Donnerstag, 31. Dezember 2009

Gorilla Bathes at Noon und tschüss 2009


Gorilla badet am Mittag ist eine der typischen Hinweistafeln für die Besucher des Berliner Zoos und hat einem Film zu seinem (englischen) Titel verholfen, der auch Tiger is fed in the morning hätte lauten können; denn neben dem Gorilla spielt der Sibirische Tiger (panthera tigris altaica) in dieser Liebeserklärung an das wiedervereinigte Berlin eine tragende Rolle: Der Filmheld, ein nach dem Abzug der Sowjetarmee in der Hauptstadt gestrandeter Rotarmist, klaut den Menschenaffen Bananen und seinen "Landsleuten" aus Sibirien, den Tigern, das Fleisch, um sich über Wasser zu halten.

Gorilla Bathes at Noon ist ein 1991-92 gedrehter Berlinfilm von Dušan Makavejev, dessen Inhalt hier kurz geschildert ist. Zum ersten Mal war der Streifen im Februar 1993 außer Konkurrenz im Wettbewerb der 43. Berlinale zu sehen und zum hoffentlich nicht letzten Mal gestern in Sacrow. Makavejevs Film bildete den Abschluss der vorzüglichen Filmreihe AugenBlicke im Schloss, auf die ich schon in früheren Einträgen (29. August 2009 und 10. Juli 2009) gut zu sprechen war. Beim Schloss handelt es sich um das Schloss Sacrow, Veranstalter der Filmreihe ist der Verein Ars Sacrow.

Die New York Times beschrieb den Film 1995 anlässlich des New York Film Festivals treffend als eine whimsical cinematic collage, zu Deutsch eine wunderliche, schrullige, absonderliche, seltsame, kurz: ziemlich schräge filmische Collage. Auf der maßgeblichen amerikanischen Bewertungsseite Rotten Tomatoes gab es dafür 67 % Zustimmung auf dem Tomatometer und den 59. Rang auf der Top-150-Liste der Besten unveröffentlichten fremdsprachigen Filme der New Yorker Zeitschrift Film Comment. Da kann sich Ars Sacrow über ein Mitglied freuen, dessen Arbeit auch in Amerika Anklang findet (oben rechts im Bild Gorilla-Produzent Joachim von Vietinghoff, der gestern in den Film eingeführt hat und hier dabei ist, die Bonbons Babelsberger Schüler und ein Making-Of dieses Kurzfilms als Zugabe anzukündigen).

Goodbye Lenin hätte der Film besser heißen sollen; denn um den Abschied vom roten Diktator ging es Regisseur Makavejev, der noch im Königreich Jugoslawien zur Welt gekommen war (1932) und die Niederkunft des realen Sozialismus in seiner Heimat erlebt hatte (1945). Goodbye Lenin ist wörtlich zu nehmen; denn wir sehen im Film die Demontage und Deportation des riesigen Lenindenkmals vom einstigen Leninplatz in Friedrichshain, der heute Platz der Vereinten Nationen heißt. Der Abbau der weltberühmten Monumentalfigur von Nikolai Tomsky, von dem auch das Moskauer Leninmausoleum in seiner heutigen Gestalt stammt, begann am 8. November 1991. Makavejev war vorher und währenddessen mit seiner Kamera und seinem Hauptdarsteller dabei und drehte seine Spielfilmhandlung in diesen Echtzeitrahmen eingebettet. Das ist wirklich unglaublich zu sehen, wie der echte Leninkopf und der falsche Rotarmist vom Platz fahren.

