Dienstag, 9. November 2010

9. November oder Wie viel Denkmal braucht das Land?

Freitag Salon im Maxim Gorki Theater am 9. November 2010

Was fällt uns ein? Die Deutschen und die Erinnerung als Kult und Kultur hieß das Thema des Freitag Salons im Maxim Gorki Theater. Auf der Bühne (Foto, von links nach rechts): Wolfgang Wippermann (Historiker), Lea Rosh (Vorsitzende des Förderkreises Denkmal für die ermordeten Juden Europas), Jakob Augstein (Verleger des Freitag), Markus Meckel (1990 Außenminister der DDR). Es sollte um den 9. November gehen, einen Tag, der vielererlei Erinnerung an deutsches Heils- und Unheilsgeschehen wachruft. Geheilt hat der 9. November dabei nur einmal: 1989, als er der Beginn des Genesungsprozesses war, mit dem sich Europa von den Verheerungen der Bürger-, Angriffs- und Vernichtungskriege des 20. Jahrhunderts seit nunmehr 21 Jahren auf dem Weg der Besserung befindet.

Ein sichtbares Zeichen dieser Besserung ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das im Gespräch der vier Freitag-Salon-Diskutanten den breitesten Raum einnahm. der Freitag will das Gespräch in seiner nächsten Ausgabe veröffentlichen, sicherlich wird einiges auch in seiner Onlineversion nachzulesen sein. Dieses Denkmal im Herzen Berlins verbindet die 9. November auf ganz vorzügliche Weise: ermöglicht durch den europäischen Freiheits-, Vereinigungs- und Demokratisierungsprozess, der am 9. November 1989 seinen zweiten, entscheidenden Schritt, den der Selbstbefreiung vom Realsozialismus begann (nach dem ersten Schritt vom 8. Mai 1945, der militärischen Bezwingung des Nationalsozialismus durch die Alliierten), hält es die Erinnerung an den 9. November 1938 wach, der aus jüdischen Deutschen endgültig deutsche Juden machte, eine von deutschen Ariern unterschiedene und zum Ausscheiden bestimmte Spezies.

Ansprache zum 20. Geburtstag: Freitag-Verleger Jakob Augstein
Die Kluft zwischen Wissen und Verstehen ist mir bei der Freitag-Salon-Runde deutlich geworden wie selten; denn schon dieser naheliegende Zusammenhang kam nicht zur Sprache. Statt dessen warf Diskussionsleiter Augstein (im Foto rechts bei seiner Ansprache zum 20. Geburtstag des Freitag, der im Anschluss an den Salon im Foyer begossen wurde) solche Fragen auf: warum es kein Denkmal gebe, das an die positiven Seiten der DDR erinnere, warum man die Bismarck-Denkmäler nicht abreiße, warum es keine demokratischen Denkmäler gebe. Dabei hatte Lea Rosh in vielen ihrer Wortmeldungen eben den demokratischen Charakter des Denkmals für die ermordeten Juden Europas allein schon dadurch verdeutlicht, dass sie den komplexen, nicht nur über parlamentarische Hürden stolpernden Entscheidungsfindungsprozess zur Sprache brachte, wie er für Demokratien typisch ist.

Der aufschlussreichere Teil der Veranstaltung war die folgende Geburtstagsparty zum 20-jährigen Bestehen des Freitag, zu der wir einfachen Salon-Gäste dankenswerterweise eingeladen waren. Dabei überraschte mich angenehm, dass Lea Rosh meine Feststellung teilte, dass das Denkmal für die ermordeten Juden Europas kein sich selbsterklärendes Denkmal sei und dass eine Namensnennung an den vier Himmelsrichtungen, aus denen man sich dem Denkmal nähert, wünschenswert wäre. Ihre Erklärung für das Fehlen einer Beschriftung, dass der Künster dies nicht wolle, kann ich nicht gelten lassen. Beauftragte Künstler sind Leistungserbringer, nicht Herren eines Kunstwerks, für das wir, die Steuerbürger, sie bezahlen. Der Förderkreis für das Denkmal sollte sich nicht davon abringen lassen, Namensschilder oder -bodenplatten zu fordern, die jedem Besucher klar machen, dass das, was er sieht, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas ist.
Denkmal aus Sicht der Vetretung des Landes Rheinland-Pfalz

Wie viel Denkmal braucht das Land? Die Anregung zur Beantwortung der Frage fand ich nicht in der heutigen Veranstaltung, sondern vor einigen Tagen bei unserer deutschsprachigen Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek. Anlässlich der Münchner Aufführung ihres Theaterstücks Rechnitz (in Erinnerung an das Massaker von Rechnitz) schrieb die Süddeutsche Zeitung am 3.11.2010:
Der "Sündenstolz" [...] ist ein Jelinekscher Schlüsselbegriff: Er zielt auf eine florierende Gedenkkultur, mit der man sich, wie die Autorin in einem Interview sagte, in festgelegten rhetorischen Formeln "und voll Selbstgenuss" von der NS-Vergangenheit distanziere und bei den nachfolgenden Generationen nur noch Unwillen erzeuge. Indem Jelinek diesen "Sündenstolz" scharf thematisiert, sät sie den eigentlichen Keim der Provokation.
Am Denkmal für die ermordeten Juden Europas prallte diese Provokation ab - das wäre wohl das Ergebnis gewesen, hätte die Salon-Diskussion derartigen Einwand aufgegriffen. Das ist überhaupt der entscheidende Unterschied zwischen den nationalistischen, sozialistischen und nationalsozialistischen Denkmalen des 19. und 20. Jahrhunderts und den antitotalitären Denkmalen des 21. Jahrhunderts: erstere sind konkret in ihrer stereotypen Bildsprache und wirken als Injektion, letztere sind abstrakt und erzeugen die Fläche für Projektion. Erstere dienen der Indoktrination, letztere der Reflexion. Gut, dass das Denkmal für die ermordeten Juden Europas mit dem unterirdischen Ort der Information über eine Reflexionshilfe verfügt.

Postscriptum vom 14. November 2010. Lea Rosh hat mir geschrieben und stellt richtig:
In einem irren Sie: der Künstler bzw. Architekt hat das verbriefte Recht, "sein Objekt" vor allen Veränderungen zu schützen. Wir dürfen nicht einmal Schilder aufstellen, um die Kinder zu bitten, auf den Stelen nicht rumzuturnen. So ist's halt. Leider.

Samstag, 4. September 2010

Gelichter der Großstadt

Lichter der Großstadt: Blick nach Westen am 3.9. um 19.51 Uhr

B like Berlin ist ein sehr anregendes Blog eines alten Bekannten, in dem er zwei Formate erprobt, die mir besonders gut gefallen: täglich ein Schnappschuss mit einem typisch berlinischen Motiv als Foto mit einer kurzen Bildunterschrift dazu (die Aufnahme rechts ist allerdings von mir und zeigt den gestrigen Abendhimmel über dem Potsdamer Platz) und täglich ein Berlin-Zitat, in dem sich Menschen aller Art über ihre Stadt äußern. Eine solche Meinungsäußerung hat heute mein Missbehagen ausgelöst. Sie lautet:
Ich kann nur sagen, dass Berlin für mich das macht, was es für viele Künstler macht: Es hat einfach etwas Inspirierendes, in einer Stadt zu leben, wo man den allermeisten Leuten anmerkt, dass es ihnen nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht. Man merkt der Stadt an, dass da viele Leute irgendwelchen verschrobenen Träumen nachgehen können.
(Judith Holofernes, deutsche Musikerin und Liedtexterin, Sängerin und Gitarristin von ‘Wir sind Helden’ – aus ‘SZ-Diskothek’, Interview, 24.08.2010)
Einen Stern war mir das das Zitat von Judith Holofernes wert ("very poor") und einen Kommentar, den ich hier zur Kenntnis bringen möchte, weil er etwas Grundsätzliches anspricht: eine Haltung, die mich schon lange an meinen Mitberlinern stört:
Sehr bedauerlich zu lesen, dass die sehr sympathische Sängerin zu jenem Milieu gehört, das der Marktwirtschaft feindselig gegenübersteht. Die Haltung ist leider typisch für Menschen, die ihr Geld mit der angenehmsten aller Arbeiten verdienen, einer selbstgewählten, selbstbestimmten und selbsterfüllenden. Statt dessen wäre es ausgesprochen wünschenswert, wenn es in Berlin mehr Menschen gäbe, denen es in erster Linie ums Geldverdienen geht; denn schon heute leben knapp 20 Prozent aller Hauptstädter von dem Geld, das andere für sie verdienen: eine Umverteilung in großem Stil – und ohne Schamgefühl. Denn die, deren Steuergeld hier konsumiert wird, verrichten in der Regel keine so lustvolle Arbeit wie Judith Holofernes.
Nachtrag: Auf Facebook gibt es ein Echo zu diesem Eintrag; und Tommy Tulip hat in seinem Blog blackbirds.tv mehr Aufschlussreiches über Judith Holofernes' Marktferne beigesteuert. Von einer Künstlerin, die sich in einem Markt mit ausgeprägtem Wettbewerb durchsetzt und die mit ihrer Popmusik in der und durch die Marktwirtschaft gutes Geld verdient, erwarte ich, dass sie die Chancenvielfalt offener Märkte zu würdigen und die Möglichkeiten, viel Geld zu verdienen, zu schätzen weiß - statt Leute hochzujubeln, denen es "nicht in erster Linie ums Geldverdienen geht". Diese Verachtung von Markt- und Geldwirtschaft war und ist Ausgangspunkt aller Ideologien, denen künstlerische Freiheit so schnuppe ist wie jedes andere Persönlichkeitssrecht. (Beachten Sie bitte auch die beiden Kommentare: unten zu klicken.)
   

Mittwoch, 25. August 2010

Propaganda und Terror


Topograhie des Terrors
Blick auf den Ausstellungsgraben
 
Auf dem Freigelände der Topographie des Terrors ist seit heute eine neue Dauerausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich. Sie trägt den Titel "Berlin 1933-1945. Zwischen Propaganda und Terror" und ist im sogenannten Ausstellungsgraben zu sehen, der sich rechts auf dem frühabendlichen Foto (das sich durch Anklicken vergrößern und auf Flickr kommentieren lässt)  über die gesamte Länge entlang des Mauerrestes an der Niederkirchnerstraße erstreckt. (Hier noch eine Aufnahme von der gestrigen Eröffnung.) Von oben schützt ein Glasdach die früheren Kellerräume, an deren Wänden die Schautafeln über das nationalsozialistische Berlin angebracht sind. Es handelt sich um ganz normale Keller, nicht um Folterkeller. Die Fahnder und Vernehmer der Gestapo folterten in ihren Büros in den oberen Stockwerken.

Zwischen Propaganda und Terror ist eine gute Titelwahl (Konzeption der Ausstellung: Dr. Claudia Steur und Mirjam Kutzner), weil sie unterstreicht, dass das totalitäre Regime eben kein Schreckensregiment im Sinne einer Tyrannei ist, die alle und jeden unterdrückt. Ganz im Gegenteil lebt das Totalitäre gerade von der Zustimmung jener Massen, in deren Namen es wirkt. Das Mittel, sich breite Zustimmung zu sichern, ist Propaganda. Sie bestärkt den Sympathisanten, schmeichelt dem Mitläufer und umwirbt den Skeptiker. Und sie lässt in Ruhe, wer das Maul hält. Wer es aber aufmacht, den wird das Totalitäre mit Gewalt unterwerfen und mitleidlos enteignen: seiner Rechte, seiner Freiheit, seines Lebens. Das ist der Terror, und weil er hier an der Wilhelmstraße, in der Mitte Berlins, ausgebrütet und umgesetzt wurde, trägt der Ort seinen Namen: Topographie des Terrors.
 

Samstag, 14. August 2010

13. August und die Geschichten jener Nacht


KulturRaum Zwingli-Kirche heißt das Projekt einer Gruppe engagierter Berliner Bürger (und Bürgerinnen, ist doch klar) zur intelligenten, quartiernahen Nutzung der leerstehenden evangelischen Zwinglikirche am Rudolfplatz in der Friedrichshainer Oberbaum-City. KulturRaum Zwingli-Kirche meint im Wortsinn: das Kirchengebäude als Raum für Kultur nutzen. Kultur wiederum meint vor allem Ausstellungen, Lesungen, Filmvorführungen.

Sommer im Quartier heißt kurz und bündig das aktuelle Kulturraumprogamm. Rechts im Bild das dazugehörige Plakat, das es in einer anderen Version als Faltblatt zum Aufklappen gibt, sehr praktisch gedacht und gemacht; denn auf der Rückseite steht das vollständige Programm, das es natürlich auch hier im Internet gibt, wo es sich auch als PDF herunterladen lässt.

Geschichten jener Nacht hieß der DEFA-Spielfilm, der gestern, am 13. August 2010, im KulturRaum zu sehen war. Jene Nacht war die vom 12. auf den 13. August 1961. Der Episodenfilm von 1967 erzählt erzählt vier Geschichten jener Nacht (jeder Link ist wie üblich klickbar und führt zu weiteren Informationen) und jede der vier Geschichten wird von einem anderen Autor und Regisseur mit anderen Schauspielern ins Bild gesetzt:

Episode 1: Phoenix von Karlheinz Carpentier (Buch und Regie)
Episode 2: Die Prüfung von Ulrich Thein (Buch mit Erik Neutsch [Spur der Steine] und Regie)
Episode 3: Materna von Frank Vogel (Buch mit Werner Bräunig [Rummelplatz] und Regie)
Episode 4: Der große und der kleine Willi von Gerhard Klein (Regie, Buch Helmut Baierl)

Es ist die erste Garde der Kulturschaffenden, die schreibt, dreht und spielt. Warum sie das fünf Jahre nach dem Mauerbau tut (die DEFA-Geschichten jener Nacht kamen im Jahr darauf am 8. Juni 1967 in die DDR-Kinos), ist mir ein Rätsel; denn es hatte gleich 1962 zwei fabelhafte Propagandafilme für den realen Sozialismus gegeben, über die ich mich anlässlich ihrer Wiederaufführung vor einem Jahr ausgelassen habe (siehe meinen Eintrag vom 29. August 2009: "Der Kinnhaken oder Wie Manfred Krug 1962 den Mauerbau mit viel Selbstironie rechtfertigt").

Es sind Propagandafilme vom feinsten, die die DEFA seinerzeit produziert hat: sehr intelligent, sehr smart, sehr schmissig, und dazu war sie in der Lage, weil ein Teil der deutschen Kultur- und Unterhaltungselite in den realen Sozialismus Walter Ulbrichts vernarrt war und sich der der Sozialistischen Einheitspartei hingab, einer totalitären Formation, die nach etlichen Umfirmierungen heute als Die Linke in einer virtuellen DDR das Sagen hat, die keineswegs vor dem Westen Deutschlands halt macht und nach wie vor etliche antikapitalistische Kulturschaffende in ihren Reihen weiß, die sich ohne zu zögern für präsidiabel halten. Die Geschichten jener Nacht erinnern daran, dass der Geist, der solches speist unter uns weilt wie das Gespenst, als es in Europa umging. Aus den Mauerbauapologeten von einst sind die Mauerversteher von heute geworden, aus dem Kleinen Willi der große Tatort-Komissar.

Dem KulturRaum-Team Dank für einen anregenden Abend und gute Wünsche für den weiteren Sommer im Quartier. Ach, mein Hinweis auf diese Veranstaltungsreihe auf Facebook (Link geht nur für Facebook-Mitglieder) hat gleich zu einer kleinen Debatte über das neuberlinerische Quartier geführt. Stimmt, wir Altberliner nennen es Kiez. (Dass dieser Begriff auch so seine Geschichte hat, lässt sich bei Wikipedia gut nachlesen.)

 

Freitag, 13. August 2010

Topographie des Terrors (3) oder Das ganze Bild



Seit dem 3. Juni
habe ich kein Baufahrzeug mehr auf dem Freigelände der Topographie des Terrors  gesehen, das möchte ich mit einiger Verspätung nachtragen und durch eine Fotoserie belegen, die den gesamten Fertigstellungsprozess dokumentiert: Hier geht es zum entsprechenden Picasa Webalbum, das ich heute endlich angelegt habe. Bei der Gelegenheit sei auch versichert, dass die Bauarbeiter bei ihrem Abzug alle Hinterlassenschaften, die sie zuvor sorgfältig im Robinienwäldchen versteckt hatten (siehe Eintrag vom 11. Mai), mitgenommen haben.

Die Topographie des Terrors ist aber nicht nur ein dankbarer Gegenstand für den Amateurfotografen (das Foto zeigt das fertige Gelände am 3. Juni 2010 beim Abzug des letzten Baufahrzeugs), sie ist in erster Linie ein wichtiger Ort in Berlin und für Deutschland. Er dokumentiert beides: Die Hinterlassenschaften des Gewaltapparates der totalen Herrschaft, mit dem die nationalsozialistische Reichsregierung einen großen Teil Europas unterworfen hatte. Und die Bereitschaft des freien und demokratischen Deutschlands von 2010, sich der intellektuellen Herausforderung zu stellen, die die Hinterlassenschaft des Totalitären uns Heutigen abfordert.

