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Mittwoch, 22. Juli 2020

Späte Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger in Luxemburg 1940 bis 1945


Die Eröffnung einer internationalen Wanderausstellung aus Luxemburg über deutsche Staatsverbrechen in Luxemburg veranlasst die „Topographie des Terrors“ am 14. Juli 2020 zu ihrer ersten Veranstaltung nach der Schließung im März 2020.


Blick in die Ausstellung Between Shade & Darkness. Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 im Foyer des Dokumentationszentrums „Topographie des Terrors“ am Abend der Eröffnung, dem 14. Juli 2020.

Corona bringt ungeahnte Premieren hervor, die dritte schon war es am Dienstag, dem 14. Juli 2020, in der „Topographie des Terrors“: eine Veranstaltung mit leibhaftigen Teilnehmern! Erstmals nach den drei Monaten seit der Schließung am Freitag, dem 13. März 2020, durften 30 geladene Gäste der Eröffnung einer neuen Sonderausstellung in persona beiwohnen und die Schautafeln Between Shade & Darkness. Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 anschließend persönlich in Augenschein nehmen (Foto oben).

Dem Ereignis vorausgegangen als erste Premiere war die Öffnung des Freigeländes der „Topographie des Terrors“ für Besucher am 11. Mai 2020 (hier mein Besuchsbericht); die zweite coronabedingte Premiere war die Öffnung des Gebäudes des Dokumentationszentrums mit der Dauerausstellung und der neuen großen Sonderausstellung Deutschland 1945 – Die letzten Kriegsmonate, die am 19. Mai 2020 noch ohne Eröffnungsveranstaltung und mit einem einzigen Besucher in den ersten zwei Stunden auskommen musste. (Hier mein Augenzeugenbericht.) Und nun das: gleich drei Vorträge für dreißig Zuhörer, die lernen konnten, dass der lange Arm Berliner Politiker einmal bis nach Luxemburg reichte, sehr zum Schaden der dort Lebenden, von denen rund 5 700 den Übergriff nicht überlebten – fast zwei Prozent der seinerzeit 290 000 Bewohner des Großherzogtums.

Was war geschehen? Am 10. Mai 1940 griff die Wehrmacht auf Geheiß der Reichsregierung die drei neutralen Benelux-Staaten Belgien, Niederlande und Luxemburg gleichzeitig an, um in einem schnellen Durchmarsch Frankreich als das eigentliche Ziel des Angriffs zu erreichen, dessen Regierung dem Deutschen Reich den Krieg erklärt hatte, als dieses im September 1939 Polen angriff und sich das schnell eroberte Land noch im selben Monat mit der Sowjetunion teilte. Auf dem Weg zur französischen Grenze war Luxemburg schon am Abend des 10. Mai 1940 erobert, die Niederlande wehrten sich bis zum 14. Mai 1940, Belgien kapitulierte am 28. Mai 1940 bedingungslos. Der Weg nach Frankreich war frei, am 14. Juni 1940 marschierte die Wehrmacht in Paris ein.

Die Bürger des Großherzogtums Luxemburgs wurden binnen eines Tages Untertanen des Deutschen Reichs – die Großherzogin Charlotte und ihre Regierung flohen noch im Laufe des 10. Mai 1940 nach Frankreich und bildeten bald eine Exilregierung in London. Die Beamtenschaft blieb im Lande und wurde zunächst der Militärverwaltung, seit 2. August 1940 deutscher Zivilverwaltung unterstellt. Deren Bestreben war die Eingliederung Luxemburgs ins Deutsche Reich – zu einer Annexion und der Bildung des neuen Reichsgaus Moselland kam es jedoch bis Kriegsende nicht. Die Expansion des deutschen Staatsrechts ins Großherzogtum veränderte das Leben der Bürger allerdings nachhaltig, besonders der jüdischen.

Die Sonderausstellung Between Shade & Darkness. Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 widmet sich exklusiv dem Schaden, den die örtlichen Statthalter der Berliner Politiker der jüdischen Minorität zufügten. Wie im Zeitraffer zwang die deutsche Zivilverwaltung den Luxemburgern die komplette antijüdische Gesetzgebung des Deutschen Reichs auf. In den vier Jahren und vier Monaten von der Eroberung Luxemburgs am 10. Mai 1940 bis zur Befreiung von der Besatzungsmacht durch Einheiten der US-Army am 10. September 1944 verloren rund 1 300 jüdische Bürger erst ihre Freiheiten und Rechte, dann ihr Einkommen und Eigentum, schließlich ihr Leben. Die Eröffnungsveranstaltung am Dienstag, dem 14. Juli 2020, geschah in der Absicht, ein helles Licht auf das Dazwischen von Schatten & Dunkelheit zu werfen und mit klarer Stimme zu erinnern, um diese kleine feine Ausstellung nicht sang- und klanglos dem Publikum zu übergeben.


Dr. Andrea Riedle, Direktorin der „Topographie des Terrors“, spricht als erste über die Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 im Foyer des Dokumentationszentrums. Hinweis: Die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern und näher betrachten.

In ihrem Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung im Foyer des Dokumentationszentrums machte die Direktorin der „Topographie des Terrors“ Dr. Andrea Riedle darauf aufmerksam, dass es sich bei den von deutschen Besatzungsbehörden Verfolgten keineswegs nur um jüdische Luxemburger gehandelt habe, sondern die Mehrzahl der schließlich 1 300 Deportierten seien jüdische Bürger aus dem Deutschen Reich, dem annektierten Österreich und der besetzten Tschechoslowakei gewesen, die sich in Luxemburg in Sicherheit wähnten und deren genaue Zahl und Zusammensetzung bis heute unbekannt und wohl nicht mehr ermittelbar ist. Was aber in Zukunft noch möglich wäre, sei ein eigenes Kapitel über die Deportationen aus dem Großherzogtum Luxemburg hier in Berlin als neues Element der Dauerausstellung der „Topographie des Terrors“ hinzuzufügen. Das klang wie ein Versprechen.



Georges Santer, der frühere Botschafter Luxemburgs in Deutschland, widmet sich als zweiter Redner der, wie er sagt, „größten Unheilsperiode“ seines Landes: den vier Jahren und vier Monaten von der Eroberung Luxemburgs durch die Wehrmacht am 10. Mai 1940 bis zur Befreiung von Luxemburg-Stadt durch die US-Army am 10. September 1944.

Als zweiter Redner widmete sich der einstige Berufsdiplomat und frühere Botschafter Luxemburgs in Deutschland Georges Santer der, wie er sagte, „größten Unheilsperiode meines Landes“. Sein Land hatte Santer von September 2012 bis September 2017 als Botschafter in Berlin vertreten – bei der Ausstellungseröffnung am 14. Juli 2020 vertrat er seinen Nachfolger Jean Graff. Das tat er als Kenner der Materie; denn im Jahr 2019, als Luxemburg den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) hatte, nahm Georges Santer als Leiter der luxemburgischen Delegation diese Aufgabe des Vorsitzenden wahr und beschäftigte sich in der Zeit auch von Amts wegen intensiv mit unbekannten Aspekten der Vernichtung der europäischen Judenheit. Die IHRA als Internationale Allianz zum Holocaustgedenken ist „eine 1998 gegründete zwischenstaatliche Einrichtung, die Regierungen und Experten zusammenbringt mit dem Ziel, die Aufklärung, Forschung und das Erinnern im Bereich des Holocaust weltweit zu fördern und voranzutreiben“, weiß Wikipedia. Und Santer wusste zu berichten, dass im Großherzogtum Luxemburg bis heute die Verhandlungen um eine Restitution jüdischen Eigentums nicht abgeschlossen sind.


Frank Schroeder, Direktor des Musée national de la Résistance in Esch an der Alzette, spricht als Dritter. Er ist zugleich Kurator der Wanderausstellung Between Shade & Darkness und berichtet aus erster Hand von der Entstehung des Projekts . 

