Samstag, 23. Mai 2009

Die Republik 60 und ihre Vertreter wenig weise


Heute also sechzigster Geburtstag
der Bundesrepubkik Deutschland. Und Wahl des Bundespräsidenten im Berliner Reichstag (Abbildung rechts). Das Ergebnis zeigt: Am Geburtstag der Republik verhalten sich die Repräsentanten wenig weise. Nicht das Wahlergebnis ist zu kritisieren. Das ist klar und eindeutig: Der Präsident unserer durch Markwirtschaft erfolgreichen Demokratie darf Märkte Monster nennen als sei er noch der Sparkassendirektor von nebenan und kann dennoch sicher sein, mit absoluter Mehrheit wiedergewählt zu werden. Mit den Stimmen jener schwarz-gelben Volksvertreter, die als marktnah gelten. Da möchte man lieber nicht wissen, was der rot-grünen Minderheit marktfern genug gewesen wäre, um den Präsidenten zu bestätigen. Was die offen marktfeindliche Minderheit der Minderheit denkt, hat deren Kandidat mit dankenswerter Deutlichkeit zu Protokoll gegeben: Sofort verhaften, diesen Ackermann! Na ja, der Mann ist halt bekennender DDR-Anhänger. Und diese Mischpoke konnte mit gerade mal einer einzigen Stimme Mehrheit in Schach gehalten werden. Das lässt für die Zukunft nichts Gutes ahnen.

Unrechtsstaat DDR ist das Schlüsselwort, um das es geht. Ein Blick auf die Mehrheit der Minderheit zeigt das Problem: 503 rot-grüne Volksvertreter stimmten für die Kandidatin der SPD, 10 enthielten sich der Stimme. Das bedeutet: 503 Sozialdemokraten und Grünen macht es nichts aus, dass Gesine Schwan sich weigert, die DDR für einen Unrechtsstaat zu halten. 10 Sozialdemokraten oder Grünen macht es was aus. Sie stimmten nicht gegen ihre Kandidatin, das ist fair, aber sie wählten sie nicht. Die Verweigerungsneigung war in den letzten Tagen öffentlich erörtert worden:

SPD-Abgeordneter rückt von Gesine Schwan ab

Der scheidende SPD-Bundestagsabgeordnete Stephan Hilsberg erwägt, der SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan wegen ihrer Äußerungen zur DDR seine Stimme zu verweigern. „Wie ich abstimme, überlege ich mir jetzt noch mal. Die Verabschiedung vom Begriff Unrechtsstaat ist für mich nicht hinnehmbar“, sagte er dem Berliner „Tagesspiegel“. Der frühere DDR-Bürgerrechtler, der am Samstag in der Bundesversammlung an der Präsidentenwahl teilnimmt, reagierte damit auf Schwans Weigerung, die DDR ausdrücklich als „Unrechtsstaat“ zu bezeichnen. Sie lehne diesen Begriff ab, weil er zu diffus sei, hatte Schwan zur Begründung erklärt. Hilsberg war kürzlich nach 18 Jahren als SPD-Bundestagsabgeordneter in seinem Wahlkreis in Brandenburg nicht erneut als Kandidat für die Bundestagswahl im September aufgestellt worden. dpa | Quelle: FTD 19.5.2009, Seite 11
Diese Meldung habe ich mit innerer Zustimmung zur Kenntnis genommen und dem Abgeordneten, den ich nicht weiter kenne, in einer Email am selben Tag zugeraten, weiter fest nachzudenken:
Sehr geehrter Herr Hilsberg,

ich beziehe mich auf die unten [hier: oben] zitierte Meldung, die ich der heutigen Financial Times Deutschland (19. Mai, Seite 11) entnahm. Ich möchte Sie in Ihrer Überlegung bestärken.

Zuletzt konnte ich Ihren Parteigenossen, Herrn Thierse, am 26. April bei Anne Will beobachten, wie er sich fast eine Stunde wandt, bevor ihm Frau Will ein gequältes Ja, dass es sich um einen Unrechtsstaat handele, entlocken konnte. Die Sendung hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, Der Linken die Deutungshoheit über Recht und Unrecht nicht kampflos zu überlassen. In der Sendung waren es Herr Knabe, Herr Schäuble und Frau Will, die versuchten, die Koalition der Beschwichtiger und Beschöniger (Herr Thierse und ein mir unbekannter Vertreter Der Linken, Herr Maurer) aufzubrechen.

Dass Frau Schwan inhaltlich Teil dieser Koalition ist, war mir in der Deutlichkeit bisher nicht bewusst. An der linken Verschwörung (einer klassischen Manipulationskampagne) gegen die Formulierung Unrechtsstaat DDR sollte sich die SPD nicht beteiligen. Dass Frau Schwan dabei mitwirkt, ist mir besonders unverständlich, habe ich sie doch als junger Student am Berliner Otto Suhr Institut als entschieden antitotalitär erlebt. Die Verwischung der bisher unstreitigen und anerkannten Grenzen zwischen Rechtsstaat und Unrechtsstaat, zwischen freiheitlicher Demokratie und Marktwirtschaft und totalitärer Diktatur und Planwirtschaft, ist Teil eines linken Projekts, das unerfreulich weit gediehen ist. Gut zu wissen, dass sich in der SPD offen Widerstand regt. Das gibt mir Hoffnung; denn ich teile die Abwehr totalitärer Anmaßung mit journalistischen Mitteln durch gelegentliche Veröffentlichungen und Einträge in meinem Blog.

In Ihren Überlegungen kann ich Sie nur bestärken, lieber Herr Hilsberg. Gut wäre es, wenn die Leugnung des Urechts zum Schwanengesang der Kandidatin würde. Hat denn Ihre in der FTD erwähnte Nicht-Wiederaufstellung als Kandidat für die Bundestagswahl mit dem Linksruck in der SPD (der inhaltlichen Annäherung an Die Linke) zu tun, oder hat sie einen ganz anderen Hintergrund (der mich nichts anginge)? Fragt

freundlichst Ihr
Rainer Bieling
Die Antwort des Abgeordneten steht noch aus. Bekannt hingegen ist, zu welchem Ende er in seinen Überlegungen gekommen ist: Er würde nun doch Gesine Schwan wählen, meldete der Focus zwei Tage später. Mein beherzter Griff in die Tasten hat also nix genutzt. So waren es 10 andere Sozialdemokraten oder Grüne, die sich enthalten haben. Ihnen sei Dank. Dass die Weigerung, Unrecht beim Namen zu nennen, tatsächlich zum Schwanengesang der Kandidatin geworden ist, steht nun fest. Aber auch, dass 503 rot-grüne Volksvertreter nix dabei finden. Nachtrag: So lustig war die DDR heißt ein Beitrag auf achgut, der Anhaltspunkte gibt, warum das so ist.

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Diese Grüne machte Köhler zum Bundespräsidenten, titelt die BZ am Montag nach der Wahl (25. Mai 2009) auf Seite 2 und berichtet von der Abgeordneten Silke Stokar,
sie habe dem Kandidaten der Unionsparteien, der FDP und der Freien Wähler, Horst Köhler und nicht der von ihrer Partei und der SPD unterstützten Kandidatin Gesine Schwan ihre Stimme gegeben, da sie ein mögliches koordiniertes Abstimmungsverhalten ihrer Partei mit der Linkspartei in einem eventuellen dritten Wahlgang habe verhindern wollen (zitiert aus dem Wikipedia-Eintrag zu Silke Stokar zu Neuforn).
Der Eintrag und die BZ-Meldung stützen sich auf einen Bericht der SZ vom Vortag (24. Mai 2009), der mit folgender aufschlussreicher Information endet:

"Ich bin eine freie Abgeordnete", sagte sie. Stokar gilt bei den Grünen als konsequente Vertreterin des Reformerflügels. In der Fraktion ist sie mit als rechts empfundenen Positionen, zum Beispiel zum Datenschutz, mehrfach angeeckt. Bei der Listenaufstellung für den nächsten Bundestag war sie in Niedersachsen gescheitert.
Die Parallele zum SPD-Abgeordneten Hilsberg ist frappierend: Beide Abgeordnete stehen dem Realsozialismus ablehnend gegenüber, gelten in ihren Parteien deshalb als rechts - und werden zur Bundestagswahl ausgebootet. Das zeigt zweierlei: SPD und Grüne stellen sich personell so auf, dass sie nach der Wahl am 27. September keine Störenfriede einer etwaigen Koalition mit Der Linken in ihren Reihen haben. Und Die Linke, deren früherer Parteigenosse Kurras den Studenten Benno Ohnesorg auf dem Gewissen hat (siehe oben, Eintrag vom 2. Juni) hat es schon weit gebracht, ihre virtuelle DDR auf ganz Deutschland zu übertragen. Bei der Präsidentenwahl ist sie nur knapp gescheitert. Frau Stokar gebührt der Dank, wie wir nun wissen. Das war eine gute Entscheidung für unsere libertäre Demokratie.
 