Die Relikte von gestern und die Reaktionen von heute machen die Topographie des Terrors zu einem Lernort, dessen Potential sich schon abzeichnet: Neben der ständigen Ausstellung im neuen Dokumentationszentrum und der ersten Sonderausstellung über das Getto von Lodz (Lodsch, bei den Nazis: Litzmannstadt), gab es vor der Sommerpause etliche Vorträge und Vorführungen nationalsozialistischer Propagandafilme, die den Geist und die Sprache der totalitären Ideologie im Original offenbarten. Besser lässt sich intellektuelle Immunisierung gar nicht erreichen.
 

Dienstag, 10. August 2010

Berlins Fernsehturm im Morgenlicht


O je, drei Monate Pause. Das hat es im Leben der Berliner Freiheiten noch nie gegeben. Ursache war die Rückkehr in die Stadt, mitten ins Zentrum. Ein Umzug, der mit allerhand Widrigkeiten einherging, die hier nichts zur Sache tun. Dass es ausgerechnet eine Katze war, deren Miauen mich jäh aus dem Schlaf riss, ist eine der Paradoxien des Stadtlebens. Um 5:57 Uhr war die Nacht vorbei, und beim Blick aus dem Schlafzimmer sah ich zwar die Katze nicht, dafür aber den markanten Berliner Fernsehtum im Morgenlicht. Hier rechts im Bild festgehalten, was sollte ich sonst Sinnvolles tun.

Der Berliner Fernsehturm ist nicht nur Deutschlands höchstes Bauwerk, sondern auch eines der wenigen Gebäude aus DDR-Zeiten, das die Berliner, alte wie neue, ohne Wenn und Aber als ihr Eigentum angenommen haben. Die Identifikation ist so groß, dass auch gebürtige West-Berliner ihn lieben, obwohl sie noch gut in Erinnerung haben, dass es Walter Ulbricht war, der den Turm zum 20. Jahrestag der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik am 7. Oktober 1969 eröffnete. Die Gründung der DDR wiederum fand gewissermaßen vor meiner Haustür statt, da muss ich nur zur anderen Seite aus dem Wohnzimmer gucken, um den Ort zu sehen. Aber davon ein andermal. Wenn die Katze wieder mauzt.
 

Dienstag, 11. Mai 2010

Topographie des Terrors (2)


Wenn wir Journalisten uns nicht beeilen, haben Zeitungen oder Zeitschriften leere weiße Seiten. Hässliche Sache, geschieht deshalb praktisch nie oder wenn doch, dann meist aus Protest gegen irgendetwas oder irgendwen. Wenn Bauarbeiter sich nicht beeilen, gibt es z.B. vollgemüllte braune Flächen, wo leeres feines Grau herrschen sollte. Das beobachte ich mit stiller Verwunderung seit Tagen vor meiner Haustür, wo die neu gestaltete Freifläche des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors partout nicht fertig werden will. Und das am Tag vier nach der offiziellen Öffnung des Geländes für das Publikum am 7. Mai 2010. (Siehe dazu meinen Eintrag vom Vortag der Eröffnung, dem 6. Mai 2010.)

Aus den Augen, aus dem Sinn. Heute gab es eine vergnügliche Lektion in Baustellenberäumung zu lernen. Schritt 1: Wir identifizieren, was weg muss. Schritt 2: Wir greifen uns, was weg muss. Schritt 3: Wir verstecken, was weg muss und nun weg ist. Wie das geht, zeigt eine kleine Bildfolge in meinem Picasa-Webalbum. Morgen schaue ich nach, ob die Baureste im Robinienwäldchen endgelagert werden, oder ob es sich doch nur um einen Zwischenstopp handelt. (To be continued.)

Nachsatz: Es war nur ein Zwischenstopp, das habe ich im Eintrag vom 13. August 2010 dokumentiert.

  

Donnerstag, 6. Mai 2010

Topographie des Terrors


Topographie des Terrors heißt nach wie vor das vollkommene neu gestaltete Dokumentationszentrum, das heute Abend von Bundespräsident Horst Köhler eingeweiht werden wird. Heute morgen bat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die internationale Presse zur Vorbesichtigung. Da ich nun direkt gegenüber dem Gelände wohne, habe ich den Fertigstellungsfortschritt der letzten Tage und die morgendliche Pressekonferenz fotografisch dokumentiert. Die Abbildung rechts zeigt das Gelände der Topographie heute früh um 8 Uhr. Die Wette, dass es zur heutigen Einweihung fertig wird, hätte ich angenommen - und verloren, wie hier zu sehen ist.

Samstag, 24. April 2010

Min dît - Die Kinder von Diyarbakir


Ein politischer Film ohne ein politisches Wort und überhaupt ohne viele Worte ist das Drama Min dit - Die Kinder von Diyarbakir, der seit Donnerstag im Kino läuft. So etwas Ergreifendes wie die Geschichte der lautlosen Ermordung kurdischer Oppositioneller durch türkische Paramilitärs - aus Kinderaugen gesehen, erlebt und erlitten - habe ich noch nie gesehen.

Es sind die Augen der zehnjährigen Laienschauspielerin Senay Orak (oben in der Mitte des Filmplakats, Abbildung rechts, lässt sich durch Anklicken vergrößern), die Sie nie wieder vergessen werden. Wärmste Empfehlung für ein Meisterwerk des Berliner kurdisch-deutschen Regisseurs Miraz Bezar, produziert vom Hamburger türkisch-deutschen Filmemacher Fatih Akin.

Nachsatz vom 5. Mai 2010: Auf Facebook gibt es eine Filmseite für Min dit, auf der ich den Film ebenfalls gewürdigt und anschließend die Frage gestellt hatte:

Ach, kann mir jemand sagen, was Min dit auf Deutsch heißt?
Die Antwort kam prompt von Aygül Y. aus Hamburg: Ich hab's gesehen. Was für ein treffender Titel!
 

Mittwoch, 7. April 2010

Weizsäcker zum Neunzigsten


Am heutigen Mittwoch liegt die neue Zitty am Kiosk und bringt ein altes Foto von mir. Wie das?
In einer Woche, am 15. April 2010, wird Richard von Weizsäcker neunzig. Als er gerade noch sechzig war, wollte er Berlins Regierender Bürgermeister werden. Das war im März 1981, und ich war gerade noch dreißig. Auf dem Foto sind wir beide zu sehen und führen ein zitty-Gespräch,  in dem es erstmals auch um die Option Schwarz-Grün ging. Warum ich das schon vor 29 Jahren für eine schlüssige Alternative hielt, geht aus dem historischen Interview hervor, aus dem Zitty einen Auszug bringt (Seite 41). Warum die politischen Entscheidungsträger fast drei Jahrzehnte brauchten, ehe sie dieser Option - zaghaft - Geschmack abgewinnen konnten, dafür habe ich nur eine Erklärung: Sie sind ideologisch vernagelt.

Weitsicht und Vorurteil sind ungleich verteilt, und der schleppende Gang der politischen Entscheidungsprozesse zeigt, dass Scheuklappen im Politbetrieb der häufigste Kopfputz sind. Zu den alten Fotos (sehr schöne Aufnahmen aus dem Fundus des schon immer dabeien Zitty-Grafikers Peter Senftleben) gibt es einen neuen Text. Darin bilanziere ich neunzig Jahre Richard von Weizsäcker und komme zu dem Schluss: Für Berlin war er ein Guter. Davor mache ich mir Gedanken über die totalitäre Verführbarkeit der Eliten, für die die Weizsäckers ein ebenso anschauliches wie unerfreuliches Beispiel sind. Aber lesen Sie selbst: Für 3,20 Euro gibt es die neue Zitty jetzt am Kiosk, mein Weizsäcker-Essay beginnt auf Seite 38.

Nachsatz: Mittlerweile ist die neue Zitty die alte und nicht mehr im Zeitschriftenhandel verfügbar. Ich habe den Text deshalb heute (23. April 2010) online verfügbar gemacht; bitte klicken Sie hier.
 

Donnerstag, 28. Januar 2010

Israel braucht Zuneigung


Das war eine Premiere: mein erster Facebook-Termin. Genau genommen war es heute Abend die erste Veranstaltung, die ich besuchte habe, weil ein Facebook-Eintrag darauf hingewiesen und mich angesprochen hatte. Bei der Veranstaltung im Jüdischen Gemeindehaus in der Charlottenburger Fasanenenstraße ging es um Die Agenda der "Israelkritiker", ein Vortrag und Diskussion mit Alex Feuerherdt. Auf den Termin hingewiesen hatte mein Facebook-Freund Tilman Tarach, dessen Buch Der ewige Sündenbock ich im letzten Jahr mit großem Erkenntnisgewinn gelesen hatte. Es wird mit einem Geleitwort von Henryk M. Broder im Februar in dritter, komplett überarbeiteter Fassung in den Handel kommen. Auf der von Henryk Broder mitgestalteten Achse des Guten (siehe Meine Blogtipps in der Randspalte links weiter unten) fand ich gestern einen weiteren Hinweis auf die heutige Veranstaltung.

Die Agenda der "Israelkritiker" beschreibt Alex Feuerherdt, freier Autor in Bonn (auf dem Bild oben in Berlin hinter dem Mikrofon), als gebündelte Abneigung gegen Israel. In dem Bündel sind aktuell drei propagandistische Kriegserklärungen der Joint Forces des linksliberalen, linken und islamischen UNO-NGO+Unterstützermedien-Mainstreams:
> der Goldstone-Bericht, der die Raketen der Hamas verharmlost und die Bomben der Israelis gegen die Raketen der Hamas verteufelt,
> ein Amnesty-International-Bericht über Wasserraub der Israelis zwecks Ausdurstens der Araber im vormals ägyptischen Gazastreifen (Hamastan) und am vormals jordanischen Westufer (Fatahland),
> die israelische Siedlungspolitik, die das größte Hemmnis für den Frieden überhaupt sei.

Das Mantra vom friedensstiftenden Siedlungsstopp wiederholen deutsche und EU-Politiker auf Knopfdruck - obwohl der kriegsstiftende Effekt des Siedlungsstopps im Gazastreifen noch in bester Erinnerung ist: erst Krieg der Hamas gegen die Fatah, nach deren Vertreibung aus Gaza Krieg der Hamas zur Vernichtung Israels gemäß Hamas-Charta, die ein judenreines Palästina als Endlösung vorsieht. Schließlich Krieg der IDF gegen die Hamas. Zur Zeit: relative Waffenruhe, aber kein bisschen Frieden. Wie der mit einer totalitären Bewegung möglich sein soll, deren einziger Daseinszweck die Endlösung 2.0 ist, hat noch kein westlicher Politiker überzeugend erklären können. Hier kann auch Alex Feuerherdt nichts Neues berichten.

Das Pingpongspiel von NGOs und UNO, die sich nicht nur die Bälle zuspielen, sondern deren Spieler auch gern mal die Seiten wechseln, wenn es Israel zu schaden gilt, darüber hat der Vortrag etliches Neues zutage befördert. Nur so viel: Der Goldstone-Bericht, sagt Feuerherdt, zitiere im Wesentlichen proarabische NGOs, der Amnesty-Bericht stütze sich auf rein arabische Quellen vom Westufer, die eben dieses austrocknen lassen. Zweimal Propaganda zum Schaden Israels - und die Propagandisten sind unverdächtig, kommen sie doch aus dem Westen und nicht aus dem Haus des Islam (über dessen Konstruktion Meine Buchtipps in der Randspalte links weiter unten nähere Auskunft geben). Ich hoffe, dass der Vortrag bald online verfügbar ist, und werde meinen Wunsch dann hier an dieser Stelle durch einen Link ersetzen. Damit all jene, die Israel in Zuneigung verbunden sind, Fakten an die Hand bekommen für Gespräche mit Menschen off Mainstream, die für Argumente offen sind. Und weil nicht jeder Facebook-Freunde hat wie ich, die news to use verbreiten.
 

Donnerstag, 31. Dezember 2009

Gorilla Bathes at Noon und tschüss 2009


Gorilla badet am Mittag ist eine der typischen Hinweistafeln für die Besucher des Berliner Zoos und hat einem Film zu seinem (englischen) Titel verholfen, der auch Tiger is fed in the morning hätte lauten können; denn neben dem Gorilla spielt der Sibirische Tiger (panthera tigris altaica) in dieser Liebeserklärung an das wiedervereinigte Berlin eine tragende Rolle: Der Filmheld, ein nach dem Abzug der Sowjetarmee in der Hauptstadt gestrandeter Rotarmist, klaut den Menschenaffen Bananen und seinen "Landsleuten" aus Sibirien, den Tigern, das Fleisch, um sich über Wasser zu halten.

Gorilla Bathes at Noon ist ein 1991-92 gedrehter Berlinfilm von Dušan Makavejev, dessen Inhalt hier kurz geschildert ist. Zum ersten Mal war der Streifen im Februar 1993 außer Konkurrenz im Wettbewerb der 43. Berlinale zu sehen und zum hoffentlich nicht letzten Mal gestern in Sacrow. Makavejevs Film bildete den Abschluss der vorzüglichen Filmreihe AugenBlicke im Schloss, auf die ich schon in früheren Einträgen (29. August 2009 und 10. Juli 2009) gut zu sprechen war. Beim Schloss handelt es sich um das Schloss Sacrow, Veranstalter der Filmreihe ist der Verein Ars Sacrow.

Die New York Times beschrieb den Film 1995 anlässlich des New York Film Festivals treffend als eine whimsical cinematic collage, zu Deutsch eine wunderliche, schrullige, absonderliche, seltsame, kurz: ziemlich schräge filmische Collage. Auf der maßgeblichen amerikanischen Bewertungsseite Rotten Tomatoes gab es dafür 67 % Zustimmung auf dem Tomatometer und den 59. Rang auf der Top-150-Liste der Besten unveröffentlichten fremdsprachigen Filme der New Yorker Zeitschrift Film Comment. Da kann sich Ars Sacrow über ein Mitglied freuen, dessen Arbeit auch in Amerika Anklang findet (oben rechts im Bild Gorilla-Produzent Joachim von Vietinghoff, der gestern in den Film eingeführt hat und hier dabei ist, die Bonbons Babelsberger Schüler und ein Making-Of dieses Kurzfilms als Zugabe anzukündigen).

Goodbye Lenin hätte der Film besser heißen sollen; denn um den Abschied vom roten Diktator ging es Regisseur Makavejev, der noch im Königreich Jugoslawien zur Welt gekommen war (1932) und die Niederkunft des realen Sozialismus in seiner Heimat erlebt hatte (1945). Goodbye Lenin ist wörtlich zu nehmen; denn wir sehen im Film die Demontage und Deportation des riesigen Lenindenkmals vom einstigen Leninplatz in Friedrichshain, der heute Platz der Vereinten Nationen heißt. Der Abbau der weltberühmten Monumentalfigur von Nikolai Tomsky, von dem auch das Moskauer Leninmausoleum in seiner heutigen Gestalt stammt, begann am 8. November 1991. Makavejev war vorher und währenddessen mit seiner Kamera und seinem Hauptdarsteller dabei und drehte seine Spielfilmhandlung in diesen Echtzeitrahmen eingebettet. Das ist wirklich unglaublich zu sehen, wie der echte Leninkopf und der falsche Rotarmist vom Platz fahren.

Die filmische Collage, von der die New York Times spricht, ist Gorilla Bathes at Noon aber nicht nur wegen der eingebundenen Originalaufnahmen von der Entsorgung eines Überbleibsels des realen Sozialismus (der neuerdings eine virtuelle Wiederauferstehung erlebt), sondern auch wegen der in die Spielfilmhandlung einbezogenen historischen Filmaufnahmen von dessen Ankunft im April 1945. Allerdings benutzt Makavejev nicht wie (von IMDb) behauptet Szenen aus dem berühmten Dokumentarfilm Berlin (1945) von Yuli Raizman und Yelizaveta Svilova, der den amerikanischen Verleihtitel The Fall of Berlin trägt und in einer nachgestellten Szene das Hissen der Hammer-und-Sichel-Fahne auf dem Reichstag zeigt - in Schwarzweiß. Statt dessen arbeitet Makavejev mehrere Sequenzen aus dem Farbfilm Padeniye Berlina (1949) von Mikheil Chiaureli ein, der ebenfalls unter dem US-Titel The Fall of Berlin läuft und das Hissen der Sowjetflagge im Rahmen der Spielhandlung hoch theatralisch auf die ausgebrannte Kuppel des Reichstags verlegt, wo es in echt nun überhaupt nicht stattgefunden hat.

Stalin landet auf dem Flughafen von Berlin und wird dort 1945 von den Eltern des Sowjetsoldaten begrüßt, den Makavejev durch das Berlin von 1992 geistern lässt. Auch diese Szene aus Padeniye Berlina (hier auf Youtube) hat es in echt nicht gegeben. Stalin hatte Flugangst und war im August 1945 mit dem Zug aus Moskau direkt nach Potsdam zur (Potsdamer) Konferenz gereist. Und wir sehen natürlich auch nicht Stalin, sondern Micheil Gelowani, der seit 1938 bis zum Tode des Diktators 1953 in 14 Propagandafilmen den Stalin gab. Der war ein Georgier - und Gelowani ebenso, und auch Regisseur Chiaureli war Georgier! Den Fall von Berlin (Padeniye Berlina) brachte er Anfang 1949 als Zweiteiler aus Anlass von Stalins 70. Geburtstag (der auch für mein Schicksal bedeutsam war) in die sowjetischen Kinos. Aus diesem Propagandaschinken schöpft Makavejev mit vollen Händen, und eben diese Mischung aus historischem Spielfilm, aktueller Spielhandlung und Dokumentarfilm, der sich so nahtlos im Spielfilm fortsetzt wie der sich unbekümmert an den historischen Spielfilm (der wie ein Dokumentarfilm wirken sollte und es noch tut) anlehnt - mit dieser Collageform erzeugt Gorilla Bathes at Noon eindringliche Bilder, die lange nachwirken.

