal bin ich an der Stelle schon vorbeigefahren, weil sie an meiner täglichen Route ins Berliner Stadtzentrum liegt. Bemerkt habe ich von dem Denkmal Der Tod des Demonstranten (rechts in Nahaufnahme) nie etwas. Erst die Berichte zum 2. Juni 2009 (siehe meinen Eintrag 2. Juni, der 42.) machte mich auf die Existenz dieser Erinnerungsstele neben der Deutschen Oper aufmerksam. Das Relief stammt von dem österreichischen Künstler Alfred Hrdlicka und will an den Tod des Studenten Benno Ohnesorg erinnern, der ganz in der Nähe ums Leben kam, als er am 2. Juni 1967 gegen den Schah von Persien demonstrierte.

Erstmals in meinem Leben habe ich gestern auf dem Weg in die Innenstadt angehalten und mir das Denkmal aus der Nähe angesehen (hier sind ein paar Fotos). Überzeugt hat es mich nicht. Der Standort ist lausig. Die Erinnerungstafel ist unlesbar. Die Bildsprache ist gestrig. Falls Sie es nicht erkennen: Zwei Polizisten halten einen fast nackten Demonstranten kopfüber an den Beinen, als wollten sie ihn in einen Brunnen fallen lassen. Die Polizisten sehen aus wie die auf den schrecklichen Bildern von 2009 aus Theheran (auf "Lizas Welt" gibt es das Fotos dazu), Berliner Polizisten von 1967 hatten noch keine Kampfmonitur mit Schutzhelm, sondern trugen einen Tschako. Der Text auf der Tafel, der sich vor Ort nicht mehr lesen lässt, lautet:

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den tyrannischen Schah des Iran von einem Polizisten erschossen. Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung besonders in den Ländern der Dritten Welt mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eigenen Land verband.
Unter diesem Eindruck schuf Alfred Hrdlicka 1971 das Relief
Der Tod des Demonstranten
Dezember 1990
Benno Ohnesorg hätte etwas Bessere verdient als ein unsichtbares Denkmal und die Erinnerung an die Ereignisse des 2. Juni 1967 etwas Sinnvolleres als einen unscharfen Text. Stell dir vor, es gäbe ein neues Denkmal zum 50. Jahrestag und jeder guckte hin. Das wäre gut, auch weil wir heute mehr wissen als gestern und die neuen Erkenntnisse bis 2017 sicher intelligent verarbeitet haben werden.
 

Freitag, 19. Juni 2009

Die Zeitungen des Tages


Das ist eine klasse Idee: Der Branchendienst meedia bringt jetzt jeden Tag eine aktuelle Galerie mit den Titelseiten der Tageszeitungen. Beginnend mit der Bild-Zeitung folgen die großen und kleinen Abonnement-Zeitungen von der FAZ zur taz, von der Welt zur Financial Times Deutschland. Anschließend an weitere deutsche Blätter kommen die großen US-amerikanischen Zeitungen New York Times, Washington Post und Wall Street Journal, dann die britischen Blätter und zum Schluss die französischen, die Libération stets dabei.

Nicht nur für Journalisten ist das interessant, sondern überhaupt für alle, denen das Zeitgeschehen nicht schnurz ist. Die können erstaunt feststellen, wie verschieden ein und derselbe Vortag in den vier Vergleichsländern Deutschland, Vereinigte Staaten, Großbritannien und Frankreich auf den Titelseiten abgebildet wird. Beträchtlich auch der Unterschied innerhalb Deutschlands, an manchen Tagen scheint es nicht sicher, ob sie alle im selben Land erscheinen. An anderen Tagen wiederum wirken sie wie wundersam gleichgeschaltet (gleiches Titelfoto, fast gleiche Titelzeile).

Ganz schön aus der Rolle gefallen ist gestern die tageszeitung (Abbildung: Titelseite der taz vom 18. Juni, lässt sich durch Klicken vergrößern und lesen). Zwar hat auch die FAZ den 80. Geburtstag von Jürgen Habermas zum Titelthema gemacht, aber längst nicht so eindringlich wie die taz. Was diese Titelgestaltung so bemerkenswert macht, ist, dass sie sich an die Einbandgestaltung von suhrkamp taschenbuch wissenschaft anlehnt, die der Typograf Willy Fleckhaus in den 1960er Jahren für die seinerzeit intellektuell führende Taschenbuchreihe entwickelt hatte. Chapeau! Und so kurbelt der neue meedia-Dienst sogar den Verkauf an: Ich habe die taz von gestern soeben bei meinem Zeitungshändler nachbestellt - danke, Herr K. Die muss ich haben!

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Und, hat es sich gelohnt? Fragte mich Herr K. die Woche darauf, und ich antwortete ihm: Ja, sehr sogar, ich fand eine Perle. Davon will ich in diesem Nachtrag kurz berichten. Die Perle war ein Beitrag von Norbert Bolz, hieß Das Paradies des Diskurses (taz vom 18.6.2009, Seite 4) und ist leider nicht online nachzulesen. Darin erhält Habermas' Theorie ein Begräbnis erster Klasse, so kurz und bündig, das es ein intellektuelles Vergnügen ist, auch wenn es sehr schnell vorbei geht. Aber zum Glück ist der Autor Vielschreiber. Obwohl er ganz in der Nähe an der Technischen Universität Berlin Leiter des Fachgebietes Medienwissenschaft ist, hatte ich bis dahin nichts von ihm gehört oder gelesen. Das lässt sich nun leicht ändern: Bei Amazon habe eine lange Buchliste gefunden und bei Wikipedia eine lange Linkliste zum Weiterlesen. Ein Link führt zu einem aktuellen Focus-Interview, in dem Norbert Bolz abschließend sagt: "Ich stelle beispielsweise die These auf, dass nicht der islamistische Terror das Problem ist, sondern der Islam selbst." Er wird sich freuen zu erfahren, dass er da nicht allein steht. Danke, taz.
 

Donnerstag, 4. Juni 2009

Barack Obama: Rede von Kairo im Wortlaut


Rede vom 4. Juni 2009, heute gehalten an der an der Universität Kairo, übersetzt von der amerikanischen Botschaft in Berlin, verbreitet von dpa, veröffentlicht auf Deutsch von sueddeutsche.de. Hier zum Nachlesen oder Ausdrucken oder zum Lesen und Bearbeiten in Word.

Und in Englisch hier der Bericht der New York Times (NYT) mit Fotos, Video und einem Link zum Wortlaut des Originals in der vom Weißen Haus autorisierten Fassung. Sehr pfiffig ist das interactive video and transcript der NYT (Abbildung rechts, lässt sich durch Klicken vergrößern und lesen), das ein gleichzeitiges Zusehen und Mitlesen ermöglicht - und auch hören lässt, welche Passage Beifall bekommt, welche nicht. Das lässt tief blicken und ist nur manchmal ermutigend.