Als Dritter sprach Frank Schroeder, Direktor des Musée national de la Résistance in Esch an der Alzette, ganz im Süden des Großherzogtums gelegen, aber auch nur 20 Autominuten vom Stadtzentrum Luxemburgs entfernt, für Berliner Verhältnisse ein nahegelegener Vorort. Schroeder ist zugleich Kurator der Wanderausstellung und konnte aus erster Hand von der Entstehung des Projekts berichten. Das Luxemburger Nationalmuseum des Widerstands gibt es seit 1956, aber erst seit 2012 befassen sich dessen Mitarbeiter näher mit dem Umstand, dass in Luxemburg auch jüdische Bürger unter der Besatzungsmacht litten. 2013 begannen die Arbeiten für eine erste Ausstellung, die den Luxemburgern von heute erstmals vor Augen führte, dass Anfang 1940, vor dem Einmarsch der Wehrmacht, etwa 4 000 jüdische Bürger in Luxemburg lebten, davon drei Viertel Ausländer, die aus den deutschsprachigen Ländern geflohen waren, viele von ihnen mittlerweile staatenlos.

Luxemburg sei ein beliebtes Exilland gewesen, erläutert Frank Schroeder, weil das Moselfränkisch für Deutsche und Deutschsprachige leicht verständlich ist. Gut zwei Dritteln dieser sehr gemischten jüdischen Bevölkerung gelang nach dem Einmarsch deutscher Truppen noch die Flucht, obwohl das 1940 und 1941 schon schier unmöglich war und oft in französischen Internierungslagern endete. Das Ausstellungsteam konnte letztlich sieben Sammeltransporte in den Osten nachweisen, vom 16. Oktober 1941 bis 17. Juni 1943 gingen die Züge mit gelisteten 658 Deportierten überwiegend in die dortigen Gettos, ein Zug fuhr direkt in die Vernichtungsstätte Auschwitz.

Auf dieser ersten Ausstellung für das Musée national de la Résistance in Esch basiert nun die neue, als internationale Wanderausstellung konzipierte und deshalb in Deutsch und Englisch zweisprachig angelegte Schau Between Shade & Darkness, deren erste Station Berlin ist und zwar genau am Ort des einstigen Reichssicherheitshauptamtes, zuständig neben vielem anderen auch für die Judenpolitik des Deutschen Reiches, auf dessen Gelände heute die „Topographie des Terrors“ steht, um an die Vernichtung der Judenheit und ungezählte weitere Staatsverbrechen zu erinnern.


Nach dem Ende der Veranstaltung am 14. Juli 2020 gegen 21.10 Uhr aufgenommen, lässt die Topografie des Geländes gut erkennen oder doch erahnen, wo einst der Nukleus des Reichssicherheitshauptamtes lag, das Gebäude des Geheimen Staatspolizeiamts mit der Hausnummer Prinz-Albrecht-Straße 8: direkt vor der Nase des Betrachters – unter dem Glasdach des heutigen Ausstellungsgrabens sind die Fundamente des einstigen Gebäudes zu sehen.

So wohnten die dreißig geladenen Gäste an dem Abend einer Doppelpremiere bei: der ersten Veranstaltung nach Corona und der ersten Präsentation dieser neuen Luxemburger Ausstellung, eine Europapremiere gewissermaßen. Gut, dass sie am klassischen Veranstaltungstag der „Topographie“, dem Dienstag, stattfand. Am folgenden Mittwoch, dem 15. Juli 2010, sprach das Auswärtige Amt (AA) eine Reisewarnung aus: „Vor nicht notwendigen, insbesondere touristischen Reisen nach Luxemburg wird derzeit gewarnt.“ Das AA hob seine Reisewarnung erst nach 6 Wochen am 20. August 2020 wieder auf (laut AA, Stand 20. August 2020).

Nachsatz. Am vergangenen Montag, dem 20. Juli 2020, fand in Berlin die zentrale Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an das missglückte Attentat auf den schädlichsten Berufspolitiker statt, der Deutschland im 20. Jahrhundert regiert hatte. Das Gelingen des mit der Tat eingeleiteten Umsturzes und die von den Attentätern beabsichtigte Beendigung des Krieges hätten wahrscheinlich Millionen Menschenleben in Europa gerettet – für die aus Luxemburg in den Osten deportierten jüdischen Bürger war der 20. Juli 1944 ein Tag ohne Belang: Die meisten von ihnen waren zuvor schon dem Staatsmord anheimgefallen.


Einleitende Schautafel der Ausstellung Between Shade & Darkness. Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 im Foyer des Dokumentationszentrums „Topographie des Terrors“. Das Bildmotiv findet sich auch auf dem Ausstellungskatalog wieder.

Info
Die Wanderausstellung Between Shade & Darkness. Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945 ist seit dem 15. Juli 2020 im Foyer des Dokumentationszentrums „Topographie des Terrors“ als Sonderausstellung zu sehen. Sie wird bis zum Sonntag, dem 20. September 2020, dort stehen, sagt die Website Topographie des Terrors.
Hinweis: Seit Sonnabend, dem 1. August 2020, ist die „Topographie“ täglich wieder wie vor Corona von 10 bis 20 Uhr geöffnet – und beide Eingänge (Niederkirchnerstraße und Wilhelmstraße) sind ebenfalls wieder frei zugänglich. (Stand 20. August 2020 – die Info zur Ausstellung finden Sie hier.)

Katalog
Zur Sonderausstellung ist ein Katalog erschienen und für 15 Euro in der „Topographie“ am Tresen vis-à-vis der Ausstellung erhältlich. Er trägt, abweichend vom Titel der Ausstellung, den Titel: Schicksalswege der Juden Luxemburgs zwischen 1940 und 1945. The Fate of the Jews of Luxembourg between 1940 and 1945. Ausstellungskatalog auf Deutsch und Englisch, herausgegeben vom Musée national de la Résistance, Luxemburg 2020. 164 Seiten, fester Einband. (Die Info zum Katalog finden Sie hier.)

Fotos © Dr. Rainer Bieling

Hinweis


Sonntag, 23. Februar 2020

Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ 60 Jahre danach


Dem Initiator Reinhard Strecker widerfährt 2020 die späte Genugtuung der Anerkennung seiner Leistung von 1960


Vor 60 Jahren, am 23. Februar 1960, es war ein Dienstag, eröffnete unter dem Titel „Ungesühnte Nazijustiz“ in Berlin-Charlottenburg eine Ausstellung, deren Vernissage eigentlich in Berlin-Dahlem hätte stattfinden sollen: in den Räumlichkeiten der Freien Universität Berlin (FU Berlin). Denn es waren Studenten der FU Berlin, die diese Ausstellung vorbereitet hatten und sie an ihrer Universität zeigen wollten. Das untersagte der Rektor jedoch, und deshalb mussten die Initiatoren der Ausstellung, die allesamt dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) entweder angehörten oder ihm nahestanden, auf einen anderen Standort ausweichen.

Plakat der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“. Die Galerie Springer befand sich einst am Kurfürstendamm 16 in Berlin-Charlottenburg. Vom 23. Februar 1960 bis zum 4. März 1960 war dort laut Plakat elf Tage lang die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ zu sehen – laut Tageszeitung Der Kurier sogar genau zwei Wochen lang bis 7. März 1960. (Das Jahr 1960 war ein Schaltjahr mit einem 29. Februar.) Zeitzeugen bestätigen die Richtigkeit der Angabe einer 14-tägigen Ausstellungsdauer vom 23. Februar 1960 bis 7. März 1960.
Die Galerie Springer zog Ende der 1960er-Jahre in die nahegelegenen Fasanenstraße 13 um und schloss dort nach rund 30 Jahren 1998 ihre Pforten. Im selben Jahr 1998 zog die Springer & Winckler Galerie aus Frankfurter am Main nach Berlin in die legendären Räume Rudolf Springers um: „Seit 2012 wird die Galerie von Heide und Robert Springer unter dem traditionsreichen Namen Galerie Springer Berlin geführt“, heißt es auf der Website der Galerie










Das war nicht einfach; denn der Rektor der FU Berlin hatte nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern auf massiven politischen Druck, den der Berliner Senat auf ihn ausgeübt hatte und auf jeden ausüben würde, der seine Räumlichkeiten der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ zur Verfügung stellte. Die Ausstellungsmacher um den Indogermanistik-Studenten Reinhard Strecker fanden schließlich jemanden, der sich einer Verhinderung der Ausstellung widersetzte: Rudolf Springer. Der Galerist stellte die Räume seiner Galerie Springer zur Verfügung, die sich damals am Kurfürstendamm 16 befanden, im Hinterhof des Gebäudes, das auf der Nordseite des Kudamms an der Ecke zur Joachimsthaler Straße lag, zwischen Café Kranzler und Gedächtniskirche, gleich neben dem damals so beliebten Kino Gloriapalast.