Schade, dass die Filmreihe zum Mauerfall nun vorbei ist. Schön, dass es im Jahr 2010 eine Fassbinder-Retro in Sacrow geben soll. Das kündigte der Spiritus Rector der AugenBlicke im Schloss an. Rainer Werner Fassbinder, Jahrgang 1945, wäre 2010 am 31. Mai 65 geworden, wenn er nicht 1982 schon gestorben wäre, in demselben Jahr, in dem kurz zuvor Konrad Wolf gestorben war. Fassbinder hätte Wolf, nach dem die Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen benannt ist (HFF Konrad Wolf), sehr geschätzt, und deshalb sei eine Doppel-Retro ins Auge gefasst. Das bestätigte und begrüßte Juliane Lorenz, Präsidentin und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Fondation, die nach Sacrow gekommen war und die geplante Retrospektive mit vorbereiten wird. Das verspricht spannend zu werden.

Da bedauere ich es ein klein wenig, ausgerechnet jetzt wieder nach Berlin in die Stadt zu ziehen, wo ich es doch von Kladow aus in 12 Minuten zum Schloss schaffe. Aber vielleicht will ein Filmfreund des Ars Sacrow aus Berlin den umgekehrten Weg gehen und die Schlossnähe in Kladow suchen: Mein Haus (ein original 60er-Jahre-Architektenbau) steht hier zum Verkauf (bitte weitersagen). Im übrigen bleibe ich der Meinung, dass es eine Schande ist, dass all die anregenden Filme der Sacrower Filmreihe zum Mauerfall im Jubiläumsjahr nicht auch im gebührenfinanzierten Fernsehen liefen. Und das war's dann für den heutigen Silvestertag: Gorilla Bathes at Noon und tschüss 2009.
 

Mittwoch, 25. November 2009

Die Anwälte oder Was geschah mit Otto, Horst und Hans-Christian?


So voll habe ich das Kreuzberger Programmkino fsk noch nie erlebt. Beinahe ausverkauft war der große Saal gestern Abend, und das an einem Dienstag mitten in der Woche. Allerdings hat der Film Die Anwälte von Birgit Schulz einen Protagonisten, der in Kreuzberg ein Star ist: Hans-Christian Ströbele, der im September 2009 im Wahlkreis 84, zu dem Kreuzberg gehört, 73.721 Erststimmen erzielte und mit 46,8 Prozent ein Direktmandat für den Deutschen Bundestag gewann. Auch die beiden anderen Protagonisten sind hier keine Unbekannten: Otto Schily und Horst Mahler, zusammen mit Hans-Christian Ströbele sind sie "Die Anwälte".

Die Dokumentarfilmerin Birgit Schulz hat bereits für etliche Fernsehdokumentationen, hauptsächlich für WDR/arte, Preise eingeheimst. Ihrem ersten Kinofilm gab sie den Untertitel "Eine deutsche Geschichte", und ich bin sicher, dass es dafür weitere Preise geben wird. Das wäre mir recht; denn dieser Dokumentarfilm ist schon deshalb so sehenswert, weil die Autorin es schafft, sich selbst vollkommen zurückzunehmen, sich kein bisschen wichtig zu machen und statt dessen die Anwälte zu Wort kommen zu lassen. Sie sind es, die eine deutsche Geschichte erzählen - und zwar aus drei verschiedenen Blickwinkeln. Das genügt, um klar zu machen: Dieses Kapitel der deutschen Geschichte ist unabgeschlossen.

Was geschah mit Otto, Horst und Hans-Christian? Einst waren sie linke Anwälte und verteidigten 1967/68 und danach Aktivisten der APO, später der RAF. Und heute? Otto Schily ist Bundesinnenminister a.D. und Sozialdemokrat. Horst Mahler ist NPD-Anwalt a.D. und Nationalsozialist. Hans-Christian Ströbele ist Grüner im Dienst und Radikalsozialist. Was sagt das über 68 und die Folgen? Rein statistisch sagt es, dass sich zwei Drittel der Protagonisten von der totalitären Ideologisierung der antiautoritären Bewegung nie gelöst haben (eines hat obendrein noch die Farbe gewechselt: von Rot auf Braun). Und dass das letzte Drittel eine libertäre Haltung vertritt, die es heute, nach der aktuellen Reideologisierung von Sozialdemokraten und Grünen, in den beiden Parteien mit 68er Vergangenheit kaum noch gibt.

Lesenswert ist das Begleitheft zum Film, das neben anderen nützlichen Materialien auf der Website zum Film zu finden ist. Hörenswert ist die Filmmusik von Pluramon. Sehenswert ist dieser Film (er läuft nur in wenigen deutschen Kinos) für alle Fünfzigjährigen und Sechzigjährigen, die damals irgendwie dabei oder angesteckt waren und ebenso für Menschen aller Altersgruppen, die diese Zeit nur vom Hörensagen oder aus dem Fernsehen (DDR-Bürger) kennen und spüren, dass sich damals eine deutsche Geschichte ereignete, deren offene Wunden heute noch nicht geheilt sind. Sehr gut, dass dieser Film keine neue Wunde aufreißt und Teil der Lösung und nicht Teil des Problems ist wie der Baader-Meinhof-Film, den Das Erste am Wochenende mit großem Tamtam (einschließlich Gewinnspiel) ausstrahlte (meine negative Bewertung des Films hatte ich bereits in einem Eintrag am 12. Januar 2009 verdeutlicht).
 