Donnerstag, 7. Mai 2009

Learning by Movie


Das Jüdische Film Festival Berlin, kurz JFFB, ist in diesem Jahr besonders gelungenen. Das kommt sicher daher, dass etliche ungemein gute Filme zur Verfügung standen - und dass Festivalleiterin Nicola Galliner beherzt zugegriffen hat. So war der heutige vierte Festivaltag im Arsenal am Potsdamer Platz (die Abbildung rechts zeigt zeigt die Kinokasse im Untergeschoss des Filmhauses im Sony Center mit dem punktgesichtigen Festivalplakat [lässt sich durch Anklicken vergrößern] rechts unten am Tresen) mit gleich zwei Spitzenfilmen wieder außerordentlich ergiebig. Ich habe beide mit Gewinn gesehen. Um 18 Uhr The Wedding Song, um 20 Uhr The Gift To Stalin, beide mit Verspätung gestartet (es war richtig voll heute, erfreulicherweise, nach einem etwas verhaltenen Auftakt am Wochenbeginn - das Festival dauert im Arsenal laut Programm noch bis 14. Mai). Nachsatz: Mittlerweile ist es vorbei, aber hier gibt es ein paar Erinnerungsbilder und Eindrücke.

The Wedding Song (der Originaltitel Le chant des mariées, zu Deutsch Der Gesang der Bräute, bringt den Inhalt besser auf den Punkt als es der eingedeutschte englische Titel Das Hochzeitslied täte), ist eine französisch-tunesische Koproduktion von 2008. Die Regisseurin Karin Albou hat schon vor drei Jahren, 2006, eine als Spielfilm dargereichte Ethnostudie auf dem JFFB präsentiert, La petite Jérusalem (Little Jerusalem) von 2005, die unter dem Titel Mein kleines Jerusalem zuletzt am 4. Mai 2009 auf arte lief. Die beiden Spielfilme der aus einer Familie algerischer Sephardim stammenden Französin Karin Albou behandeln das gleiche Thema: die schwierige, aber mögliche Beziehung zwischen Menschen (es sind jeweils Tunesier) aus sephardisch-jüdischem und maghrebinisch-muslimischem Milieu. War der Maghreb in Little Jerusalem nach Paris in die Vorstadt der Jetztzeit verpflanzt, so geht The Wedding Song zurück an einen Originalschauplatz der Vergangenheit, in das Tunis der Kriegszeit.

Nun ist Tunesien nicht irgendein Land in Afrika, Tunesien ist Afrika und war es mal ganz allein. Das heutige Tunesien trug von 146 vor unserer Zeit bis ins Jahr 698 (mit Unterbrechungen) den römischen Provinznamen Africa, der erst später auf den ganzen Kontinent übertragen wurde (seit dem vierten Jahrhundert war Africa eine der zwölf Diözesen, "Verwaltungen", des Reiches). Zuvor war die Provinz/Diözese fast acht Jahrhunderte lang das Staatsgebiet Karthagos, einer ursprüngliche phönizischen Kolonie, die sich - wie Jahrtausende später die Vereinigten Staaten - vom Mutterland abgenabelt hatte und erst in einem langwierigen Kampf um die imperiale Vorherrschaft im westlichen Mittelmeer vom Römischen Reich zerstört worden war. Und nach den Römern waren die Araber eingefallen, seit den 630er Jahren die neue Imperialmacht am südlichen Mittelmeerrand. Die Araber waren gekommen, um zu bleiben. Mit nachhaltigem Erfolg, bis heute (mit Unterbrechungen) steht Tunesien, das alte Africa, unter der Herrschaft des Islam.

The Wedding Song öffnet ein Zeitfenster, das uns in eine der vielen für den Einzelnen schicksalhaften Episoden der dreitausendjährigen Geschichte Tunesiens blicken lässt. Es ist das Jahr 1942. Der Zweite Weltkrieg erreicht Tunis, seit 1881 französische Kolonie, seit 1940 (Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich und Teilung des Landes in ein deutsches Besatzungsgebiet und einen französischen Reststaat namens État français, das sogenannte Vichy-Regime) von französischen Behörden regiert, die als verlängerter Arm der Vichy-Regierung operieren. Das ist wörtlich gemeint. Die Operation zielt auf das Herausschneiden des jüdischen Krebsgeschwürs aus dem gesunden arabischen Volkskörper, um es in der Sprache der Nationalsozialisten auszudrücken. Im November 1942 besetzen deutsche Truppen Tunesien, die Wehrmacht übernimmt das Kommando. Die französischen Behörden gehen von der stillschweigenden Kooperation zur offenen Kollaboration über. Sie machen sich das Anliegen der Wannseekonferenz vom Januar 1942 zu eigen: Endlösung der Judenfrage - nun auch in Tunesien.

Die Fusion von nationalsozialistischem und muslimischem Antiseminitismus geht auf diese Zeit zurück. Karin Albou deutet das in ihrem Film nur sehr dezent an. Da hängt in einer kurzen Sequenz ein Foto des Großmuftis von Jerusalem an der Wand seiner tunesischen Verehrer. Für Moslems gilt die Fatwa eines Muftis ohnehin mehr als für Christen eine Enzyklika des Papstes. Der Großmufti aber, Mohammed Amin al-Husseini sein Name, hatte in der islamischen Welt eine herausgehobene Stellung - und ein Büro im nationalsozialistischen Berlin. Wikipedia berichtet:
Er traf Joachim von Ribbentrop und wurde offiziell von Hitler am 28. November 1941 in Berlin empfangen. Nazi-Deutschland richtete dem „Großmufti von Jerusalem“ ein Büro in Berlin ein, in dem ihm großzügige Geldmittel sowie ein umfangreicher Mitarbeiterstab zur Verfügung standen. Hier organisierte er Radiopropaganda für Deutschland, Spionage und Zersetzung in den islamischen Regionen Europas und des Nahen Ostens. [...] Nach dem Sieg der Alliierten bei el-Alamein rief er zum Dschihad
gegen die Juden: „Ich erkläre einen heiligen Krieg, meine Brüder im Islam! Tötet die Juden! Tötet sie alle!“
Mohammed Amin al-Husseini floh nach dem für ihn verlorenen Krieg mit zahlreichen nationalsozialistischen Gesinnungsgenossen nach Ägypten, wo sie Asyl erhielten. Da Ägypten seinerzeit den Gazastreifen besaß, konnte al-Husseini dort in seiner Eigenschaft als Großmufti von Jerusalem am 22. September 1948 eine Arabische Regierung für ganz Palästina ausrufen, die von etlichen muslimischen Regierungen anerkannt und erst 1959 von der Patronatsmacht Ägypten wieder aufgelöst wurde. al-Husseini war nicht nur ein entfernter Verwandter von Jassir Arafat, sondern auch dessen politischer Mentor. Arafat und die PLO, die heute die Autonomiebehörde des Westjordanlandes beherrscht, haben al-Husseini (gestorben 1974 in Beirut) stets, noch 2002, als unseren Helden verehrt. (Wer also bloß Hamas, Hisbollah und die Islamische Republik Iran für eine totalitäre Bedrohung des Nahostfriedens hält, springt erkennbar zu kurz.)

The Wedding Song ist ein Liebeslied, das uns das Lied vom Tod spielt. Aber der Tod summt dunkel und leise im Hintergrund. Im Vordergrund klingt hell und laut der Gesang vom Liebesleid der beiden Bräute, und alles, was ich bisher festgehalten habe, ist Learning by Movie, nicht das Movie selbst. Das ist wirklich große Kunst: Der Schrecken der Zeit, der Bombenwinter von 1942, die Kollaboration bei der Endlösung, Tunis am Vorabend der Schlacht um Tunesien (Frühjahr 1943 - der Wüstenfuchs der Wehrmacht, Erwin Rommel, gegen Eisenhower und Montgomery) - all das ist die Folie, die es braucht, um eine Geschichte zu erzählen, um eine Handvoll Einzelschicksale ins Bild zu rücken. Und hier findet, nein schafft Karin Albou Bilder von einer Offenheit, wie ich sie noch nie im Kino gesehen habe. Das war überwältigend. Chapeau!

Ein Satz noch über The Gift To Stalin. Dieser zweite Film des Abends war genauso gut, absolut sehenswert und nicht minder lehrreich. Eine Erkenntnis habe ich dazugewonnen und möchte ich weitergeben: Die Züge, mit denen im Sowjetreich Stalins hundertausende Juden und andere Feinde des realen Sozialismus in den 1940er Jahren in die Arbeitslager Kasachstans deportiert wurden, gleichen den nationalsozialistischen wie ein Ei dem anderen. Es waren Güterzüge, und es starb sich darin wie in den Viehwaggons nach Auschwitz.
 

Samstag, 18. April 2009

Die taz ist 30. Na und?


Trau keinem über Dreißig war so ein Spruch von 68 und Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment ein anderer. Schön gereimt, aber ziemlich bescheuert. Die taz ist kein Kind von 68; die tageszeitung, wie sie voll ausgeschrieben vielsagend nichtssagend heißt, ist ein Kind von 77.