60 Jahre danach: In der Villa Oppenheim, dem Sitz des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, erinnert die Veranstaltung „Ungesühnte Nazijustiz“. Geschichten einer Ausstellung am 19. Februar 2020 an die Eröffnung der legendären Ausstellung in der Galerie Springer am 23. Februar 1960. Am Pult Dr. Michael Kohlstruck, der Vortragsredner des Abends. Kohlstruck gehört zu den allerersten überhaupt, die in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begannen, die außerparlamentarischen Aktivitäten der Jahre 1959 bis 1962 gegen die „Ungesühnte Nazijustiz“ wissenschaftlich zu untersuchen und ihre Erkenntnisse in akademischen Publikationen zu veröffentlichen.

Wie couragiert der Galerist Rudolf Springer mit seiner Entscheidung war, der unerwünschten Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ Domizil zu gewähren, wird im Nachhinein deutlich: Der Berliner Senat hatte sogar versucht, die Eigentümerin des Hauses zu bewegen, die Räumlichkeiten der Galerie Springer zu kündigen, um die Ausstellung zu verhindern. (Dies und vieles weitere Wissenswerte ist dem ausführlichen Wikipedia-Eintrag Ungesühnte Nazijustiz zu entnehmen. Dort ist nicht das oben gezeigte Ausstellungsplakat, sondern ein anderes abgebildet: Die „Ungesühnte Nazijustiz“ sollte im März 1960 noch ein zweites Mal in Berlin-Moabit, Stendaler Str. 5, zu sehen sein. Diese zweite Ausstellung ist weniger bekannt und stand auch unter keinem guten Stern: Am Montag, dem 21. März 1960, eröffnet, war sie bald weniger umfangreich als die erste in Berlin-Charlottenburg, weil kurz nach der Eröffnung Exponate, die noch in der Galerie Springer zu sehen waren, entfernt und für eine anschließende Ausstellung in die Niederlande verbracht wurden. Das damalige Kuddelmuddel beschreibt Stephan Alexander Glienke in seinem weiter unten zitierten Standardwerk Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962), Seiten 136ff.)

Wer war der Berliner Senat, diese Ausstellung zu verhindern, und was war 1960 so anstößig an der „Ungesühnten Nazijustiz“?

Im Rückblick nur schwer zu verstehen: Dem Senat von Berlin stand im Jahr 1960 Willy Brandt (SPD) als Regierender Bürgermeister vor, assistiert von Franz Amrehn (CDU) als Bürgermeister. Sozialdemokraten und Christdemokraten bildeten eine Große Koalition – ohne Opposition. Denn nur SPD und CDU waren im Abgeordnetenhaus von Berlin vertreten, seit die FDP bei der Wahl von 1958 an der Fünfprozenthürde gescheitert war. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hatte 1958 in Berlin (West) sogar die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten und hätte ohne Koalition mit der Christlich Demokratischen Union (CDU) allein regieren können. Kurz: In West-Berlin hatten damals Sozialdemokraten das Sagen. Und das sagten sie zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“:

Das Vorhaben sei ein „Akt öffentlicher Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen“, um das „Ansehen der Justiz als tragendem Pfeiler der öffentlichen Ordnung“ zu beschädigen. Alle beschuldigten Angehörigen der West-Berliner Justiz seien schon überprüft worden. Die Veranstalter hätten die Aufforderung zur Übergabe ihrer Unterlagen bisher nicht befolgt. [...] Die Veranstaltung falle dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (SPD) in einer politisch schwierigen Zeit in den Rücken. Nachdem [...] die Ausstellung in der Galerie eröffnet worden war, forderte der Senat die West-Berliner Lehrer auf, sie nicht zu besuchen.
(Zitiert nach Wikipedia, die sich in diesem Absatz auf das Standardwerk von Stephan Alexander Glienke als Quelle stützt: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, erschienen 2008 im Nomos Verlag und weiterhin im Angebot.)

Wandtafel zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim, Schlossstraße 55, dort aufgenommen vor einer Abendveranstaltung über die Ausstellung am 19. Februar 2020 und noch zu sehen bis zum Ende der Berliner Schulferien am 19. April 2019. (Nachsatz vom 16. März 2020: Das Museum wird wie alle öffentlichen Kultureinrichtungen wegen der Corona-Pandemie bis 19. April 2020 geschlossen bleiben.)

Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, deren Eröffnung sich am heutigen Sonntag, dem 23. Februar 2020, zum 60. Mal jährt, war acht Jahre vor Achtundsechzig ein erster Frontalangriff auf das damalige politische Establishment der Bundesrepublik Deutschland (CDU, FDP und SPD – in dieser Reihenfolge im Bund staatstragend), das sich auch 15 Jahre nach Kriegsende noch dagegen wehrte, die Staatsverbrechen der Jahre 1933 bis 1945 gerichtlich zu ahnden und die dafür Verantwortlichen, die nach wie vor zu Tausenden als Verwaltungsjuristen und Richter im Staatsdienst tätig waren, zur Rechenschaft zu ziehen.

Einhundert dieser Staatsdiener griff die von Reinhard Strecker kuratierte und vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) kommunizierte Ausstellung namentlich an. Die SPD, deren Studentenverband der SDS 1960 noch war, denunzierte die Ausstellung als DDR-gesteuert, versuchte sie mit allen Mitteln zu verhindern und rächte sich, nachdem ihr dies misslang, im Folgejahr: 1961 fasste die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss und schloss SDS-Mitglieder und -Sympathisanten aus der Partei aus. Es ist dies die gleiche Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die in ihrer aktuellen Kampagne vom Februar 2020 unter dem Slogan „Für uns gilt seit 156 Jahren: Kein Fußbreit dem Faschismus!“ auf ihrer Parteiwebsite Mitglieder wirbt.

Für die SPD des Jahres 1960 allerdings war „antifaschistische Aufklärungsarbeit“ (so würdigte die SPD Reinhard Streckers Engagement nachträglich im Jahr 2015) ein Ausschlussgrund aus der Partei. So hatte die SPD Ende 1959, gleich nach der Premiere der Ausstellung „Ungesühnter Nazijustiz“ in Karlsruhe (unten mehr dazu), die an dieser ersten Schau vom 27. November 1959 beteiligten SPD-Mitglieder aus der Partei ausgeschlossen. (Dieser Ausschluss betraf die Karlsruher SDSler, die zugleich SPD-Mitglieder waren, nicht den Berliner Reinhard Strecker, der Ende 1959 noch kein SPD-Mitglied war. Erst mit Wirkung vom 1. Januar 1960 trat er zu Beginn des Jahres der Partei bei, wie der Berliner Historiker Siegfried Heimann 2017 in seinem Aufsatz Reinhard Streckers Kampf gegen die „willfährigen Diener“ klarstellte.) Anstoß nahmen Willy Brandts Sozialdemokraten 1960 an der Tatsache, dass Vertreter ihres Studentenverbands es gewagt hatten, auch in Ländern des Ostblocks auf Quellensuche nach Dokumenten zu gehen. So war Reinhard Strecker nach Warschau gereist, um in dortigen Archiven zu suchen, und er hatte sich auch Unterlagen in Ost-Berlin besorgt, das damals noch ohne Mauer nur eine S-Bahnstation entfernt lag.

Eine Studentengruppe von Mitgliedern und Sympathisanten des SDS an der FU Berlin prüfte alle Ost-Dokumente sorgfältig, zu ihnen gehörte auch die spätere Mitgründerin des Kinos Arsenal, Erika Gregor. (Im Perlentaucher beleuchtete ich dessen Namensgebung im November 2017.) Tatsächlich bestätigte Generalbundesanwalt Max Güde bereits 1960 die Echtheit aller einhundert Fälle von „Ungesühnter Nazijustiz“. Die Umdeutung dieser „antifaschistischen Aufklärungsarbeit“ (SPD 2015) als „Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen“ (SPD 1960) erwies sich schon zu ihrer Zeit als haltlos. Sie stigmatisierte den Initiator jedoch nachhaltig, was auch deshalb leicht möglich war, weil die DDR-Propaganda die „Ungesühnte Nazijustiz“ politisch instrumentalisierte, erst recht in den Jahren nach dem Mauerbau, nicht zuletzt mit dem Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik von 1965. Heute, da Deutschland nicht mehr zwei verfeindete Establishments hat, sondern nur noch ein sich einiges, liegen Instrumentalisierung der einen und Stigmatisierung der anderen in einer Hand.

Nach einem Vortrag aus Anlass des 60. Jahrestages der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ in Berlin-Charlottenburg: Reinhard Strecker (Mitte), der Initiator der legendären Ausstellung, Michael Kohlstruck, der Vortragsredner des Abends und Dozent am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, und Heike Hartmann, die Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim. Dort fand die Veranstaltung zur Erinnerung an die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 19. Februar 2020 statt.





Den 60. Jahrestag dieser folgenreichen Ausstellung nahm das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim nun zum Anlass einer Abendveranstaltung zur Erinnerung an die Ausstellung von 1960 und zur Würdigung ihres Spiritus Rectors Reinhard Strecker. Michael Kohlstruck, der Redner am Abend des 19. Februars 2020, gab seinem Vortrag den Titel „Ungesühnte Nazijustiz“. Geschichten einer Ausstellung und erinnerte an das Hin und Her, das der Eröffnung der legendären Ausstellung in der Galerie Springer am 23. Februar 1960 vorausgegangen war.

Es war eine sehr gut besuchte Abendveranstaltung, voll bis auf den letzten Platz, und am Ende verabschiedete das Publikum Reinhard Strecker mit großem Applaus. Dr. Michael Kohlstruck sprach 52 Minuten über die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ – ein ganz ausgezeichneter Vortrag, der das Wirken Reinhard Streckers und die Wirkung der Ausstellung und der begleitenden Aktivitäten anschaulich nachzeichnete. Er schloss mit der Erwähnung der späten Würdigung und Anerkennung, die Reinhard Strecker in den letzten Jahren zuteil wurde – 55 Jahre nach der heftig angefeindeten Ausstellung hatte er 2015 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Anschließend moderierte die Leiterin des Museums, Heike Hartmann, eine etwa 20-minütige Publikumsdiskussion, bei der auch Reinhard Strecker das Wort ergriff und die Wirkung der Ausstellung unterstrich. Im Eingangsbereich der Villa Oppenheim befindet sich zudem noch bis zum 19. April 2020 eine Wandtafel mit Bildern und Informationstexten zur Ausstellung, die seinerzeit – dem faksimilierten (und oben abgebildeten) Veranstaltungsplakat zufolge – elf Tage lang vom 23. Februar bis zum 4. März 1960 in der Galerie Springer am Kurfürstendamm zu sehen war. (Das Jahr 1960 war ein Schaltjahr mit einem 29. Februar.) Tatsächlich dauerte die Ausstellung genau 14 Tage von Dienstag, dem 23. Februar 1960, bis zum Montag, dem 7. März 1960. Das bestätigen Zeitzeugen, worauf auch der erwähnte Eintrag auf Wikipedia hinweist:

Die Berliner Tageszeitungen berichten am 24. Februar 1960 von der Eröffnung am Vortag, so Der Kurier in einem namentlich gezeichneten Beitrag von Dr. Erika Altgelt: „Die Schau wurde gestern eröffnet. Sie ist bis zum 7. März mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 22 Uhr geöffnet, an den anderen Tagen von 10 bis 17 Uhr. Selbstverständlich ist der Eintritt frei.“

Der freie Eintritt war den Initiatoren wichtig; denn „selbstverständlich“ wäre der Eintritt auch frei gewesen, hätten sie ihre Ausstellung wie ursprünglich vorgesehen in den Räumlichkeiten der Freien Universität Berlin zeigen können. Kein Nachfolger des damaligen Rektors der FU Berlin hat je zu dem Kotau vor dem Berliner Senat Stellung bezogen, die geplante Ausstellung auf dessen Betreiben in seinen Räumlichkeiten zu untersagen. (Als Alumnus dieser meiner Universität erkenne ich hier etwas, das fehlt, akademisch gesprochen ein Desiderat der Erinnerungskultur.)

Ein Nachfolger Willy Brandts indes hat sich im Namen der deutschen Sozialdemokratie gegenüber Reinhard Strecker erklärt: Sigmar Gabriel. Als er Bundesvorsitzender der SPD war, schrieb er am 17. Oktober 2014 einen persönlichen Brief an den zu Brandt-Zeiten als „bekanntlich im Dienste Pankows“ stehend gebrandmarkten Initiator der Ausstellung und sprach ihm „in der Nachbetrachtung“ Dank „und den höchsten Respekt“ für sein „Engagement gegen Vergessen“ aus. Den Worten des Vorsitzenden folgte im August 2015 die Tat: Bundespräsident Joachim Gauck zeichnete Reinhard Strecker mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Bundesjustizminister Heiko Maas begründete die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland:

Mit seiner legendären Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ hat Reinhard Strecker 1959 in privater Initiative das getan, was die westdeutsche Nachkriegsjustiz viel zu lange versäumt hat: die Täter in den eigenen Reihen zu ermitteln und anzuklagen.

Während der Nazi-Diktatur haben unzählige Richter und Staatsanwälte an der Entrechtung, Verfolgung und Ermordung von Unschuldigen mitgewirkt. Die große Mehrheit von ihnen wurde dafür niemals zur Rechenschaft gezogen und konnte ab 1949 ihre Karriere in der jungen Bundesrepublik nahtlos fortsetzen.

Reinhard Strecker hat für sein Engagement viele Anfeindungen erlitten und Hass ertragen müssen. Dieser Orden ist ein spätes Anerkennen seiner wichtigen Arbeit.
(Quelle: Website der SPD Tempelhof-Schöneberg, deren Mitglied Reinhard Strecker seit 60 Jahren ist.)

Das Jahr 1959 bezieht sich auf die Premiere der Ausstellung: Die „Ungesühnte Nazijustiz“ war zuerst am 27. November 1959 in Karlsruhe zu sehen, dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts. Am 27. November 2019 würdigte die Stadt Karlsruhe das Jubiläum mit der Veranstaltung Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ vor 60 Jahren in Karlsruhe und einem Vortrag von Dr. Stephan Alexander Glienke, dem Autor des oben genannten Standardwerks zur Geschichte dieser Ausstellung.

Es war dieses Jahr 1959, das zu guter Letzt auch die Berliner SPD 60 Jahre später zum Anlass nahm, Reinhard Strecker im Jahr 2019 mit der Ehrenurkunde des SPD Landesverbands Berlin zu würdigen: In dessen Namen dankte der Landesvorsitzende Michael Müller am 26. Oktober 2019 Reinhard Strecker „für sein besonderes Engagement als Initiator der historischen Ausstellung ‘Ungesühnte Nazijustiz’“. So schließt sich nach 60 Jahren ein Kreis, der so viele Anfeindungen sah und so viele Verletzungen einschloss.

Reinhard Strecker ergreift das Wort. Aufgenommen in der Villa Oppenheim bei der Diskussion nach dem Vortrag aus Anlass des 60. Jahrestages der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 19. Februar 2020.



Was für ein Glück, dass der 1930 Geborene und spät Geehrte in seinem 90. Lebensjahr die Genugtuung erlebt, vor 60 Jahren das Richtige gesagt und getan zu haben.

Alle Fotos vom 19. Februar 2020 © Dr. Rainer Bieling

Lektürehinweise

Zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ und zur Person Reinhard Strecker gibt es zwei Bücher, beide noch im Buchhandel erhältlich:

Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen. Nomos, Baden-Baden 2008. 350 Seiten, 59 Euro.

