Mittwoch, 20. Mai 2020

Wiedereröffnung des Dokumentationszentrums “Topographie des Terrors” am 19. Mai 2020



 Nach dem Gelände ist nun auch das Gebäude wieder zugänglich.


Der Pressesprecher der Topographie des Terrors, Kay-Uwe von Damaros (links), begrüßt den ersten Besucher vor dem Gebäude des Dokumentationszentrums, assistiert vom Leiter des Wachdienstes, Herrn Weipert (rechts vorn). Danke für den freundlichen Empfang!


Nach dem Gelände das Gebäude: Am gestrigen Dienstag, dem 19. Mai 2020, hat die seit Freitag, dem 13. März 2020, coronabedingt komplett geschlossene und erst seit Montag, dem 11. Mai 2020, nur im Außenbereich wieder zugängliche Topographie des Terrors – pünktlich wie immer um 10 Uhr – nun auch ihr Dokumentationszentrum wiedereröffnet.

Damit es ein Running Gag wird (siehe meinen Eintrag zur Wiedereröffnung des Geländes “Topographie des Terrors” am 11. Mai 2020), bin ich Punkt 10 Uhr am Eingang Niederkirchnerstraße 8 (der Eingang an der Wilhelmstraße bleibt weiterhin geschlossen) und tatsächlich wie am 11. Mai 2020 wieder der erste (und bis zu meinem Abgang um 11.30 Uhr auch der einzige) Besucher, der neugierig auf die neue Sonderausstellung im Inneren des Gebäudes ist.

Und wie schon am 11. Mai 2020 ist es wieder der Pressesprecher der Topographie, Kay-Uwe von Damaros (auf dem Foto oben: links), der den ersten Besucher vor dem Gebäude des Dokumentationszentrums begrüßt, assistiert vom Leiter des Wachdienstes (vorn rechts).


Blick in die Sonderausstellung „Deutschland 1945 – Die letzten Kriegsmonate“. Sie erinnert an das Kriegsende in Europa vor 75 Jahren im Mai 1945.


Im Inneren des Gebäudes gibt es zusätzlich zur Dauerausstellung seit dem gestrigen 19. Mai 2020 die Sonderausstellung Deutschland 1945 – Die letzten Kriegsmonate zu sehen, eine Wiederholung aus dem Jahr 2015. In diesem Jahr 2020 erinnert sie an das Kriegsende in Europa vor 75 Jahren und zeigt in teils drastischen Bildern und beklemmenden Episoden (eine beschreibe ich beim dritten Foto, unten), welchen Schaden die Berufspolitiker, die bis zu ihrer bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 das Deutsche Reich regierten, den Bürgen ihres Landes und den Bürgern der Nachbarländer zugefügt hatten.


Eine Schautafel der Sonderausstellung beschreibt und bebildert eine Episode aus den letzten Kriegswochen: den staatlich veranlassten Mord an dem Bürgermeister von Aachen, Franz Oppenhoff, den die US-amerikanische Militärverwaltung nach der Eroberung der Stadt eingesetzt hatte, während in Berlin noch Reichsinnenminister Heinrich Himmler regierte – und reagierte.


Beispiel einer beklemmenden Episode: Seit 31. Oktober 1944, elf Tage nach der Einnahme Aachens durch US-amerikanische Truppen, regierte Franz Oppenhoff die zerstörte Stadt als neuer, von der Siegermacht eingesetzter Bürgermeister. Ihn ließ der in Berlin noch amtierende Reichsinnenminister Heinrich Himmler am 25. März 1945 als „Volksverräter“ von einem Sonderkommando ermorden. Der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels notierte am 29. März 1945: „Erfreulich ist die Meldung, dass der von den Angloamerikanern in Aachen eingesetzte Bürgermeister Oppenhoff in der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch von drei deutschen Partisanen erschossen worden ist.“


Blick in die Dauerausstellung im Inneren des Gebäudes. Unter dem Titel „Topographie des Terrors. Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt in der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße“ beleuchtet sie den Gesamtzusammenhang des Regierungshandelns von 1933 bis 1945 und veranschaulicht den Prozess und die Folgen der Expansion des Staates nach innen und nach außen. 


Wer seine Erinnerung an diese schadenreiche Regierungszeit aus aktuellem Anlass auffrischen oder anschauliche Beispiele für die Unentrinnbarkeit, die staatliches Handeln für Freund und Feind bedeutet, sucht, wird nicht nur in dieser Sonderausstellung fündig. Die Dauerausstellung im Inneren des Gebäudes beleuchtet den Gesamtzusammenhang des Regierungshandelns von 1933 bis 1945. Und im Ausstellungsgraben fokussiert unter einem Glasdach die Open-Air-Dauerausstellung auf die Hauptstadt Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda und Terror. Nunmehr alles täglich von 10 bis 18 Uhr zugänglich. Nachtrag: Seit 1. August 2020 sind Gelände und Gebäude wieder wie vor Corona von 10 bis 20 Uhr geöffnet.

Hinweis: Den Bericht über die Wiedereröffnung des Geländes “Topographie des Terrors” am 11. Mai 2020 finden Sie in den Berliner Freiheiten vom 11. Mai 2020.

Fotos © Dr. Rainer Bieling


Der Beitrag erschien am 20. Mai 2020 zuerst auf Facebook und ist hier nur geringfügig verändert und an das Format des Blogs angepasst. Quelle: https://www.facebook.com/rainer.bieling.1/posts/3401353049893965


Freitag, 15. Mai 2020

Zum Tod von Rolf Hochhuth am 13. Mai 2020 ein letztes Foto



 Und ein Wort zum Abschied.


Ein letztes Foto: Rolf Hochhuth am Sonntag, dem 3. November 2019, im Foyer der Urania Berlin. 

Ach wie traurig war das am gestrigen Donnerstag, dem 14. Mai 2020, aus meinem “FAZ am Mittag”-Newsletter zu erfahren, dass Rolf Hochhuth am Mittwoch, dem 13. Mai 2020, gestorben ist. Es ist gerade mal sechs Monate her, da saß ich neben ihm in der Urania und machte anschließend im Foyer dieses Foto, das nun ein Erinnerungsfoto geworden ist.

Die Aufnahme entstand am Sonntag, dem 3. November 2019, im Anschluss an die Veranstaltung “Der Skandal als vorlauter Bote. Die großen deutschen Geschichtsdebatten”, zu der Hannes Heer in den Kleist-Saal der Urania eingeladen hatte. In dieser Folge 3/10 der Reihe war das Thema des Vormittags “Der Papst, der schwieg: Rolf Hochhuths ‘Der Stellvertreter’ [1963-1965]”.

Wie schon die beiden Male zuvor gab es bei dieser Urania-Matinee einen Vortrag von Hannes Heer, einen Film und nach der Kaffeepause eine Diskussion, an der sich auch Rolf Hochhuth beteiligte. Hellwach und scharfzüngig, nur ein wenig schwerhörig war er, ohne ein Anzeichen von Gebrechlichkeit. Beim gemeinsamen Hinausgehen entstand das Foto. Da war er 88 Jahre alt. Vor gerade mal sechs Wochen, am 1. April 2020, feierte Hochhuth seinen 89. Geburtstag.

Wie gern hätte ich ihm noch öfter zugehört, war er doch der erste, der mit den Mitteln des Theaters einem breiteren Publikum die christliche Vorlage für die soziale Distanzierung von der europäischen Judenheit ins Bewusstsein gerufen hatte. Der Stellvertreter, so zeigte Hochhuth in seinem gleichnamigen Stück, hielt die Abstandsregeln, seit sie von kirchlichen zu staatlichen geworden waren, besonders gewissenhaft ein und sah von seinem Vatikan aus stillschweigend zu, wie die Ansteckungsgefahr für den gesunden Volkskörper des neuen Europa rücksichtslos bekämpft und ein für allemal ausgemerzt wurde, wie es in damals korrektem LTI-Sprech hieß.
(LTI – Lingua Tertii Imperii, Buch von Victor Klemperer = Die Sprache des Dritten Reichs.)

RIP – Requiescat In Pace, Ruhe in Frieden, sehr geehrter Rolf Hochhuth, und vielen Dank nicht nur, aber besonders doch für den “Stellvertreter”.

Foto © Dr. Rainer Bieling


Der Beitrag erschien am 15. Mai 2020 zuerst auf Facebook und ist hier nur geringfügig verändert und an das Format des Blogs angepasst. Quelle: Facebook-Eintrag vom 15. Mai 2020 – Einstellung: Meine Freunde.

Montag, 11. Mai 2020

Wiedereröffnung des Geländes “Topographie des Terrors” am 11. Mai 2020



 Genau 10 Jahre + 5 Tage nach der Eröffnung am 6. Mai 2010 ist die coronabedingte Schließung nun vorbei.


Der erste Besucher nach der Wiedereröffnung, bei 8 °C im Regen aufgenommen vom Chef des Wachdienstes der Topographie, Herrn Weipert. Danke!


Am heutigen Montag, dem 11. Mai 2020, hat die seit Freitag, dem 13. März 2020, coronabedingt geschlossene Topographie des Terrors – pünktlich wie immer um 10 Uhr – wiedereröffnet, zunächst nur das Außengelände. Dort im Ausstellungsgraben gibt es unter einem Glasdach die Dauerausstellung Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda und Terror zu sehen. Bei 8 °C und Regen ist es dort wenigstens nicht nass. Um 11.05 Uhr bin ich tatsächlich der erste (und bis zu meinem kältebedingten Abgang um 12 Uhr auch der einzige) Besucher, das Belegfoto sehen Sie  oben als erstes.


Der Pressesprecher der Topographie, Kay-Uwe von Damaros, begrüßt den ersten Besucher im trockenen Ausstellungsgraben.


Dazu ein Foto von 11:28 Uhr: Der Pressesprecher der Topographie, Kay-Uwe von Damaros, begrüßt den ersten Besucher im Ausstellungsgraben. Dazu noch zur örtlichen Orientierung (unten) ein Foto aus diesem Ausstellungsgraben sowie (als viertes) das Foto einer Schautafel, die an die Ausstellung Ungesühnte Nazijustiz erinnert, die vor 60 Jahren im Februar und März 1960 in West-Berlin für Furore sorgte. (Ich schrieb darüber am 23. Februar 2020 in den Berliner Freiheiten den Beitrag Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ 60 Jahre danach.)


Der Ausstellungsgraben mit der Dauerausstellung “Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda und Terror”. Rechts im Bild oberhalb des Schottergrabens das Dokumentationszentrum. Im Hintergrund die Wilhelmstraße.


Und zur historischen Orientierung noch dies: Heute vor 60 Jahren, am 11. Mai 1960, fassten Agenten des israelischen Geheimdienstes Adolf Eichmann in Buenos Aires, überführten ihn nach Jerusalem und überstellten ihn dort der Justiz. Eichmann war Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamtes, an dessen Stelle das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors heute steht. Seinen Dienstsitz hatte er jedoch in der Kurfürstenstraße.

Adolf Eichmann war der letzte leitende Mitarbeiter des Öffentlichen Dienstes des Deutschen Reichs, der für Planung, Organisation und Durchführung staatlichen Massenmords gehenkt werden würde. Einen besseren Tag für ihre Wiedereröffnung hätte die Topographie nicht finden können. Chapeau!


Die Schautafel “Strafverfolgung im Kalten Krieg” erinnert an die von Reinhard Strecker organisierte Ausstellung “Ungesühnte Nazijustiz” vom Februar/März 1960 in der Galerie Springer in Berlin-Charlottenburg. 


Info zur Wiedereröffnung – von der Website der Topographie des Terrors übernommen:

Seit 11. Mai 2020 sind die Außenbereiche des Dokumentationszentrums wieder geöffnet (Zugang über den Haupteingang Niederkirchnerstraße 8, der Eingang von der Wilhelmstraße bleibt geschlossen). Auf dem Gelände sind zwei Ausstellungen zu sehen:
• Berlin 1933–1945. Zwischen Propaganda und Terror (im überdachten Ausstellungsgraben).
Der historische Ort „Topographie des Terrors”. Geländerundgang in 15 Stationen.
Vorläufig gelten eingeschränkte Öffnungszeiten (täglich 10 bis 18 Uhr).
Bitte beachten Sie, dass das Gebäude mit der Dauerausstellung „Topographie des Terrors” vorerst noch geschlossen bleibt und von daher auch die Toiletten nicht zugänglich sind.

Aktualisierung vom 19. Mai 2020: Das Gebäude mit der Dauerausstellung „Topographie des Terrors” ist wieder geöffnet und von daher sind auch die Toiletten wieder zugänglich. Weiterhin geschlossen ist die Bibliothek, auch finden keine Veranstaltungen mit Publikum statt.
Aktualisierung vom 20. August 2020: Seit Sonnabend, dem 1. August 2020, sind Gelände und Gebäude wieder wie vor Corona von 10 bis 20 Uhr geöffnet – und beide Eingänge (Niederkirchnerstraße und Wilhelmstraße) sind ebenfalls wieder frei zugänglich. Weiterhin geschlossen bleibt die Bibliothek.

Hinweis: Den Bericht über die Wiedereröffnung des Dokumentationszentrums “Topographie des Terrors” am 19. Mai 2020 finden Sie in den Berliner Freiheiten vom 20. Mai 2020.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

Der Beitrag erschien am 11. Mai 2020 zuerst auf Facebook und ist hier nur geringfügig verändert und an das Format des Blogs angepasst. Quelle: https://www.facebook.com/rainer.bieling.1/posts/3378514032177867


Sonntag, 5. April 2020

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 2



Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt 12 bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 2


Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am Freitag, dem 3. April 2020, unter der Überschrift Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2 auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Darin berichte ich vom Kronberger Ludwig von Mises Seminar 2020, das am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle von Kronberg im Taunus – nahe Frankfurt am Main – stattfand. (Hinweise zur Folge 1 finden Sie am Ende des Beitrags.)


Die Referenten des Ludwig von Mises Seminars 2020 gemeinsam auf dem Podium (von links nach rechts): Jörg Guido Hülsmann, Thorsten Polleit,  Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus. Nicht auf dem Podium, weil beim Seminar mit Video zugeschaltet, ist David Dürr, der fünfte Referent.


Vom Freitag, dem 13. März 2020, ab ein Uhr mittags bis zum folgenden Samstag, dem 14. März 2020, um fünf Uhr am Nachmittag fand in Kronberg im Taunus das Ludwig von Mises Seminar 2020 statt. An diesen zwei Tagen stand die Österreichische Schule der Nationalökonomie im Mittelpunkt von „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“.

Die Teilnehmer waren auf Einladung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um Wissen über die Austrian School, wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum kurz heißt, zu erlangen oder es aufzufrischen. In den zwölf Stunden des Mises Seminars hörten die Seminaristen zwölf Vorlesungen, vorgetragen von fünf Dozenten. Der Inhalt der ersten sechs dieser zwölf Vorlesungen ist vor einer Woche am 27. März 2020 an dieser Stelle referiert worden; heute folgen die Vorlesungen 7 bis 12.


Vorlesung 7: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird auf der Leinwand übertragen.

Vorlesung 7: The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?
Friedrich August Edler von Hayek, kurz Friedrich August von Hayek, geboren 1899 in Wien, studiert Rechtswissenschaft an der Universität Wien, besucht Vorlesungen in Volkswirtschaftslehre und Psychologie und das Privatseminar von Ludwig von Mises, promoviert 1921 in Rechtswissenschaft und 1923 in Staatswissenschaften. Nach einem Auslandsstipendium für New York und Tätigkeit für das dortige National Bureau of Economic Research (NBER), eine 1920 entstandene überparteiliche Nonprofit-Forschungsorganisation, gründet er 1927 mit Ludwig von Mises als Wiener Pendant das ebenfalls gemeinnützige Österreichische Institut für Konjunkturforschung (heute WIFO), das sie gemeinsam leiten. 1929 Habilitation in Politischer Ökonomie und Privatdozent an der Universität Wien, 1931 Ruf als ordentlicher Professor an die London School of Economics, wo er bis 1950 lehren wird, seit 1938 als britischer Staatsbürger.

In dieser Londoner Zeit entsteht im Angesicht totalitären Wütens auf dem Kontinent und restriktiver Kriegswirtschaft auf den Britischen Inseln The Road to Serfdom, im März 1944 bei Routledge in London und im September 1944 bei der University of Chicago Press erschienen; die deutsche Ausgabe Der Weg zur Knechtschaft, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Röpke, folgt bald nach Kriegsende im Herbst 1945 bei Eugen Rentsch in Zürich.

Inhalt: Wie argumentiert Hayek? Worum geht es in den The Road to Serfdom?
Friedrich August von Hayek schreibt 1944 ein politisches Buch, kein wirtschaftstheoretisches. Der Krieg geht auf sein Ende zu, aber Kriegswirtschaft im Inneren und nach außen das Bündnis mit der Sowjetunion lassen allenthalben sozialistische Phantasien aufblühen und eine durchsetzungsfähige Staatsmacht gutheißen. Marktwirtschaftlich orientierte Politiker, Publizisten und Wissenschaftler sehen sich am Rand eines Mainstreams, der überbordendes staatliches Handeln nicht nur als rule of law, Herrschaft des Rechts, legitimiert, sondern dessen Legitimierbarkeit mit dem Ideologem der Ablaufgerechtigkeit noch steigert, der rule of just conduct, der Herrschaft nach den Regeln gerechten Verhaltes. Angesichts der Zustimmung zu „verständlichen“ Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Zeiten des Krieges, warnt Hayek vor dem zunehmenden Verständnis für staatliche Planung „zum Wohle der Bürger“.

Obwohl der Nationalsozialismus 1944 noch gar nicht besiegt ist, macht Friedrich August von Hayek schon zu diesem frühen Zeitpunkt mit seinem Buch auf den kommenden Konflikt mit dem Sozialismus aufmerksam. Der Weg zur Knechtschaft zeichnet sich vor seinem geistigen Auge bereits ab. Dabei hat Hayek noch gar kein Bild von der Knechtschaft, denen die Bürger Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns und anderer Länder des späteren Ostblocks einschließlich der Ostdeutschen bald nach Kriegsende seitens der siegreichen Sowjetunion unterworfen sein werden, sondern er spürt die Tendenz zum Totalitären im Inneren des eigenen Landes und seiner Verbündeten. Tatsächlich werden gleich 1945 sozialistische Politiker und Publizisten und deren Experten nach dem Wahlsieg der Labour Party unter Clemens Attlee daran gehen, im Vereinigten Königreich den demokratischen Sozialismus einzuführen und ein umfassendes Verstaatlichungsprogramm zu entwickeln und durchzusetzen.

Erst eine Generation, fast 35 Jahre später, wird sich Margret Thatcher nach dem Wahlsieg der Conservative Party im Mai 1979 daran machen, den Rückweg aus der Knechtschaft der Bürger durch den Staat einzuschlagen und der in drei Jahrzehnten verarmten Bevölkerung wieder zu Wohlstand wenn nicht für alle, so doch für viele zu verhelfen. Gleich nach ihrem Antritt als Parteichefin hat es 1975 ein Treffen zwischen ihr und Hayek gegeben, der Margret Thatchers Experiment der Emanzipation der Briten von der Staatswirtschaft in den 1980er-Jahren wohlwollend begleiten wird – mit der New Wave als Soundtrack dazu.

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?
David Dürr sagt, die Botschaft des Buches, „Hütet euch vor dem Sozialismus!“, sei damals provokativ gewesen, da alle Welt doch den Nationalsozialismus fürchtete, selbst noch den besiegten. Deshalb unterbanden die westalliierten Besatzungsmächte anfangs den Vertrieb der deutschen Übersetzung des Buchs in ihren Zonen, auch aus Rücksicht vor ihrem sozialistischen Bündnispartner. Tatsächlich habe Hayek eine Staatswirtschaft, in der „alles geplant“ ist, als totalitär verworfen. Aber ein Land im Ausnahmezustand, in dem die Planung nicht zu weit gehe und nicht alles umfasse, könne als „freies Regime“ durchgehen.

Das findet Dürr bemerkenswert, zumal Hayek fortfahre und die Auffassung vertrete, dass der Staat den Individuen „bei Überforderung oder Unvorhergesehenem“ helfen solle. Diese „erstaunliche Inkonsequenz“ erklärt sich Dürr aus den Umständen des Entstehungsjahres 1944, als ein kriegsbedingt allgegenwärtiger Staat es vermochte, sich als Retter in letzter  Instanz zu profilieren, als „Staat, der Sicherheit schafft“. Dass Hayek auch unter diesen Umständen die „Erhaltung individueller Freiheit“ als möglich ansehe, sei seine Überzeugung.

David Dürr gelangt zu dem Resümee, dass The Road to Serfdom, Der Weg zur Knechtschaft, „ein faszinierendes Buch“ sei, weil es 22 Jahre nach Mises’ Gemeinwirtschaft von 1922 eine Art Update der Sozialismuskritik aus nunmehr österreichisch-britischer Sicht biete, die vor dem Sozialismus „aller Parteien“ warne, nicht nur dem offen totalitären der Kommunistischen Internationale. Dürr verbindet seine Lektüreempfehlung mit der Anregung, den von Friedrich August von Hayek angesichts der Lage von 1944 formulierten Ansatz zu überdenken, nur den „monopolistisch-etatistischen“, nicht aber „den Staat grundsätzlich“ in Frage zu stellen.


Vorlesung 8: Thorsten Polleit über Ludwig von Mises' Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957.

Vorlesung 8: Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4, 5 und 6, lehrt 1957 seit nunmehr zwölf Jahren als Gastprofessor an der New York University. Er ist zum Zeitpunkt des Erscheinens von Theorie und Geschichte 76 Jahre alt. Er wird bis zu seiner Pensionierung im Alter von 88 Jahren im Jahr 1969 an dieser größten privaten Universität der Vereinigten Staaten Vorlesungen halten – als Visiting Professor, für dessen Gehalt bis 1962 der konservativ-libertäre William Volker Fund, der in den Folgejahren kollabieren wird, aufkommt.

Theory and History, im Untertitel An Interpretation of Social and Economic Evolution, erscheint wie Human Action bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut. Nur acht Jahre nach seinem Opus Magnum von 1949 legt Ludwig von Mises 1957 mit Theory and History das „große vierte Hauptwerk“ vor, wie 58 Jahre später das Ludwig von Mises Institut Deutschland als Herausgeber die deutsche Übersetzung Theorie und Geschichte ankündigen wird. Sie erscheint 2015 mit dem Untertitel Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung im H. Akston Verlag, München, mit einer Hinführung von Rolf W. Puster und dem Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Murray N. Rothbard.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt sein großes Alterswerk in einer Zeit, die vom Kalten Krieg, von der Unterdrückung und Verarmung der Bevölkerung im sozialistischen Lager und deren Widerstand (Warschau, Budapest 1956) auf der einen Seite und einem nicht für möglich gehaltenen Wirtschaftsaufschwung und Wohlstandszuwachs in der freien Welt auf der anderen Seite geprägt ist. In den angelsächsischen Ländern erblühen alte und entstehen neue Wissenschaften – und in dem akademischen Aufwind das alte Verlangen nach Anerkennung und Bedeutung, nach der vor allem, aber nicht nur Sozialwissenschaftler streben. So wächst die Neigung, Gesellschaftswissenschaften als exakte Wissenschaften nach Art der Naturwissenschaften zu behaupten, mit deren Hilfe sich die Gesellschaft auf der Basis von wissenschaftlich exakt fundiertem Expertenwissen lenken lasse.

Mises wendet sich gegen diese am Ende der 1950er-Jahre zunehmende Tendenz und hält am „methodologischen Dualismus“ fest, der sich aus dem verschiedenen Vorgehen ableitet, um Erkenntnis zu gewinnen:
• Naturwissenschaften arbeiten mit dem Mittel der Hypothesenbildung, um ihre Annahmen anschließend im Experiment zu verifizieren oder zu falsifizieren. So gelingt es, die jeweils „letzte Ursache“ einer Wirkung zu finden.
• In den Wissenschaften vom menschlichen Handeln funktioniert das Verfahren nicht. Eine Letztbegründung außer der, dass der Mensch handelt, gibt es nicht. „Der Mensch handelt“ wird umgekehrt zum Ausgangspunkt, zu einem Apriori, aus dem sich weitere Aussagen ableiten: Menschliches Handeln ist zielgerichtet, benutzt Mittel, braucht Zeit. Weil es Zeit braucht, bildet der Handelnde eine „Zeitpräferenz“: Was ist hier und heute das Wichtige, was duldet Aufschub?

Diese „Handlungslogik“ stellt Ludwig von Mises ins Zentrum seiner Praxeologie, der Lehre vom menschlichen Handeln. Von hier ausgehend fügt er weitere Elemente hinzu: Ideen bestimmen menschliches Handeln, und da es deren unbestimmbar viele gibt, gibt es auch keine Verhaltenskonstanten. Deshalb können Wissenschaften vom menschlichen Handeln keine exakten Wissenschaften sein. Die Annahme von Sozial- oder Wirtschaftswissenschaftlern, Vorhersagen treffen und gesellschaftliche oder wirtschaftliche Prozesse planbar machen zu können, beruht Mises zufolge auf dem Konstrukt einer „Einheitswissenschaft“, die den tatsächlichen Dualismus der Wissenschaften entweder ignoriert oder leugnet.

Im Folgenden befasst sich Mises mit den seinerzeit gängigen akademischen Schulen, die mit verschiedenen Argumenten das Gleiche vorgeben leisten zu können: die vernünftige Leitung der Gesellschaft mittels wissenschaftlicher Expertise. In all den betreffenden Kapiteln kommt Ludwig von Mises zu demselben Ergebnis: Menschliches Handeln lässt sich nicht voraussagen. Und, gegen den Historismus, das gilt auch rückwärts: Aus der Geschichte lässt sich nicht lernen. Geschichte muss mit Theorie erfasst werden, aber die Theorie ist der Schlüssel zur Interpretation von Geschichte, die immer die Geschichte menschlichen Handelns ist, das keine Gesetzmäßigkeiten kennt. So ist Theorie und Geschichte auch, wie es der Buchtitel nahelegt, ein grundlegendes geschichtstheoretisches Werk.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, Theory and History habe eine „auffällig geringe Rezeption“ erfahren, was er bedauere; denn Mises bestimme und stärke mit diesem Werk die Verteidigungslinien gegen Positivismus, Empirismus, Behaviorismus, Szientismus, Kritischen Rationalismus (Popper), Historizismus und Dialektischen Materialismus (Marx), die allesamt dem Menschen Individualität absprächen. Die „Kernbotschaft“ des Buches laute: Die wissenschaftliche Methode einer Wissenschaft entscheide à la longue über „reale Freiheiten“, die Menschen zugebilligt oder ihnen abgesprochen werden. Polleit weist auf das Vorwort von Rolf W. Puster zur deutschen Ausgabe hin, das die Hintergründe des methodischen Dualismus der Wissenschaften beleuchte.

Die Lektüre des wenig rezipierten und erst spät ins deutsche übersetzten Buches gibt Argumente an die Hand, sich der grassierenden Wissenschaftsgläubigkeit zu widersetzen. Der Glaube bestehe darin, sagt Polleit, man könne „Menschen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen gleichsetzen“ und ihr Handeln berechnen. Eine solche Form von Wissenschaftsgläubigkeit führe, wenn sie politische Entscheidungsträger leite, zu einer „Kette von Fehlentscheidungen“, die durch immer neue vermeintlich wissenschaftlich exakt begründete Fehlentscheidungen korrigiert werden, die der Gesellschaft kumulierenden Schaden zufügten.


Vorlesung 9: Philipp Bagus über Murray Rothbards The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982.

Vorlesung 9: The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände: Murray Newton Rothbard, 1926 in New York City geboren, studiert Mathematik und Volkswirtschaftslehre an der privaten Columbia University in New York, an der er einen Bachelor in Mathematik erhält und 1956 in Wirtschaftswissenschaften promoviert. In den frühen 1950er-Jahren besucht Rothbard parallel zu seinen offiziellen Vorlesungen an der Columbia University auch Ludwig von Mises’ Privatseminar an der New York University und wird unter dem Eindruck der Lektüre von Human Action zu einem Verfechter der Austrian School.

Wie Mises aus Mitteln des William Volker Fund alimentiert, trägt Murray N. Rothbard in den 1950- und frühen 1960er-Jahren als freiberuflicher Theoretiker zur publizistischen Verbreitung der Lehren der Österreichischen Schule bei. Nach dem Ausbleiben der Zuwendungen seit dem Zusammenbruch des Fonds 1962 in prekärer Lage, gelingt es Rothbard 1966, im Alter von 40 Jahren, eine Teilzeitstelle als Wirtschaftslehrer für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute zu übernehmen. Diese Position wird er in den nächsten 20 Jahren innehaben; sie gibt ihm die nötige Zeit, weiterhin als Buchautor und Publizist zu wirken.

Das Buch The Ethics of Liberty erscheint gegen Ende dieser Phase seines Schaffens 1982 bei Humanities Press, Atlantic Highlands, New Jersey. Die deutsche Ausgabe Die Ethik der Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Hülsmann, publiziert 17 Jahre später der Wissenschaftsverlag Academia, Sankt Augustin 1999. Die Ethik der Freiheit, deren 4. Auflage von 2013 datiert, ist mittlerweile vergriffen.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt sein Buch The Ethics of Liberty in der Absicht, die Praxeologie der Österreichischen Schule mit der Ethik zu verbinden und einen Austro-Libertarismus zu begründen. Er gliedert sein Buch in 5 Teile.

• Teil 1 Grundgedanken zum Naturgesetz behauptet und begründet eine „objektiven Ethik“, die in der Natur des Menschen liegt und von Moral zu unterscheiden ist.

• Teil 2 Theorie der Freiheit nennt die „universellen Freiheiten“, die für alle Menschen gelten, weltweit, wo immer sie leben:
1. das Selbsteigentum am eigenen Körper,
2. das aus ursprünglicher Aneignung erworbene Eigentum,
3. das mittels Produktion geschaffene Eigentum,
4. das mittels Tausch erworbene Eigentum.
Erst wenn und wo alle vier Eigentümer gewährleistet sind (und nicht durch Zwang oder Gewalt verletzt werden), ist ein Mensch frei und der „Universalitätstest“ bestanden. Ohne Eigentum in diesem Plural gibt es keine Freiheiten.

Teil 3 Staat als natürlicher Feind der Freiheit bestimmt den Staat als „kriminelle Vereinigung“, die den öffentlichen Sektor mittels Zwang und dem Monopol auf Gewalt beherrscht – im Unterschied zum organisierten Verbrechen, das im Privatsektor agiert. Den Bürgern billigt Rothbard das moralische Recht zu, den Staat zu betrügen.

• Teil 4 Theorien der politischen Philosophie der Freiheit erörtert die theoretischen Konzepte von Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Isaiah Berlin und Robert Nozick.

Teil 5 Strategie zur Freiheit definiert Libertäre als „Avantgarde“,  die diese Ideen der Freiheit verbreiten, wie sie es erstmals im Laufe der Amerikanischen Revolution taten, die für Rothbard das Werk einer „libertären Mehrheit“ war. Den Staat als Feind betrachten als erste Bürgerpflicht.

Nutzen: Philipp Bagus sagt, dass Murray Rothbard mit der Ethik der Freiheit verdeutlicht habe, dass und warum eine ökonomische Begründung der Freiheit nicht reiche. Er verdeutlicht das am Beispiel des Sklavenhalters, der durch die Abschaffung der Sklaverei ökonomisch schlechter gestellt werde; doch reiche diese Begründung nicht, die Sklaverei weiter aufrecht zu erhalten, weil die Ethik der Freiheit das Recht auf Selbsteigentum des gewesenen Sklaven höher bewerte.

Den Gewinn der Lektüre des Buchs von Rothbard sieht Philipp Bagus in der Ermunterung zur Bildung einer „selbstbewussten Bewegung für die Ideale der Freiheit“, die immer dann Zuspruch finden werde, wenn es ihr gelinge, die permanenten Krisen und nie dagewesenen Herausforderungen als „Fehler des Staates“ deutlich zu machen. Allerdings liege auf dem Weg zu einer neuen libertären Mehrheit stets der Stolperstein der Käuflichkeit – der „Eintritt in den Staat“.


Vorlesung 10: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird mit einem Beamer übertragen.

Vorlesung 10: Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Friedrich August von Hayek, vorgestellt bei Vorlesung 7 und dort verfolgt bis zu seiner Station an der London School of Economics, verlässt das Vereinigte Königreich 1950 Richtung Vereinigten Staaten, wo er in den nächsten zwölf Jahren an der University of Chicago lehren wird, die wegen ihrer Fakultät für Wirtschaftswissenschaften zu den bekanntesten der privaten Universitäten der Vereinigten Staaten zählt. Ähnlich wie Ludwig von Mises in New York, erhält auch Hayek in Chicago sein Gehalt bis 1962 vom konservativ-libertären William Volker Fund, der wenig später kollabieren wird.

Anders als Mises verlässt Friedrich August von Hayek daraufhin die Vereinigten Staaten und nimmt noch 1962 eine ordentliche Professur in Freiburg im Breisgau an. An der staatlichen Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, bekannt durch ihre auf Walter Eucken zurückgehende Freiburger Schule der Nationalökonomie (Ordoliberalismus), wird er über seine Emeritierung (1967) hinaus bis zu seinem 70. Lebensjahr 1969 lehren. Seit 1968 bis 1977 hat er überdies eine Gastprofessur an der Universität Salzburg inne. In diese Phase seines Schaffens fällt 1973 die Veröffentlichung des ersten Bandes von Law, Legislation and Liberty – ein Jahr bevor Friedrich August von Hayek 1974 den erstmals vergebenen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten wird.

Wie schon 1944 The Road to Serfdom, erscheint auch Law, Legislation and Liberty 1973 simultan bei Routledge in London und bei der University of Chicago Press – seit fast 30 Jahren eine stabile Beziehung zwischen Autor und Verlagen, auch wenn dieser beide seiner Wirkungsorte längst verlassen hat. Dem Band 1 Rules and Order von 1973 folgen ein Band 2 The Mirage of Social Justice (1976) und ein abschließender Band 3 The Political Order of a Free People (1979). Anders als im Fall von Der Weg zur Knechtschaft wird die deutsche Ausgabe Recht, Gesetz und Freiheit allerdings nicht zeitnah, sondern erst 1980 und 1981 nach Abschluss der englischen Trilogie erscheinen, ebenfalls in drei Bänden, zuerst unter dem Titel Recht, Gesetzgebung und Freiheit im Verlag moderne Industrie, München, später unter dem heute bekannten und verfügbaren Titel Recht, Gesetz und Freiheit bei Mohr Siebeck in Tübingen, 2003.

Inhalt: Friedrich August von Hayek schreibt im Band 1, Regeln und Ordnung, über den Unterscheid von spontaner Ordnung und Organisation, daraus folgend über den Unterschied von Recht und Gesetzt und gelangt zu dem Schluss: Recht ist älter als Gesetzgebung. Band 2, Das Trugbild sozialer Gerechtigkeit, beschreibt die Übertragung des Begriffs der Gerechtigkeit aus dem Juristischen, wo er herkommt und hingehört, ins Soziale, wo er nicht hingehört und als Wieselwort „soziale Gerechtigkeit“ zu einer Ablaufgerechtigkeit wird. Band 3, Die politische Ordnung eines freien Volkes, beginnt mit einem Abschnitt über „Die zunehmende Enttäuschung über die Demokratie“, die Hayek im Erscheinungsjahr 1979 allenthalben beobachtet – eine Demokratie, nach der 1944, beim Erscheinen der The Road to Serfdom, doch alle so gelechzt hätten. Der Band 3 geht dieser immer wiederkehrenden Enttäuschung nach und erörtert die Stärken und die Schwächen demokratischer Prinzipien wie Mehrheitsentscheidung und Gewaltenteilung.

Nutzen: David Dürr sagt, er selbst habe noch Friedrich August von Hayek erlebt, live bei einem Vortrag in Zürich, bei dem er über das Thema des 3. Bandes, Die politische Ordnung eines freien Volkes, frei gesprochen und eine „eindrückliche Persönlichkeit“ zu erkennen gegeben habe. Doch bereits beim Zuhören sei ihm aufgefallen, was sich beim Lesen dieses „Alterswerkes“ bestätige: Hayek argumentiere „sehr etatistisch“. Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen – „ja, dazu braucht es den Staat“, sage Hayek. Infrastruktur, sogar Information seien Staatsaufgabe – „man reibt sich die Augen“.

Zwar postuliere Hayek, „die letzte Schlacht gegen den Sozialismus ist noch nicht geschlagen“, aber er, Dürr, frage sich: „War da eine letzte Schlacht?“ Und gibt sogleich die Antwort: Nein, „recht kampflos weit gekommen“ sei der Staat, „kampflos unterworfen“ habe man sich ihm. „War da ein Anwachsen der freien Gesellschaft?“ Und wieder ein Nein. David Dürr schließt, „die Knechtschaft, in der wir sind“, habe Hayek nur erkennend begleitet, aber er und andere Liberale hätten den nötigen „Kampf nicht konsequent geführt“. Insofern beabsichtigt Dürrs Lektüreempfehlung eine Aufforderung, Recht, Gesetz und Freiheit und besonders dessen 3. Band einer kritischen Sichtung zu unterziehen – nach 40 weiteren Jahren „zunehmender Enttäuschung über die Demokratie“.


Vorlesung 11: Thorsten Polleit über Murray Rothbards Power and Market, Menlo Park, California, 1970.

Vorlesung 11: Power and Market, Menlo Park, California, 1970. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Murray Rothbard, vorgestellt bei Vorlesung 9, lehrt 1970 seit vier Jahren in einer Teilzeitstellung Wirtschaft für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute. Diese Position erlaubt es ihm, gleichzeitig als Buchautor und Publizist zu wirken. Das Buch Power and Market erscheint in den Anfangsjahren dieser Phase seines Schaffens 1970 beim Institute for Humane Studies, Menlo Park, California. Es trägt den Untertitel Government and the Economy.

Power and Market gibt es bisher nur auf Englisch, die Fourth edition ist 2006 bei The Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, erschienen. Das österreichisches Mises Institut mises.at bereitet eine deutsche Übersetzung vor.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt mit Power and Market ein Buch, in dem er eigenständige, über die bisherige Austrian School hinausgehende Gedanken entwickelt. Seine erste große Veröffentlichung von 1962, Man, Economy, and State, ist das Ergebnis der Teilnahme an Ludwig von Mises’ Privatseminar gewesen und hat allein der Verbreitung der Lehren der Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum gedient. Acht Jahre später, 1970, setzt Rothbard mit Power and Market eigene Akzente.

Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dieser: Wenn der Staat als territorialer Monopolist schädlich ist, sind alle Staatshandlungen schlechter, als es Markthandeln wäre. Als Lösung schwebt Murray Rothbard eine „Privatrechtsgesellschaft“ vor – ohne öffentliches Recht.

Als Alternative zum Staatsversprechen „Wir schützen euch“ entwickelt Rothbard den Gedanken eines freien Marktes für Sicherheit zum Schutz des Eigentums vor Aggression. Da der Staat selbst der Aggressor ist, der Eigentumsrechte verletzt, ist er unvereinbar mit der Gewährleistung von Sicherheit. Statt des Staatsmonopols für Sicherheit soll künftig ein freier Markt für Polizei den Schutz des Eigentums, der als erstes Eigentum Leib und Leben schützt, sicherstellen. Auf einem freien Markt werden Versicherungsunternehmen diese Leistung erbringen. Auch die Gerichtsbarkeit im Falle einer Eigentumsverletzung ist dem Monopol des Staates entwunden und Angelegenheit von Schiedsgerichten freier Wahl.

In einem zweiten Teil des Buches erörtert Murray Rothbard die Arten der Intervention, mit denen der Staat entweder win-lose-Ergebnisse (der Staat gewinnt, der Bürger verliert) erzielt oder lose-lose-Ergebnisse (beide verlieren), nie aber win-win-Ergebnisse, wie sie Markthandeln erzielt, das auf freier Wahl beruht. Und zwar auf der freien Wahl jedes Einzelnen, Tag für Tag – es gibt niemanden, der nicht wählt. Von diesem Gedanken ausgehend gelangt Rothbard zu einem Demokratiedilemma: Die freie Wahl der Regierung bringt eine Regierung hervor, die von den Nichtwählern nicht gewählt und von der unterlegenen Minderheit nicht gewollt ist.

Nach dieser Art der Intervention, die Rothbard „binär“ nennt, weil sie zwei Seiten hat (Staat und Bürger/Marktteilnehmer), widmet er sich der „triangulären“ Intervention, die drei Seiten hat: den Staat und zwei Marktteilnehmer. Er veranschaulicht das am Patent, das den Entdecker privilegiert und den Zweitentdecker diskriminiert. Das Patent
• erzeugt Monopolgewinne, ohne die Versorgung zu verbessern,
• erhöht die Preise, weil ohne Lizenz ein Zweiter das patentierte Gut nicht anbieten darf,
• verschlechtert die Versorgung, sobald es auf Güter vergeben wird, die nicht patentierbar sind.
Mit der Institution des Patents überträgt der Staat sein Monopolrecht auf einen einzelnen Marktteilnehmer zum Schaden aller anderen Marktteilnehmer.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, wer „das Recht, in Ruhe gelassen zu werden“, schätzt, solle dieses Buch lesen. Aber jene, „die den Staat lieben“, sollten besser die Finger davon lassen. Besonders wenn sie Beamte sind und durch das Buch erfahren, dass ihr Dasein sich einer „binären“ Intervention des Staates verdankt: Nur weil der Staat als territorialer Monopolist sich das Recht nimmt, Steuern zu erheben, für Rothbard Raub, eine Aggression gegen das Eigentum der Nettosteuerzahler, kann er für seinen Apparat aufkommen und dessen Beamte bezahlen, die Nettosteuerkonsumenten. Würden die Nettosteuerzahler alle Zahlungen verweigern, hätten die Nettosteuerkonsumenten kein Einkommen.

Den Geschädigten dieser „binären“ Intervention des Staates ruft Thorsten Polleit zu: „Lesen sie das Buch!“ Power and Market entfalte im Schlussteil noch einmal eine zusammenfassende Argumentation gegen die „Anti-Markt Ethik“, die einerseits Menschenrechte für sich reklamiert, andererseits Eigentumsrechte im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ entweder leugnet oder beschneidet. Die Lektüre des Buchs hingegen verdeutliche, dass für Murray Rothbard Menschenrechte und Eigentumsrechte zusammengehören, dass Menschenrechte ohne Eigentumsrechte jeder staatlichen Willkür Tor und Tür öffnen.


Vorlesung 12: Karl-Friedrich Israel über Hans-Hermann Hoppes Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. 

Vorlesung 12: Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. Von Hans-Hermann Hoppe, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Hans-Hermann Hoppe, geboren 1949 im niedersächsischen Peine, studiert Philosophie, Soziologie, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken, Frankfurt am Main und Ann Arbor, promoviert 1974 bei Jürgen Habermas und habilitiert sich 1981. Anschließend ermöglichen ihm Forschungsstipendien des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes DAAD und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG die Erarbeitung der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, die während seiner anschließenden Zeit als Privatdozent an der Technischen Universität Braunschweig 1983 im Westdeutschen Verlag, Opladen, erscheint. Untertitel: Untersuchungen zur Grundlegung von Soziologie und Ökonomie.

Später, von 1986 bis 2008, wird Hans-Hermann Hoppe als Professor für Volkswirtschaftslehre an der staatlichen University of Nevada in Las Vegas lehren. In dieser amerikanischen Zeit seines Schaffens wird er auch Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Heute lebt er mit seiner Frau Gulcin Imre Hoppe, ebenfalls Österreichische Schulökonomin, in der Türkei.

Inhalt: Hans-Hermann Hoppe schreibt sein Buch, um eine nicht-empirische Begründung für die These zu liefern, dass empirisch-kausalwissenschaftliche Sozialforschung „logisch unmöglich“ ist. Er gliedert sein Buch entsprechend in drei Kapitel:
Kapitel 1 Über die Unmöglichkeit kausalwissenschaftlicher Sozialforschung,
Kapitel 2 Eine Untersuchung zur Begründung der Soziologie als rekonstruierender Handlungswissenschaft,
Kapitel 3 Eine Untersuchung zur Begründung der Ökonomie als aprioristischer Handlungswissenschaft.

Der Referent konzentriert seine Vorlesung auf das erste Kapitel des Buchs, das vor dem Hintergrund der dogmengeschichtlichen Entwicklung seiner Zeit zwei bedeutende Entwicklungen des 20. Jahrhunderts thematisiert:
• in der Theorie die „Keynesianische Revolution“,
• in der Methodik den „Durchbruch der modernen Ökonometrie“.
Beides zusammen, Keynes’ Gedanke der Sinnhaftigkeit staatlicher Intervention zugunsten von allem und jedem, zuletzt sogar zugunsten des ganzen Planeten, und die auf Ragnar Frisch und Jan Tinbergen zurückgehende Idee der Ökonometrie, der Berechenbarkeit von allem und jedem, zuletzt sogar in der Modifikation der Berechenbarkeit planetarer Infektionsketten, behandelt Ökonomie, als sei sie eine Naturwissenschaft, und Wirtschaft und Gesellschaft, als seien sie berechenbar wie die Bahn des Mondes um die Erde.

Hans-Hermann Hoppe hält diesem „Instrumentalismus“ den „Realismus“ der Österreichischen Schule entgegen und stützt sich dabei auf Ludwig von Mises als Verfechter des methodologischen Dualismus, den er seinerseits so begründet:
1. Der Mensch und seine Entscheidungen sind selbst Untersuchungsgegenstand der Ökonomik.
2. Naturwissenschaft beschäftigt sich mit unbelebten oder willenlosen Objekten.
3. Ziel, Zweck oder Motiv einer Handlung können nicht physiologisch erklärt werden – zumindest noch nicht.
Aus diesen Grundannahmen ergibt sich für Hoppe die Unvorhersagbarkeit menschlichen Handelns, das obendrein noch durch zwei weitere Unvorhersehbarkeiten geprägt ist: Der Mensch ist lernfähig, und: „Der Mensch ist verlernfähig“. Einmal erlangtes Wissen kann verloren gehen – und tatsächlich verlernen Menschen einst Gelerntes sogar im Verlauf ihres eigenen Lebens oft und gern wieder.

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt eingangs seiner Vorlesung, Hoppe habe ein „Alleinstellungsmerkmal“: Dieser Autor ist als einziger noch am Leben – jedenfalls als einziger der sechs Autoren, deren Bücher das Ludwig von Mises Seminar 2020 vorstellt. Ein hinreichender Grund zur Lektüre der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung sei das allerdings noch nicht, vielmehr liege der mögliche Erkenntnisgewinn vor allem im Kapitel 1, das Karl-Friedrich Israel für das wichtigste hält.

Hoppe selbst formuliert die dort begründete zentrale These so: „Als empirische Disziplin muss sich die Sozialforschung als eine rekonstruierende Wissenschaft begreifen, die [...] Handlungen in die ihnen zugrundeliegenden, dem Handelnden im Prinzip als solche erkennbaren logischen Bestandteile zerlegt.“ Indem Hoppe 1983 den Methodendualismus von Ludwig von Mises aktualisiere und die Ökonomie als eine Disziplin der Sozialforschung deren Regeln gleichstelle, leiste er, sagt Karl-Friedrich Israel zum Ende seiner Vorlesung, einen lesenswerten Beitrag zu der österreichischen Grundüberzeugung, nach der es „keine Kausalität in der Ökonomie“ gebe und deshalb auch keinen Bedarf an Experten, die Rettung versprechen, mag die „Herausforderung“ noch so „nie dagewesen“ sein.


Am Ende des Seminars stellen sich die Referenten den Fragen der Seminarteilnehmer, moderiert von Andreas Marquart, Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland (am Pult). Auf dem Podium von links nach rechts: Jörg-Guido Hülsmann, Thorsten Polleit, Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus.

Ergänzende Nachbemerkung zur Folge 1 Die in der Vorlesung 6 angesprochene Schrift Human Action von 1949, bei der es sich um eine von Ludwig von Mises aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der 1940 erschienen Schrift Nationalökonomie handelt, ist 70 Jahre später im Oktober 2019 in deutscher Übersetzung herausgekommen. Unter dem Titel Menschliches Handeln. Eine Grundlegung ökonomischer Theorie bietet die von Rahim Taghizadegan ins Deutsche übersetzte Ausgabe auf rund 850 Seiten zugleich eine Synthese von Nationalökonomie und Human Action. Die in 3 Textbände unterteilte Ausgabe wird durch einen Band 4 ergänzt, der auf weiteren 280 Seiten Endnoten alle Veränderungen zwischen den beiden Versionen dokumentiert und einen Essay von Jörg Guido Hülsmann enthält: Die Wirkung von ‚Human Action’ in den USA.

Die 4 Bände der Schrift Menschliches Handeln sind als Taschenbuchausgabe beim Verlag mises.at erschienen und im stationären Buchhandel sowie im Onlinehandel (etwa bei Amazon) erhältlich. Rahim Taghizadegan, selbst ein Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, ist Wirtschaftsphilosoph und Rektor des scholarium in Wien, einer unabhängigen Bildungs- und Forschungsinstitution, die als Herausgeber der vierbändigen Ausgabe firmiert, die je Band 19 Euro kostet, die einzeln beziehbar sind.


Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Freitag, dem 27. März 2020.

Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland: Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2. Die dort zuerst veröffentlichte Originalfassung unterscheidet sich von der obigen Blogfassung nicht im Text, nur in der Bebilderung – hier ist zu jeder Vorlesung ein Bild des Referenten zu sehen, dazu eingangs ein zweites Foto mit den vier Referenten auf dem Podium.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

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Hinweis: Die Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Samstag, dem 28. März 2020, unter der Überschrift Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 1 als Version der Berliner Freiheiten.




Samstag, 28. März 2020

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 1



Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt 12 bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 1


Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am Freitag, dem 27. März 2020, unter der Überschrift Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 1 auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Darin berichte ich vom Kronberger Ludwig von Mises Seminar 2020, das am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle von Kronberg im Taunus – nahe Frankfurt am Main – stattfand. (Hinweise zur Folge 2 finden Sie am Ende des Beitrags.)


Der Vorstand des Ludwig von Mises Instituts, Andreas Marquart, begrüßt die Seminarteilnehmer am 13. März 2020.

Es war ein Freitag, der 13. Kein guter Tag für Abergläubige. Zu denen zählen Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie indes nicht, ganz im Gegenteil: An diesem Freitag, dem 13. März 2020, versammelten sich zu ihrem Ludwig von Mises Seminar 2020 in Kronberg im Taunus aufgeklärte Bürger, die mit wachen Augen und offenen Ohren das verfügbare Wissen aufnehmen, das menschliches Denken und Handeln hervorbringt, vermehrt und teilt. Allerdings ist die Verteilung dieses Wissen nichts, das von selbst geschieht, und auch die Bewahrung vorhandenen Wissens vor dem Vergessen will bewerkstelligt sein.

Der Gedanke, „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“ zu veranstalten, sollte der Bewahrung und Weitergabe von Wissen über die Österreichische Schule der Nationalökonomie dienen. Rund 60 Teilnehmer waren zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um an zwei Tagen, dem besagten Freitag und am folgenden Samstag, dem 14. März 2020, diese zwölf Vorlesungen zu hören, vorgetragen von fünf Dozenten.

Der Vorstand des Ludwig von Mises Instituts, Andreas Marquart, der zugleich dem Seminar vorstand, nennt eingangs eine Zahl: 4200. So viele Buchseiten haben die elf bahnbrechenden Bücher der Österreichischen Schule zusammengerechnet, die in den folgenden zwölf Stunden des Mises Seminars vorgestellt werden – in zwölf Vorlesungen, weil ein Buch gleich zweimal drankommen wird, von dem es zwei verschiedene Fassungen in zwei unterschiedlichen Sprachen unter jeweils eigenem Namen gibt, also gewissermaßen doch zwölf Bücher von Bedeutung, für jede Vorlesung eines.


Vorlesung 1: Philipp Bagus über Carl Mengers Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871.

Vorlesung 1: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871. Von Carl Menger, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände: Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?
Carl Menger von Wolfensgrün, kurz Carl Menger, 1840 geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt südlich von Krakau im österreichischen Galizien, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und Prag, arbeitet anschließend wieder in Galizien als Redakteur der Lemberger Zeitung, Schwerpunkt Marktbeobachtung und -beurteilung, und promoviert 1867 in Krakau. 1871 geht er endgültig nach Wien, wo sich er im Folgejahr mit einer Schrift habilitiert, die bereits vorliegt: Sein Buch Grundsätze der Volkswirtschaftslehre ist erschienen im Wien des Jahres 1871, in dem Preußen einen Krieg gegen Frankreich beginnt und gewinnt und mit dem Deutschen Reich einen kleindeutschen Nationalstaat ohne Zugehörigkeit Österreichs gründet.

Auch wenn Wien kein Bestandteil des neuen Reiches wird – Mengers Augen sind bis dahin ganz auf Deutschland gerichtet, an dessen Gebrauchswertschule er sich orientiert. Mit der staatlichen Trennung des deutschen Sprach- und Wissensraums in zwei eigenständige Reiche und der Berufung Carl Mengers an den neu geschaffenen Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Universität Wien beginnt 1879 die eigenständige Entwicklung einer Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Inhalt: Wie argumentiert Carl Menger? Worum geht es in den Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre?
Carl Menger schreibt, zunächst ganz in der Tradition der deutschen Gebrauchswertschule, gegen den Objektivismus der klassischen Nationalökonomie der Briten und setzt ihm einen alternativen Ansatz entgegen, der das menschliche Handeln zum Ausgangspunkt einer subjektiven Wertlehre nimmt, die den Gebrauchswert einer Ware, deren Nutzen, wertbestimmend sieht. Er nimmt also das handelnde Individuum in den Blick, und da dieses stets mit anderen interagiert, die handelnden Individuen oder Subjekte.

Menger gliedert seine Grundsätze in 8 Kapitel, die von der „Lehre vom Gute“ über die „Lehre vom Werte“ und die „Lehre vom Preise“ zur „Lehre von der Ware“ und der „Lehre vom Gelde“ vorarbeiten. In seinem 6. Kapitel erörtert er den Zusammenhang und die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert und gelangt von hier zu einer grundlegenden Weiterentwicklung der deutschen Gebrauchswertlehre, indem er den für die Österreichische Schule wichtigen Gedanken des Grenznutzens ausbaut und ihn mit dem Faktor Zeit in Verbindung setzt, der später zum Begriff der Zeitpräferenz weiterentwickelt werden wird.

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?
Philipp Bagus sagt in seiner Vorlesung, Carl Menger sei „radikal anders“ als die deutschen Gebrauchswertlehrer, indem er den theoretischen Ansatz von Wilhelm Roscher, des Leipziger Professors für Staats- und Kameralwissenschaften, dem die Erstausgabe von 1871 „in achtungsvoller Verehrung zugeeignet“ ist (so die Widmung im Buchinneren), konsequent weiterentwickle. Die „Lehre vom Gelde“ (Kapitel 8) definiert Geld als ein von jedermann angenommenes Gut und lege damit einen der Grundsteine dessen, was alsbald als Österreichische Schule der Nationalökonomie gelten werde. Die Lektüre der Grundsätze der Volkswirtschaftslehre verschaffe den Genuss der Wiederbegegnung mit einem „neuen Level“ der Nationalökonomie – eine Art Geburtsurkunde von etwas Eigenem.


Vorlesung 2: Jörg Guido Hülsmann über Eugen von Böhm-Bawerks Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1884.

Vorlesung 2: Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1884. Von Eugen von Böhm-Bawerk, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Eugen Böhm Ritter von Bawerk, kurz Eugen von Böhm-Bawerk, geboren 1851 in Brünn im österreichischen Mähren, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und tritt zunächst in den niederösterreichischen Finanzdienst ein. Nach einer Habilitation in Politischer Ökonomie wird er 1881 Privatdozent an der Universität Innsbruck. Sein Buch Kapital und Kapitalzins entsteht und erscheint in Innsbruck in dem Jahr 1884, in dem er dort eine Professur für Politische Ökonomie übernimmt, mit der eine weitere Stimme der Österreichischen Schule der Nationalökonomie erklingt.

Inhalt: Eugen von Böhm-Bawerk schreibt sein anfangs (1884) auf zwei Bände angelegtes Werk Kapital und Kapitalzins so lange fort, bis es am Ende (1909) drei Bände unter diesem Obertitel sein werden. Der Band 1 von 1884 behandelt unter dem Titel Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien die dogmengeschichtliche Entwicklung und ist mit 546 Seiten der umfangreichste; der Band 2 erscheint fünf Jahre später, 1889, und enthält Böhm-Bawerks eigene Positive Theorie des Kapitals auf 485 Seiten. Als Nachzügler erscheint 1909 Band 3, der auf 350 Seiten Exkurse zur Positiven Theorie des Kapitals ausbreitet und sich mit der Rezeption der Kapitaltheorie befasst.

Der erste Band sorgt 1884 bei seinem Erscheinen für Aufmerksamkeit, weil sich Böhm-Bawerk in seiner Dogmengeschichte auch mit Karl Marx befasst und dessen Werttheorie zurückweist, ja von der „gänzlichen Unhaltbarkeit“ des Marxschen Arbeitswertgesetzes spricht. Marx war im Vorjahr 1883 verstorben und konnte sich nicht mehr wehren, aber Friedrich Engels lebte noch und mit ihm zahlreiche jüngere akademisch gebildete Marxisten. In den Folgejahren wird es zu einer intensiven Fehde zwischen Böhm-Bawerk und den Sozialisten kommen, als deren Wortführer sich Rudolf Hilferding profiliert, ein Österreicher, der später im Deutschen Reich sozialdemokratischer Finanzpolitiker werden wird. So hat die Österreichische Schule der Nationalökonomie auch ihr Gegenstück, den Austromarxismus, hervorgebracht, eine zweite Besonderheit des Wiener Geisteslebens nach der Trennung der beiden Reiche.

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, Böhm-Bawerk sei „der bedeutendste Menger-Schüler“ und anders als dieser „ein gefälliger Autor“. Er habe es geschafft, die Lehren von Menger zu verbreiten, ohne sie zu verflachen, sondern sie im Gegenteil dabei zu systematisieren und weiter zu entwickeln. Schon 1902 sei Böhm-Bawerk ins Englische übersetzt worden – Carl Mengers Buch habe erst 1950 eine englische Übersetzung erlebt.

Als bleibende Erkenntnis des zentralen zweiten Bandes von Kapital und Kapitalzins hebt Hülsmann das Kostengesetz hervor, demzufolge „der Marktpreis von beliebig reproduzierbarer Waren langfristig dazu tendiert, sich den Produktionskosten anzugleichen“. So komme es durch Böhm-Bawerk zu einer Synthese von klassischer Preislehre (Adam Smith) und der Menger’schen Preislehre. Die Lektüre von Kapital und Kapitalzins lasse die „Geburt der modernen Makroökonomie“ nacherleben, den Zusammenhang aller Märkte und Einkommen, und verhelfe zu der Einsicht: „Es gibt eine spontane Ordnung der Marktwirtschaft.“


Vorlesung 3: Thorsten Polleit über Ludwig von Mises' Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Wien 1912.

Vorlesung 3: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Wien 1912. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig Heinrich Edler von Mises, kurz Ludwig von Mises, geboren 1881 in Lemberg in Galizien, studiert Rechtswissenschaft in Wien, promoviert dort 1906 und tritt als Mitarbeiter, bald Leiter, der Finanzabteilung der Handels- und Gewerbekammer in den österreichischen Staatsdienst ein. Für die Tätigkeit in der Kammer qualifiziert ihn, seit er 1903 erstmals Carl Mengers Grundsätze der Volkswirtschaftslehre gelesen hat, ein ausgiebiges Privatstudium der Volkswirtschaftslehre. Seine Schrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, mit der er sich habilitieren wird, erscheint 1912 in Wien und öffnet ihm nach der Habilitation 1913 die Tür zur universitären Lehrtätigkeit anfangs als Privatdozent, dann als außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Juridischen Fakultät der Universität Wien.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt 1912 seine Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel in einer Zeit, in der dem Geld als Umlaufmittel noch eine Golddeckung zugrunde liegt, teilweise jedenfalls. Wenig später, im Verlauf des großen Krieges von 1914, den wir heute Ersten Weltkrieg nennen, kommt dem Geld die Golddeckung erstmals abhanden – nach dem Zweiten Weltkrieg wird es nur 26 Jahre dauern, bis sie 1971 auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein wird.

1912 kann Mises noch vom Geld als einem „Gut sui generis“ schreiben, einem Gut eigener Art, das allgemein als Tauschmittel akzeptiert ist, weil liquide – anders als ein Konsumgut oder ein Produktionsgut. Diese Tauschmittelfunktion ist es, die Geld zu Geld macht und dafür sorgt, dass Märkte als Markt funktionieren. Selbst aus dem Markt hervorgegangen, wird Gold zum Grundgeld; später werden es (gold- oder silberhaltige) Scheidemünzen sein, die diese Tauschmittelfunktion übernehmen.

Mit dem Aufkommen von Scheidemünzen beginnt jedoch ein Prozess, der am Ende zum Fiat-Geld führen wird, zu jenem staatlichen Papiergeld ohne eigenen Wert, das im Hier und Heute von 2020 lebende Menschen U50 als einziges kennen. Dieses wiederum kennt Mises 1912 noch nicht, kann allerdings am Beispiel der Scheidemünzen zeigen, was geschieht, wenn der Nennwert einer Münze höher ist als ihr Materialwert, sei es der Goldwert oder der ihres Silbergehalts.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, dass Mises’ Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel „eines seiner Meisterwerke“ sei, in dem er sich mit seinen Vorgängern Menger und Böhm-Bawerk „hart, aber fair“ auseinandersetze und eine konsistente Geldtheorie entwickle, auf deren Grundlage die spätere Entwicklung des Geldes zu Fiat-Money sich schlüssig erklären – und kritisieren lasse.

Die Praxeologie, jener für Ludwig von Mises kennzeichnende erkenntnistheoretische Ansatz, hingegen sei 1912 zwar erkennbar, aber noch nicht ausgearbeitet. Was die Lektüre der Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel heute noch lohnenswert mache, sei das „sound money principle“, das darin herausgearbeitete Prinzip des soliden Geldes, dessen Verständnis es überhaupt erst ermöglicht, Papiergeld als Zwangsgeld eines staatlichen Monopolisten zu verstehen, als unsolides Geld, das von seinem Emittenten nach Belieben, willkürlich und einseitig vermehrt und verteilt werden kann und tendenziell die Rechte und Freiheiten des Einzelnen aushebele und jede Tyrannei erlaube.


Vorlesung 4: Karl-Friedrich Israel über Ludwig von Mises' Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922.

Vorlesung 4: Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Ludwig von Mises, in seinen Anfängen vorgestellt bei der Vorlesung 3, ist 1922 beim Erscheinen des Buches Die Gemeinwirtschaft im Verlag von Gustav Fischer, Jena, bereits seit vier Jahren (1918) außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Universität Wien. Allerdings lebt er in diesen politisch turbulenten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Habsburger Vielvölkermonarchie nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern engagiert sich politisch gegen revolutionäre sozialistische Umsturzbestrebungen und berät Österreichs sozialdemokratische Regierung. Die Gemeinwirtschaft versammelt seine Untersuchungen über den Sozialismus, so der Untertitel, und verdeutlicht erstmals und sehr früh auch dessen theoretische Unmöglichkeit.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt zu einem Zeitpunkt über die Undurchführbarkeit des Sozialismus, als dieser erst wenige Jahre nach Lenins Staatsstreich von 1917 eine politische Realität ist, allerdings Russland eher propagandistisch als realökonomisch bestimmt und noch bevor Stalin 1924 die Parole vom „Sozialismus in einem Land“ prägen und die Umwälzung der Produktionsverhältnisse tatsächlich in Angriff nehmen wird – und lange bevor der Große Terror, wie der spätere staatliche Massenmord der Jahre 1936-38 heute heißt, knapp eine Million Bürger für ihre gelebte Unmöglichkeit des Sozialismus zur Rechenschaft ziehen und ihr „sozial schädliches“ Verhalten mit dem Tod ahnden wird.

1922, als Mises sein Buch veröffentlicht, steht der sozialistische Demozid den Bürgern Russlands noch bevor. Dass die Undurchführbarkeit des Sozialismus bis 1953, Stalins Todesjahr, Millionen Menschen das Leben kosten wird, ahnt trotz der Schrecken des 1922 allmählich zu Ende gehenden Bürgerkriegs niemand, auch nicht Ludwig von Mises. Sein Gedanke der Unmöglichkeit speist sich allein aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Er gliedert sein Buch Die Gemeinwirtschaft in fünf Hauptteile, die sich etwa mit dem Unterschied zwischen „Liberalismus und Sozialismus“ befassen oder der Behauptung, es gebe so etwas wie „Die Lehre von der Unentrinnbarkeit des Sozialismus“ oder einen „Sozialismus als sittliche Forderung“. Der Teil über „Die Wirtschaft des sozialistischen Gemeinwesens“ aber bildet das Zentrum der Schrift. Er basiert auf einem Text von 1920, Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, in dem Mises erstmals begründet, warum eine Wirtschaftsrechnung im Sozialismus nicht möglich ist.

Die Wirtschaftsrechnung ist ein Kerngedanke zum Verständnis von Mises – und von Märkten. Eine Wirtschaftsrechnung ist nur möglich, wenn drei Voraussetzungen vorliegen:
1. Privateigentum an Konsumgütern und Produktionsfaktoren,
2. freier Handel der Konsumgüter und Produktionsfaktoren,
3. stabiles Geld als allgemein anerkanntes Tauschmittel.
Nur wenn die Berechnung der Kosten eine Gewinn- und Verlustrechnung ermöglicht, lassen sich Geldpreise bilden, Knappheitssignale erkennen und Ressourcen erfolgversprechend zuordnen und verteilen. Das ist die Wirtschaftsrechnung.

Sozialismus erlaubt keine Wirtschaftsrechnung: Produktionsfaktoren sind Gemeineigentum, freien Handel gibt es nicht mehr und Geld, obzwar auch im Sozialismus vorhanden, ist kein Maßstab als Tauschmittel und verliert seine Funktion, Maßeinheit der Wirtschaftsrechnung zu sein. Die im Sozialismus für die Wirtschaft zuständige Planungsbehörde mag die besten Absichten haben, tugendhaft und unbestechlich sein, Weitsicht, Weisheit und obendrein Fleiß an den Tag legen – ihr fehlen die Mittel der Wirtschaftsrechnung, mit denen Unternehmer in einer Marktwirtschaft wie selbstverständlich eine Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern sicherstellen, nach denen sie verlangt. Vom Scheitern der Sowjetunion 1990 bis zum Drama von Venezuela 2020 reicht die Kette der praktischen Belege für Ludwig von Mises’ theoretische Erkenntnis von 1920: Sozialismus ist undurchführbar.

Mises gelingt es, mit einem Update dieses Gedankens von 1920 und seiner Integration in Die Gemeinwirtschaft von 1922 als Teil 2 des Buches einen Kerngedanken zu verankern und zu verbreiten, der zwar kein einziges sozialistisches Experiment (und dessen wirtschaftlich logisches Scheitern) verhindert hat, aber in jeder neuen Generation von Intellektuellen eine Minderheit unter den „Meisterdenkern“ gegen den Sozialismus immunisiert.

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt, dass es Die Gemeinwirtschaft war, die Friedrich August von Hayek gleich nach deren Erscheinen gelesen und deren Lektüre ihn von seinem Liebäugeln mit sozialistischen Ideen abgebracht und zum Liberalismus hingeführt habe. Neben dem 2. Teil hinterlasse besonders der 5. und letzte Teil des Buches nachhaltigen Eindruck, überschrieben mit Der Destruktionismus. Diesen Begriff führe Mises ein und bestimme ihn so: Der Sozialismus „baut nicht auf, er reißt nieder. Nach dem Erfolg seines Wirkens müsste man ihm den Namen Destruktionismus geben. Denn sein Wesen ist die Zerstörung.“ (Einen Auszug aus Der Destruktionismus gibt es auf der deutschen Mises-Website, hier.)

Ludwig von Mises hat die Zerstörung von Werten im Auge, die Aufzehrung von Kapital – die Zerstörung von Menschenleben muss nicht, aber sie kann hinzukommen, wie sich bald herausstellen sollte. Karl-Friedrich Israel nennt den größten Gewinn der Lektüre, dass der Leser den abschließenden Hinweis auf den Destruktionismus kennenlernt, der immer zur Verarmung führt, sei es durch Vermögenspreisinflation, sei es durch „Reallohnrepression“. Sein guter Rat: „auf der Hut sein“, wenn Regierungen Privateigentum, freien Handel und stabiles Geld zur Disposition stellen, um gegen die nächste beispiellose Herausforderung zu kämpfen.


Vorlesung 5: Jörg Guido Hülsmann über Ludwig von Mises' Nationalökonomie, Genf 1940.

Vorlesung 5: Nationalökonomie, Genf 1940. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3 und 4, lebt 1940 beim Erscheinen des Buches Nationalökonomie in Genf, wohin er nach dem Österreichischen Bürgerkrieg vom Februar 1934 und dem folgenden Ende der Ersten Republik noch 1934 übergesiedelt war. Eine Berufung an das Genfer Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales ermöglicht ihm, die Nationalökonomie „in Angriff zu nehmen und zu vollenden“, wie er im April 1940 im Vorwort zu dieser grundstürzenden Theorie des Handelns und Wirtschaftens, so der Untertitel, bekennt.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt seine Nationalökonomie als Sechsteiler mit sehr unterschiedlichen Umfängen der einzelnen Teile, die um ein 404 Seiten starkes Zentrum kreisen: „Die Marktwirtschaft“ (Teil 4). Dahin führt er in drei Schritten:
Teil 1 „Das Handeln“ (114 Seiten) stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, die Mittel seines Handelns und dessen Zweck.
Teil 2 „Das Handeln in der Gesellschaft“ (74 Seiten) beleuchtet die Kooperation – und den Konflikt: „Die gesellschaftliche Arbeitsvereinigung und Arbeitsteilung beruht auf dem friedlichen Sichvertragen; nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller gesellschaftlichen Dinge.“ (Seite 144)
Teil 3 „Rechnen im Handeln“ ist nur 36 Seiten kurz, markiert aber, so Hülsmann, einen „epistemologischen Sprung“, einen wissenschaftstheoretischen Fortschritt der Erkenntnis der Bedeutung der Geldrechnung als gedanklichem Werkzeug menschlichen Handelns.