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Broders Kritik am Zentralrat: Die Grundhaltung stimmt

 
Ob Henryk M. Broders Beschreibung der Befähigung des Führungspersonals des Zentralrats der Juden zutrifft, vermag ich nicht zu beurteilen. Dass der im Text erwähnte Generalsekretär keine Ahnung hat, wovon er redet, ist mir auch schon aufgefallen (siehe meinen Blogeintrag vom 10. Oktober 2009 unter http://docbieling.blogspot.com). Was Broders Bewerbungsschreiben für das Amt des Präsidenten des Zentralrats so lesenswert macht, ist die libertäre Grundhaltung, mit der er alle totalitären Anmaßungen gleichermaßen zurückweist. Diese Haltung ist selten geworden in Deutschland, und deshalb ist es gut, dass er sich für ein Amt bewirbt, das eben nicht ohne Ansehen der Person zu beurteilen ist.
Der Eintrag bezieht sich auf diesen Artikel: Henryk M. Broder: Meine Kippa liegt im Ring (view on Google Sidewiki)

Nachsatz: Henryk M. Broder hat seine Kandidatur inzwischen zurückgezogen, wie Spiegel online mitteilt.
 

Samstag, 10. Oktober 2009

Kopftuchmädchen


Lettre International ist über jeden Verdacht erhaben, eine Zeitschrift zu sein, die Gedankengut verbreitet, das "Göring, Goebbels und Hitler große Ehre erweist". In "geistiger Reihe mit den Herren" zu stehen, macht ein deutscher Verbandssprecher nun einem Gesprächspartner des Lettre-Chefs Frank Berberich zum Vorwurf. Berberich, der zum Gründerkreis der taz gehört, hat in der Ausgabe 86 Berlin auf die Couch gelegt (rechts die Abbildung des aktuellen Titelbilds, das Heft gibt es überall hier) und sich mit Thilo Sarrazin über die Hauptstadt unterhalten. Eine gute Idee; denn der fühere Finanzsenator weiß, wie es um Berlin steht. Wer Augen hat zu sehen und ein Hirn, das Gesehene gedanklich zu bewältigen, wird zu keinem nennenswert anderen Befund kommen. Vor 25 Jahren habe ich vergleichbare Interviews in Zitty veröffentlicht. Ich erinnere mich an eines mit Heinrich Lummer, einem CDU-Rechtsaußen und bis 1986 Innensenator. Thilo Sarrazin ist SPD-Mitglied. Ich hätte ich so ein Gespräch, wie es Frank Berberich mit ihm geführt hat, ebenfalls ohne mit der Wimper zu zucken veröffentlicht. Zum Hitler-Sarrazin-Vergleich hat Henryk M. Broder im immer lesenswerten Blog Die Achse des Guten (und deshalb links in der Randspalte einer meiner ständigen Blogtipps) das Nötige schon gesagt.

Wer Anschauungsunterricht nehmen möchte, wie es sich mit jenem Teil der Berliner Bevölkerung verhält, der "für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", der mag sich um zehn vor acht vor eine Grundschule am, sagen wir, Kottbusser Tor stellen und Augen und Ohren offen halten, mehr ist gar nicht nötig. Wer Anschauungsunterricht nehmen möchte, worin der Unterschied zwischen Nationalsozialisten wie Göring, Goebbels und Hitler auf der einen und einem Sozialdemokraten wie Thilo Sarrazin auf der anderen Seite besteht, der lese den ganzen Text, und den gibt es hier und an zahlreichen Verkaufsstellen. Ich empfehle für 17 Euro den Erwerb der kompletten Zeitschrift, weil Lettre International Nummer 86 ein Füllhorn ist, voll von Blumen (Bildern) und Früchten (Texten) aus und über Berlin. Im übrigen handelt es sich bei besagten Kopftuchmädchen um kein ethnisches Phänomen, sondern um ein ideologisches. Dazu bietet die Rubrik Meine Buchtipps in der linken Randspalte weiter unten vielfälige Anregungen zum Weiterlesen.
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Postscriptum
Der haarsträubende Vergleich des Sozialdemokraten Sarrazin mit den Nationalsozialisten Göring, Goebbels und Hitler hat Henryk M. Broder offenbar dermaßen auf die Palme gebracht, dass er gestern, am 21. Oktober 2009, seine Kandidatur für das Amt des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland öffentlich im Berliner Tagesspiegel bekannt gegeben hat - ein wegen der darin zum Ausdruck gebrachten libertären Grundhaltung lesenswertes Bewerbungsschreiben. Ha, Google hat seit heute ein neues Instrumnt namens Sidewiki. Damit lassen sich Websites oder einzelne Beiträge darauf oder Teile derselben kommentieren. Die Bemerkungen sind für alle, die ebenfalls Sidewiki in ihrer Browser-Toolbar installiert haben, öffentlich zu sehen. Sie lassen sich auch gleich weiterleiten, mit Email oder an ein Blog. Das habe ich soeben ausprobiert und siehe da - oben, in meinem nächsten Blogeintrag vom 22. Oktober, ist der Kommentar zum Broder-Artikel im Tagesspiegel nachzulesen.

Postscriptum 2 Die Frankfurter Allgmeine Sonntagszeitung hat bereits am 18. Oktober 2009 in einem blendend recherchierten und glänzend geschriebenen Beitrag von Volker Zastrow die Hintergründe der Bundesbank ausgeleuchtet, die offenbar gezielt und absichtsvoll eine Sarrazin-Falle aufgestellt und hat zuschnappen lassen, um ihr Vorstandsmitglied "über die Bande gespielt" abschießen zu können. Die "Bande" ist hier das künstliche Erregen eines öffentlichen Ärgernisses - lesenswerte Story!

Die Geschichte nimmt heute, am 27. November, die nächste Wendung. Nun verklagt Lettre die Bild-Zeitung wegen Content-Klaus (also Inhalte-Diebstahls), wie die Mediendienste kress und Meedia berichten. Dagegen wehrt sich der Bild-Chefredakteur in seinem Blog - alles höchst amüsant für uns Zuschauer.