Gottfried Oy, Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie. Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, 2. korrigierte Auflage 2014. 250 Seiten, 24,90 Euro.

Ferner gab es aus Anlass der 60. Wiederkehr der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 23. Februar 1960 eine Würdigung dieses Ereignisses aus der Feder der Historikerin Sabine Lueken; sie erschien unter dem Titel Lehrer durften nicht hingehen in der Wochenendausgabe der Tageszeitung junge Welt vom 22. und 23. Februar 2020 auf Seite 11 und ist für Leser der Berliner Freiheiten hier online verfügbar.


Samstag, 28. September 2013

Keynesianismus und Appeasement

Eine freie Stimme der freien Welt: Herzinger vs. Obama

In der WELT von heute (28. September 2013) hat Richard Herzinger unter der Überschrift Kraftloser Westen in seinem Leitartikel beschrieben, wie Barack Obama vor der Achse Moskau – Damaskus – Teheran einknickt. Den Beitrag gibt es unter dem Achsen-Titel auch auf Herzingers Blog Freie Welt (Abbildung rechts), wo ich den folgenden Kommentar hinterlassen habe, den ich wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Überlegung auch hier der geneigten Leserschaft zur Kenntnis bringe:
Zu Ihrem kraftvollen Text über den kraftlosen Westen habe ich keinen Einwand, nur eine Ergänzung. Wo sind denn Saft und Kraft geblieben? Da habe ich folgende Erklärung, ein Derivat meiner Erkenntnis fördernden Beschäftigung mit der Eurokrise:
Es gibt Anhaltspunkte für einen Zusammenhang von Keynesianismus und Appeasement. Das lässt sich historisch am Beispiel Frankreichs zeigen:

1936 kam Leon Blum an die Macht, kippte die deflationäre Wirtschaftspolitik seines Vorgängers Laval (solche Stabilitätspolitik wird heute wieder verteufelt – als Sparpolitik à la Brüning) und setzte auf Deficit Spending, inflationäre Wirtschaftspolitik. Zwei Jahre später war Frankreich Pleite, 1938 blieb Blum-Nachfolger Daladier nichts weiter übrig, als sich "Zeit zu kaufen" und Hitler mit dem Münchner Abkommen zu beschwichtigen. Zwanzig Monate später, 1940, standen die deutschen Panzer in Paris.

Ihr Kollege Daniel Eckert hat im HAUPTSTADTBRIEF 117 sehr deutlich den Zusammenhang von Papiergeld und Staatsverschuldung herausgearbeitet: Erst die Abkehr vom Goldstandard, den Keynes seit 1923 als überkommenes Relikt bekämpft hat, ermöglicht Deficit Spending, jenen Euphemismus für hemmungslose Staatsverschuldung, die die USA an den Rand der Zahlungsunfähigkeit geführt hat. Dieses Land hat nur noch eine limitierte Fähigkeit, Krieg zu führen.

Wo also sind Saft und Kraft geblieben? Bei den Gläubigern der USA, die 16.700.000.000.000 USD an Staatsanleihen halten, und allen weiteren Begünstigten des billigen Geldes, das die Fed kübelweise ausschüttet, damit die Staatsverschuldung weitergeht und gleichzeitig relativ billiger wird. Ein sehr enger Zusammenhang von inflationärer Geldpolitik (Keynesianismus) und kraftlosem Gewährenlassen (Appeasement), der für die Zukunft nichts Gutes erwarten lässt. Die Alt- und Neototalitären verzeichnen parallel Geländegewinn, mental wie real. Schlecht für uns und tödlich für viele andere.
Postscriptum: Auf den Gedanken eines Zusammenhangs von Keynesianismus und Appeasement hat mich Jörg Guido Hülsmann gebracht. In seinem jüngsten Buch Krise der Inflationskultur stellt er sich (auf den Seiten 101 bis 106) gegen die etatistische Propaganda, Reichskanzler Heinrich Brünings deflationäre Wirtschaftspolitik habe den Deutschen Hitler gebracht. Ganz im Gegenteil habe, wie oben beschrieben, eine inflationäre Wirtschaftspolitik in Frankreich den Franzosen Hitler gebracht.
   

Mittwoch, 4. Juli 2012

Topographie des Terrors wird 25 oder Wozu erinnern?


Topographie des Terrors im Morgenlicht des 29. Juni 2012.
Unter der Überschrift Von Deutschland lernen heißt, erinnern lernen veröffentlicht WELT ONLINE heute meine Laudatio auf die Topographie des Terrors. Diese Einrichtung der Erinnerungsarbeit begeht am heutigen 4. Juli ihr 25-jähriges Jubiläum. Seit zwei Jahren hat sie ihr neues, festes Domizil auf dem Gelände des früheren Reichsicherheitshauptamtes an der Berliner Wilhelmstraße (Foto, Mitte). Von diesen zwei Jahren handelt der WELT-Beitrag.

Meine Laudatio ist ein Jubellied mit Molltönen. Das kommt daher, dass ich mir die Frage stelle: Wozu erinnern? Die Antworten führen geradewegs in unsere Gegenwart und sogleich zeigt sich: In Gegenwart des Geländes der Topographie wird eine Vergangenheit ge- und verehrt, die so gar nicht zum Anliegen dieser Einrichtung passen will: durch Erinnern zu erkennen helfen, was unsere Rechte und Freiheiten vermehrt – und wer oder was sie mindern oder beseitigen könnte. Hier geht's zum Text.

Nachtrag von Freitag, dem 13. Juli 2012. Der Beitrag hat, wie zu erwarten war, ein gemischtes Echo hervorgerufen. Zwei Emaildialoge, die ich im Anschluss an die Veröffentlichung geführt habe, seien hier festgehalten. In meinem Text hatte ich geschrieben: ”Mit den Nachgeschichten des Nationalsozialismus ist aber schwerer umzugehen als mit seiner Geschichte und auch seiner Vorgeschichte. Die Nachgeschichten dauern nämlich noch an.“ Dazu erreichte mich auf Facebook am 8. Juli die folgende Zuschrift:
Nach dem Lesen Ihres Artikels, lieber Herr Dr. Bieling, war ich am Freitag zu einem ersten Besuch im Dokumentationszentrum. So viele Eindrücke, so großes Erschrecken, dass ich nach einer Stunde abbrach, aber nur, um demnächst wiederzukommen.

Indirekt selbst betroffen durch meinen Vater (SS Leibstandarte), recherchiere ich seine Geschichte, da er mir nur in Andeutungen und stark geschönt von dieser Zeit erzählt hat. Ganz herzlichen Dank fürs "Aufrütteln".
Ich antwortete mit einer grundsätzlichen Bemerkung über Schuld und Verantwortung:
Das finde ich gut, dass Sie meinen Beitrag als Anstoß empfunden und zum Anlass genommen haben, sich in die Topographie zu wagen. Die SS-Leibstandarte Adolf Hitler war dem Führer so nah wie kein zweiter Verband. Da muss einer schon guter Märchenerzähler sein, um sein Engagement, das aus tiefster nationalsozialistischer Überzeugung gespeist sein musste, schönzureden.
Das braucht, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, bei Ihnen keine Schuldgefühle auszulösen. Schuld kann nur ein Individuum auf sich laden, auch eine Gruppe von Individuen, die gemeinsam Verbrechen begeht. Aber schon eine Kollektivschuld der – zeitgenössischen, damaligen – deutschen Bevölkerung kann es nicht geben. Vielmehr traten nach 1945 auch die Unschuldigen in eine Haftungsgemeinschaft für die von 1939 bis 1945 begangenen Verbrechen ein. Es war eine deutsche Schuld, weil diese Verbrechen im Namen des deutschen Volkes begangen worden waren, aber keine Schuld der Deutschen.
Diese Haftungsgemeinschaft ist unauflösbar. Wir heutigen Deutschen haben keine Schuld an den Verbrechen, aber wir tragen an der Schuld der Damaligen, der Väter und Großväter. Deren Schuld bleibt, sie wird nie getilgt, und es ist unsere Verantwortung, uns dieser deutschen Schuld zu stellen. Wir Heutigen tragen die Verantwortung für die Erinnerung an diese Vergangenheit, und wir sind gut, wenn uns dieses Erinnern ohne Beschönigen und Verharmlosen gelingt. Wir sind besser, wenn wir übers Erinnern hinaus erkennen, das das Totalitäre im Nationalsozialismus einem Dreischritt von Anmaßung, Unterwerfung, Enteignung folgte, dem wir heute in anderen totalitären Bewegungen weiterhin begegnen, vor denen wir auf der Hut sein müssen.
Die Antwort kam gestern:
Danke für Ihre Rückmeldung. Schuldgefühle habe ich deshalb keine. Aber ich will Klarheit darüber, was damals war. Meine Vermutung ist die, dass mein Vater an Gräueltaten am Katarapass beteiligt war. Dem gehe ich gerade nach.

Da er wußte, dass ich mich in Griechenland gut auskenne, fragte er mich, ob ich den Pass kenne. Ich dachte mir nie etwas dabei. Bei einer meiner Fahrten fotografierte ich das Schild und schickte ihm das Foto. Dann wollte ich natürlich auch wissen, was es mit dem Katarapass auf sich hat. Er sagte nur vage, er sei im Krieg da gewesen. Und dann las ich eines Tages von den Gräueltaten dort. Nun suche ich nach Spuren, die meine Vermutung bestätigen, dass er u.a. auch dort mit daran beteiligt war.
Topographie mit Mauerrest, Wilhelmstraße Ecke Niederkirchnerstraße.
Der zweite Emaildialog bestätigt eine Feststellung, die ich in meinem Text getroffen hatte: ”Sich mit den Nachgeschichten des Nationalsozialismus zu befassen, führt geradewegs in einen unerfreulichen Plural im Präsens.“ Das belegen die folgende Zuschrift und der anschließende Dialog vom 12. Juli:
Was soll ich dazu sagen? Da ich gerade selbst ein über 600seitiges Buch auf Englisch geschrieben habe und mich recht gut mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus auskenne und vor allem das Versagen der deutschen, aber auch internationalen gegenwärtigen Forschung kenne, ist Ihr Beitrag wissenschaftlich obsolet, ja grotesk. Doch das ist nicht das Schlimmste:

Woher kommt Ihr Hass auf die Niederkirchner-Straße, die nach einer Frau benannt ist, die von der SS im KZ Ravensbrück erschossen wurde?


Nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion wünschte sich Käthe Niederkirchner, selbst am Kampf gegen den Faschismus teilzunehmen. Deswegen meldete sie sich bei der Roten Armee. Sie bereitete sich intensiv auf eine illegale Untergrundarbeit in Deutschland vor. Am 7. Oktober 1943 sprang sie gemeinsam mit Theodor Winter aus einem sowjetischen Flugzeug über dem von Deutschland besetzten Polen ab. Gemeinsam sollten sie in Berlin Kontakt mit mehreren illegalen Gruppen aufnehmen, wurden aber auf dem Weg dorthin entdeckt, von der Gestapo verhaftet und unter Folter verhört. Ohne ein Gerichtsverfahren wurde sie nacheinander in verschiedenen Gefängnissen inhaftiert und schließlich Ende Mai 1944 in das Konzentrationslager Ravensbrück verschleppt, wo sie in Isolationshaft genommen wurde. In dieser Zeit fertigte sie geheime Tagebuchaufzeichnungen an, die erhalten geblieben sind.
In der Nacht vom 27. zum 28. September 1944 wurde Käthe Niederkirchner von Angehörigen der SS erschossen.
Meine Antwort ging so:
Nein, von Hass kann keine Rede sein. Ich teile Ihr Mitgefühl mit den Menschen, die von Nationalsozialisten gedemütigt, verletzt, zerstört, enteignet, vertrieben, gefoltert oder ermordet wurden. Dieses Mitgefühl gilt auch Käthe Niederkirchner.

Ich folge allerdings nicht der
totalitären Logik der Nationalsozialisten, die alle gleich macht: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Aus der Sicht des nationalsozialistischen Kollektivs sind alle, die sich der Gleichschaltung widersetzen, gleich: Systemfeinde. Nationalsozialisten machen keinen Unterschied, ob der Systemfeind auf Wiederherstellung der zerstörten Demokratie oder auf Ersetzung der nationalsozialistischen durch die realsozialistische Diktatur aus ist.

Aus gutem Grund
folge ich nicht der nationalsozialistischen Logik. Ich erkenne den Unterschied zwischen einem Menschen, der sich der Diktatur widersetzt hat, um den Rechten und Freiheiten des Einzelnen wieder Geltung zu verschaffen, wie es Elisabeth Schmitz getan hat. Und einem Menschen, der sich der Diktatur widersetzt hat, um die Diktatur eines anderen, konkurrierenden Kollektivs zu erreichen, wie es Käthe Niederkirchner getan hat.

Mit der Namensgebung Niederkirchnerstraße hat die DDR-Führung eine
Märtyrerin der Diktatur geehrt, wie ich geschrieben habe. Das missfällt mir. Das Unrecht, dass ihr durch die Nationalsozialisten widerfahren ist, steht mir dabei deutlich vor Augen. Käthe Niederkirchners Ermordung halte ich für eine deutsche Tragödie.
Daraufhin erhielt ich als Antwort:
Ich habe die letzten Wochen und Monate mit einigen Leuten über Renegaten diskutiert: kann es sein dass Sie, der Sie ja früher auch obskur links waren, da nie etwas aufgearbeitet, sondern nur aggressiv abgelegt haben und nun pro-deutsche Propaganda betreiben?

Wenn Sie den Unterschied zwischen dem NS-Deutschland und der Sowjetunion nicht sehen, sind Sie blind. Die einen bauten Auschwitz-Birkenau, die anderen befreiten es. Ich kenne ja - im Gegensatz zu vielen, die darüber reden, ohne zu wissen, um was es geht - die internationale Forschungslage zu dieser Thematik.
Aus Ihrem Text spricht Hass gegen eine von der SS erschossene und zuvor gefolterte Kommunistin.

Und dieser Hass mag auch ein Hass gegen den Rainer Bieling der 1960 und 1970er Jahre sein, als Sie noch kein Renegat waren, aber einer womöglich (wie Posener oder Herzinger) abstrusen Richtung der Neuen Linken angehörten. Doch bitte bearbeiten Sie Ihre eigenen psychischen Probleme (die Sie gar nicht als solche wahrnehmen!) nicht auf Kosten von extrem mutigen Frauen, die im Kampf gegen die elenden Deutschen ermordet wurde.
Geschottert mit Grauwacke: Die Farbe der Topographie.
 Mit diesen Schlussworten beendete ich den Dialog:
Nein, das kann nicht sein.

Nein,
ich war in keiner obskuren Linken, sondern in den vom SDS initiierten Gruppierungen der Neuen Linken, zuletzt im Sozialistischen Büro, in dem am Ende seines Lebens auch Rudi Dutschke wirkte. Unser Marxismus war reflektiert, kenntnisreich und von hoher intellektueller Brillanz.

Nein,
ich habe nicht nie etwas aufgearbeitet, sondern gehöre zu den wenigen meiner Generation, die ganz im Gegenteil genau das getan haben. Als Sie noch ein Schuljunge waren, habe ich bereits eine Analyse der Neuen Linken vorgelegt, die 1988 des zwanzigsten Jahrestages von 1968 gedachte.

Nein,
die Projektion eines Renegaten bringt auch in der Retrospektion nichts; denn nach meinem Buch Die Tränen der Revolution habe ich mich geschlagene 20 Jahre mit der Linken nicht mehr beschäftigt. Sie war ja nach der Implosion des realen Sozialismus mit der DDR wie vom Erdboden verschluckt, ohne dass mir das recht aufgefallen wäre.

Nein,
ich bin nicht blind was den Unterschied zwischen nationalsozialistischen Konzentrationslagern und realsozialistischen Arbeitslagern betrifft und kann auch den Unterschied in der Mortalitätsrate beziffern. Für den Realsozialismus von 1917 bis zu den Killing Fields der späten 1970-er Jahre fällt der Unterschied wenig schmeichelhaft aus.