Meine Buchtipps zur weiteren Beschäftigung mit dem Islam habe ich in der Randspalte links neu angelegt, eine Sammlung meiner Lesefrüchte: Jeder Tipp ist klickbar und führt zur entsprechenden Verlagsseite mit Abbildung und näherer Beschreibung von AutorIn und Inhalt. Was mir auffällt: Die Autorinnen sind überwiegend Musliminnen, Islamkritik von männlichen Moslems ist rar. Wer die Bücher der Frauen liest, weiß, warum. Präsident Obamas neue Version der bereits einmal erfolgreichen Politik des Wandels durch Annäherung hakt genau hier ein. Der Ansatz eröffnet Chancen, birgt aber auch erhebliche Risiken. So einfach wie beim ersten Mal wird das nicht. Ich bin gespannt.

Von Kairo flog der Präsident nach Dresden, wo er anderntags (am 5. Juni) gemeinsam mit Bundeskanzlerin Merkel und Sachsens Ministerpräsidenten Tillich die Frauenkirche (und später, zusammen mit Elie Wiesel, das Konzentrationslager Buchenwald) besichtigte. Obama, Tillich und die Frauenkirche waren auch die optischen Signale auf der Titelseite der Beilage Welcome to Saxony, die ich aus Anlass des Obama-Besuchs für The German Times und The Atlantic Times konzipiert und realisiert hatte. Beide Monatszeitungen und auch der Freistaat selbst bieten die Beilage zum Download an. Ist wirklich ein klasse Bundesland, unser Sachsen! Interessant, welchen Zusammenhang die New York Times (in Stuart Emmrichs Blog In Transit) zwischen Kairo und Dresden sieht bzw. (aus Bloomberg) wiedergibt:

By “paying homage to his host nation’s cultural shrines and institutions — such as Obama’s visit June 4 to the Sultan Hassan mosque in Cairo, one of the largest in the Muslim world, or the refurbished Church of Our Lady [Frauenkirche] in Dresden, Germany, June 5 — the president shows he is attuned to others’ national sensibilities.”

Dienstag, 2. Juni 2009

2. Juni, der 42.


Nein, niemand muss die Geschichte umschreiben. Aber jeder sollte die Gegenwart umdenken. Die Protestbewegung von 1967-68 ff. bleibt im Rückblick so janusköpfig, wie sie zur Echtzeit war. Für sie gilt wie für jede gleichartige Bestrebung vor ihr: Das Antiautoritäre hat das Totalitäre zum Zwilling. Neu zu beschreiben ist indes die Rolle des Täters, der die Ereignisse des 2. Juni 1967 herbeigeschossen hat, der sich heute zum 42. Mal jährt. Nun wissen wir, dass es ein SED-Mitglied, ein überzeugter Anhänger des real existierenden Sozialismus war, der Benno Ohnesorg umgebracht hat, ein Mitglied jener Partei, die heute Die Linke heißt. Ein Agent der Staatssicherheit jenes Unrechtsstaates hinter der Mauer, den Die Linke und die gescheiterte sozialdemokratische Präsidentschaftskandidatin sich weigern, einen Unrechtsstaat zu nennen (siehe Eintrag vom 23. Mai, unten). Der Tod von Benno Ohnesorg wird durch die neuen Erkenntnisse zu einem weiteren realsozialistischen Verbrechen, und die gleichzeitige Leugnung des Unrechtscharakters der DDR, in deren Diensten der Täter stand, macht den Todes-Schuss vom 2. Juni 1967 (Abbildung oben, Ausriss aus der BZ vom 23. Mai 2009) zu einem virtuellen Doppelmord: Zur Leugnung einer Unrechtstat kommt die Leugnung eines Unrechtsstaats.

Nachsatz: "Benno Ohnesorg, Opfer eines Stasi-Agenten" steht auf dem Kranz, den die Vereinigung 17. Juni 1953 am Denkmal vor der Deutschen Oper niedergelegt hat. Das berichtet Der Tagesspiegel am Ende des Tages und zeigt ein paar Fotos von der Verhüllung des Denkmals Der Tod des Demonstranten am Platz der Deutschen Oper. Ich habe das Denkmal drei Wochen später fotografiert: So sieht es aus.

Links zu Lesenswertem: Auf achgut (Die Achse des Guten) beschreibt der Journalist Wolfgang Röhl, Warum mich der Casus Kurras nicht interessiert. Eine Rückblende auf die Zurichtung der West-Linken durch die Organe der DDR und ihren Nutzen für die Propaganda der SED. Und auf Jungle World betrachtet ein anderer Journalist, Ivo Bozic, Das Ohnesorg-Theater und fragt sich: Muss die Geschichte umgeschrieben werden? Und wenn ja, wessen? Ein Rückblick auf die Liaison von RAF, Bewegungung 2. Juni und Stasi mit aktuellen Zitaten von seinerzeit Beteiligten.

Samstag, 23. Mai 2009

Die Republik 60 und ihre Vertreter wenig weise


Heute also sechzigster Geburtstag
der Bundesrepubkik Deutschland. Und Wahl des Bundespräsidenten im Berliner Reichstag (Abbildung rechts). Das Ergebnis zeigt: Am Geburtstag der Republik verhalten sich die Repräsentanten wenig weise. Nicht das Wahlergebnis ist zu kritisieren. Das ist klar und eindeutig: Der Präsident unserer durch Markwirtschaft erfolgreichen Demokratie darf Märkte Monster nennen als sei er noch der Sparkassendirektor von nebenan und kann dennoch sicher sein, mit absoluter Mehrheit wiedergewählt zu werden. Mit den Stimmen jener schwarz-gelben Volksvertreter, die als marktnah gelten. Da möchte man lieber nicht wissen, was der rot-grünen Minderheit marktfern genug gewesen wäre, um den Präsidenten zu bestätigen. Was die offen marktfeindliche Minderheit der Minderheit denkt, hat deren Kandidat mit dankenswerter Deutlichkeit zu Protokoll gegeben: Sofort verhaften, diesen Ackermann! Na ja, der Mann ist halt bekennender DDR-Anhänger. Und diese Mischpoke konnte mit gerade mal einer einzigen Stimme Mehrheit in Schach gehalten werden. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Unrechtsstaat DDR ist das Schlüsselwort, um das es geht. Ein Blick auf die Mehrheit der Minderheit zeigt das Problem: 503 rot-grüne Volksvertreter stimmten für die Kandidatin der SPD, 10 enthielten sich der Stimme. Das bedeutet: 503 Sozialdemokraten und Grünen macht es nichts aus, dass Gesine Schwan sich weigert, die DDR für einen Unrechtsstaat zu halten. 10 Sozialdemokraten oder Grünen macht es was aus. Sie stimmten nicht gegen ihre Kandidatin, das ist fair, aber sie wählten sie nicht. Die Verweigerungsneigung war in den letzten Tagen öffentlich erörtert worden:

SPD-Abgeordneter rückt von Gesine Schwan ab

Der scheidende SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg erwägt, der SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan wegen ihrer Äußerungen zur DDR seine Stimme zu verweigern. „Wie ich abstimme, überlege ich mir jetzt noch mal. Die Verabschiedung vom Begriff Unrechtsstaat ist für mich nicht hinnehmbar“, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“. Der frühere DDR-Bürgerrechtler, der am Samstag in der Bundesversammlung an der Präsidentenwahl teilnimmt, reagierte damit auf Schwans Weigerung, die DDR ausdrücklich als „Unrechtsstaat“ zu bezeichnen. Sie lehne diesen Begriff ab, weil er zu diffus sei, hatte Schwan zur Begründung erklärt. Hilsberg war kürzlich nach 18 Jahren als SPD-Bundestagsabgeordneter in seinem Wahlkreis in Brandenburg nicht erneut als Kandidat für die Bundestagswahl im September aufgestellt worden. dpa | Quelle: FTD 19.5.2009, Seite 11
Diese Meldung habe ich mit innerer Zustimmung zur Kenntnis genommen und dem Abgeordneten, den ich nicht weiter kenne, in einer Email am selben Tag zugeraten, weiter fest nachzudenken:
Sehr geehrter Herr Hilsberg,

ich beziehe mich auf die unten [hier: oben] zitierte Meldung, die ich der heutigen Financial Times Deutschland (19. Mai, Seite 11) entnahm. Ich möchte Sie in Ihrer Überlegung bestärken.

Zuletzt konnte ich Ihren Parteigenossen, Herrn Thierse, am 26. April bei Anne Will beobachten, wie er sich fast eine Stunde wandt, bevor ihm Frau Will ein gequältes Ja, dass es sich um einen Unrechtsstaat handele, entlocken konnte. Die Sendung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Der Linken die Deutungshoheit über Recht und Unrecht nicht kampflos zu überlassen. In der Sendung waren es Herr Knabe, Herr Schäuble und Frau Will, die versuchten, die Koalition der Beschwichtiger und Beschöniger (Herr Thierse und ein mir unbekannter Vertreter Der Linken, Herr Maurer) aufzubrechen.

Dass Frau Schwan inhaltlich Teil dieser Koalition ist, war mir in der Deutlichkeit bisher nicht bewusst. An der linken Verschwörung (einer klassischen Manipulationskampagne) gegen die Formulierung Unrechtsstaat DDR sollte sich die SPD nicht beteiligen. Dass Frau Schwan dabei mitwirkt, ist mir besonders unverständlich, habe ich sie doch als junger Student am Berliner Otto Suhr Institut als entschieden antitotalitär erlebt. Die Verwischung der bisher unstreitigen und anerkannten Grenzen zwischen Rechtsstaat und Unrechtsstaat, zwischen freiheitlicher Demokratie und Marktwirtschaft und totalitärer Diktatur und Planwirtschaft, ist Teil eines linken Projekts, das unerfreulich weit gediehen ist. Gut zu wissen, dass sich in der SPD offen Widerstand regt. Das gibt mir Hoffnung; denn ich teile die Abwehr totalitärer Anmaßung mit journalistischen Mitteln durch gelegentliche Veröffentlichungen und Einträge in meinem Blog.

In Ihren Überlegungen kann ich Sie nur bestärken, lieber Herr Hilsberg. Gut wäre es, wenn die Leugnung des Urechts zum Schwanengesang der Kandidatin würde. Hat denn Ihre in der FTD erwähnte Nicht-Wiederaufstellung als Kandidat für die Bundestagswahl mit dem Linksruck in der SPD (der inhaltlichen Annäherung an Die Linke) zu tun, oder hat sie einen ganz anderen Hintergrund (der mich nichts anginge)? Fragt

freundlichst Ihr
Rainer Bieling
Die Antwort des Abgeordneten steht noch aus. Bekannt hingegen ist, zu welchem Ende er in seinen Überlegungen gekommen ist: Er würde nun doch Gesine Schwan wählen, meldete der Focus zwei Tage später. Mein beherzter Griff in die Tasten hat also nix genutzt. So waren es 10 andere Sozialdemokraten oder Grüne, die sich enthalten haben. Ihnen sei Dank. Dass die Weigerung, Unrecht beim Namen zu nennen, tatsächlich zum Schwanengesang der Kandidatin geworden ist, steht nun fest. Aber auch, dass 503 rot-grüne Volksvertreter nix dabei finden. Nachtrag: So lustig war die DDR heißt ein Beitrag auf achgut, der Anhaltspunkte gibt, warum das so ist.

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Diese Grüne machte Köhler zum Bundespräsidenten, titelt die BZ am Montag nach der Wahl (25. Mai 2009) auf Seite 2 und berichtet von der Abgeordneten Silke Stokar,
sie habe dem Kandidaten der Unionsparteien, der FDP und der Freien Wähler, Horst Köhler und nicht der von ihrer Partei und der SPD unterstützten Kandidatin Gesine Schwan ihre Stimme gegeben, da sie ein mögliches koordiniertes Abstimmungsverhalten ihrer Partei mit der Linkspartei in einem eventuellen dritten Wahlgang habe verhindern wollen (zitiert aus dem Wikipedia-Eintrag zu Silke Stokar zu Neuforn).
Der Eintrag und die BZ-Meldung stützen sich auf einen Bericht der SZ vom Vortag (24. Mai 2009), der mit folgender aufschlussreicher Information endet:

"Ich bin eine freie Abgeordnete", sagte sie. Stokar gilt bei den Grünen als konsequente Vertreterin des Reformerflügels. In der Fraktion ist sie mit als rechts empfundenen Positionen, zum Beispiel zum Datenschutz, mehrfach angeeckt. Bei der Listenaufstellung für den nächsten Bundestag war sie in Niedersachsen gescheitert.
Die Parallele zum SPD-Abgeordneten Hilsberg ist frappierend: Beide Abgeordnete stehen dem Realsozialismus ablehnend gegenüber, gelten in ihren Parteien deshalb als rechts - und werden zur Bundestagswahl ausgebootet. Das zeigt zweierlei: SPD und Grüne stellen sich personell so auf, dass sie nach der Wahl am 27. September keine Störenfriede einer etwaigen Koalition mit Der Linken in ihren Reihen haben. Und Die Linke, deren früherer Parteigenosse Kurras den Studenten Benno Ohnesorg auf dem Gewissen hat (siehe oben, Eintrag vom 2. Juni) hat es schon weit gebracht, ihre virtuelle DDR auf ganz Deutschland zu übertragen. Bei der Präsidentenwahl ist sie nur knapp gescheitert. Frau Stokar gebührt der Dank, wie wir nun wissen. Das war eine gute Entscheidung für unsere libertäre Demokratie.
 

