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Samstag, 1. Juni 2019

Eine Kundgebung für Israel findet große Medienresonanz


Berlin, 1. Juni 2019, gegen 16 Uhr: Für einen kurzen Augenblick standen sie sich gegenüber, die überwiegend arabischen Teilnehmer der antiisraelischen Demonstration auf der einen Seite des Kurfürstendamms, Höhe Schlüterstraße, und die überwiegend deutschen Teilnehmer der Gegenkundgebung „Kein Islamismus und Antisemitismus in Berlin – Gegen den Quds-Marsch“ auf dem gegenüberliegenden George-Grosz-Platz.

Von jeweils rund 900 Teilnehmern würde später die Rede in den Abendnachrichten sein, die prominent über den Al-Quds-Marsch und die Gegendemo berichteten:

19 Uhr heute Journal: an zweiter Stelle,
19.10 Uhr arte Journal: an zweiter Stelle,
19.30 Uhr rbb-Abendschau: an erster Stelle,
20 Uhr Tagesschau: an erster Stelle.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals in den letzten 50 Jahren mit so wenigen Demonstranten so viel Aufmerksamkeit in den Staatsmedien erreicht zu haben. Das Foto entstand kurz vor 17 Uhr auf dem George-Grosz-Platz. Zu der Zeit waren die Al-Quds-Demonstranten schon zu ihrem Kundgebungsort weiter oben am Ku’damm abgezogen.

Kundgebung auf dem George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm in Berlin.





Mittwoch, 2. Mai 2012

100 Jahre Axel Springer, 45 Jahre »Enteignet Springer«

Martin Walser, Thomas Schmid, Mathias Döpfner am 25. April 2012

Heute wäre der Verleger Axel Springer 100 Jahre alt geworden. Auf die Wiederkehr seines Geburtstags am 2. Mai 1912 stimmte gestern bereits arte mit der Dokumentation Drei Leben: Axel Springer ein. Was es mit den "drei Leben" auf sich hat, verdeutlicht der Untertitel: Es geht um seine Leben als Verleger, Feindbild, Privatmann. Die Sendung wird am 15. Mai auf arte wiederholt und ist sehenswert, weil sie ausgewogen und fair mit einer Figur umgeht, die für viele meiner früheren Freunde immer noch Hassfigur ist: das ewige Feindbild Springer, als wäre die Kampagne »Enteignet Springer« weiter aktuell.

Die gestrige Sternstunde des Fernsehjournalismus ist vor allem deshalb bemerkenswert, weil ich vor genau einer Woche aus dem selben Anlass zu Gast im Axel Springer Verlag war, wo WELT-Herausgeber Thomas Schmid ein Gespräch zwischen dem jetzigen Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG Mathias Döpfner und dem Schriftsteller Martin Walser moderierte (Foto, aufgenommen im Journalisten-Club des Axel Springer Verlags, lässt sich durch Anklicken vergrößern und näher betrachten), das beklagenswert unergiebig blieb. Und das lag nicht an den beiden Springer-Leuten, sondern an dem einstigen Springer-Gegner Walser, der sich der Auseinandersetzung mit dem Feindbild Springer verweigerte.

Schlimmer noch, Martin Walser verweigerte auch eine Stellungnahme zu der Einlassung von Günter Grass, Israel drohe dem Iran mit Auslöschung und gefährde den Weltfrieden. Dass dieses Thema zur Sprache kommen würde war klar, denn die Solidarität mit Israel war eines der Leitmotive Springers und gilt für sein Verlagshaus bis heute. Zu einer Stellungnahme, ob er die Grass-Äußerung als Hass-Äußerung oder Liebeserklärung empfinde, fühle er sich nicht aufgerufen, erklärte Walser auf dreimaliges Nachfragen. Auch in der Sache selbst habe er sich kein Urteil gebildet. Am Ende verließen die Gäste konsterniert den Saal.

Dem Feindbild Springer war an dem Abend des 25. April nicht beizukommen, die gestrige Fernsehsendung erwies sich hingegen als ergiebig, weil sie das Feindbild mit den Verleger Springer und den Privatmann Springer in einen Dreiklang setzte und einen Ansatzpunkt bot, wie es vor 45 Jahren zu der Kampagne »Enteignet Springer« kommen konnte. Diese Kampagne wurde nach dem tödlichen Schuss auf Benno Ohnesorg vom 2. Juni 1967 von Rudi Dutschke ins Gespräch gebracht, später im Republikanischen Club konkret ausgeheckt und entfaltete im Folgejahr 1968 bei den Osterunruhen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke ihre größte Wirkung.

»Enteignet Springer« war eine Reaktion der Außerparlamentarischen Opposition (APO) auf die außerordentlich feindselige Berichterstattung der Springer-Zeitungen über die Studentenbewegung. Axel Springer sah hier eine fünfte Kolonne der DDR am Werk, die ihm so verhasst war wie die DDR selbst (bei ihm "DDR"). Im Nachhinein wissen wir, dass die Staatssicherheit der DDR und deren Inoffizielle Mitarbeiter im Westen tatsächlich kräftig mitmischten und negativen Einfluss ausübten, aber die überwiegende Mehrheit der 1967 und 1968 über Springer Empörten waren Leute wie ich, die die DDR zeitlebens verabscheuten. (Meine unlängst zugestellte Stasi-Akte bescheinigt mir durchgängig Feindseligkeit gegenüber der DDR – was für eine Genugtuung!)

Die einseitige Wahrnehmung der Protestbewegung von 1968 und Springers Unverständnis gegenüber der Neuen Ostpolitik von Willy Brandt seit 1969, die er als Kapitulation vor der DDR und ihrem Großen Bruder, der Sowjetunion, missverstand, sind ein zusammenhängendes Fehlurteilspaar, das sich politisch nur schwer erklären lässt. Die arte-Dokumentation gibt hier Aufschluss, indem sie auch den Privatmann Springer beleuchtet: der hatte 1957 ein religiöses Erweckungserlebnis und blieb fortan von christlichem Eifer beseelt. Das sind Indizien, dass wir es bei Axel Springer nicht mit einem homo politicus zu tun haben, der mit kühlem Kopf analysiert, sondern mit einem Gefühlsmenschen, der mit Leib und Seele die Hitze des Gefechts sucht – und findet (und sich dabei die Finger verbrennt und dann auch darunter leidet).

100 Jahre Axel Springer, 45 Jahre »Enteignet Springer« sind ein guter Anlass, über eine dramatische Fehlentwicklung in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland nachzudenken. Falsche Urteile und schlechte Entscheidungen der Jahre 1967 bis 1969 – auf Seiten des Establishments und auf Seiten der APO – haben direkt in das hochideologisierte Jahrzehnt der 1970er Jahre geführt, das bei vielen Über-60-Jährigen, einigen Jüngeren und manchen älteren Teilnehmern weiter unverdaut in den Köpfen spukt. Der Abend mit Martin Walser hat daran auf ernüchternde Weise erinnert. Das sollte ein Ansporn sein, Vergangenheit und Gegenwart des Feindbilds Springer nicht als intellekuell unbewältigt stehen zu lassen.


Freitag, 19. Juni 2009

Die Zeitungen des Tages


Das ist eine klasse Idee: Der Branchendienst meedia bringt jetzt jeden Tag eine aktuelle Galerie mit den Titelseiten der Tageszeitungen. Beginnend mit der Bild-Zeitung folgen die großen und kleinen Abonnement-Zeitungen von der FAZ zur taz, von der Welt zur Financial Times Deutschland. Anschließend an weitere deutsche Blätter kommen die großen US-amerikanischen Zeitungen New York Times, Washington Post und Wall Street Journal, dann die britischen Blätter und zum Schluss die französischen, die Libération stets dabei.

Nicht nur für Journalisten ist das interessant, sondern überhaupt für alle, denen das Zeitgeschehen nicht schnurz ist. Die können erstaunt feststellen, wie verschieden ein und derselbe Vortag in den vier Vergleichsländern Deutschland, Vereinigte Staaten, Großbritannien und Frankreich auf den Titelseiten abgebildet wird. Beträchtlich auch der Unterschied innerhalb Deutschlands, an manchen Tagen scheint es nicht sicher, ob sie alle im selben Land erscheinen. An anderen Tagen wiederum wirken sie wie wundersam gleichgeschaltet (gleiches Titelfoto, fast gleiche Titelzeile).

Ganz schön aus der Rolle gefallen ist gestern die tageszeitung (Abbildung: Titelseite der taz vom 18. Juni, lässt sich durch Klicken vergrößern und lesen). Zwar hat auch die FAZ den 80. Geburtstag von Jürgen Habermas zum Titelthema gemacht, aber längst nicht so eindringlich wie die taz. Was diese Titelgestaltung so bemerkenswert macht, ist, dass sie sich an die Einbandgestaltung von suhrkamp taschenbuch wissenschaft anlehnt, die der Typograf Willy Fleckhaus in den 1960er Jahren für die seinerzeit intellektuell führende Taschenbuchreihe entwickelt hatte. Chapeau! Und so kurbelt der neue meedia-Dienst sogar den Verkauf an: Ich habe die taz von gestern soeben bei meinem Zeitungshändler nachbestellt - danke, Herr K. Die muss ich haben!

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Und, hat es sich gelohnt? Fragte mich Herr K. die Woche darauf, und ich antwortete ihm: Ja, sehr sogar, ich fand eine Perle. Davon will ich in diesem Nachtrag kurz berichten. Die Perle war ein Beitrag von Norbert Bolz, hieß Das Paradies des Diskurses (taz vom 18.6.2009, Seite 4) und ist leider nicht online nachzulesen. Darin erhält Habermas' Theorie ein Begräbnis erster Klasse, so kurz und bündig, das es ein intellektuelles Vergnügen ist, auch wenn es sehr schnell vorbei geht. Aber zum Glück ist der Autor Vielschreiber. Obwohl er ganz in der Nähe an der Technischen Universität Berlin Leiter des Fachgebietes Medienwissenschaft ist, hatte ich bis dahin nichts von ihm gehört oder gelesen. Das lässt sich nun leicht ändern: Bei Amazon habe eine lange Buchliste gefunden und bei Wikipedia eine lange Linkliste zum Weiterlesen. Ein Link führt zu einem aktuellen Focus-Interview, in dem Norbert Bolz abschließend sagt: "Ich stelle beispielsweise die These auf, dass nicht der islamistische Terror das Problem ist, sondern der Islam selbst." Er wird sich freuen zu erfahren, dass er da nicht allein steht. Danke, taz.
 

Samstag, 18. April 2009

Die taz ist 30. Na und?


Trau keinem über Dreißig war so ein Spruch von 68 und Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment ein anderer. Schön gereimt, aber ziemlich bescheuert. Die taz ist kein Kind von 68; die tageszeitung, wie sie voll ausgeschrieben vielsagend nichtssagend heißt, ist ein Kind von 77.

1977 war das Jahr, in dem die Neue Linke in ihrer radikalsten Form, der Roten Armee Fraktion, ihren totalen Krieg gegen soziale Marktwirtschaft, freiheitlichen Rechtsstaat und parlamentarische Demokratie grandios verlor. Deutscher Herbst statt Endsieg, was für ein Farce! Dem intellektuellen Katzenjammer über das Scheitern eines weiteren totalitären Weltbeglückungsexperiments auf deutschem Boden folgte zwei Jahre später die Gründung der taz. Die Pragmatiker der zweiten Generation der Neuen Linken hatten zu Rotstift und Joint gegriffen und die Kritik der Waffen durch die Waffe der Kritik ersetzt, um ein Bonmot unseres gemeinsamen Urahns K.M. zu bemühen.

Die Ambivalenz des Anfangs ist der taz noch heute, nach 30 Jahren, anzumerken (der Screenshot oben lässt sich durch Anklicken vergrößern und lesen). Seit gestern, heute und morgen feiert sie mit großem Programm ihren 30. Geburtstag. Dass sie zum Establishment gehört, daran ist nicht zu zweifeln (Belege finden Sie weiter unten). Und wie steht es mit dem "Trau keinem über 30"? Wer traut der taz mit 30? 82 043 045 Einwohner Deutschlands tun es nicht. Sie kaufen keine taz. 56 187 Einwohner Deutschlands trauen ihr auch mit 30. So viele kaufen die taz wochentäglich (Quelle: Quartal I 2009 laut Branchendienst Meedia). Das sind 0,0684 % der Bevölkerung (Deutschland hat 82 099 232 Einwohner, Stand 31. August 2008). Verkaufszahlen und Verkaufserlöse der taz lassen sich nicht in den Kategorien der politschen Ökonomie* denken, sondern nur in den Potenzen der politischen Homöopathie messen (es wird wohl auf D3 hinauslaufen). Dass Homöopathie selbst bei starker Verdünnung wirkt, wenn der Rezipient daran glaubt, zeigt die taz: In jungen Jahren wurde sie so oft zitiert wie kein anderes Medium - von anderen Medien.

Etliche Gründungsmütter und -väter der taz kenne ich besser als mir heute manchmal lieb ist: Vor ebenfalls 30 Jahren startete ich meine journalistische Laufbahn beim Stadtmagazin Zitty, und obwohl keine direkte Konkurrenz und obwohl zwei Jahrzehnte beim selben Drucker gedruckt, war zwischen Zitty und taz immer eine leichte Spannung. Ich will das nicht auf den Neid zurückführen, dass wir marktwirtschaftlich operierten, Anzeigen generierten und schon in den mageren Anfangsjahren unseren Leuten doppelt so viel zahlten.

Die taz war alternativ und wollte es sein. Zitty kam aus dem gleichen Milieu und wollte da raus. Genau genommen war es eine Öffnung, eine Bewegung vom linken Rand der Szene zur linken Mitte der Gesellschaft, die uns unterschied. Schon Mitte der 1980er Jahre hatten wir in West-Berlin (2.2 Millionen Einwohner) so viele Käufer wie die taz 2009 im ganzen Land (82.1 Millionen Einwohner). Es sind nicht so sehr zwei verschiedene Printmedien oder Geschäftsmodelle, es sind zwei verschiedene Haltungen, die uns seinerzeit unterschieden. Und heute?

Ambivalent wie am ersten Tag ist die taz ist auf rührende Weise altmodisch (antikapitalistisch) und zugleich erfreulich modern (antitotalitär). So eine Art sympathische Linke. Bei all den Unsympathen, die sich jetzt anmaßen, Die Linke zu sein, und deren sozialdemokratischen Wasserträgern (aus deren Umfeld seinerzeit als Störfeuer eine Anti-taz kam, "Die Neue") ist das ein Kompliment. Das teile ich mit einigen Gratulanten, deren Glückwünsche (in Form von halb- und ganzseitigen Anzeigen) ich hier für meine Leser in Fernost und Lateinamerika aus der heutigen Jubiläumsnummer der taz vorlesen möchte:

Axel Springer schreibt (mit schwarzen und bunten Lettern in 4c wie im Verlagslogo):
"Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?"
Porsche schreibt (und zeigt den 911 Carrera 4S von hinten):
"Der aufregendste Platz war schon immer vorne links."
Die Frankfurter Allgemeine schreibt (links auf leerem Feld):
"Zur Feier des Tages gratulieren wir heute einmal linksbündig."
Meine Einordnung der taz im Establishment verstehen Sie jetzt. Auffallend die Gratulation der Axel Springer AG, die sich eben noch mit der taz gefetzt hat, indirekt, weil die taz sich erfrecht hatte, die Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zu befürworten. Nun liegt das Doppelhochaus von Springer genau an der Ecke Rudi-Dutschke- und Axel-Springer-Straße. Eine Art historischer Kompromiss auf Deutsch, und die taz, deren Verlagshaus schräg gegenüber liegt, verkörpert ihn als Blatt. Das ist nicht das Schlechteste, was sich über ein Geburtstagskind sagen lässt, das sich seine kleine, sehr kleine Nische ansehnlich hergerichtet hat. Jenseits der Nische liegt die fremde Welt des Marktes*, bevölkert von Aliens, von denen sich nur zweierlei sicher sagen lässt: Es sind viele, 82 043 045 genau, und sie kaufen keine taz.
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NACHTRAG: Soeben finde ich dazu passend auf der Blogsite des Mediensdienstes turi2 folgendes Getwitter: "Wenn wir Tarifgehälter zahlen würden, wären wir in anderthalb Monaten pleite." Sagt taz-Chefredakteurin Bascha Mika (gegenüber Spiegel online). Na ja, liebe Frau Mika, das haben wir vor 30 Jahren schon gewußt, und ich habe es auch einmal auf unserer berüchtigten "Seite 13" geschrieben - das kam nicht so gut an seinerzeit. Aber das ist abgeschlossene Vergangenheit: Ich war nur bis 1986 bei Zitty, da war die taz gerade 7, und unserer direkter Mitbewerber damals war der tip, keineswegs die taz.

NOCH EIN NACHTRAG Der Branchendienst newsroom.de berichtet am 11. Mai 2009 das Folgende:
Ihren Frieden haben "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und "die tageszeitung" (taz) schon vor Jahren geschlossen - jetzt ist Diekmann als Miteigentümer beim linksalternativen Blatt eingestiegen. Diekmann bestätigte am Montag in Berlin, dass er als neues Mitglied der "taz"-Genossenschaft Anteile an der Zeitung übernommen habe. "Die "taz" ist mein zweitbestes Stück - nach "Bild" eben", sagte er und fügte hinzu: "Die "taz" ist eine tolle Zeitung, die leider das kleine ökonomische Problem hat, dass sie niemand wirklich braucht."
Was die taz dazu sagt, finden Sie hier.