1977 war das Jahr, in dem die Neue Linke in ihrer radikalsten Form, der Roten Armee Fraktion, ihren totalen Krieg gegen soziale Marktwirtschaft, freiheitlichen Rechtsstaat und parlamentarische Demokratie grandios verlor. Deutscher Herbst statt Endsieg, was für ein Farce! Dem intellektuellen Katzenjammer über das Scheitern eines weiteren totalitären Weltbeglückungsexperiments auf deutschem Boden folgte zwei Jahre später die Gründung der taz. Die Pragmatiker der zweiten Generation der Neuen Linken hatten zu Rotstift und Joint gegriffen und die Kritik der Waffen durch die Waffe der Kritik ersetzt, um ein Bonmot unseres gemeinsamen Urahns K.M. zu bemühen.

Die Ambivalenz des Anfangs ist der taz noch heute, nach 30 Jahren, anzumerken (der Screenshot oben lässt sich durch Anklicken vergrößern und lesen). Seit gestern, heute und morgen feiert sie mit großem Programm ihren 30. Geburtstag. Dass sie zum Establishment gehört, daran ist nicht zu zweifeln (Belege finden Sie weiter unten). Und wie steht es mit dem "Trau keinem über 30"? Wer traut der taz mit 30? 82 043 045 Einwohner Deutschlands tun es nicht. Sie kaufen keine taz. 56 187 Einwohner Deutschlands trauen ihr auch mit 30. So viele kaufen die taz wochentäglich (Quelle: Quartal I 2009 laut Branchendienst Meedia). Das sind 0,0684 % der Bevölkerung (Deutschland hat 82 099 232 Einwohner, Stand 31. August 2008). Verkaufszahlen und Verkaufserlöse der taz lassen sich nicht in den Kategorien der politschen Ökonomie* denken, sondern nur in den Potenzen der politischen Homöopathie messen (es wird wohl auf D3 hinauslaufen). Dass Homöopathie selbst bei starker Verdünnung wirkt, wenn der Rezipient daran glaubt, zeigt die taz: In jungen Jahren wurde sie so oft zitiert wie kein anderes Medium - von anderen Medien.

Etliche Gründungsmütter und -väter der taz kenne ich besser als mir heute manchmal lieb ist: Vor ebenfalls 30 Jahren startete ich meine journalistische Laufbahn beim Stadtmagazin Zitty, und obwohl keine direkte Konkurrenz und obwohl zwei Jahrzehnte beim selben Drucker gedruckt, war zwischen Zitty und taz immer eine leichte Spannung. Ich will das nicht auf den Neid zurückführen, dass wir marktwirtschaftlich operierten, Anzeigen generierten und schon in den mageren Anfangsjahren unseren Leuten doppelt so viel zahlten.

Die taz war alternativ und wollte es sein. Zitty kam aus dem gleichen Milieu und wollte da raus. Genau genommen war es eine Öffnung, eine Bewegung vom linken Rand der Szene zur linken Mitte der Gesellschaft, die uns unterschied. Schon Mitte der 1980er Jahre hatten wir in West-Berlin (2.2 Millionen Einwohner) so viele Käufer wie die taz 2009 im ganzen Land (82.1 Millionen Einwohner). Es sind nicht so sehr zwei verschiedene Printmedien oder Geschäftsmodelle, es sind zwei verschiedene Haltungen, die uns seinerzeit unterschieden. Und heute?

Ambivalent wie am ersten Tag ist die taz ist auf rührende Weise altmodisch (antikapitalistisch) und zugleich erfreulich modern (antitotalitär). So eine Art sympathische Linke. Bei all den Unsympathen, die sich jetzt anmaßen, Die Linke zu sein, und deren sozialdemokratischen Wasserträgern (aus deren Umfeld seinerzeit als Störfeuer eine Anti-taz kam, "Die Neue") ist das ein Kompliment. Das teile ich mit einigen Gratulanten, deren Glückwünsche (in Form von halb- und ganzseitigen Anzeigen) ich hier für meine Leser in Fernost und Lateinamerika aus der heutigen Jubiläumsnummer der taz vorlesen möchte:

Axel Springer schreibt (mit schwarzen und bunten Lettern in 4c wie im Verlagslogo):
"Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?"
Porsche schreibt (und zeigt den 911 Carrera 4S von hinten):
"Der aufregendste Platz war schon immer vorne links."
Die Frankfurter Allgemeine schreibt (links auf leerem Feld):
"Zur Feier des Tages gratulieren wir heute einmal linksbündig."
Meine Einordnung der taz im Establishment verstehen Sie jetzt. Auffallend die Gratulation der Axel Springer AG, die sich eben noch mit der taz gefetzt hat, indirekt, weil die taz sich erfrecht hatte, die Umbenennung der Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße zu befürworten. Nun liegt das Doppelhochaus von Springer genau an der Ecke Rudi-Dutschke- und Axel-Springer-Straße. Eine Art historischer Kompromiss auf Deutsch, und die taz, deren Verlagshaus schräg gegenüber liegt, verkörpert ihn als Blatt. Das ist nicht das Schlechteste, was sich über ein Geburtstagskind sagen lässt, das sich seine kleine, sehr kleine Nische ansehnlich hergerichtet hat. Jenseits der Nische liegt die fremde Welt des Marktes*, bevölkert von Aliens, von denen sich nur zweierlei sicher sagen lässt: Es sind viele, 82 043 045 genau, und sie kaufen keine taz.
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NACHTRAG: Soeben finde ich dazu passend auf der Blogsite des Mediensdienstes turi2 folgendes Getwitter: "Wenn wir Tarifgehälter zahlen würden, wären wir in anderthalb Monaten pleite." Sagt taz-Chefredakteurin Bascha Mika (gegenüber Spiegel online). Na ja, liebe Frau Mika, das haben wir vor 30 Jahren schon gewußt, und ich habe es auch einmal auf unserer berüchtigten "Seite 13" geschrieben - das kam nicht so gut an seinerzeit. Aber das ist abgeschlossene Vergangenheit: Ich war nur bis 1986 bei Zitty, da war die taz gerade 7, und unserer direkter Mitbewerber damals war der tip, keineswegs die taz.

NOCH EIN NACHTRAG Der Branchendienst newsroom.de berichtet am 11. Mai 2009 das Folgende:
Ihren Frieden haben "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und "die tageszeitung" (taz) schon vor Jahren geschlossen - jetzt ist Diekmann als Miteigentümer beim linksalternativen Blatt eingestiegen. Diekmann bestätigte am Montag in Berlin, dass er als neues Mitglied der "taz"-Genossenschaft Anteile an der Zeitung übernommen habe. "Die "taz" ist mein zweitbestes Stück - nach "Bild" eben", sagte er und fügte hinzu: "Die "taz" ist eine tolle Zeitung, die leider das kleine ökonomische Problem hat, dass sie niemand wirklich braucht."
Was die taz dazu sagt, finden Sie hier.

Mittwoch, 25. März 2009

David Byrne im Tempodrom


Aus heutiger Sicht liegen die 1980er Jahre ja auch schon wieder fast 30 Jahre zurück, die frühen jedenfalls, als die New Yorker Formation Talking Heads ihre ersten großen Erfolge feierte. Wobei groß im Grunde genommen ziemlich klein zu schreiben ist; denn außerhalb einer avantgardistischen Funk- und Tanzmusikszene waren die Heads um Sänger David Byrne und Bassistin Tina Weymouth weitgehend unbekannt. Erst Jonathan Demme ("Philadelphia") verhalf ihnen mit seinem Konzertfilm Stop Making Sense 1984 zu einem Durchbruch bei einem breiteren Publikum. Aber auch das ist nun 25 Jahre her.

Am vergangenen Montag jedenfalls hat sich David Byrne ins Berliner Tempodrom getraut und es tatsächlich so gut gefüllt, dass beim Publikum beste Stimmung aufkam. Und er hat es geschafft, seine Fangemeinde in Tanzlaune zu versetzen. Am Ende war vor der Bühne Party. Auf dem Foto oben rechts (ein Klick vergrößert es auf Monitorformat) ist das schlecht zu sehen, aber auf meinen Videos ist das teilweise zu erkennen. Dabei hatte David Byrne uns vorgewarnt, beim Filmen mit dem Mobiltelefon könnte eher die Glatze unseres Vordermannes als sein eigner grauer Haarschopf ins Bild rücken. Soviel zum erwarteten Durchschnittsalter des Publikums. Das war so zutreffend wie belanglos, who cares.

Was den Abend bemerkenswert machte, war die Frische einer Musik, die einmal ganz neu war und die New Wave der Achtziger um einen ganz eigenen Klang bereichert hatte. Schon 1981 hatte David Byrne ein Soloprojekt mit Brian Eno durchgezogen, dem Mitbegründer von Roxy Music, einer ebenfalls wegweisenden englischen Band: My Life in the Bush of Ghosts. An diese Koproduktion knüpft jetzt, 28 Jahre später, die aktuelle, wieder mit Eno koproduzierte CD Everything That Happens Will Happen Today an. Diese CD vorzustellen, war David Byrne am 23. März nach Berlin gekommen. Es wäre unzutreffend, hier etwas Neues ausmachen zu wollen. Aber der Abend zeigte die Nachhaltigkeit einer mittlerweile klassischen Pop-Moderne, die mir wiederum zeigte, wie richtig es in meinen Zitty-Jahren gewesen war, auf Talking Heads und andere Innovatoren gesetzt zu haben. Ein angenehmer Abend. Wohlgefühl, Zufriedenheit. Danke, David.
 

Donnerstag, 5. März 2009

Arabboy hat viele Stärken und eine Schwäche


Aktuelle Vorbemerkung vom 1. Juli 2011: Der folgende Blogeintrag vom 5. März 2009 ist keine Besprechung des Buches, sondern trägt einen Einwand zu einer unzutreffenden Aussage vor. Seit der zweiten Auflage ist diese Aussage korrigiert, mein Einwand also gegenstandslos. Als historisches Dokument eines aufschlussreichen Vorgangs lasse ich den Blogeintrag unveränder stehen. Arabboy gibt es jetzt in einer günstigen Ausgabe für 4,50 Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Um es frei heraus zu sagen: "Arabboy" ist ein wertvoller Beitrag zur Beantwortung der Frage, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit den muslimischen Parallelgesellschaften umgehen soll. Ich benutze den Plural; denn Güner Balci, deren Eltern aus der Türkei nach Berlin kamen, beschreibt das arabische Milieu der Hauptstadt, nicht das türkische. Es ist also ein Buch über die Eigenheiten der arabischen Parallelgesellschaft, mithin die Schilderung eines Teilbereichs der muslimischen Diaspora.

Um es kurz zu sagen: Nach 286 Seiten ist klar, dass es diese Teilmenge niemals hätte geben dürfen. Und dass es nun, nachdem das Kind in den Brunnen gefallen ist, politische Aufgabe und Ziel sein muss, das Kind aus dem Brunnen zu ziehen und den Status quo ante wieder herzustellen. Anders wird die Zivilgesellschaft keinen Frieden finden und ihre Freiheit nicht bewahren können. Und es gibt auch keinen Grund, anders verfahren zu wollen; denn die Ursache des Zuzugs dieser arabischen Flüchtlinge, der Libanonkrieg von 1982, liegt 27 Jahre zurück. Seither ist der Libanon zu einem Land geworden, in dem sich Araber jede Freiheit herausnehmen können und das auch tun, wie zuletzt der (am Ende gescheiterte) Angriff der Hisbollah auf den Nachbarn Israel deutlich gemacht hat.

Das Stichwort Israel führt zur einzigen Schwäche dieser ansonsten ausgezeichneten Schilderung eines frauen- und inländerfeindlichen, durch und durch totalitären arabisch-muslimischem Milieus. Auf Seite 27 schreibt Güner Balci über Rashids Eltern - Rashid ist der titelgebende "Arabboy":
"Rashids Eltern zählten zu den vielen tausend geduldeten Kriegsflüchtlingen, die hier, in Deutschland, Aufnahme fanden, nachdem Israel 1982 Teile des Südlibanons besetzt hatte und bis West-Beirut vorgedrungen war, der Heimatstadt von Rashids Eltern. [...] Leila [Rashids Mutter] war dabei gewesen, als israelische Soldaten bei einem Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila in Beirut zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hinrichteten."
Die Massaker von Sabra und Schatila sind nicht von Israelis, sondern von Libanesen verübt worden. Sie waren Teil der Auseinandersetzung zwischen christlichen Milizen und palästinensischen Kämpfern um die Macht im Libanon. Einige Israelis machen sich heute Vorwürfe, diese Massaker nicht rechtzeitig gestoppt zu haben - der Film Waltz With Bashir, auf den ich bereits zwei Mal in meinem Blog zu sprechen kam (siehe Einträge vom 21. November 2008 und 12. Januar 2009 weiter unten), handelt davon.

Es ist unverständlich, warum Güner Balci diese unzutreffende Behauptung in den Raum stellt - auch wenn es hier nur zur literarischen Konstruktion einer arabische Opferbiografie dient. Es ist unverzeihlich, dass ihr Lektorat diesen Passus nicht korrigiert hat. Keine mir bekannte Quelle weist auch nur auf eine Teilnahme von Israelis an den Massakern hin - dass die Massaker in diesem Roman sogar als israelische Massaker dargestellt werden, möchte ich nicht hinnehmen. Es wäre gut, wenn sich der S. Fischer Verlag bei einer wünschenswerten zweiten Auflage an dieser Stelle mit der Autorin auf eine Korrektur verständigt, die den historischen Tatsachen Rechnung trägt. Ein britischer Bischof, der den Mord an Juden leugnet, eine deutsche Autorin, die den Mord durch Juden erdichtet, das stimmt mich unfroh.

POSTSCRIPTUM
Soeben teilt mir die verantwortliche Mitarbeiterin des S. Fischer Verlags auf meinen ihr emailig vorgetragenen Einwand hin folgendes mit:
"Vielen Dank für Ihren kritischen Hinweis in Güner Balcis Buch "Arabboy". Ihr Einwand ist vollkommen berechtigt - in der zweiten Auflage des Buches, die wir im November 2008 (schon kurz nach Erscheinen des Buches Anfang September) nachgedruckt haben, ist die Stelle auf Seite 27 des Buches deshalb auch bereits entsprechend korrigiert. Wir bitten ausdrücklich um Entschuldigung für diesen Fehler!"
Ich habe sie um den Wortlaut der neuen Textpassage gebeten, die ich nach Eingang hier zitieren werde. +++ Der neue Text der zweiten Auflage liegt mir nun vor. Der Satz lautet jetzt nach Angabe des S. Fischer Verlags so:

»(...) Leila war dabei gewesen, als christlich-libanesische Phalange-Milizen das Massaker von Sabra und Schatila mit Billigung der israelischen Armee verübten. Zwei ihrer fünf Brüder wurden auf offener Straße hingerichtet. (...)«
Na ja, völlig im grünen Bereich würde der Satz wohl anders klingen, aus dem roten ist er jedenfalls raus. Warum sieht es dennoch nach tief Gelb aus? Erstens natürlich wegen des "mit Billigung der israelischen Armee". Würden wir für die entsprechenden nationalsozialistischen Verbrechen sagen, sie seien "mit Billigung der deutschen Bevölkerung" geschehen? Wir würden wohl vom "Wegsehen" sprechen. Die Massaker in den Flüchtlingslagern wurden ja gerade deshalb am Ende von der israelischen Armee unterbunden, nachdem einzelne israelische Soldaten nicht länger wegsehen mochten und Druck auf ihre Vorgesetzen ausgeübt hatten. Ein Mit-Leiden, das in der deutschen Bevölkerung zur Zeit des Nationalsozialismus wenig verbreitet war, woran uns dieser Tage der Film Der Vorleser noch einmal mit beklemmenden Szenen aus dem Auschwitz-Prozess erinnert.

Und nun zum zweiten unbefriedigenden Punkt der Korrektur. Haben Sie den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv bemerkt? Alte Fassung, aktiv: "als israelische Soldaten bei einem Massaker [...] zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hinrichteten". Neue Fassung, im Anschluss an "mit Billigung der israelischen Armee", passiv: "Zwei ihrer fünf Brüder wurden auf offener Straße hingerichtet." Wurden hingerichtet, von wem? Eine redliche Korrektur hätte gelautet: "Die Milizionäre richteten zwei ihrer fünf Brüder auf offener Straße hin." Ein klarer Fall für den Aktiv.

Wieso werde ich den Verdacht nicht los, dass der "Fehler", für den sich S. Fischer entschuldigt, systemisch ist, um ein neues Modewort zu erproben, und auf die "Korrektur" abfärbt. Rund sechzig Prozent der Deutschen halten Israel für die größte Gefahr für den Weltfrieden, wie eine lange unter Verschluss gehaltene EU-Studie vor zwei oder drei Jahren ermittelt hatte. Und es gibt seit 9/11 einen wachsenden muslimischen Antisemitismus, der im November Gegenstand einer Tagung an der TU Berlin war oder hätte sein sollen, an der ich teilnahm. Kann es sein, dass diese beiden Tendenzen so wirkmächtig sind, dass sich Autorin und Lektorat ihnen weder in der ersten noch in der zweiten Auflage völlig zu entziehen vermochten?

Ich habe den Eindruck, seitens des S. Fischer Verlags wird dem "Fehler" keine große Bedeutung beigemessen, zumal er ja "korrigiert" ist. Es liegt mir fern, den Lapsus skandalisieren zu wollen, dazu ist Güner Balcis "Arabboy" ein viel zu wichtiges Buch zur richtigen Zeit. Aber die erste Auflage mit angeblichen israelischen Gräueltaten hat sich ja nicht in Luft aufgelöst. Sie liegt zu hunderten Exemplaren in unseren öffentlichen Bibliotheken, genauer liegt sie dort nicht, sondern die 42 theoretisch verfügbaren Exemplare sind in Berlin dauernd ausgeliehen und oft nur auf Vorbestellung zu haben.

Wenn Autohersteller Fahrzeuge mit Mängeln ausgeliefert haben, rufen sie diese Wagen bei Bekanntwerden des Mangels sofort zurück. Da wird gar nicht diskutiert. Die Werkstätten beheben den Mangel auf Kosten des Herstellers. Warum geht es einem mangelhaften Buch im Vergleich mit einem mangelhaften Auto so schlecht? Und das Buch wird obendrein noch mit ermäßigten 7 % Umsatzsteuer und durch Buchpreisbindung als Kulturgut vom Staat gleich doppelt gepämpert. Armes Buch, wärst du doch ein Auto.