Donnerstag, 7. Mai 2009

Learning by Movie


Das Jüdische Film Festival Berlin, kurz JFFB, ist in diesem Jahr besonders gelungenen. Das kommt sicher daher, dass etliche ungemein gute Filme zur Verfügung standen - und dass Festivalleiterin Nicola Galliner beherzt zugegriffen hat. So war der heutige vierte Festivaltag im Arsenal am Potsdamer Platz (die Abbildung rechts zeigt zeigt die Kinokasse im Untergeschoss des Filmhauses im Sony Center mit dem punktgesichtigen Festivalplakat [lässt sich durch Anklicken vergrößern] rechts unten am Tresen) mit gleich zwei Spitzenfilmen wieder außerordentlich ergiebig. Ich habe beide mit Gewinn gesehen. Um 18 Uhr The Wedding Song, um 20 Uhr The Gift To Stalin, beide mit Verspätung gestartet (es war richtig voll heute, erfreulicherweise, nach einem etwas verhaltenen Auftakt am Wochenbeginn - das Festival dauert im Arsenal laut Programm noch bis 14. Mai). Nachsatz: Mittlerweile ist es vorbei, aber hier gibt es ein paar Erinnerungsbilder und Eindrücke.

The Wedding Song (der Originaltitel Le chant des mariées, zu Deutsch Der Gesang der Bräute, bringt den Inhalt besser auf den Punkt als es der eingedeutschte englische Titel Das Hochzeitslied täte), ist eine französisch-tunesische Koproduktion von 2008. Die Regisseurin Karin Albou hat schon vor drei Jahren, 2006, eine als Spielfilm dargereichte Ethnostudie auf dem JFFB präsentiert, La petite Jérusalem (Little Jerusalem) von 2005, die unter dem Titel Mein kleines Jerusalem zuletzt am 4. Mai 2009 auf arte lief. Die beiden Spielfilme der aus einer Familie algerischer Sephardim stammenden Französin Karin Albou behandeln das gleiche Thema: die schwierige, aber mögliche Beziehung zwischen Menschen (es sind jeweils Tunesier) aus sephardisch-jüdischem und maghrebinisch-muslimischem Milieu. War der Maghreb in Little Jerusalem nach Paris in die Vorstadt der Jetztzeit verpflanzt, so geht The Wedding Song zurück an einen Originalschauplatz der Vergangenheit, in das Tunis der Kriegszeit.

Nun ist Tunesien nicht irgendein Land in Afrika, Tunesien ist Afrika und war es mal ganz allein. Das heutige Tunesien trug von 146 vor unserer Zeit bis ins Jahr 698 (mit Unterbrechungen) den römischen Provinznamen Africa, der erst später auf den ganzen Kontinent übertragen wurde (seit dem vierten Jahrhundert war Africa eine der zwölf Diözesen, "Verwaltungen", des Reiches). Zuvor war die Provinz/Diözese fast acht Jahrhunderte lang das Staatsgebiet Karthagos, einer ursprüngliche phönizischen Kolonie, die sich - wie Jahrtausende später die Vereinigten Staaten - vom Mutterland abgenabelt hatte und erst in einem langwierigen Kampf um die imperiale Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer vom Römischen Reich zerstört worden war. Und nach den Römern waren die Araber eingefallen, seit den 630er Jahren die neue Imperialmacht am südlichen Mittelmeerrand. Die Araber waren gekommen, um zu bleiben. Mit nachhaltigem Erfolg, bis heute (mit Unterbrechungen) steht Tunesien, das alte Africa, unter der Herrschaft des Islam.

The Wedding Song öffnet ein Zeitfenster, das uns in eine der vielen für den Einzelnen schicksalhaften Episoden der dreitausendjährigen Geschichte Tunesiens blicken lässt. Es ist das Jahr 1942. Der Zweite Weltkrieg erreicht Tunis, seit 1881 französische Kolonie, seit 1940 (Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich und Teilung des Landes in ein deutsches Besatzungsgebiet und einen französischen Reststaat namens État français, das sogenannte Vichy-Regime) von französischen Behörden regiert, die als verlängerter Arm der Vichy-Regierung operieren. Das ist wörtlich gemeint. Die Operation zielt auf das Herausschneiden des jüdischen Krebsgeschwürs aus dem gesunden arabischen Volkskörper, um es in der Sprache der Nationalsozialisten auszudrücken. Im November 1942 besetzen deutsche Truppen Tunesien, die Wehrmacht übernimmt das Kommando. Die französischen Behörden gehen von der stillschweigenden Kooperation zur offenen Kollaboration über. Sie machen sich das Anliegen der Wannseekonferenz vom Januar 1942 zu eigen: Endlösung der Judenfrage - nun auch in Tunesien.

Die Fusion von nationalsozialistischem und muslimischem Antiseminitismus geht auf diese Zeit zurück. Karin Albou deutet das in ihrem Film nur sehr dezent an. Da hängt in einer kurzen Sequenz ein Foto des Großmuftis von Jerusalem an der Wand seiner tunesischen Verehrer. Für Moslems gilt die Fatwa eines Muftis ohnehin mehr als für Christen eine Enzyklika des Papstes. Der Großmufti aber, Mohammed Amin al-Husseini sein Name, hatte in der islamischen Welt eine herausgehobene Stellung - und ein Büro im nationalsozialistischen Berlin. Wikipedia berichtet:
Er traf Joachim von Ribbentrop und wurde offiziell von Hitler am 28. November 1941 in Berlin empfangen. Nazi-Deutschland richtete dem „Großmufti von Jerusalem“ ein Büro in Berlin ein, in dem ihm großzügige Geldmittel sowie ein umfangreicher Mitarbeiterstab zur Verfügung standen. Hier organisierte er Radiopropaganda für Deutschland, Spionage und Zersetzung in den islamischen Regionen Europas und des Nahen Ostens. [...] Nach dem Sieg der Alliierten bei el-Alamein rief er zum Dschihad
gegen die Juden: „Ich erkläre einen heiligen Krieg, meine Brüder im Islam! Tötet die Juden! Tötet sie alle!“
Mohammed Amin al-Husseini floh nach dem für ihn verlorenen Krieg mit zahlreichen nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen nach Ägypten, wo sie Asyl erhielten. Da Ägypten seinerzeit den Gazastreifen besaß, konnte al-Husseini dort in seiner Eigenschaft als Großmufti von Jerusalem am 22. September 1948 eine Arabische Regierung für ganz Palästina ausrufen, die von etlichen muslimischen Regierungen anerkannt und erst 1959 von der Patronatsmacht Ägypten wieder aufgelöst wurde. al-Husseini war nicht nur ein entfernter Verwandter von Jassir Arafat, sondern auch dessen politischer Mentor. Arafat und die PLO, die heute die Autonomiebehörde des Westjordanlandes beherrscht, haben al-Husseini (gestorben 1974 in Beirut) stets, noch 2002, als unseren Helden verehrt. (Wer also bloß Hamas, Hisbollah und die Islamische Republik Iran für eine totalitäre Bedrohung des Nahostfriedens hält, springt erkennbar zu kurz.)

The Wedding Song ist ein Liebeslied, das uns das Lied vom Tod spielt. Aber der Tod summt dunkel und leise im Hintergrund. Im Vordergrund klingt hell und laut der Gesang vom Liebesleid der beiden Bräute, und alles, was ich bisher festgehalten habe, ist Learning by Movie, nicht das Movie selbst. Das ist wirklich große Kunst: Der Schrecken der Zeit, der Bombenwinter von 1942, die Kollaboration bei der Endlösung, Tunis am Vorabend der Schlacht um Tunesien (Frühjahr 1943 - der Wüstenfuchs der Wehrmacht, Erwin Rommel, gegen Eisenhower und Montgomery) - all das ist die Folie, die es braucht, um eine Geschichte zu erzählen, um eine Handvoll Einzelschicksale ins Bild zu rücken. Und hier findet, nein schafft Karin Albou Bilder von einer Offenheit, wie ich sie noch nie im Kino gesehen habe. Das war überwältigend. Chapeau!

Ein Satz noch über The Gift To Stalin. Dieser zweite Film des Abends war genauso gut, absolut sehenswert und nicht minder lehrreich. Eine Erkenntnis habe ich dazugewonnen und möchte ich weitergeben: Die Züge, mit denen im Sowjetreich Stalins hundertausende Juden und andere Feinde des realen Sozialismus in den 1940er Jahren in die Arbeitslager Kasachstans deportiert wurden, gleichen den nationalsozialistischen wie ein Ei dem anderen. Es waren Güterzüge, und es starb sich darin wie in den Viehwaggons nach Auschwitz.
 

Samstag, 18. April 2009

Die taz ist 30. Na und?


Trau keinem über Dreißig war so ein Spruch von 68 und Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment ein anderer. Schön gereimt, aber ziemlich bescheuert. Die taz ist kein Kind von 68; die tageszeitung, wie sie voll ausgeschrieben vielsagend nichtssagend heißt, ist ein Kind von 77.

1977 war das Jahr, in dem die Neue Linke in ihrer radikalsten Form, der Roten Armee Fraktion, ihren totalen Krieg gegen soziale Marktwirtschaft, freiheitlichen Rechtsstaat und parlamentarische Demokratie grandios verlor. Deutscher Herbst statt Endsieg, was für ein Farce! Dem intellektuellen Katzenjammer über das Scheitern eines weiteren totalitären Weltbeglückungsexperiments auf deutschem Boden folgte zwei Jahre später die Gründung der taz. Die Pragmatiker der zweiten Generation der Neuen Linken hatten zu Rotstift und Joint gegriffen und die Kritik der Waffen durch die Waffe der Kritik ersetzt, um ein Bonmot unseres gemeinsamen Urahns K.M. zu bemühen.

Die Ambivalenz des Anfangs ist der taz noch heute, nach 30 Jahren, anzumerken (der Screenshot oben lässt sich durch Anklicken vergrößern und lesen). Seit gestern, heute und morgen feiert sie mit großem Programm ihren 30. Geburtstag. Dass sie zum Establishment gehört, daran ist nicht zu zweifeln (Belege finden Sie weiter unten). Und wie steht es mit dem "Trau keinem über 30"? Wer traut der taz mit 30? 82 043 045 Einwohner Deutschlands tun es nicht. Sie kaufen keine taz. 56 187 Einwohner Deutschlands trauen ihr auch mit 30. So viele kaufen die taz wochentäglich (Quelle: Quartal I 2009 laut Branchendienst Meedia). Das sind 0,0684 % der Bevölkerung (Deutschland hat 82 099 232 Einwohner, Stand 31. August 2008). Verkaufszahlen und Verkaufserlöse der taz lassen sich nicht in den Kategorien der politschen Ökonomie* denken, sondern nur in den Potenzen der politischen Homöopathie messen (es wird wohl auf D3 hinauslaufen). Dass Homöopathie selbst bei starker Verdünnung wirkt, wenn der Rezipient daran glaubt, zeigt die taz: In jungen Jahren wurde sie so oft zitiert wie kein anderes Medium - von anderen Medien.

Etliche Gründungsmütter und -väter der taz kenne ich besser als mir heute manchmal lieb ist: Vor ebenfalls 30 Jahren startete ich meine journalistische Laufbahn beim Stadtmagazin Zitty, und obwohl keine direkte Konkurrenz und obwohl zwei Jahrzehnte beim selben Drucker gedruckt, war zwischen Zitty und taz immer eine leichte Spannung. Ich will das nicht auf den Neid zurückführen, dass wir marktwirtschaftlich operierten, Anzeigen generierten und schon in den mageren Anfangsjahren unseren Leuten doppelt so viel zahlten.

Die taz war alternativ und wollte es sein. Zitty kam aus dem gleichen Milieu und wollte da raus. Genau genommen war es eine Öffnung, eine Bewegung vom linken Rand der Szene zur linken Mitte der Gesellschaft, die uns unterschied. Schon Mitte der 1980er Jahre hatten wir in West-Berlin (2.2 Millionen Einwohner) so viele Käufer wie die taz 2009 im ganzen Land (82.1 Millionen Einwohner). Es sind nicht so sehr zwei verschiedene Printmedien oder Geschäftsmodelle, es sind zwei verschiedene Haltungen, die uns seinerzeit unterschieden. Und heute?

Ambivalent wie am ersten Tag ist die taz ist auf rührende Weise altmodisch (antikapitalistisch) und zugleich erfreulich modern (antitotalitär). So eine Art sympathische Linke. Bei all den Unsympathen, die sich jetzt anmaßen, Die Linke zu sein, und deren sozialdemokratischen Wasserträgern (aus deren Umfeld seinerzeit als Störfeuer eine Anti-taz kam, "Die Neue") ist das ein Kompliment. Das teile ich mit einigen Gratulanten, deren Glückwünsche (in Form von halb- und ganzseitigen Anzeigen) ich hier für meine Leser in Fernost und Lateinamerika aus der heutigen Jubiläumsnummer der taz vorlesen möchte:

Axel Springer schreibt (mit schwarzen und bunten Lettern in 4c wie im Verlagslogo):
"Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?"
Porsche schreibt (und zeigt den 911 Carrera 4S von hinten):
"Der aufregendste Platz war schon immer vorne links."
Die Frankfurter Allgemeine schreibt (links auf leerem Feld):
"Zur Feier des Tages gratulieren wir heute einmal linksbündig."
Meine Einordnung der taz im Establishment verstehen Sie jetzt. Auffallend die Gratulation der Axel Springer AG, die sich eben noch mit der taz gefetzt hat, indirekt, weil die taz sich erfrecht hatte, die Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zu befürworten. Nun liegt das Doppelhochaus von Springer genau an der Ecke Rudi-Dutschke- und Axel-Springer-Straße. Eine Art historischer Kompromiss auf Deutsch, und die taz, deren Verlagshaus schräg gegenüber liegt, verkörpert ihn als Blatt. Das ist nicht das Schlechteste, was sich über ein Geburtstagskind sagen lässt, das sich seine kleine, sehr kleine Nische ansehnlich hergerichtet hat. Jenseits der Nische liegt die fremde Welt des Marktes*, bevölkert von Aliens, von denen sich nur zweierlei sicher sagen lässt: Es sind viele, 82 043 045 genau, und sie kaufen keine taz.
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*
NACHTRAG: Soeben finde ich dazu passend auf der Blogsite des Mediensdienstes turi2 folgendes Getwitter: "Wenn wir Tarifgehälter zahlen würden, wären wir in anderthalb Monaten pleite." Sagt taz-Chefredakteurin Bascha Mika (gegenüber Spiegel online). Na ja, liebe Frau Mika, das haben wir vor 30 Jahren schon gewußt, und ich habe es auch einmal auf unserer berüchtigten "Seite 13" geschrieben - das kam nicht so gut an seinerzeit. Aber das ist abgeschlossene Vergangenheit: Ich war nur bis 1986 bei Zitty, da war die taz gerade 7, und unserer direkter Mitbewerber damals war der tip, keineswegs die taz.

NOCH EIN NACHTRAG Der Branchendienst newsroom.de berichtet am 11. Mai 2009 das Folgende:
Ihren Frieden haben "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und "die tageszeitung" (taz) schon vor Jahren geschlossen - jetzt ist Diekmann als Miteigentümer beim linksalternativen Blatt eingestiegen. Diekmann bestätigte am Montag in Berlin, dass er als neues Mitglied der "taz"-Genossenschaft Anteile an der Zeitung übernommen habe. "Die "taz" ist mein zweitbestes Stück - nach "Bild" eben", sagte er und fügte hinzu: "Die "taz" ist eine tolle Zeitung, die leider das kleine ökonomische Problem hat, dass sie niemand wirklich braucht."
Was die taz dazu sagt, finden Sie hier.

Mittwoch, 25. März 2009

David Byrne im Tempodrom


Aus heutiger Sicht liegen die 1980er Jahre ja auch schon wieder fast 30 Jahre zurück, die frühen jedenfalls, als die New Yorker Formation Talking Heads ihre ersten großen Erfolge feierte. Wobei groß im Grunde genommen ziemlich klein zu schreiben ist; denn außerhalb einer avantgardistischen Funk- und Tanzmusikszene waren die Heads um Sänger David Byrne und Bassistin Tina Weymouth weitgehend unbekannt. Erst Jonathan Demme ("Philadelphia") verhalf ihnen mit seinem Konzertfilm Stop Making Sense 1984 zu einem Durchbruch bei einem breiteren Publikum. Aber auch das ist nun 25 Jahre her.

Am vergangenen Montag jedenfalls hat sich David Byrne ins Berliner Tempodrom getraut und es tatsächlich so gut gefüllt, dass beim Publikum beste Stimmung aufkam. Und er hat es geschafft, seine Fangemeinde in Tanzlaune zu versetzen. Am Ende war vor der Bühne Party. Auf dem Foto oben rechts (ein Klick vergrößert es auf Monitorformat) ist das schlecht zu sehen, aber auf meinen Videos ist das teilweise zu erkennen. Dabei hatte David Byrne uns vorgewarnt, beim Filmen mit dem Mobiltelefon könnte eher die Glatze unseres Vordermannes als sein eigner grauer Haarschopf ins Bild rücken. Soviel zum erwarteten Durchschnittsalter des Publikums. Das war so zutreffend wie belanglos, who cares.

Was den Abend bemerkenswert machte, war die Frische einer Musik, die einmal ganz neu war und die New Wave der Achtziger um einen ganz eigenen Klang bereichert hatte. Schon 1981 hatte David Byrne ein Soloprojekt mit Brian Eno durchgezogen, dem Mitbegründer von Roxy Music, einer ebenfalls wegweisenden englischen Band: My Life in the Bush of Ghosts. An diese Koproduktion knüpft jetzt, 28 Jahre später, die aktuelle, wieder mit Eno koproduzierte CD Everything That Happens Will Happen Today an. Diese CD vorzustellen, war David Byrne am 23. März nach Berlin gekommen. Es wäre unzutreffend, hier etwas Neues ausmachen zu wollen. Aber der Abend zeigte die Nachhaltigkeit einer mittlerweile klassischen Pop-Moderne, die mir wiederum zeigte, wie richtig es in meinen Zitty-Jahren gewesen war, auf Talking Heads und andere Innovatoren gesetzt zu haben. Ein angenehmer Abend. Wohlgefühl, Zufriedenheit. Danke, David.
 

Donnerstag, 5. März 2009

Arabboy hat viele Stärken und eine Schwäche


Aktuelle Vorbemerkung vom 1. Juli 2011: Der folgende Blogeintrag vom 5. März 2009 ist keine Besprechung des Buches, sondern trägt einen Einwand zu einer unzutreffenden Aussage vor. Seit der zweiten Auflage ist diese Aussage korrigiert, mein Einwand also gegenstandslos. Als historisches Dokument eines aufschlussreichen Vorgangs lasse ich den Blogeintrag unveränder stehen. Arabboy gibt es jetzt in einer günstigen Ausgabe für 4,50 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Um es frei heraus zu sagen: "Arabboy" ist ein wertvoller Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit den muslimischen Parallelgesellschaften umgehen soll. Ich benutze den Plural; denn Güner Balci, deren Eltern aus der Türkei nach Berlin kamen, beschreibt das arabische Milieu der Hauptstadt, nicht das türkische. Es ist also ein Buch über die Eigenheiten der arabischen Parallelgesellschaft, mithin die Schilderung eines Teilbereichs der muslimischen Diaspora.

Um es kurz zu sagen: Nach 286 Seiten ist klar, dass es diese Teilmenge niemals hätte geben dürfen. Und dass es nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, politische Aufgabe und Ziel sein muss, das Kind aus dem Brunnen zu ziehen und den Status quo ante wieder herzustellen. Anders wird die Zivilgesellschaft keinen Frieden finden und ihre Freiheit nicht bewahren können. Und es gibt auch keinen Grund, anders verfahren zu wollen; denn die Ursache des Zuzugs dieser arabischen Flüchtlinge, der Libanonkrieg von 1982, liegt 27 Jahre zurück. Seither ist der Libanon zu einem Land geworden, in dem sich Araber jede Freiheit herausnehmen können und das auch tun, wie zuletzt der (am Ende gescheiterte) Angriff der Hisbollah auf den Nachbarn Israel deutlich gemacht hat.

Das Stichwort Israel führt zur einzigen Schwäche dieser ansonsten ausgezeichneten Schilderung eines frauen- und inländerfeindlichen, durch und durch totalitären arabisch-muslimischem Milieus. Auf Seite 27 schreibt Güner Balci über Rashids Eltern - Rashid ist der titelgebende "Arabboy":
"Rashids Eltern zählten zu den vielen tausend geduldeten Kriegsflüchtlingen, die hier, in Deutschland, Aufnahme fanden, nachdem Israel 1982 Teile des Südlibanons besetzt hatte und bis West-Beirut vorgedrungen war, der Heimatstadt von Rashids Eltern. [...] Leila [Rashids Mutter] war dabei gewesen, als israelische Soldaten bei einem Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila in Beirut zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hinrichteten."
Die Massaker von Sabra und Schatila sind nicht von Israelis, sondern von Libanesen verübt worden. Sie waren Teil der Auseinandersetzung zwischen christlichen Milizen und palästinensischen Kämpfern um die Macht im Libanon. Einige Israelis machen sich heute Vorwürfe, diese Massaker nicht rechtzeitig gestoppt zu haben - der Film Waltz With Bashir, auf den ich bereits zwei Mal in meinem Blog zu sprechen kam (siehe Einträge vom 21. November 2008 und 12. Januar 2009 weiter unten), handelt davon.

Es ist unverständlich, warum Güner Balci diese unzutreffende Behauptung in den Raum stellt - auch wenn es hier nur zur literarischen Konstruktion einer arabische Opferbiografie dient. Es ist unverzeihlich, dass ihr Lektorat diesen Passus nicht korrigiert hat. Keine mir bekannte Quelle weist auch nur auf eine Teilnahme von Israelis an den Massakern hin - dass die Massaker in diesem Roman sogar als israelische Massaker dargestellt werden, möchte ich nicht hinnehmen. Es wäre gut, wenn sich der S. Fischer Verlag bei einer wünschenswerten zweiten Auflage an dieser Stelle mit der Autorin auf eine Korrektur verständigt, die den historischen Tatsachen Rechnung trägt. Ein britischer Bischof, der den Mord an Juden leugnet, eine deutsche Autorin, die den Mord durch Juden erdichtet, das stimmt mich unfroh.

POSTSCRIPTUM
Soeben teilt mir die verantwortliche Mitarbeiterin des S. Fischer Verlags auf meinen ihr emailig vorgetragenen Einwand hin folgendes mit:
"Vielen Dank für Ihren kritischen Hinweis in Güner Balcis Buch "Arabboy". Ihr Einwand ist vollkommen berechtigt - in der zweiten Auflage des Buches, die wir im November 2008 (schon kurz nach Erscheinen des Buches Anfang September) nachgedruckt haben, ist die Stelle auf Seite 27 des Buches deshalb auch bereits entsprechend korrigiert. Wir bitten ausdrücklich um Entschuldigung für diesen Fehler!"
Ich habe sie um den Wortlaut der neuen Textpassage gebeten, die ich nach Eingang hier zitieren werde. +++ Der neue Text der zweiten Auflage liegt mir nun vor. Der Satz lautet jetzt nach Angabe des S. Fischer Verlags so:

»(...) Leila war dabei gewesen, als christlich-libanesische Phalange-Milizen das Massaker von Sabra und Schatila mit Billigung der israelischen Armee verübten. Zwei ihrer fünf Brüder wurden auf offener Straße hingerichtet. (...)«
Na ja, völlig im grünen Bereich würde der Satz wohl anders klingen, aus dem roten ist er jedenfalls raus. Warum sieht es dennoch nach tief Gelb aus? Erstens natürlich wegen des "mit Billigung der israelischen Armee". Würden wir für die entsprechenden nationalsozialistischen Verbrechen sagen, sie seien "mit Billigung der deutschen Bevölkerung" geschehen? Wir würden wohl vom "Wegsehen" sprechen. Die Massaker in den Flüchtlingslagern wurden ja gerade deshalb am Ende von der israelischen Armee unterbunden, nachdem einzelne israelische Soldaten nicht länger wegsehen mochten und Druck auf ihre Vorgesetzen ausgeübt hatten. Ein Mit-Leiden, das in der deutschen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus wenig verbreitet war, woran uns dieser Tage der Film Der Vorleser noch einmal mit beklemmenden Szenen aus dem Auschwitz-Prozess erinnert.

Und nun zum zweiten unbefriedigenden Punkt der Korrektur. Haben Sie den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv bemerkt? Alte Fassung, aktiv: "als israelische Soldaten bei einem Massaker [...] zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hinrichteten". Neue Fassung, im Anschluss an "mit Billigung der israelischen Armee", passiv: "Zwei ihrer fünf Brüder wurden auf offener Straße hingerichtet." Wurden hingerichtet, von wem? Eine redliche Korrektur hätte gelautet: "Die Milizionäre richteten zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hin." Ein klarer Fall für den Aktiv.

Wieso werde ich den Verdacht nicht los, dass der "Fehler", für den sich S. Fischer entschuldigt, systemisch ist, um ein neues Modewort zu erproben, und auf die "Korrektur" abfärbt. Rund sechzig Prozent der Deutschen halten Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden, wie eine lange unter Verschluss gehaltene EU-Studie vor zwei oder drei Jahren ermittelt hatte. Und es gibt seit 9/11 einen wachsenden muslimischen Antisemitismus, der im November Gegenstand einer Tagung an der TU Berlin war oder hätte sein sollen, an der ich teilnahm. Kann es sein, dass diese beiden Tendenzen so wirkmächtig sind, dass sich Autorin und Lektorat ihnen weder in der ersten noch in der zweiten Auflage völlig zu entziehen vermochten?

Ich habe den Eindruck, seitens des S. Fischer Verlags wird dem "Fehler" keine große Bedeutung beigemessen, zumal er ja "korrigiert" ist. Es liegt mir fern, den Lapsus skandalisieren zu wollen, dazu ist Güner Balcis "Arabboy" ein viel zu wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Aber die erste Auflage mit angeblichen israelischen Gräueltaten hat sich ja nicht in Luft aufgelöst. Sie liegt zu hunderten Exemplaren in unseren öffentlichen Bibliotheken, genauer liegt sie dort nicht, sondern die 42 theoretisch verfügbaren Exemplare sind in Berlin dauernd ausgeliehen und oft nur auf Vorbestellung zu haben.