Von seinem Zentrum „Die Marktwirtschaft“ führt das Buch zu zwei weiteren kürzeren Teilen, die sich auch der Sache nach von der Marktwirtschaft entfernen:
Teil 5 „Die verkehrslose arbeitsteilige Wirtschaft“ (18 Seiten) meint den Sozialismus, der dem Absolutismus so verblüffend ähnelt: „Jener gute Vater Staat [...] wolle doch das Wohl des Ganzen und Aller, das Gemeinnützige und Beste. In ihm regiert nicht der Eigennutz, nicht der schwache Mensch mit allen seinen Fehlern und Lastern, sondern das Sittengesetz selbst.“ (Seite 629/30) Dieser Sozialismus sei zwar unmöglich, so Hülsmann, „aber nicht absurd“, eher wie ein Schiff ohne Kompass. Teil 5 bleibt kurz, weil eine ausführliche Sozialismus-Kritik mit der Gemeinwirtschaft von 1922 bereits vorliegt.

Teil 6 „Die gehemmte Marktwirtschaft“ (94 Seiten) beschreibt den Interventionismus – und der, so Hülsmann, sei anders als der Sozialismus hingegen tatsächlich „absurd“. Wie absurd, macht Ludwig von Mises am seinerzeit ultimativen Interventionismus deutlich, der Kriegswirtschaft nach 1914: „Der totale Krieg verlangt den totalen Staat [...] Er macht das bürgerliche Leben, wie es die Kultur geformt hat, unmöglich. Der Bürger verschwindet und wird durch den Soldaten ersetzt. Das Leben aller Menschen wird zu einem permanenten Dienst in einer stets marschbereiten Armee. Der Krieg und der Sieg werden zum einzigen Zweck aller gesellschaftlichen Kooperation.“ (Seite 738)

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, der 6. und letzte Teil der Nationalökonomie beschreibe „ein eigenes Problemfeld“, den staatlichen Interventionismus, das „bis heute vernachlässigt“ sei. Stattdessen dominiere die vermeintliche Dualität von Kapitalismus und Sozialismus einen Diskurs, in dem alles Übel dem Kapitalismus angelastet werde. Dabei verdankten sich die meisten Übel dem Interventionismus „als dem Dritten“, das sich bevorzugt des Geldes als Interventionsmittel bediene. Hinzu komme die Verstaatlichung des Kredits, auch ermangele es einer Theorie der Bürokratie, ohne deren Wirken Staatsinterventionismus nicht auskomme.

Den Gewinn aus seiner Re-Lektüre der Nationalökonomie zieht also zuerst der Dozent selbst mit der Erkenntnis eines Desiderats der Forschung, wie es im akademischen Jargon heißt, also eines noch unzureichend bearbeiteten Themas, von dem er sich wünscht, dass sich ein Forscher seines annimmt. Den zentralen 4. Teil der Nationalökonomie werde er in seiner nächsten, der 6. Vorlesung behandeln, die sich mit ihrer Weiterentwicklung zu einem eigenständigen englischsprachigen Werk befassen werde, der Human Action.

Hülsmann lässt aber keinen Zweifel, dass die Lektüre der original Nationalökonomie von 1940 für Erstleser „eine Freude“ sein werde, weil sie hier einem „Denkgebäude aus einem Guss“ begegneten, das sich auch deshalb so gewinnbringend lese, weil Ludwig von Mises „ein Mann der Praxis“ und von großer Detailkenntnis war und schon sprachlich und in der Gedankenführung angenehm unakademisch schreibe. Und nicht zuletzt sei die Praxeologie, Mises’ erkenntnistheoretischer Ansatz, mittlerweile ausgereift und mit ihr die Werttheorie, die sich in der Nationalökonomie ganz beiläufig nachvollziehen lasse.


Vorlesung 6: Jörg Guido Hülsmann über Ludwig von Mises' Nationalökonomie, Genf 1940. | Human Action, New Haven 1949.

Vorlesung 6: Nationalökonomie, Genf 1940. | Human Action, New Haven 1949. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4 und 5, lebt 1949 beim Erscheinen der englischen Ausgabe der Nationalökonomie unter dem Titel Human Action in New York City, wohin er bald nach dem Erscheinen der Nationalökonomie, aus Genf kommend, im August 1940 emigriert ist. Anfangs in finanziell prekärer Lage, erhält er 1945 eine Teilzeitgastprofessur an der New York University und 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und kann eine aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der Nationalökonomie erstellen, die statt 756 Seiten nun 912 Seiten stark ist (plus XXV Seiten Vorwort), den Titel Human Action. A Treatise on Economics trägt und 1949 bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut, erscheint.

Neben den inhaltlichen Unterschieden, die in erster Linie auf einer Erweiterung der Inhalte, nicht auf einer Änderung von Mises’ Positionen beruhen, ist die Rezeption der große Unterschied: Die Nationalökonomie, 1940 in der von totalitären Staaten umzingelten, ängstlich geduckten Schweiz zum Beginn eines zweiten totalen Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 13 Besprechungen erhalten. Human Action, 1949 im Ankerland der freien Welt, den Vereinigten Staaten, zum Beginn eines ersten Kalten Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 81 Besprechungen erleben. (Im Jahr 1981 wird in seiner alten und neuen Heimat des 100. Geburtstags des Autors gedacht.)

Es ist dieses Buch, die Human Action, das Ludwig von Mises in die Hall of Fame der Austrian School führt und ihn nach seinem Tod im Oktober 1973 zum Namenspatron des Mises Institute erst in Auburn, Alabama, und dann zu dessen deutschem Pendant werden lässt, dem Ausrichter des Ludwig von Mises Seminars 2020.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt einige neue Kapitel und erweitert vorhandene Kapitel der Nationalökonomie. Neu ist im Teil 6 Die gehemmte Marktwirtschaft das Kapitel The Welfare Principle versus the Market Principle, in dem er sich dem 1949 bereits klar abzeichnenden Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung zuwendet, der erst 70 Jahre später seinem Ende zusteuern wird – wie auch der real existierende Sozialismus in der Sowjetunion 70 Jahre brauchte, um seine Undurchführbarkeit einzugestehen, wenn nicht verbal, so doch faktisch. Ganz neu fügt Mises einen Teil 7 hinzu: The Place of Economics in Human Society.

Der Ruf dieses neuen Schlussteils, der Wirtschaft in der menschlichen Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit zu schenken, verhallt in den Vereinigten Staaten des Jahres 1949 nicht ungehört. Der New Deal der Jahre 1933 bis 1938 unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt und die folgende Kriegswirtschaft bis zur Kapitulation Japans im September 1945 glichen einer Interventionsspirale mit ungehinderter Expansion des Staates, der jede freie Markregung im Keim erstickte. Dass nun, 1949, ein Buch erscheint, dessen zentraler Teil 4 Die Marktwirtschaft auf Englisch Catallactics or Economics of the Market Society heißt, kommt dem Bedürfnis vieler entgegen, „Vater Staat“ wieder einzudämmen und seine Interventionsgelüste zu zügeln. Mit dem im Deutschen wenig benutzten Begriff der Katallaktik meint Mises die freie menschliche Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von wirtschaftlichen Entscheidungen.

Das verweist auf den Kern seiner Lehre von der Marktwirtschaft, die Ludwig von Mises in dem auf 452 Seiten angewachsenen zentralen Teil 4 der Human Action vor dem englischsprachigen Publikum der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs ausbreitet. Im Teil 4 legt er seine Werttheorie dar, die vom subjektiven Wert ausgeht. Nicht dem Ding an sich haftet ein Wert an, das auch keine quantitativen Konstanten aufweist, sondern ein Wert entsteht aus einer dreiseitigen Beziehung, Hülsmann spricht von einer „ordinalen Beziehung“, zwischen einem Ding und zwei Handelnden. Dieser Vorgang erst ermöglicht die Wirtschaftsrechnung, bestimmt den Geldtausch und ist in Umfang und Menge historisch bedingt und somit veränderlich und nichts Konstantes.

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, mit der Theorie der Marktwirtschaft, die seit der englischen Ausgabe der Nationalökonomie in Gestalt der Human Action auch für Leser jenseits des Ärmelkanals und des Atlantiks verfügbar ist, habe Ludwig von Mises das Denken etlicher angloamerikanischer Ökonomen beeinflusst, verändert und geprägt.

Die Lektüre der deutschen oder der englischen Fassung sei in keinem Fall ein Irrtum, ganz im Gegenteil führe sie geradewegs zur Erkenntnis der Bedeutung des Irrtums: Wer irrt, verliert, wer sich nicht irrt, gewinnt. Unternehmergewinn sei das Gegenteil des Irrtums, ein Verlust zeige ihn an. Gewinne und Verluste als das Ergebnis von richtig und falsch getroffenen Entscheidungen wiesen darauf hin, dass unternehmerisches Handeln das Unvorhersehbarste ist, was Marktwirtschaft zu bieten habe und woher ihre einzigartige Fähigkeit stamme, den Zuwachs an Erkenntnis aus dem permanenten Prozess von Versuch und Irrtum in Wohlstand für alle zu übersetzen. Bis dass der Staat ihn vernichtet – und alle wieder verarmen.

Folge 2 mit den Vorlesungen 7 bis 12 folgt in einer Woche am Freitag, dem 3. April 2020.

Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland: Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 1. Die dort zuerst veröffentlichte Originalfassung unterscheidet sich von der obigen Blogfassung nicht im Text, nur in der Bebilderung – hier ist zu jeder Vorlesung ein Bild des Referenten zu sehen, dafür fehlt das auf der Mises-Website veröffentlichte Schlussfoto mit dem Gruppenbild der Seminar-Teilnehmer.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

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Hinweis: Die Folge 2 mit den Vorlesungen 7 bis 12 erschien am Sonntag, dem 5. April 2020, unter der Überschrift Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 2 als Version der Berliner Freiheiten.