Dann müsste ich mich nicht wie heute nachmittag geschehen von einer patzigen Mitarbeiterin belehren lassen, "solche Diskussion" führe man in einer (ihrer) öffentlichen Bibliothek nicht. "Solche Diskussion" hatte ich bei der Rückgabe des "Arabboy" ausgelöst mit der Überlegung, ob es nicht besser wäre, statt der ersten künftig die zweite Auflage zu verleihen. Die Vorstellung, dass vor allem in Berlin-Neukölln, der Hochburg des neuen muslimischen Antisemitismus und der Arabboy-Ausleiher ("Keine verfügbaren Exemplare, Vormerkung möglich"), das Buch in erster, unkorrigierter Fassung durch hunderte von Händen wandert, macht mich unruhig. Ich spüre, wie es auf Seite 27 in hunderten von Hirnen rumort: Aha, und wer ist wieder mal an allem Schuld? Na klar, die Juden. Sonst wären die doch gar nicht hier, die Araber.
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NACHTRAG
Bei Hugendubel
am Tauentzien Ecke Rankestraße stehen am 8. April genau 8 Exemplare des Arabboy im Regal: 5 Exemplare der zweiten Auflage und 3 der ersten. Wer hier danebengreift, nimmt die Mär vom mörderischen Juden nach Haus. Das ist nicht gut. Wären die Herstellung und die Verbreitung von Büchern in Deutschland nicht von Staats wegen durch Buchpreisbindung und Umsatzsteuerbegünstigung reguliert, läge ein klarer Fall von Marktversagen vor. Im deutschen Buchwesen hat sich die Marktwirtschaft jedoch nie völlig gegen die Restposten nationalsozialistischer Staatswirtschaft durchsetzen können. Wie die Dinge liegen, ist mit der causa Arabboy ein weiterer Fall von Staatsversagen zu beklagen. Dass die Sozialdemokraten nun auch einen Teil der Autoindustrie unter Kuratel stellen wollen, verheißt nichts Gutes. Am Ende wird man sagen: Armes Auto, jetzt gehts dir wie 'nem Buch. Du hast Mängel? Da pfeifen sie drauf.

Samstag, 14. Februar 2009

La Teta Asustada: Goldener Bär - antitotalitär


Die Krankheit "teta asustada" ist Folge und bewirkt Verstetigung des totalitären Traumas. Claudia Llosa ist eine Parabel über den linken Terror gelungen, ohne ihn auch nur zu erwähnen.

Die verdorbene Brust wäre wohl die - in jeder Hinsicht - direkte deutsche Übersetzung für La Teta Asustada. Auf der Berlinale 2009 lief der Film aus Peru unter dem englischen Titel The Milk Of Sorrow im Wettbewerb, "Die Milch des Leids", auch das eine gelungene, den Sinn treffende Übertragung. Gestern habe ich ihn gesehen, als einzigen Wettbewerbsbeitrag überhaupt, soeben hat das Drama von Claudia Llosa den Goldenen Bären als bester Film gewonnen.

Das ist bemerkenswert, nicht wegen der instinktsicheren Wahl des richtigen Films, sondern weil überhaupt noch nie ein peruanischer Film am Wettbewerb teilgenommen hatte. Und wäre nicht mein Sohn Leonard seit einem halben Jahr "nebenan" in Ecuador (siehe Einträge vom 11. Juli 2008 und 16. Juli 2008 weiter unten), wer weiß, ob Peru und Kino in meinem Kopf je zusammengekommen wären. So aber war ich bereit zu sagen: eine Geschichte aus Peru, warum nicht? Sie handelt von Fausta (in der Abbildung oben die junge Frau, über ihre sterbende Mutter gebeugt), überragend gut gespielt von Magaly Solier, und geht kurz gefasst so:
"Ihre Mutter wurde zur Zeit des Terrors durch die Guerilla-Organisation Leuchtender Pfad in den 80er- und 90er-Jahren ein Opfer von Vergewaltigung. Die nun erwachsene Tochter, zum Zeitpunkt des Gewaltaktes im Mutterleib, trägt psychisch schwer an den Folgen. Nach einem Volksglauben wird das Leid der Geschändeten über die Muttermilch an die Nachkommen weitergegeben. Tausende Menschen in Peru leiden an der La Teta Asustada genannten Krankheit, die Schwermut und Ängste auslöst, und für die die Wissenschaft noch keine schlüssige Erklärung hat." (Focus um 20:46 Uhr im ersten online veröffentlichten Siegerbericht. Sehr treffend auch die Besprechung bei arte online.) Bei der Deutschen Welle hatte der Film gleich nach der Vorführung am Donnerstag ein positives Echo gefunden:
"The Milk of Sorrow ist alles andere als eine Komödie. Vielmehr spielt der Film mit verschiedenen Motiven des magischen Realismus und ist eine Art Passionsgeschichte einer jungen Peruanerin. Das ganze spielt am Rande der Hauptstadt Lima in den hoch gelegenen Elendsvierteln der Metropole."
Es ist diese Milch des Leids, die Fausta als Muttermilch eingesogen hat, die das Merk-Würdige des Films ausmacht. Es ist toxische Milch, vergiftet durch die Erfahrung des totalitären Dreiklangs von Anmaßung, Unterwerfung, Enteignung. Das Totalitäre ist eben nicht nur ein abstrakter Gewaltakt gegen die Gesellschaft, es ist ein konkreter Gewaltakt gegen den einzelnen Menschen, vorzugsweise gegen den mit weiblichem Körper. Anmaßung: Jetzt bestimmen wir. Unterwerfung: Beug dich nieder. Enteignung: Jetzt nehmen wir dir - dich weg.

Die verdorbene Brust ist Folge und bewirkt Verstetigung des totalitären Traumas. Claudia Llosa ist eine Parabel über den linken Terror gelungen, ohne ihn auch nur zu erwähnen. Und doch wird jeder in Peru oder auch in Kolumbien, wo die maoistische Guerilla bis heute operiert, sogleich wissen, wovon die Rede ist. Den eher verstörenden als betörenden magischen Realismus teilt die Regisseurin mit ihrem Onkel, dem Schriftsteller Mario Vargas Llosa. Das antitotalitäre Anliegen teilt sie mit einem anderen Verwandten, dem Autor der Washington Post und Mitarbeiter des Independent Institute in San Francisco, Alvaro Vargas Llosa. Wen hat die Familie denn noch zu bieten?
 

Montag, 26. Januar 2009

In memoriam E.B.


„Ich habe eine sozialdemokratische Kinderstube und bin ein Kind von Achtundsechzig.“
So begann mein großer, mir sehr wichtiger Beitrag "Ohne Sozialismus geht es besser" in der Tageszeitung Die Welt vom 26. November 2008 (siehe auch meinen Eintrag vom 28. November 2008 weiter unten). Heute, am 26. Januar 2009, wäre der männliche Teil dieser Kinderstube, mein Vater Erich, 110 Jahre alt geworden. (Die Abbildung rechts zeigt seinen Grabstein am heutigen Tag; sie lässt sich durch Klicken aufs Bild vergrößern). Es ist nicht nur diese schier unglaubliche Zahl, die gleich drei Jahrhunderte verbindet, es ist die Bedeutung des intellektuellen Erbes väterlicherseits, die eine Erinnerung nahelegt. Im Schlussteil des eingangs erwähnten Welt-Artikels wird der Anteil des lebenslangen SPD-Mitglieds Erich Bieling an meiner politischen Bildung deutlich: als Grundierung, die ein Gespür für totalitäres Denken bewahren half. Aber lesen Sie selbst:
„Warum ich mir den Kopf über die SPD zerbreche, obwohl mich das als Nichtmitglied gar nichts angeht? Oh doch geht mich das was an. Den politischen Parteien weist das Grundgesetz die Aufgabe zu, an der Meinungsbildung des Volkes mitzuwirken. Ich bin das Volk, wie jeder andere wahlberechtigte Bürger auch.

Da ist es wichtig, dass das Volk den Mund auch aufmacht. Zweitens beinhaltet Mitwirkung kein Monopol auf Meinungsbildung, und drittens habe ich als Stimmbürger ein Wahlrecht. Fiele die SPD als eine der beiden großen Volksparteien für mich als nicht wählbar aus, weil sie am Sozialismus des 19. Jahrhunderts festhält, wäre meine Wahlmöglichkeit als Wähler des 21. Jahrhunderts eingeschränkt, meine Einflussnahme auf parlamentarische Mehrheitsbildungen beschnitten. Als Stimmbürger liegt mir viel an einer SPD, vor der ich nicht (wie bei uns in Berlin) Angst haben muss, dass sie mir nach der Wahl ein Kuckucksei ins Nest legt, aus dem ein Gysi schlüpft.

Ich habe eine sozialdemokratische Kinderstube. Solche krummen Dinge gab es bei uns nicht. Mein Vater war schon vor der Nazizeit Sozialdemokrat. Nach dem Krieg verweigerte er die Annahme des SED-Parteibuchs. Aus der Sowjetzone floh er, weil er Stalin im Dezember 1948 die Eloge zum 70. Geburtstag verweigert hatte. In West-Berlin war er Abonnent des Monat, der den demokratischen Neubeginn intellektuell begleitete, ein Monatsblatt, das gebildete Sozialdemokraten und andere Gegner der Gewaltherrschaft seinerzeit lasen. Ein Zweifel an der wahren Natur von Nationalsozialismus und realem Sozialismus konnte da nicht aufkommen. Zweifel an der demokratischen Führungsmacht USA sollten sich einstellen, als der Vietnamkrieg bestialisch wurde. Wie diese Zweifel die schon gewonnenen Erkenntnisse über das Wesen des Sozialismus verdrängen und geradezu auf den Kopf stellen konnten, habe ich vor zwanzig Jahren in meinem Buch Die Tränen der Revolution beschrieben. [Siehe auch meinen Eintrag vom 12. April 2008 ganz unten.] Es schloss den Kreis, der gute Ton der Kinderstube hatte wieder einen reinen Klang. Wie jede Renaissance war es doch ein Neues; denn nun war klar, dass den auf Anmaßung beruhenden und auf Unterwerfung zielenden Ideologien zu widerstehen ein antiautoritärer Impuls ist. Der SPD möchte ich umgekehrt wünschen, dass sie aus ihrem fatalen Kreislauf ausbricht; denn ihrer ist ein Teufelskreis.“

Mittwoch, 21. Januar 2009

Gerdas Schweigen


Das war ein Abend ganz nach meinem Geschmack.
Im Kino Babylon in Mitte einen Film sehen, dessen Regisseurin Britta Wauer direkt über dem Kino wohnt, schon immer, die wiederum von einer Frau erzählt, Gerda nämlich, die ihrerseits gleich um die Ecke gewohnt hat. Das liegt allerdings 60 Jahre zurück. Heute wohnt Gerda (Abbildung rechts), hochbetagt, in New York City. Der Film Gerdas Schweigen berichtet, wie es dazu kam. Diese Geschichte wiederum hatte zuvor Knut Elstermann in seinem gleichnamigen Buch aufgeschrieben. Seine Familie, die ihn einst als Schuljungen mit Gerda zusammengebracht hatte, wohnt oder wohnte ebenfalls in dem Kiez Berlin Ecke Volksbühne, so der Titel des ersten Dokumentarfilms von Britta Wauer (das Kino Babylon liegt schräg gegenüber der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz). Heute Abend also lief Gerdas Schweigen erstmals im Babylon, und alle waren da, die Regisseurin, der Buchautor, der Kamera- und Ehemann, der Komponist der Filmmusik, nur Gerda fehlte, die Hauptperson, aber das machte nichts. Denn Gerda war sowas von anwesend, sie brauchte gar nicht persönlich aus New York zu kommen.

Ihre Geschichte und damit der Inhalt des Dokumentarfilms ist in der Synopsis des Filmverleihs Piffl Medien auf den Punkt gebracht. Was den Abend aus dem Kinobesuchsalltag heraushob, war die Anwesenheit der Macherin und Macher, die dem Zelluloid ein Echtheitszertifikat anheftete. Was von dem Abend bleibt, ist noch wichtiger: eine nachhaltige Erkenntnis. Wir sehen nämlich auf der Leinwand ein echtes Berliner Mädchen, Gerda eben, blutjung, bildschön, blitzgescheid, genau so, wie sich ein echter Berliner Junge Mädchen wünscht. Und dann kriegt das Berliner Mädchen, inzwischen zur jungen Frau herangewachsen, den Judenstern auf die Brust. Von einem Tag zum anderen ist sie keine Deutsche mehr, sondern Jüdin. Selten wird einem die nationalsozialistische Fabrikation des Juden so deutlich wie in diesem Film.

Da gewinnt eine totalitäre Bewegung, die nie mehr als ungefähr die Hälfte der Bevölkerung vertritt, die Deutungs- und Durchsetzungsmacht, einen anderen, kleineren Teil eben dieser Bevölkerung erst ideell, dann real auszusondern, bis diese Deutschen, die bis eben wie alle anderen deutsche Staatsbürger waren, keine Deutschen mehr, sondern Juden sind, denen erst das Staatsbürgerrecht und dann das Lebensrecht verweigert wird. Schon deshalb sollten wir nie wieder von "Deutschen und Juden" sprechen, wenn wir vom Nationalsozialismus reden; denn dann haben die Nationalsozialisten noch nachträglich gewonnen.

Das betrifft auch den ersten Teil des Wortpaares "Deutsche und Juden", im nationalsozialistischen Jargon "das deutsche Volk". Die Aussage, "die Deutschen" hätten "die Juden" umgebracht, wäre ebenfalls ein später, nachträglicher Sieg des Nationalsozialismus. Gerdas Sohn erliegt dieser Progaganda, ohne es zu wollen, wenn er verkündet, sich nie und nimmer in einen Volkswagen zu setzen. Gerdas Bericht bringt den tatsächlichen Sachverhalt ans Licht: Es gab im Dritten Reich die illoyalen Deutschen, die nicht mit den Nationalsozialisten übereinstimmten, die nicht mit ihnen paktierten und sich ihnen zum Beispiel dadurch widersetzten, dass sie Gerda nach 1941, nach der Auslösung der Endlösung, halfen, als U-Boot in Berlin zu überleben: durch Untertauchen ohne den Judenstern.

Dieser Teil des Films, in dem Gerdas Schweigen endlich in Gerdas Reden übergeht, ist schier unglaublich. Gerda berichtet von einem nationalsozialistischen Aufseher, der sie nicht verpfeift. Von etlichen Berlinern und einem Ungarn, die ihr das Überleben im Untergrund ermöglichen. Und von zwei jüdischen Gestapospitzeln, die sie schließlich ans Messer liefern, das den Namen Auschwitz trägt. Gerda, die völlig unpolitische Berlinerin, bestätigt hier die Deutschlandanalyse des hoch politischen Berliners Sebastian Haffner, die ich weiter unten in meinem Eintrag vom 3. Oktober 2008 würdige. Die Deutschen waren nicht nur vor, sondern auch nach 1933 tief gespalten. Die Gestapo hat dafür gesorgt, dass sich die schweigende Minderheit nicht artikulieren konnte. Zum Verschwinden hat sie sie nie gebracht, auch nie zum Versagen von Nächstenliebe. Gerda hat davon profitiert, eine Weile lang jedenfalls. Das blieb nicht ohne Folgen. Aber sehen Sie selbst, der Film läuft noch im Kino. Tipp: Sie brauchen nur Gerdas Schweigen zu googeln, und schon sehen Sie den Aufführungsort im aktuellen Kinoprogramm als ersten Eintrag. Armer tip.
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POSTSCRIPTUM Der Buchautor Knut Elstermann, der in dem Dokumentarfilm als Person und Offstimme mitspielt, ist ist im Brotberuf Filmkritiker und Moderator bei radio eins "Nur für Erwachsene". (Die segensreiche Rolle dieses Senders, der es seinen Mitarbeitern und Hörern gestattet, in Würde zu altern und dabei die Liebe zum Pop forever young zu halten, habe ich schon in meinem Eintrag vom 27. Oktober 2008 gewürdigt. Es war mein früherer Zitty-Kollege Helmut Lehnert, der radio eins ins Leben gerufen und sich damit bleibende Meriten verdient hat.) Nur für Erwachsene ist auch das Folgende. Warnung eins: Es verrät entscheidende Inhalte des Films. Warnung zwei: Es könnte Kinderglauben verletzen.

Ähnlich wie der französische Spielfim Le Secret (Ein Geheimnis), den ich unter Meine Kinotipps (siehe linke Randspalte) aufgenommen habe, bringt Gerdas Schweigen die Sprache auf ein totes Kind. Es ist dieses tote Kind, das Gerdas Schweigen auslöst. Und da es in beiden Filmen die Nationalsozialisten sind, die den Kindesmord herbeiführen, in Gerdas Fall ein sogar namentlich bekannter Nationalsozialist, der KZ-Arzt Dr. Josef Mengele, könnte man annehmen, Gerdas Schweigen verdanke sich dem totalitären Schock der grenzenlosen Entrechtung und Entmenschung der jüdischen Deutschen in Auschwitz. Aber dem ist nicht so, und ich bin mir nicht sicher, ob das der Protagonistin selbst, dem Autor und der Regisseurin überhaupt bewusst ist.

Gerdas Schweigen beginnt 1947, als sie von Berlin nach New York City übersiedelt, und es endet 60 Jahre später, 2007, als sie mit Knut Elstermann spricht, dem Sprössling ihrer alten Berliner Bekannten. Mit denen konnte sie nach ihrer Flucht aus Auschwitz und ihrer Rückkehr nach Berlin in den Jahren von 1945 bis 1947 über das tote Kind sprechen. Von Berlinerin zu Berlinerin, für die ein voreheliches Verhältnis und ein uneheliches Kind nichts Verdammungswürdiges waren. Gleiches gilt für 2007, als die Begegnung mit Knut Elstermann es Gerda ermöglicht, in ihre alte Rolle zu schlüpfen und von Berlinerin zu Berliner zu sprechen. Was trennte die Berlinerin Gerda von der New Yorkerin?

Die jüdische Religion. Genauer die Religiosität des jüdischen Mainstreams in Amerika, in den Gerda 1947 eintauchte, um bald darauf mit einem Ehemann aufzutauchen, dessen polnische Herkunft konventionellerweise für ein konservatives Jüdischsein sorgte. Es ist nicht die nationalsozialistische Grenzerfahrung, die Gerda verstummen lässt, es ist die jüdische Grenzziehung, die vorehelichen Verkehr, uneheliche Kindschaft und obendrein Ehebruch (Gerdas Liebhaber war ein verheirateter Mann) als Sünde verdammt und im Buch Levitikus (3 Mose 20,10) als todeswürdiges Verbrechen zu ahnden fordert. Gerda weiß das und schweigt fortan, selbst Gerdas Sohn, legitimes Kind einer legalen Ehe und längst erwachsen, wird nie etwas von ihr erfahren.

Darin liegt die Tragik von Gerdas Schweigen. Sie schweigt, weil sie in New York Jüdin ist. Im nationalsozialistischen Berlin wurde sie ohne ihr Zutun und gegen ihren Willen zur Jüdin gestempelt und der Vernichtung preisgegeben. Im freien New York bekennt sie sich aus freien Stücken zu einem Judentum, das sie zwingt zu schweigen, will sie ihre neue Identität, die Zugehörigkeit zur Jewish community, ihr neues Leben in der neuen Welt und ihr neues Liebesglück nicht gefährden. Und dieser Befund führt geradewegs zu dem Thema nur für Erwachsene: Das Totalitäre ist eben nicht im 20. Jahrhundert vom Himmel gefallen, das Totalitäre wurzelt in den Religionen, seit sich die Unterscheidung zwischen wahrem Gott und falschen Göttern in ihnen eingenistet hat. (Der Ägyptologe Jan Assmann hat das mit dem Begriff der "Mosaischen Unterscheidung" beschrieben.) Das geschah vor rund 2700 Jahren, als der aggressive Imperialismus Assyriens den gesamten Nahen Osten einschließlich Ägyptens real und mental aus den Fugen brachte.

Der theologische Widerhall der auf Anmaßung beruhenden und auf Unterwerfung zielenden assyrischen Ideologie findet sich in den biblischen Texten dieser Epoche - mit fatalen Folgen bis heute. In New York musste Gerda nur schweigen, in Riad steinigen sie immer noch Frauen, die sie des Ehebruchs schuldig befinden. Die Definitionsmacht des wahren Glaubens läuft nur in zweiter Linie auf das Tyrannisieren der Ungläubigen und Falschgläubigen hinaus - zu allererst geht es um die Unterwerfung der eigenen Anhängerschaft. Der Glaube an den wahren Gott misst sich in der Befolgung seiner Gebote, die zwischen richtig und falsch unterscheiden. Nicht das Aufstellen von Regeln ist zu monieren, die brauchen Menschen, um verträglich miteinander auszukommen. Sobald sich jedoch Gebote der Offenbarung einer göttlicher Wahrheit verdanken, sich also menschlicher Verfügbarkeit entziehen, endet das Reich der Freiheit und die Welt der Willkür beginnt. Das ist die Geburtsstunde des totalitären Prinzips.

Seinen Nachhall findet es im zeitgenössischen Judentum und Christentum (hinsichtlich des zeitgenössischen Islam wäre eher von einem Nachknall zu sprechen). Der Nachhall ist am deutlichsten im Privaten zu hören und hier wiederum am lautesten bei allem Sexuellen. Der Tyrannei der Es-gibt-nur-einen-wahren-Gott-Ideologien, die die meisten Menschen als Religion missverstehen, hat sich auch Gerda 60 Jahre lang unterworfen. Bis sie in der Begegnung mit dem Berliner Knut wieder an ihre Berliner Freiheiten von 1945 bis 1947 anknüpfen und endlich auch in New York frei werden konnte. Es war großartig, dabei zuzusehen und zuzuhören, wie der schwere Stein von Gerdas Seele fiel, auch wenn ihr in dem Augenblick und wahrscheinlich bis heute nicht klar war, was da fiel. Was für eine Erleichterung für Gerda - und für mich als Zuschauer!
 

Montag, 12. Januar 2009

Bashir schlägt Baader


Für etliche meiner Kollegen in den Leitmedien war es eine riesen Überraschung, nicht für mich: Bei der Verleihung der Golden Globes hat der isrealische Film Waltz With Bashir heute Nacht den deutschen Film Baader Meinhof Komplex als bester ausländischer Film ausgestochen. Wer zu meinen Eintrag vom 21. November 2008 nach unten skrollt, kann nachlesen, warum Bashir ein über die Maßen gelungener Film und seine Preiswürdigkeit alles, nur keine Überraschung ist. Und gleich werde ich nachtragen, warum Baader von der Jury wie auch von mir keines Blickes gewürdigt worden ist. Filme, die ich für sehenswert halte, liste ich nämlich (zum sich anregen lassen mit einem Link zur jeweiligen Film-Website versehen) in der linken Randspalte unter Meine Kinotipps auf - und was sehen Sie da: keinen Baader Meinhof Komplex. Eben.

Bashir und Baader behandeln beide jüngste Vergangenheiten und beidemal geht es um die Abwehr einer totalitären Bedrohung von Recht und Freiheit, von zäh erkämpfter Demokratie und hart erarbeitetem Wohlstand, einmal in Israel, einmal in Deutschland. Und das ist auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Der Vergleich beider Filme zeigt auf dramatische Weise den vollständigen Verlust der totalitären Distinktion in Deutschland, der Fähigkeit, die Anmaßung von Gruppierungen, die auf totale Unterwerfung der Gesellschaft aus sind, zu erkennen und zu benennen. Und das in einem Land, dessen Lebensgrundlage und Daseinsrechtfertigung die doppelte Verneinung totaler Herrschaft war: Wiederauferstanden aus den Ruinen der nationalsozialistischen Diktatur, wiedervereinigt durch den gewaltlosen Aufstand gegen die realsozialistischen Machthaber.

Waltz With Bashir erzählt aus der Sicht eines jungen Soldaten von der militärischen Operation der israelischen Armee im Jahr 1982 (Libanonfeldzug), um die Attacken der Araber auf Israel aus dem Libanon heraus durch einen Einmarsch in den Libanon und die Zerstörung der PLO-Basen im Südlibanon zu unterbinden. Es gelingt der Truppe unter Führung Ariel Scharons, die totalitären Kräfte durch die Einnahme Beiruts zu besiegen und und ihren Führer, Jassir Arafat, aus dem Libanon zu vertreiben. Am Ende des Films tritt eine zweite totalitäre Kraft auf den Plan, die libanesischen Milizen des Bashir Gemayel (er ist Bashir, der Namensgeber des Films), die unter den Augen des Icherzählers Ari (= Ari Folman, er ist auch der Regisseur des Films und auf der Abbildung oben rechts zu sehen © Pandora Film Verleih) die PLO-Flüchtlingslager angreifen und tausende arabischer Zivilisten ermorden, bevor die israelische Armee eingreift und dem Massaker ein Ende setzt. Waltz With Bashir verarbeitet das Trauma von Sabra und Schatila, so die Namen der beiden Flüchtlingslager am Stadtrand von Beirut.

Baader Meinhof Komplex erzählt aus der Perspektive einiger Hauptakteure der Roten Armee Fraktion (RAF) von deren Besuchen bei jenen Arabern, die sich in den 1970er Jahren rings um Israel in Trainingslagern auf die Zerstörung der israelischen Demokratie vorbereiten. Hier lernen die totalitären Kräfte der Neuen Linken, wie sie ihrerseits die deutsche Demokratie im bewaffneten Kampf wenn auch nicht beseitigen, so doch beschädigen können. Im Verlauf des Films tragen die von den Arabern zu Terroristen ausgebildeten Deutschen ihre Aktionen in die hiesigen Großstädte und ermorden zahllose ermittelnde Juristen, leitende Angestellte und etliche kleine Leute, Kollateralschäden halt. Bis alle tot sind, geht es zwischendurch ganz lustig zu, es waren halt Idealisten, die sich irgendwie verrant hatten, aber bei dem System halt irgendwie verständlich, das führt der Film zuletzt mit fiesen Richtern im Stammhein-Prozess vor Augen.

Verharmlosung des Terrors ist nicht die Absicht des deutschen Films. Im Ergebnis aber zeigt er vollkommene Blindheit gegenüber der totalitären Anmaßung der RAF, die nun gar nichts Lustiges hatte und keinerlei Beschönigung oder Beschwichtigung verdient. Dass die Jury in Hollywood dieser politischen Räuberpistole nach Art von Bonnie und Clyde die kalte Schulter gezeigt hat, finde ich außerordentlich ermutigend in einer Zeit, da Israel von den gleichen Arabern schon wieder angegriffen wird, die gestern der internationalen Solidarität verpflichtet unsere RAF aufgerüstet und Israel von Norden her attackiert hatten und heute der islamischen Internationale, der Umma, verpflichtet Israel von Süden her mit Raketendauerbeschuss zermürben und schließlich von der Landkarte tilgen wollen. Der israelische Film handelt von der Auseinandersetzung mit diesen totalitären Kräften, die zwischenzeitlich das Mäntelchen von rot auf grün gewechselt haben, und führt auf schmerzhafte Weise vor, warum die Feinde meiner Feinde (im Film also Bashirs Milizen) besser nicht meine Freunde sind (Do not Waltz with Bashir, lautet die Botschaft). Das tut weh zu sehen, ein Schmerz, der Baader völlig abgeht, und deshalb hat Bashir zu Recht gewonnen. Herzlichen Glückwunsch!
 

Samstag, 10. Januar 2009

Joseph, Jeff und Jackson



Was ist KUNST? Eine gute Bekannte und Kollegin schrieb mir zu Neujahr, sie würde sich in den folgenden ruhigeren Tagen die Beuys-Ausstellung im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart (was für ein passender Name!) ansehen und an einer Führung teilnehmen, die den Teilnehmern die Kunst von Joseph Beuys nahebringen solle. Ich habe ihr zugeraten; denn ich kannte die Ausstellung (noch bis 25. Januar 2009) bereits von der Pressevorführung am 1. Oktober 2008. Daher stammt auch das Foto, allerdings ist es nicht von mir, sondern von einer lieben Freundin und Bloggerin. Ich habe es ihrem Beuys-Eintrag vom gleichen Tag entnommen.

Und, wie war es? fragte ich die gute Bekannte und Kollegin ein paar Tage nach der Führung in einer Email. Sie antwortete und schrieb:
"Joseph Beuys - schwere See ... Jeder ist ein Künstler (aber das wussten wir ja schon). Natürlich habe ich jetzt mehr verstanden, warum die Fettblöcke im Hamburger Bahnhof liegen, was sie bedeuten, allerdings empfinde ich seine Art Kunst auch im gewissen Maße arrogant, wenn sie sich nur durch Erläuterungen oder Hinweisschilder erklären lässt, da ist eben doch nicht jeder Mensch Künstler genug, sich all die Bedeutungen/künstlerischen Beweggründe herleiten zu können. Und ich habe sehr viele Leute beobachtet, wie sie sich achselzuckend oder lächelnd um diese Blöcke und durch die anderen Räume bewegt haben, ohne zu verstehen, was die Skulpturen bedeuten könnten.

Aber ich will's nicht lang ausdehnen, mir (und den anderen auch) hat die Führung viel über ihn geben können, was ich noch nicht detailliert kannte war die Kasseler Aktion zur Dokumenta mit seinen grob behauenen Steinen und Baumsetzlingen, die finde ich letztlich von all seinen Werken (die mir bekannt sind) am gelungensten. Den Begriff KUNST neu zu definieren ist ihm für die heutige Zeit vielleicht auch gelungen. Einen Hieronymus Bosch mit seinem Garten der Lüste würde ich jedoch niemals in Frage stellen. Oder eben tausend andere Künstler vor ihm. War alles in allem gut, müsste man sich eigentlich öfter mal gönnen."
Ich antwortete ihr und schrieb: "Freut mich, dass die Beuys-Führung erhellend war. Weil Sie ihm Hieronymus Bosch gegenüberstellen: Ich bin sicher, dass Sie nach einer vergleichbaren Bosch-Führung 200 % Erkenntniszuwachs hätten und aus den Aha-Erlebnissen gar nicht rauskämen - obwohl Sie zuvor sicher geglaubt hätten, bei Hieronymus liege alles anschaulich gemalt vor Ihren offenen Augen.

Was ich sagen will: Die Fähigkeit zu sehen ist keine natürliche, die sich mit dem Öffnen der Augen von allein einstellte. Alles, was wir sehen (und das ist sowieso schon wenig, weil wir nur einen schmalen Lichtwellenbereich zwischen 450 und 700 Nanometern Wellenlänge wahrnehmen können), wird ja erst durch die Verarbeitungsfähigkeit des Gehirns zu einem Bild. Diese Verarbeitungsfähigkeit geht so, dass das Gehirn von Kind an Informationen speichert und rasend schnell mit dem vergleicht, was die Sehnerven an Daten liefern.

Wir sehen ein Haus oder einen Baum, sobald wir Haus und Baum gespeichert haben. Millionen von Menschen sehen ein Leben lang ein Haus, wo Sie ein Bauhaus sehen (ein Fin-de-Siècle-Haus, ein Zuckerbäckerstilhaus, ein Jugendstilhaus usw.), oder einen Baum, wo Sie einen Ahorn, eine Linde, eine Platane sehen (einen Lorbeer oder eine Terebinthe würden Sie vielleicht schon nicht mehr sehen). So paradox es klingt: Wir sehen nur, was wir kennen = was wir kennengelernt und im Gerhirn als Information gespeichert haben.

Und wir speichern nur, was wir für wichtig halten (andernfalls könnten Sie gar nicht Auto fahren; denn alles Unwichtige lässt Ihr Gehirn beiseite, obwohl es da ist und von den Augen auch wahrgenommen wird). Kurz: Wir sehen nicht mit den Augen, wir sehen mit dem Gehirn. Dieses Sehorgan ist aber nichts Statisches, ein für allemal Programmiertes, es ist ein flexibles, lernfähiges Organ, das unendlich viel speichern kann, wenn wir es dazu auffordern. Solch eine Aufforderung haben Sie durch Ausstellungsbesuch und Führung Ihrem Gehirn erteilt, und es scheint diesen Befehl willig gefolgt zu sein.

Sie sehen nun mehr als vorher, weil Sie Ihr Gehirn gefüllt haben. Außerdem: Sehen ist immer Deuten, ein Interpretieren: in diesen Tagen steht Haus für warm, Baum für hart - ganz schlecht an schneeglatter Straße. So verknüpft das Gehirn Bild und Bedeutung zu einer komplexen Information, und je komplexer sie ist, desto mehr sehen Sie. Sehen lässt sich also lernen. Machen Sie mal die Gegenprobe: In der Neuen Nationalgalerie läuft noch bis 8. Februar 2009 die große Jeff Koons Retro. Jeff Koons ist das schiere Gegenteil von Beuys. Bei Koons ist jedes Exponat plastisch naturalistisch, figürlich realistisch, ja hyperreal wie bei Bosch - und nun, was sehen Sie? (Schauen Sie mal bei der erwähnten Freundin und Bloggerin den Koons-Eintrag vom 13. November 2008.)

Ein weiteres: Nicht alles, was wir sehen, mögen wir. Und wo kommt das Mögen her? Es mögen Leute ja Verschiedenes; was mir gefällt, stößt Sie vielleicht ab. Warum ist das so? Weil wir mit dem Deuten auch werten. Das Gehirn speichert Bild, Bedeutung und Bewertung in einem großen Datenpaket. Ist es groß genug, sehen wir: oh, Fettwürfel, ah, Beuys, ih, scheußlich (oder uh, so seh'n die also aus). Bild, Deutung, Wertung. Und das alles unter einer Sekunde. Lieschen Müller sieht gar nix: äh, was'n das für Dinger? Äh, wie bei den Sch'tis. (Was für eine Klamotte von Film.)

Das Datenpaket aus Bild, Bedeutung und Bewertung kann wachsen, und es kann sich ändern. Darum gefällt uns manches nicht mehr, was wir früher mochten, zum Beispiel Schlaghosen. Oder wir finden auf einmal gut, was uns lange kalt ließ, zum Beispiel Jackson Pollock. So ging es mir. Als ich in der Eingangshalle des Brooklyn Museums als einziges Bild ein einziges riesen Gemälde wahrnahm, sah ich: oh, Farbkleckse, ah Pollock, wow, wie schön. In dieser einen Sekunde sah ich, dass es wunderschön ist. Eine Wanddekoration, die den ganzen großen Raum füllte, nicht nur den Rahmen. Eine Dekoration in karger Eingangshallenumgebung, ein Farbarrangement zum Wohlfühlen und Heimischwerden: komm, tritt ein, siehst du unseren Pollock, du bist in New York, nun los, hier gibt es noch viel Schönes zu entdecken.

Ist das KUNST? Wenn sie mich begeistert, ja. Wenn nicht, ist sie sicher für andere da. Andere Leute, andere Wertungen. Wir müssen Kunst wie alles im Leben nicht als monoglott, sondern als polyglott denken - Kunst spricht nicht eine Sprache, Kunst spricht viele Sprachen. Kunst ist nicht Eines, das für alle verbindlich wäre (also kein Universum), sondern Kunst ist Vieles, bei dem sich die Geister scheiden (ein Pluriversum). Also anything goes? Bestimmt nicht. Auch ein offener, pluraler Kunstbegriff wird ein Innen und ein Außen haben und etliches ausscheiden, was er weder für kunstvoll noch für wertvoll hält. Was keiner mag und keiner kauft, ist wohl keine Kunst. Sondern ein Privatvergnügen. Das bleibt außen vor. Und kann dennoch allen Beteiligten großen Spaß machen."