Wenn Autohersteller Fahrzeuge mit Mängeln ausgeliefert haben, rufen sie diese Wagen bei Bekanntwerden des Mangels sofort zurück. Da wird gar nicht diskutiert. Die Werkstätten beheben den Mangel auf Kosten des Herstellers. Warum geht es einem mangelhaften Buch im Vergleich mit einem mangelhaften Auto so schlecht? Und das Buch wird obendrein noch mit ermäßigten 7 % Umsatzsteuer und durch Buchpreisbindung als Kulturgut vom Staat gleich doppelt gepämpert. Armes Buch, wärst du doch ein Auto.

Dann müsste ich mich nicht wie heute nachmittag geschehen von einer patzigen Mitarbeiterin belehren lassen, "solche Diskussion" führe man in einer (ihrer) öffentlichen Bibliothek nicht. "Solche Diskussion" hatte ich bei der Rückgabe des "Arabboy" ausgelöst mit der Überlegung, ob es nicht besser wäre, statt der ersten künftig die zweite Auflage zu verleihen. Die Vorstellung, dass vor allem in Berlin-Neukölln, der Hochburg des neuen muslimischen Antisemitismus und der Arabboy-Ausleiher ("Keine verfügbaren Exemplare, Vormerkung möglich"), das Buch in erster, unkorrigierter Fassung durch hunderte von Händen wandert, macht mich unruhig. Ich spüre, wie es auf Seite 27 in hunderten von Hirnen rumort: Aha, und wer ist wieder mal an allem Schuld? Na klar, die Juden. Sonst wären die doch gar nicht hier, die Araber.
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NACHTRAG
Bei Hugendubel
am Tauentzien Ecke Rankestraße stehen am 8. April genau 8 Exemplare des Arabboy im Regal: 5 Exemplare der zweiten Auflage und 3 der ersten. Wer hier danebengreift, nimmt die Mär vom mörderischen Juden nach Haus. Das ist nicht gut. Wären die Herstellung und die Verbreitung von Büchern in Deutschland nicht von Staats wegen durch Buchpreisbindung und Umsatzsteuerbegünstigung reguliert, läge ein klarer Fall von Marktversagen vor. Im deutschen Buchwesen hat sich die Marktwirtschaft jedoch nie völlig gegen die Restposten nationalsozialistischer Staatswirtschaft durchsetzen können. Wie die Dinge liegen, ist mit der causa Arabboy ein weiterer Fall von Staatsversagen zu beklagen. Dass die Sozialdemokraten nun auch einen Teil der Autoindustrie unter Kuratel stellen wollen, verheißt nichts Gutes. Am Ende wird man sagen: Armes Auto, jetzt gehts dir wie 'nem Buch. Du hast Mängel? Da pfeifen sie drauf.

Samstag, 14. Februar 2009

La Teta Asustada: Goldener Bär - antitotalitär


Die Krankheit "teta asustada" ist Folge und bewirkt Verstetigung des totalitären Traumas. Claudia Llosa ist eine Parabel über den linken Terror gelungen, ohne ihn auch nur zu erwähnen.

Die verdorbene Brust wäre wohl die - in jeder Hinsicht - direkte deutsche Übersetzung für La Teta Asustada. Auf der Berlinale 2009 lief der Film aus Peru unter dem englischen Titel The Milk Of Sorrow im Wettbewerb, "Die Milch des Leids", auch das eine gelungene, den Sinn treffende Übertragung. Gestern habe ich ihn gesehen, als einzigen Wettbewerbsbeitrag überhaupt, soeben hat das Drama von Claudia Llosa den Goldenen Bären als bester Film gewonnen.

Das ist bemerkenswert, nicht wegen der instinktsicheren Wahl des richtigen Films, sondern weil überhaupt noch nie ein peruanischer Film am Wettbewerb teilgenommen hatte. Und wäre nicht mein Sohn Leonard seit einem halben Jahr "nebenan" in Ecuador (siehe Einträge vom 11. Juli 2008 und 16. Juli 2008 weiter unten), wer weiß, ob Peru und Kino in meinem Kopf je zusammengekommen wären. So aber war ich bereit zu sagen: eine Geschichte aus Peru, warum nicht? Sie handelt von Fausta (in der Abbildung oben die junge Frau, über ihre sterbende Mutter gebeugt), überragend gut gespielt von Magaly Solier, und geht kurz gefasst so:
"Ihre Mutter wurde zur Zeit des Terrors durch die Guerilla-Organisation Leuchtender Pfad in den 80er- und 90er-Jahren ein Opfer von Vergewaltigung. Die nun erwachsene Tochter, zum Zeitpunkt des Gewaltaktes im Mutterleib, trägt psychisch schwer an den Folgen. Nach einem Volksglauben wird das Leid der Geschändeten über die Muttermilch an die Nachkommen weitergegeben. Tausende Menschen in Peru leiden an der La Teta Asustada genannten Krankheit, die Schwermut und Ängste auslöst, und für die die Wissenschaft noch keine schlüssige Erklärung hat." (Focus um 20:46 Uhr im ersten online veröffentlichten Siegerbericht. Sehr treffend auch die Besprechung bei arte online.) Bei der Deutschen Welle hatte der Film gleich nach der Vorführung am Donnerstag ein positives Echo gefunden:
"The Milk of Sorrow ist alles andere als eine Komödie. Vielmehr spielt der Film mit verschiedenen Motiven des magischen Realismus und ist eine Art Passionsgeschichte einer jungen Peruanerin. Das ganze spielt am Rande der Hauptstadt Lima in den hoch gelegenen Elendsvierteln der Metropole."
Es ist diese Milch des Leids, die Fausta als Muttermilch eingesogen hat, die das Merk-Würdige des Films ausmacht. Es ist toxische Milch, vergiftet durch die Erfahrung des totalitären Dreiklangs von Anmaßung, Unterwerfung, Enteignung. Das Totalitäre ist eben nicht nur ein abstrakter Gewaltakt gegen die Gesellschaft, es ist ein konkreter Gewaltakt gegen den einzelnen Menschen, vorzugsweise gegen den mit weiblichem Körper. Anmaßung: Jetzt bestimmen wir. Unterwerfung: Beug dich nieder. Enteignung: Jetzt nehmen wir dir - dich weg.

Die verdorbene Brust ist Folge und bewirkt Verstetigung des totalitären Traumas. Claudia Llosa ist eine Parabel über den linken Terror gelungen, ohne ihn auch nur zu erwähnen. Und doch wird jeder in Peru oder auch in Kolumbien, wo die maoistische Guerilla bis heute operiert, sogleich wissen, wovon die Rede ist. Den eher verstörenden als betörenden magischen Realismus teilt die Regisseurin mit ihrem Onkel, dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Das antitotalitäre Anliegen teilt sie mit einem anderen Verwandten, dem Autor der Washington Post und Mitarbeiter des Independent Institute in San Francisco, Alvaro Vargas Llosa. Wen hat die Familie denn noch zu bieten?