Nein,
ich habe keine psychischen als vielmehr politische Probleme. Ich habe ein politisches Problem mit totalitären Systemen, die ihre Gegner als psychisch oder geistig krank stempeln, um sie aus dem Kollektiv aussondern und in Sonderbehandlung oder Isolationshaft nehmen zu können. Die realsozialistische Psychologisierung der politischen Gegner der Breschnew-Ära war ihrerseits eine Abmilderung gegenüber der Eliminierung in der Stalin-Ära.

Nein,
alles, was Sie schreiben, ist keine Entgegnung, sondern eine Entgleisung. Sie haben die Spur verloren. Aber sie ist noch da, ich sehe sie vor mir, und lässt sich wiederfinden.

Sonntag, 18. Dezember 2011

Irshad Manji in Berlin


Irshad Manji (links) und Johannes Kandel am 13. Dezember.
Der Muslim ist des Muslim Wolf. Von den rund Tausend Millionen Muslimen auf der Welt sehen sich wahrscheinlich neunhundert Millionen einer beständigen Gefahr für Leib und Leben ausgesetzt, die von ihren Glaubensbrüdern ausgeht. Etliche Zehntausend Muslime sterben jedes Jahr durch Gewalt im Namen Allahs: in Pakistan, im Sudan, in Somalia, in Afghanistan, im Irak, in Syrien, im Jemen, in Gaza, in Indien und Indonesien, um nur die Hotspots in einer Reihung abnehmender Lebensgefährlichhkeit zu nennen.

Unter der Herrschaft des Islams ist in etlichen Ländern nicht nur das tägliche Dasein lebensgefährlich, das Schreiben über die inhärente Gewalttätigkeit dieser Ideologie wäre noch mehr nur etwas für Lebensmüde. Deshalb ist es verständlich, dass sich muslimische Kritik am Islam praktisch nur in den Ländern der freien Welt äußert. Und es sind praktisch nur Frauen, die das tun; denn das Totalitäre ist männlich. Dabei gehen diese Musliminnen zwei im Anliegen verwandte, in der Argumentation getrennte Wege.

Die einen verlassen die Glaubenswelt des Islams, aus der sie kommen, und kritisieren sie von außen. Sie sind nun gewissermaßen Ex-Musliminnen und besonders präzise Beschreiberinnen, weil sie jedes demütigende Detail eines Lebens unter der Herrschaft des Islams erlebt und durchlitten haben. So eine Autorin ist Ayaan Hirsi Ali aus dem failed state Somalia (ihre Bücher finden Sie links in der Randspalte unter Meine Buchtipps). Sie musste erleben, dass ihr selbst im Asyl in den Niederlanden ein Muslim nach dem Leben trachtete –  ihren Kompagnon Theo van Gogh hatte er schon umgebracht. Für Ayaan Hirsi Ali ist auch die freie Welt kein sicherer Ort.
Irshad Manjis neues Buch.

Die anderen bleiben in der Glaubenswelt des Islams und kritisieren sie von innen. Sie bleiben Musliminnen und sind ebenso präzise Beschreiberinnen wie die Aussteigerinnen. So eine Autorin ist Irshad Manji, aus Uganda vertrieben und mittlerweile Kanadierin (ihr erstes und als einziges auf Deutsch erhältliches Buch ebenfalls unter Meine Buchtipps). Im Juni 2011 erschien – vorerst nur auf Englisch – ihr drittes Buch Allah, Liberty and Love, von dem sie sagt, es sei die ”Quintessenz“ ihres geistigen Schaffens: ein Bekenntnis zu einem Islam, der Selbstbestimmung als Frau und Mensch, als Lesbe und Feministin erlaubt. Geht das?

Auf Einladung eines Sozialdemokraten, der bei der Friedrich-Ebert-Stiftung für den ”Dialog mit progressiven Muslimen“ verantwortlich ist, kam Irshad Manji vor einigen Tagen schon, am 13. Dezember 2011, nach Berlin, um im großen Saal der Stiftung dem Organisator und Moderator der Veranstaltung, Johannes Kandel, Rede und Antwort zu stehen. (Dieser Blogeintrag erscheint mit Verspätung, weil ich dem Schreiben zum Geldverdienen – siehe meinen Eintrag vom 14. Dezember – dem Schreiben aus freien Stücken aus naheliegenden Gründen den Vorrang gebe.) Anschließend stellte sich Irshad Manji den skeptischen Fragen des Publikums: ein Islam mit Individualität und Lebensbejahung – geht das wirklich?

Muslimisch und geduldig sein und das noch gleichzeitig, habe ich bisher selten erlebt. Irshad Manji bring das fertig. Mit Engelsgeduld und selbst einem Islamverherrlicher (dem Einzigen im Saal) gegenüber noch freundlich, beharrt sie auf ihrem Standpunkt, dass sie sich das Recht herausnehmen könne, alles am Islam in Frage zu stellen, was ihr fragwürdig vorkomme: ”I fell in love with questioning“. Sie schildert die Gehirnwäsche an der Koranschule, mitten im freien Kanada, nachzulesen in ihrem Buch Der Aufbruch, und wie es eines Tages ”Klick“ gemacht habe: Sie begann, Fragen zu stellen. Da war sie vierzehn – und musste die Koranschule verlassen.
Fragen aus dem Publikum, Irshad Manji hört geduldig zu.

Nur eine selektive Koranlektüre hilft aus der Bevormundung durch muslimische Führer, die oft nur Verführer sind, ist eine frühe Erkenntnis der jungen Irshad. Die ebenso selektive Lektüre der selbsternannten Gottesdeuter ermuntere die Selbstisolation der Diasporagemeinschaften, die Ablehnung der umgebenden offenen Gesellschaft und eine unangebrachte Überheblichkeit. Irshad Manji lernt früh, sich die Rosinen aus dem Koran zu picken und sie gegen die faulen Äpfel ihrer Gegner zu behaupten. Das ist eine legitime Herangehensweise, Juden und später auch Christen praktizieren sie mit ihren heiligen Texten seit dreihundertvierzig Jahren.

”Dare to be an individual“ lautet Irshad Manjis Botschaft an junge Musliminnen, die ihre Hauptleserschaft sind. Damit stellt sie den Kollektivismus der islamischen Ideologie vom Kopf auf die Füße und holt obendrein Die Hälfte des Himmels auf die Erde. Das nehmen ihr muslimische Männer (”I have two enemies: angry muslim men and angry atheists“) besonders übel: Auf ihrer – englischsprachigen – Website berichtet Manji vom Amsterdamer Aufruf zu ihrer Ermordung. Wie Ayaan Hirsi Ali ist auch Irshad Manji in der freien Welt nicht sicher – und da ist es einerlei, ob sie Muslimin ist oder nicht. Die Veranstaltung in Berlin, wenige Tage nach den Amsterdamer Ereignissen, musste unter Polizeischutz stattfinden.
Grauhaariger Sympathisant mit Manji.

Grauhaarige Sympathisanten der Friedrich-Ebert-Stiftung, wie ich es einer bin, machten die Mehrheit des Publikums aus – und ich hatte in der Überzahl schwarzhaarige Sozialdemokraten erwartet, ist doch in Berlin die SPD politische Heimat etlicher Verbandsmuslime, aus deren Mitte jetzt sogar eine SPD-Senatorin stammt. Von den progressiven Muslimen – anders als bei der Tagung vom 20. bis 22. Oktober – kaum eine Spur und auch nicht von Jusos mit Migrationshintergrund oder Musliminnen aus einem der zahllosen öffentlich-rechtlich geförderten Integrationsprojekte, mit denen inzwischen gefühlt mehr Mitbürger ihren Lebensunterhalt verdienen als im Obst- und Gemüsehandel. Wo waren die denn, Herr Kandel?

Nachtrag: Mit Irshad Manji haben Andrea Seibel und Richard Herzinger an einem Folgetag in Berlin ein Gespräch für DIE WELT geführt und es am 21. Dezember online verfügbar gemacht. Darin erläutert Manji ihre hier nur angedeuteten Positionen.
  

Sonntag, 23. Oktober 2011

Progressive Muslime, regressiver Islam – eine Tagung in Berlin


Der Tagungsort: Progressive Muslims zu Gast bei der FES.
Die Stiftungen der politischen Parteien sind Einrichtungen für vorausschauendes Denken und deshalb in der Lage, den Teilnehmern ihrer Tagungen Erkenntnisse zu verschaffen, die sie im Gespräch mit Meinungsführern und Entscheidungsträgern der stiftungstragenden Partei nicht gewinnen würden. Würden die Stiftungen nur reproduzieren, womit sich ihre Mutterparteien produzieren, bräuchten wir sie nicht. Wie gut unser aller Steuergeld für die Tätigkeit der Parteistiftungen angelegt ist, hat dieser Tage die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) unter Beweis gestellt. Hier haben Sozialdemokraten das Sagen – und sie stellen sich Fragen, auf die ihre Partei zum Teil schon Antworten gibt, die verdächtig danach klingen, als kämen sie aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf.

"Politischer Islam" – "Islamismus" Extremistische Islam-Varianten in der Diskussion hieß das Thema des Symposiums des Berlin Forum for Progressive Muslims, das nun schon zum siebten Mal tagte. Das Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung ist ein gut durchdachtes Format: Politisch engagierte Intellektuelle aus Nordafrika und dem Nahen Osten, die sich in ihren Heimatländern oder im Exil gegen die Islamisierung ihrer Herkunftsländer zur Wehr setzen, tauschen ihre Beobachtungen und Schlussfolgerungen mit politisch engagierten Intellektuellen aus Europa aus, die mit der Islamisierung ihrer eingewanderten Muslime konfrontiert sind. Dass es das Forum seit sieben Jahren gibt, zeigt seine Veranlassung aus dem 9/11-Trauma (siehe meinen Blogeintrag vom 11. September 2011). Muslime in Deutschland gibt es seit fünfzig Jahren, aber erst seit zehn Jahren gibt es in der öffentlichen Wahrnehmung die Probleme, die das Tagungsmotto etikettiert.

Das Impulsreferat: Christine Schirrmacher am Stehpult.
Die totalitäre Disposition des Islams und deren Offenbarung in politischer Aktion und Indoktrination waren am ersten Tag im Plenum (21. Oktober) Thema und These des Impulsvortrags von Christine Schirrmacher. Die Islamwissenschaftlerin sprach klar und deutlich das Hemmnis einer Transformation des Islams aus: die Scharia, die keinerlei Begründungen für Demokratie, Freiheits- und Gleichheitsrechte liefere. Wie an einer "gläsernen Decke" pralle an ihr jeder Versuch ab, die totalitäre Herrschaftsideologie des politischen Islams zu überwinden. In den arabischsprachigen Ländern, in denen Jugendrevolten einen Transformationsprozess angestoßen haben, sei diese Problematik noch nicht einmal in der Diskussion der Akteure – ebensowenig in Deutschland, wo Verbände jenes Islams, den sie in Nordafrika und Nahost nicht loswerden, Anerkennung als Religionsgemeinschaft erheischen.

Das zweite Impulsreferat: Claudia Dantschke.
Die totalitäre Indoktrination des Islams in Aktion vor Ort in Deutschland beschrieb am zweiten Tag im Plenum (22. Oktober) der Impulsvortag von Claudia Dantschke am Beispiel des Berliner Bezirks Neukölln. Die Islamismusforscherin lieferte die Empirie zur Theorie des Vortags: In diesem Stadtbezirk, deutschlandweit durch seinen sozialdemokratischen Bürgermeister Buschkowsky bekannt,  ist jeder sechste Einwohner muslimisch. 45 Einrichtungen und Vereine kümmern sich um das, was die deutsche Mitwelt als dessen "Seelenheil" missversteht. Den sunnitisch-panislamischen Moscheevereinen – um nur eine der beleuchteten Akteursgruppen zu nennen – geht es ums Ganze, die Implementierung der islamischen Ideologie in allen Lebensfragen. Von Kindesbeinen an indoktriniert, wissen dann die Mitglieder der Studentengruppe sogar zwischen Professoren und Lehrinhalten zu unterscheiden, die halal oder haram sind: erlaubt oder verboten. So lässt sich an der Humboldtuni islamisch korrekt studieren.

Die Macher: George Khoury (links) und Johannes Kandel.
Die Sozialdemokraten der Friedrich-Ebert-Stiftung sind der natürliche Partner für politische Intellektuelle und Aktivisten, die sich der Islamisierung entweder ihrer Länder oder ihrer Umwelt zu erwehren haben. Mehrmals schon in ihrer langen Geschichte waren Sozialdemokraten im Zangengriff der Totalitären, 1933 gleich von zwei Seiten aus, das hat sie – und die Demokratie mit ihnen – umgebracht. Erst als der Nationalsozialismus am Boden lag, konnten sich die Sozialdemokraten des Realsozialismus erwehren, aber auch nur dort, wo keine Rote Armee sie daran hinderte. Demokratie ist ein fragiles Gut, niemand weiß das besser als die SPD. Deshalb spricht es für ein waches politisches Gespür der Friedrich-Ebert-Stiftung, dass ihr Sektionschef Interkultureller Dialog, Johannes Kandel (siehe meinen Blogeintrag vom 14. Mai 2011), und sein Progressive-Muslim-Partner George Khoury die Forums-Tage mit zwei so pointierten Referentinnen in Schwung brachten. Das Totalitäre ist nichts Gestriges, das wir überwunden hätten; es hat Farbe und Format gewechselt, es ist unter uns und ebenso macht es Gleichgestimmten in Nordafrika und Nahost das Leben schwer.

Der Dialog: Ägypter und Deutsche (von links) im Gespräch.
Die Revolutionen in Nordafrika standen an den beiden Konferenztagen im Zentrum der Aufmerksamkeit, klar, zudem fielen der Tod Gaddafis und der Konferenzauftakt am 20. Oktober auf denselben Tag. Ein Schwerpunkt galt dem Schwergewicht Ägypten, gleich mit zwei Institutsdirektoren vertreten (links im Bild – die Fotos lassen sich durch Anklicken vergrößern und näher betrachten), progressiver Muslim der eine, koptischer Christ der andere, beide darin einig, dass im neuen Ägypten die Minderheit nicht wie bisher unter der Mehrheit, sondern künftig unter dem Gesetz leben solle. Der Systemwechsel von der Gewaltherrschaft zum Rechtsstaat und zur Gewaltenteilung wird in Tunesien und Libyen nicht minder schwierig werden, war in der nächsten Gesprächsrunde zu lernen, sind in beiden Ländern doch von Anfang an islamische Oppositionskräfte an der Arabellion beteiligt. Deren Machtergreifung auf demokratischem Weg (one man, one vote – one time) sei in keinem der nordafrikanischen Länder ausgeschlossen.

Was einen Muslim progressiv macht, ist mir an den zwei Tagen des Berlin Forum for Progressive Muslims nicht recht deutlich geworden. Was den Islam regressiv macht, dazu fiel den politisch engagierten Intellektuellen aus Nordafrika, Nahost und Europa erstaunlich viel ein. Die Mischung von Beiträgen mit konkreter, empirischer Bestandsaufnahme und abstrahierender, theoretischer Schlussfolgerung schien auch für eine Gruppe von Grünen ein Gewinn gewesen zu sein, die an der Tagung teilnahm. Der Widerwille gegenüber der zunehmenden Unterwürfigkeit von Vertretern ihrer eigenen, der Grünen Partei, gegenüber der Anmaßung des politischen Islams hatte sie zur Teilnahme bewogen. Sie nannten das Beispiel der grünen Integrationsbeauftragen in Tübingen; es verschlägt einem die Spucke: Sie hat dort durchgesetzt, dass kein Wein mehr bei Empfängen ausgeschenkt wird, haram, und es gibt auch keine belegten Brötchen mehr mit Salami und Schinken, haram, haram. – Mit meinen neuen grünen Freundinnen und Freunden freue ich mich auf das achte Berlin Forum for Progressive Muslims der Friedrich-Ebert-Stiftung.