Die filmische Collage, von der die New York Times spricht, ist Gorilla Bathes at Noon aber nicht nur wegen der eingebundenen Originalaufnahmen von der Entsorgung eines Überbleibsels des realen Sozialismus (der neuerdings eine virtuelle Wiederauferstehung erlebt), sondern auch wegen der in die Spielfilmhandlung einbezogenen historischen Filmaufnahmen von dessen Ankunft im April 1945. Allerdings benutzt Makavejev nicht wie (von IMDb) behauptet Szenen aus dem berühmten Dokumentarfilm Berlin (1945) von Yuli Raizman und Yelizaveta Svilova, der den amerikanischen Verleihtitel The Fall of Berlin trägt und in einer nachgestellten Szene das Hissen der Hammer-und-Sichel-Fahne auf dem Reichstag zeigt - in Schwarzweiß. Statt dessen arbeitet Makavejev mehrere Sequenzen aus dem Farbfilm Padeniye Berlina (1949) von Mikheil Chiaureli ein, der ebenfalls unter dem US-Titel The Fall of Berlin läuft und das Hissen der Sowjetflagge im Rahmen der Spielhandlung hoch theatralisch auf die ausgebrannte Kuppel des Reichstags verlegt, wo es in echt nun überhaupt nicht stattgefunden hat.

Stalin landet auf dem Flughafen von Berlin und wird dort 1945 von den Eltern des Sowjetsoldaten begrüßt, den Makavejev durch das Berlin von 1992 geistern lässt. Auch diese Szene aus Padeniye Berlina (hier auf Youtube) hat es in echt nicht gegeben. Stalin hatte Flugangst und war im August 1945 mit dem Zug aus Moskau direkt nach Potsdam zur (Potsdamer) Konferenz gereist. Und wir sehen natürlich auch nicht Stalin, sondern Micheil Gelowani, der seit 1938 bis zum Tode des Diktators 1953 in 14 Propagandafilmen den Stalin gab. Der war ein Georgier - und Gelowani ebenso, und auch Regisseur Chiaureli war Georgier! Den Fall von Berlin (Padeniye Berlina) brachte er Anfang 1949 als Zweiteiler aus Anlass von Stalins 70. Geburtstag (der auch für mein Schicksal bedeutsam war) in die sowjetischen Kinos. Aus diesem Propagandaschinken schöpft Makavejev mit vollen Händen, und eben diese Mischung aus historischem Spielfilm, aktueller Spielhandlung und Dokumentarfilm, der sich so nahtlos im Spielfilm fortsetzt wie der sich unbekümmert an den historischen Spielfilm (der wie ein Dokumentarfilm wirken sollte und es noch tut) anlehnt - mit dieser Collageform erzeugt Gorilla Bathes at Noon eindringliche Bilder, die lange nachwirken.

Schade, dass die Filmreihe zum Mauerfall nun vorbei ist. Schön, dass es im Jahr 2010 eine Fassbinder-Retro in Sacrow geben soll. Das kündigte der Spiritus Rector der AugenBlicke im Schloss an. Rainer Werner Fassbinder, Jahrgang 1945, wäre 2010 am 31. Mai 65 geworden, wenn er nicht 1982 schon gestorben wäre, in demselben Jahr, in dem kurz zuvor Konrad Wolf gestorben war. Fassbinder hätte Wolf, nach dem die Potsdamer Hochschule für Film und Fernsehen benannt ist (HFF Konrad Wolf), sehr geschätzt, und deshalb sei eine Doppel-Retro ins Auge gefasst. Das bestätigte und begrüßte Juliane Lorenz, Präsidentin und Geschäftsführerin der Rainer Werner Fassbinder Fondation, die nach Sacrow gekommen war und die geplante Retrospektive mit vorbereiten wird. Das verspricht spannend zu werden.

Da bedauere ich es ein klein wenig, ausgerechnet jetzt wieder nach Berlin in die Stadt zu ziehen, wo ich es doch von Kladow aus in 12 Minuten zum Schloss schaffe. Aber vielleicht will ein Filmfreund des Ars Sacrow aus Berlin den umgekehrten Weg gehen und die Schlossnähe in Kladow suchen: Mein Haus (ein original 60er-Jahre-Architektenbau) steht hier zum Verkauf (bitte weitersagen). Im übrigen bleibe ich der Meinung, dass es eine Schande ist, dass all die anregenden Filme der Sacrower Filmreihe zum Mauerfall im Jubiläumsjahr nicht auch im gebührenfinanzierten Fernsehen liefen. Und das war's dann für den heutigen Silvestertag: Gorilla Bathes at Noon und tschüss 2009.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen