Sonntag, 5. April 2020

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 2



Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt 12 bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 2


Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am Freitag, dem 3. April 2020, unter der Überschrift Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2 auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Darin berichte ich vom Kronberger Ludwig von Mises Seminar 2020, das am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle von Kronberg im Taunus – nahe Frankfurt am Main – stattfand. (Hinweise zur Folge 1 finden Sie am Ende des Beitrags.)


Die Referenten des Ludwig von Mises Seminars 2020 gemeinsam auf dem Podium (von links nach rechts): Jörg Guido Hülsmann, Thorsten Polleit,  Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus. Nicht auf dem Podium, weil beim Seminar mit Video zugeschaltet, ist David Dürr, der fünfte Referent.


Vom Freitag, dem 13. März 2020, ab ein Uhr mittags bis zum folgenden Samstag, dem 14. März 2020, um fünf Uhr am Nachmittag fand in Kronberg im Taunus das Ludwig von Mises Seminar 2020 statt. An diesen zwei Tagen stand die Österreichische Schule der Nationalökonomie im Mittelpunkt von „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“.

Die Teilnehmer waren auf Einladung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um Wissen über die Austrian School, wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum kurz heißt, zu erlangen oder es aufzufrischen. In den zwölf Stunden des Mises Seminars hörten die Seminaristen zwölf Vorlesungen, vorgetragen von fünf Dozenten. Der Inhalt der ersten sechs dieser zwölf Vorlesungen ist vor einer Woche am 27. März 2020 an dieser Stelle referiert worden; heute folgen die Vorlesungen 7 bis 12.


Vorlesung 7: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird auf der Leinwand übertragen.

Vorlesung 7: The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?
Friedrich August Edler von Hayek, kurz Friedrich August von Hayek, geboren 1899 in Wien, studiert Rechtswissenschaft an der Universität Wien, besucht Vorlesungen in Volkswirtschaftslehre und Psychologie und das Privatseminar von Ludwig von Mises, promoviert 1921 in Rechtswissenschaft und 1923 in Staatswissenschaften. Nach einem Auslandsstipendium für New York und Tätigkeit für das dortige National Bureau of Economic Research (NBER), eine 1920 entstandene überparteiliche Nonprofit-Forschungsorganisation, gründet er 1927 mit Ludwig von Mises als Wiener Pendant das ebenfalls gemeinnützige Österreichische Institut für Konjunkturforschung (heute WIFO), das sie gemeinsam leiten. 1929 Habilitation in Politischer Ökonomie und Privatdozent an der Universität Wien, 1931 Ruf als ordentlicher Professor an die London School of Economics, wo er bis 1950 lehren wird, seit 1938 als britischer Staatsbürger.

In dieser Londoner Zeit entsteht im Angesicht totalitären Wütens auf dem Kontinent und restriktiver Kriegswirtschaft auf den Britischen Inseln The Road to Serfdom, im März 1944 bei Routledge in London und im September 1944 bei der University of Chicago Press erschienen; die deutsche Ausgabe Der Weg zur Knechtschaft, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Röpke, folgt bald nach Kriegsende im Herbst 1945 bei Eugen Rentsch in Zürich.

Inhalt: Wie argumentiert Hayek? Worum geht es in den The Road to Serfdom?
Friedrich August von Hayek schreibt 1944 ein politisches Buch, kein wirtschaftstheoretisches. Der Krieg geht auf sein Ende zu, aber Kriegswirtschaft im Inneren und nach außen das Bündnis mit der Sowjetunion lassen allenthalben sozialistische Phantasien aufblühen und eine durchsetzungsfähige Staatsmacht gutheißen. Marktwirtschaftlich orientierte Politiker, Publizisten und Wissenschaftler sehen sich am Rand eines Mainstreams, der überbordendes staatliches Handeln nicht nur als rule of law, Herrschaft des Rechts, legitimiert, sondern dessen Legitimierbarkeit mit dem Ideologem der Ablaufgerechtigkeit noch steigert, der rule of just conduct, der Herrschaft nach den Regeln gerechten Verhaltes. Angesichts der Zustimmung zu „verständlichen“ Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Zeiten des Krieges, warnt Hayek vor dem zunehmenden Verständnis für staatliche Planung „zum Wohle der Bürger“.

Obwohl der Nationalsozialismus 1944 noch gar nicht besiegt ist, macht Friedrich August von Hayek schon zu diesem frühen Zeitpunkt mit seinem Buch auf den kommenden Konflikt mit dem Sozialismus aufmerksam. Der Weg zur Knechtschaft zeichnet sich vor seinem geistigen Auge bereits ab. Dabei hat Hayek noch gar kein Bild von der Knechtschaft, denen die Bürger Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns und anderer Länder des späteren Ostblocks einschließlich der Ostdeutschen bald nach Kriegsende seitens der siegreichen Sowjetunion unterworfen sein werden, sondern er spürt die Tendenz zum Totalitären im Inneren des eigenen Landes und seiner Verbündeten. Tatsächlich werden gleich 1945 sozialistische Politiker und Publizisten und deren Experten nach dem Wahlsieg der Labour Party unter Clemens Attlee daran gehen, im Vereinigten Königreich den demokratischen Sozialismus einzuführen und ein umfassendes Verstaatlichungsprogramm zu entwickeln und durchzusetzen.

Erst eine Generation, fast 35 Jahre später, wird sich Margret Thatcher nach dem Wahlsieg der Conservative Party im Mai 1979 daran machen, den Rückweg aus der Knechtschaft der Bürger durch den Staat einzuschlagen und der in drei Jahrzehnten verarmten Bevölkerung wieder zu Wohlstand wenn nicht für alle, so doch für viele zu verhelfen. Gleich nach ihrem Antritt als Parteichefin hat es 1975 ein Treffen zwischen ihr und Hayek gegeben, der Margret Thatchers Experiment der Emanzipation der Briten von der Staatswirtschaft in den 1980er-Jahren wohlwollend begleiten wird – mit der New Wave als Soundtrack dazu.

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?
David Dürr sagt, die Botschaft des Buches, „Hütet euch vor dem Sozialismus!“, sei damals provokativ gewesen, da alle Welt doch den Nationalsozialismus fürchtete, selbst noch den besiegten. Deshalb unterbanden die westalliierten Besatzungsmächte anfangs den Vertrieb der deutschen Übersetzung des Buchs in ihren Zonen, auch aus Rücksicht vor ihrem sozialistischen Bündnispartner. Tatsächlich habe Hayek eine Staatswirtschaft, in der „alles geplant“ ist, als totalitär verworfen. Aber ein Land im Ausnahmezustand, in dem die Planung nicht zu weit gehe und nicht alles umfasse, könne als „freies Regime“ durchgehen.

Das findet Dürr bemerkenswert, zumal Hayek fortfahre und die Auffassung vertrete, dass der Staat den Individuen „bei Überforderung oder Unvorhergesehenem“ helfen solle. Diese „erstaunliche Inkonsequenz“ erklärt sich Dürr aus den Umständen des Entstehungsjahres 1944, als ein kriegsbedingt allgegenwärtiger Staat es vermochte, sich als Retter in letzter  Instanz zu profilieren, als „Staat, der Sicherheit schafft“. Dass Hayek auch unter diesen Umständen die „Erhaltung individueller Freiheit“ als möglich ansehe, sei seine Überzeugung.

David Dürr gelangt zu dem Resümee, dass The Road to Serfdom, Der Weg zur Knechtschaft, „ein faszinierendes Buch“ sei, weil es 22 Jahre nach Mises’ Gemeinwirtschaft von 1922 eine Art Update der Sozialismuskritik aus nunmehr österreichisch-britischer Sicht biete, die vor dem Sozialismus „aller Parteien“ warne, nicht nur dem offen totalitären der Kommunistischen Internationale. Dürr verbindet seine Lektüreempfehlung mit der Anregung, den von Friedrich August von Hayek angesichts der Lage von 1944 formulierten Ansatz zu überdenken, nur den „monopolistisch-etatistischen“, nicht aber „den Staat grundsätzlich“ in Frage zu stellen.


Vorlesung 8: Thorsten Polleit über Ludwig von Mises' Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957.

Vorlesung 8: Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4, 5 und 6, lehrt 1957 seit nunmehr zwölf Jahren als Gastprofessor an der New York University. Er ist zum Zeitpunkt des Erscheinens von Theorie und Geschichte 76 Jahre alt. Er wird bis zu seiner Pensionierung im Alter von 88 Jahren im Jahr 1969 an dieser größten privaten Universität der Vereinigten Staaten Vorlesungen halten – als Visiting Professor, für dessen Gehalt bis 1962 der konservativ-libertäre William Volker Fund, der in den Folgejahren kollabieren wird, aufkommt.

Theory and History, im Untertitel An Interpretation of Social and Economic Evolution, erscheint wie Human Action bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut. Nur acht Jahre nach seinem Opus Magnum von 1949 legt Ludwig von Mises 1957 mit Theory and History das „große vierte Hauptwerk“ vor, wie 58 Jahre später das Ludwig von Mises Institut Deutschland als Herausgeber die deutsche Übersetzung Theorie und Geschichte ankündigen wird. Sie erscheint 2015 mit dem Untertitel Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung im H. Akston Verlag, München, mit einer Hinführung von Rolf W. Puster und dem Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Murray N. Rothbard.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt sein großes Alterswerk in einer Zeit, die vom Kalten Krieg, von der Unterdrückung und Verarmung der Bevölkerung im sozialistischen Lager und deren Widerstand (Warschau, Budapest 1956) auf der einen Seite und einem nicht für möglich gehaltenen Wirtschaftsaufschwung und Wohlstandszuwachs in der freien Welt auf der anderen Seite geprägt ist. In den angelsächsischen Ländern erblühen alte und entstehen neue Wissenschaften – und in dem akademischen Aufwind das alte Verlangen nach Anerkennung und Bedeutung, nach der vor allem, aber nicht nur Sozialwissenschaftler streben. So wächst die Neigung, Gesellschaftswissenschaften als exakte Wissenschaften nach Art der Naturwissenschaften zu behaupten, mit deren Hilfe sich die Gesellschaft auf der Basis von wissenschaftlich exakt fundiertem Expertenwissen lenken lasse.

Mises wendet sich gegen diese am Ende der 1950er-Jahre zunehmende Tendenz und hält am „methodologischen Dualismus“ fest, der sich aus dem verschiedenen Vorgehen ableitet, um Erkenntnis zu gewinnen:
• Naturwissenschaften arbeiten mit dem Mittel der Hypothesenbildung, um ihre Annahmen anschließend im Experiment zu verifizieren oder zu falsifizieren. So gelingt es, die jeweils „letzte Ursache“ einer Wirkung zu finden.
• In den Wissenschaften vom menschlichen Handeln funktioniert das Verfahren nicht. Eine Letztbegründung außer der, dass der Mensch handelt, gibt es nicht. „Der Mensch handelt“ wird umgekehrt zum Ausgangspunkt, zu einem Apriori, aus dem sich weitere Aussagen ableiten: Menschliches Handeln ist zielgerichtet, benutzt Mittel, braucht Zeit. Weil es Zeit braucht, bildet der Handelnde eine „Zeitpräferenz“: Was ist hier und heute das Wichtige, was duldet Aufschub?

Diese „Handlungslogik“ stellt Ludwig von Mises ins Zentrum seiner Praxeologie, der Lehre vom menschlichen Handeln. Von hier ausgehend fügt er weitere Elemente hinzu: Ideen bestimmen menschliches Handeln, und da es deren unbestimmbar viele gibt, gibt es auch keine Verhaltenskonstanten. Deshalb können Wissenschaften vom menschlichen Handeln keine exakten Wissenschaften sein. Die Annahme von Sozial- oder Wirtschaftswissenschaftlern, Vorhersagen treffen und gesellschaftliche oder wirtschaftliche Prozesse planbar machen zu können, beruht Mises zufolge auf dem Konstrukt einer „Einheitswissenschaft“, die den tatsächlichen Dualismus der Wissenschaften entweder ignoriert oder leugnet.

Im Folgenden befasst sich Mises mit den seinerzeit gängigen akademischen Schulen, die mit verschiedenen Argumenten das Gleiche vorgeben leisten zu können: die vernünftige Leitung der Gesellschaft mittels wissenschaftlicher Expertise. In all den betreffenden Kapiteln kommt Ludwig von Mises zu demselben Ergebnis: Menschliches Handeln lässt sich nicht voraussagen. Und, gegen den Historismus, das gilt auch rückwärts: Aus der Geschichte lässt sich nicht lernen. Geschichte muss mit Theorie erfasst werden, aber die Theorie ist der Schlüssel zur Interpretation von Geschichte, die immer die Geschichte menschlichen Handelns ist, das keine Gesetzmäßigkeiten kennt. So ist Theorie und Geschichte auch, wie es der Buchtitel nahelegt, ein grundlegendes geschichtstheoretisches Werk.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, Theory and History habe eine „auffällig geringe Rezeption“ erfahren, was er bedauere; denn Mises bestimme und stärke mit diesem Werk die Verteidigungslinien gegen Positivismus, Empirismus, Behaviorismus, Szientismus, Kritischen Rationalismus (Popper), Historizismus und Dialektischen Materialismus (Marx), die allesamt dem Menschen Individualität absprächen. Die „Kernbotschaft“ des Buches laute: Die wissenschaftliche Methode einer Wissenschaft entscheide à la longue über „reale Freiheiten“, die Menschen zugebilligt oder ihnen abgesprochen werden. Polleit weist auf das Vorwort von Rolf W. Puster zur deutschen Ausgabe hin, das die Hintergründe des methodischen Dualismus der Wissenschaften beleuchte.

Die Lektüre des wenig rezipierten und erst spät ins deutsche übersetzten Buches gibt Argumente an die Hand, sich der grassierenden Wissenschaftsgläubigkeit zu widersetzen. Der Glaube bestehe darin, sagt Polleit, man könne „Menschen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen gleichsetzen“ und ihr Handeln berechnen. Eine solche Form von Wissenschaftsgläubigkeit führe, wenn sie politische Entscheidungsträger leite, zu einer „Kette von Fehlentscheidungen“, die durch immer neue vermeintlich wissenschaftlich exakt begründete Fehlentscheidungen korrigiert werden, die der Gesellschaft kumulierenden Schaden zufügten.


Vorlesung 9: Philipp Bagus über Murray Rothbards The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982.

Vorlesung 9: The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände: Murray Newton Rothbard, 1926 in New York City geboren, studiert Mathematik und Volkswirtschaftslehre an der privaten Columbia University in New York, an der er einen Bachelor in Mathematik erhält und 1956 in Wirtschaftswissenschaften promoviert. In den frühen 1950er-Jahren besucht Rothbard parallel zu seinen offiziellen Vorlesungen an der Columbia University auch Ludwig von Mises’ Privatseminar an der New York University und wird unter dem Eindruck der Lektüre von Human Action zu einem Verfechter der Austrian School.

Wie Mises aus Mitteln des William Volker Fund alimentiert, trägt Murray N. Rothbard in den 1950- und frühen 1960er-Jahren als freiberuflicher Theoretiker zur publizistischen Verbreitung der Lehren der Österreichischen Schule bei. Nach dem Ausbleiben der Zuwendungen seit dem Zusammenbruch des Fonds 1962 in prekärer Lage, gelingt es Rothbard 1966, im Alter von 40 Jahren, eine Teilzeitstelle als Wirtschaftslehrer für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute zu übernehmen. Diese Position wird er in den nächsten 20 Jahren innehaben; sie gibt ihm die nötige Zeit, weiterhin als Buchautor und Publizist zu wirken.

Das Buch The Ethics of Liberty erscheint gegen Ende dieser Phase seines Schaffens 1982 bei Humanities Press, Atlantic Highlands, New Jersey. Die deutsche Ausgabe Die Ethik der Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Hülsmann, publiziert 17 Jahre später der Wissenschaftsverlag Academia, Sankt Augustin 1999. Die Ethik der Freiheit, deren 4. Auflage von 2013 datiert, ist mittlerweile vergriffen.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt sein Buch The Ethics of Liberty in der Absicht, die Praxeologie der Österreichischen Schule mit der Ethik zu verbinden und einen Austro-Libertarismus zu begründen. Er gliedert sein Buch in 5 Teile.

• Teil 1 Grundgedanken zum Naturgesetz behauptet und begründet eine „objektiven Ethik“, die in der Natur des Menschen liegt und von Moral zu unterscheiden ist.

• Teil 2 Theorie der Freiheit nennt die „universellen Freiheiten“, die für alle Menschen gelten, weltweit, wo immer sie leben:
1. das Selbsteigentum am eigenen Körper,
2. das aus ursprünglicher Aneignung erworbene Eigentum,
3. das mittels Produktion geschaffene Eigentum,
4. das mittels Tausch erworbene Eigentum.
Erst wenn und wo alle vier Eigentümer gewährleistet sind (und nicht durch Zwang oder Gewalt verletzt werden), ist ein Mensch frei und der „Universalitätstest“ bestanden. Ohne Eigentum in diesem Plural gibt es keine Freiheiten.

Teil 3 Staat als natürlicher Feind der Freiheit bestimmt den Staat als „kriminelle Vereinigung“, die den öffentlichen Sektor mittels Zwang und dem Monopol auf Gewalt beherrscht – im Unterschied zum organisierten Verbrechen, das im Privatsektor agiert. Den Bürgern billigt Rothbard das moralische Recht zu, den Staat zu betrügen.

• Teil 4 Theorien der politischen Philosophie der Freiheit erörtert die theoretischen Konzepte von Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Isaiah Berlin und Robert Nozick.

Teil 5 Strategie zur Freiheit definiert Libertäre als „Avantgarde“,  die diese Ideen der Freiheit verbreiten, wie sie es erstmals im Laufe der Amerikanischen Revolution taten, die für Rothbard das Werk einer „libertären Mehrheit“ war. Den Staat als Feind betrachten als erste Bürgerpflicht.

Nutzen: Philipp Bagus sagt, dass Murray Rothbard mit der Ethik der Freiheit verdeutlicht habe, dass und warum eine ökonomische Begründung der Freiheit nicht reiche. Er verdeutlicht das am Beispiel des Sklavenhalters, der durch die Abschaffung der Sklaverei ökonomisch schlechter gestellt werde; doch reiche diese Begründung nicht, die Sklaverei weiter aufrecht zu erhalten, weil die Ethik der Freiheit das Recht auf Selbsteigentum des gewesenen Sklaven höher bewerte.

Den Gewinn der Lektüre des Buchs von Rothbard sieht Philipp Bagus in der Ermunterung zur Bildung einer „selbstbewussten Bewegung für die Ideale der Freiheit“, die immer dann Zuspruch finden werde, wenn es ihr gelinge, die permanenten Krisen und nie dagewesenen Herausforderungen als „Fehler des Staates“ deutlich zu machen. Allerdings liege auf dem Weg zu einer neuen libertären Mehrheit stets der Stolperstein der Käuflichkeit – der „Eintritt in den Staat“.


Vorlesung 10: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird mit einem Beamer übertragen.

Vorlesung 10: Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Friedrich August von Hayek, vorgestellt bei Vorlesung 7 und dort verfolgt bis zu seiner Station an der London School of Economics, verlässt das Vereinigte Königreich 1950 Richtung Vereinigten Staaten, wo er in den nächsten zwölf Jahren an der University of Chicago lehren wird, die wegen ihrer Fakultät für Wirtschaftswissenschaften zu den bekanntesten der privaten Universitäten der Vereinigten Staaten zählt. Ähnlich wie Ludwig von Mises in New York, erhält auch Hayek in Chicago sein Gehalt bis 1962 vom konservativ-libertären William Volker Fund, der wenig später kollabieren wird.

Anders als Mises verlässt Friedrich August von Hayek daraufhin die Vereinigten Staaten und nimmt noch 1962 eine ordentliche Professur in Freiburg im Breisgau an. An der staatlichen Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, bekannt durch ihre auf Walter Eucken zurückgehende Freiburger Schule der Nationalökonomie (Ordoliberalismus), wird er über seine Emeritierung (1967) hinaus bis zu seinem 70. Lebensjahr 1969 lehren. Seit 1968 bis 1977 hat er überdies eine Gastprofessur an der Universität Salzburg inne. In diese Phase seines Schaffens fällt 1973 die Veröffentlichung des ersten Bandes von Law, Legislation and Liberty – ein Jahr bevor Friedrich August von Hayek 1974 den erstmals vergebenen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten wird.

Wie schon 1944 The Road to Serfdom, erscheint auch Law, Legislation and Liberty 1973 simultan bei Routledge in London und bei der University of Chicago Press – seit fast 30 Jahren eine stabile Beziehung zwischen Autor und Verlagen, auch wenn dieser beide seiner Wirkungsorte längst verlassen hat. Dem Band 1 Rules and Order von 1973 folgen ein Band 2 The Mirage of Social Justice (1976) und ein abschließender Band 3 The Political Order of a Free People (1979). Anders als im Fall von Der Weg zur Knechtschaft wird die deutsche Ausgabe Recht, Gesetz und Freiheit allerdings nicht zeitnah, sondern erst 1980 und 1981 nach Abschluss der englischen Trilogie erscheinen, ebenfalls in drei Bänden, zuerst unter dem Titel Recht, Gesetzgebung und Freiheit im Verlag moderne Industrie, München, später unter dem heute bekannten und verfügbaren Titel Recht, Gesetz und Freiheit bei Mohr Siebeck in Tübingen, 2003.

Inhalt: Friedrich August von Hayek schreibt im Band 1, Regeln und Ordnung, über den Unterscheid von spontaner Ordnung und Organisation, daraus folgend über den Unterschied von Recht und Gesetzt und gelangt zu dem Schluss: Recht ist älter als Gesetzgebung. Band 2, Das Trugbild sozialer Gerechtigkeit, beschreibt die Übertragung des Begriffs der Gerechtigkeit aus dem Juristischen, wo er herkommt und hingehört, ins Soziale, wo er nicht hingehört und als Wieselwort „soziale Gerechtigkeit“ zu einer Ablaufgerechtigkeit wird. Band 3, Die politische Ordnung eines freien Volkes, beginnt mit einem Abschnitt über „Die zunehmende Enttäuschung über die Demokratie“, die Hayek im Erscheinungsjahr 1979 allenthalben beobachtet – eine Demokratie, nach der 1944, beim Erscheinen der The Road to Serfdom, doch alle so gelechzt hätten. Der Band 3 geht dieser immer wiederkehrenden Enttäuschung nach und erörtert die Stärken und die Schwächen demokratischer Prinzipien wie Mehrheitsentscheidung und Gewaltenteilung.

Nutzen: David Dürr sagt, er selbst habe noch Friedrich August von Hayek erlebt, live bei einem Vortrag in Zürich, bei dem er über das Thema des 3. Bandes, Die politische Ordnung eines freien Volkes, frei gesprochen und eine „eindrückliche Persönlichkeit“ zu erkennen gegeben habe. Doch bereits beim Zuhören sei ihm aufgefallen, was sich beim Lesen dieses „Alterswerkes“ bestätige: Hayek argumentiere „sehr etatistisch“. Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen – „ja, dazu braucht es den Staat“, sage Hayek. Infrastruktur, sogar Information seien Staatsaufgabe – „man reibt sich die Augen“.

Zwar postuliere Hayek, „die letzte Schlacht gegen den Sozialismus ist noch nicht geschlagen“, aber er, Dürr, frage sich: „War da eine letzte Schlacht?“ Und gibt sogleich die Antwort: Nein, „recht kampflos weit gekommen“ sei der Staat, „kampflos unterworfen“ habe man sich ihm. „War da ein Anwachsen der freien Gesellschaft?“ Und wieder ein Nein. David Dürr schließt, „die Knechtschaft, in der wir sind“, habe Hayek nur erkennend begleitet, aber er und andere Liberale hätten den nötigen „Kampf nicht konsequent geführt“. Insofern beabsichtigt Dürrs Lektüreempfehlung eine Aufforderung, Recht, Gesetz und Freiheit und besonders dessen 3. Band einer kritischen Sichtung zu unterziehen – nach 40 weiteren Jahren „zunehmender Enttäuschung über die Demokratie“.


Vorlesung 11: Thorsten Polleit über Murray Rothbards Power and Market, Menlo Park, California, 1970.

Vorlesung 11: Power and Market, Menlo Park, California, 1970. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Murray Rothbard, vorgestellt bei Vorlesung 9, lehrt 1970 seit vier Jahren in einer Teilzeitstellung Wirtschaft für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute. Diese Position erlaubt es ihm, gleichzeitig als Buchautor und Publizist zu wirken. Das Buch Power and Market erscheint in den Anfangsjahren dieser Phase seines Schaffens 1970 beim Institute for Humane Studies, Menlo Park, California. Es trägt den Untertitel Government and the Economy.

Power and Market gibt es bisher nur auf Englisch, die Fourth edition ist 2006 bei The Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, erschienen. Das österreichisches Mises Institut mises.at bereitet eine deutsche Übersetzung vor.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt mit Power and Market ein Buch, in dem er eigenständige, über die bisherige Austrian School hinausgehende Gedanken entwickelt. Seine erste große Veröffentlichung von 1962, Man, Economy, and State, ist das Ergebnis der Teilnahme an Ludwig von Mises’ Privatseminar gewesen und hat allein der Verbreitung der Lehren der Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum gedient. Acht Jahre später, 1970, setzt Rothbard mit Power and Market eigene Akzente.

Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dieser: Wenn der Staat als territorialer Monopolist schädlich ist, sind alle Staatshandlungen schlechter, als es Markthandeln wäre. Als Lösung schwebt Murray Rothbard eine „Privatrechtsgesellschaft“ vor – ohne öffentliches Recht.

Als Alternative zum Staatsversprechen „Wir schützen euch“ entwickelt Rothbard den Gedanken eines freien Marktes für Sicherheit zum Schutz des Eigentums vor Aggression. Da der Staat selbst der Aggressor ist, der Eigentumsrechte verletzt, ist er unvereinbar mit der Gewährleistung von Sicherheit. Statt des Staatsmonopols für Sicherheit soll künftig ein freier Markt für Polizei den Schutz des Eigentums, der als erstes Eigentum Leib und Leben schützt, sicherstellen. Auf einem freien Markt werden Versicherungsunternehmen diese Leistung erbringen. Auch die Gerichtsbarkeit im Falle einer Eigentumsverletzung ist dem Monopol des Staates entwunden und Angelegenheit von Schiedsgerichten freier Wahl.

In einem zweiten Teil des Buches erörtert Murray Rothbard die Arten der Intervention, mit denen der Staat entweder win-lose-Ergebnisse (der Staat gewinnt, der Bürger verliert) erzielt oder lose-lose-Ergebnisse (beide verlieren), nie aber win-win-Ergebnisse, wie sie Markthandeln erzielt, das auf freier Wahl beruht. Und zwar auf der freien Wahl jedes Einzelnen, Tag für Tag – es gibt niemanden, der nicht wählt. Von diesem Gedanken ausgehend gelangt Rothbard zu einem Demokratiedilemma: Die freie Wahl der Regierung bringt eine Regierung hervor, die von den Nichtwählern nicht gewählt und von der unterlegenen Minderheit nicht gewollt ist.

Nach dieser Art der Intervention, die Rothbard „binär“ nennt, weil sie zwei Seiten hat (Staat und Bürger/Marktteilnehmer), widmet er sich der „triangulären“ Intervention, die drei Seiten hat: den Staat und zwei Marktteilnehmer. Er veranschaulicht das am Patent, das den Entdecker privilegiert und den Zweitentdecker diskriminiert. Das Patent
• erzeugt Monopolgewinne, ohne die Versorgung zu verbessern,
• erhöht die Preise, weil ohne Lizenz ein Zweiter das patentierte Gut nicht anbieten darf,
• verschlechtert die Versorgung, sobald es auf Güter vergeben wird, die nicht patentierbar sind.
Mit der Institution des Patents überträgt der Staat sein Monopolrecht auf einen einzelnen Marktteilnehmer zum Schaden aller anderen Marktteilnehmer.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, wer „das Recht, in Ruhe gelassen zu werden“, schätzt, solle dieses Buch lesen. Aber jene, „die den Staat lieben“, sollten besser die Finger davon lassen. Besonders wenn sie Beamte sind und durch das Buch erfahren, dass ihr Dasein sich einer „binären“ Intervention des Staates verdankt: Nur weil der Staat als territorialer Monopolist sich das Recht nimmt, Steuern zu erheben, für Rothbard Raub, eine Aggression gegen das Eigentum der Nettosteuerzahler, kann er für seinen Apparat aufkommen und dessen Beamte bezahlen, die Nettosteuerkonsumenten. Würden die Nettosteuerzahler alle Zahlungen verweigern, hätten die Nettosteuerkonsumenten kein Einkommen.

Den Geschädigten dieser „binären“ Intervention des Staates ruft Thorsten Polleit zu: „Lesen sie das Buch!“ Power and Market entfalte im Schlussteil noch einmal eine zusammenfassende Argumentation gegen die „Anti-Markt Ethik“, die einerseits Menschenrechte für sich reklamiert, andererseits Eigentumsrechte im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ entweder leugnet oder beschneidet. Die Lektüre des Buchs hingegen verdeutliche, dass für Murray Rothbard Menschenrechte und Eigentumsrechte zusammengehören, dass Menschenrechte ohne Eigentumsrechte jeder staatlichen Willkür Tor und Tür öffnen.


Vorlesung 12: Karl-Friedrich Israel über Hans-Hermann Hoppes Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. 

Vorlesung 12: Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. Von Hans-Hermann Hoppe, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Hans-Hermann Hoppe, geboren 1949 im niedersächsischen Peine, studiert Philosophie, Soziologie, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken, Frankfurt am Main und Ann Arbor, promoviert 1974 bei Jürgen Habermas und habilitiert sich 1981. Anschließend ermöglichen ihm Forschungsstipendien des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes DAAD und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG die Erarbeitung der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, die während seiner anschließenden Zeit als Privatdozent an der Technischen Universität Braunschweig 1983 im Westdeutschen Verlag, Opladen, erscheint. Untertitel: Untersuchungen zur Grundlegung von Soziologie und Ökonomie.

Später, von 1986 bis 2008, wird Hans-Hermann Hoppe als Professor für Volkswirtschaftslehre an der staatlichen University of Nevada in Las Vegas lehren. In dieser amerikanischen Zeit seines Schaffens wird er auch Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Heute lebt er mit seiner Frau Gulcin Imre Hoppe, ebenfalls Österreichische Schulökonomin, in der Türkei.

Inhalt: Hans-Hermann Hoppe schreibt sein Buch, um eine nicht-empirische Begründung für die These zu liefern, dass empirisch-kausalwissenschaftliche Sozialforschung „logisch unmöglich“ ist. Er gliedert sein Buch entsprechend in drei Kapitel:
Kapitel 1 Über die Unmöglichkeit kausalwissenschaftlicher Sozialforschung,
Kapitel 2 Eine Untersuchung zur Begründung der Soziologie als rekonstruierender Handlungswissenschaft,
Kapitel 3 Eine Untersuchung zur Begründung der Ökonomie als aprioristischer Handlungswissenschaft.

Der Referent konzentriert seine Vorlesung auf das erste Kapitel des Buchs, das vor dem Hintergrund der dogmengeschichtlichen Entwicklung seiner Zeit zwei bedeutende Entwicklungen des 20. Jahrhunderts thematisiert:
• in der Theorie die „Keynesianische Revolution“,
• in der Methodik den „Durchbruch der modernen Ökonometrie“.
Beides zusammen, Keynes’ Gedanke der Sinnhaftigkeit staatlicher Intervention zugunsten von allem und jedem, zuletzt sogar zugunsten des ganzen Planeten, und die auf Ragnar Frisch und Jan Tinbergen zurückgehende Idee der Ökonometrie, der Berechenbarkeit von allem und jedem, zuletzt sogar in der Modifikation der Berechenbarkeit planetarer Infektionsketten, behandelt Ökonomie, als sei sie eine Naturwissenschaft, und Wirtschaft und Gesellschaft, als seien sie berechenbar wie die Bahn des Mondes um die Erde.

Hans-Hermann Hoppe hält diesem „Instrumentalismus“ den „Realismus“ der Österreichischen Schule entgegen und stützt sich dabei auf Ludwig von Mises als Verfechter des methodologischen Dualismus, den er seinerseits so begründet:
1. Der Mensch und seine Entscheidungen sind selbst Untersuchungsgegenstand der Ökonomik.
2. Naturwissenschaft beschäftigt sich mit unbelebten oder willenlosen Objekten.
3. Ziel, Zweck oder Motiv einer Handlung können nicht physiologisch erklärt werden – zumindest noch nicht.
Aus diesen Grundannahmen ergibt sich für Hoppe die Unvorhersagbarkeit menschlichen Handelns, das obendrein noch durch zwei weitere Unvorhersehbarkeiten geprägt ist: Der Mensch ist lernfähig, und: „Der Mensch ist verlernfähig“. Einmal erlangtes Wissen kann verloren gehen – und tatsächlich verlernen Menschen einst Gelerntes sogar im Verlauf ihres eigenen Lebens oft und gern wieder.

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt eingangs seiner Vorlesung, Hoppe habe ein „Alleinstellungsmerkmal“: Dieser Autor ist als einziger noch am Leben – jedenfalls als einziger der sechs Autoren, deren Bücher das Ludwig von Mises Seminar 2020 vorstellt. Ein hinreichender Grund zur Lektüre der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung sei das allerdings noch nicht, vielmehr liege der mögliche Erkenntnisgewinn vor allem im Kapitel 1, das Karl-Friedrich Israel für das wichtigste hält.

Hoppe selbst formuliert die dort begründete zentrale These so: „Als empirische Disziplin muss sich die Sozialforschung als eine rekonstruierende Wissenschaft begreifen, die [...] Handlungen in die ihnen zugrundeliegenden, dem Handelnden im Prinzip als solche erkennbaren logischen Bestandteile zerlegt.“ Indem Hoppe 1983 den Methodendualismus von Ludwig von Mises aktualisiere und die Ökonomie als eine Disziplin der Sozialforschung deren Regeln gleichstelle, leiste er, sagt Karl-Friedrich Israel zum Ende seiner Vorlesung, einen lesenswerten Beitrag zu der österreichischen Grundüberzeugung, nach der es „keine Kausalität in der Ökonomie“ gebe und deshalb auch keinen Bedarf an Experten, die Rettung versprechen, mag die „Herausforderung“ noch so „nie dagewesen“ sein.


Am Ende des Seminars stellen sich die Referenten den Fragen der Seminarteilnehmer, moderiert von Andreas Marquart, Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland (am Pult). Auf dem Podium von links nach rechts: Jörg-Guido Hülsmann, Thorsten Polleit, Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus.

Ergänzende Nachbemerkung zur Folge 1 Die in der Vorlesung 6 angesprochene Schrift Human Action von 1949, bei der es sich um eine von Ludwig von Mises aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der 1940 erschienen Schrift Nationalökonomie handelt, ist 70 Jahre später im Oktober 2019 in deutscher Übersetzung herausgekommen. Unter dem Titel Menschliches Handeln. Eine Grundlegung ökonomischer Theorie bietet die von Rahim Taghizadegan ins Deutsche übersetzte Ausgabe auf rund 850 Seiten zugleich eine Synthese von Nationalökonomie und Human Action. Die in 3 Textbände unterteilte Ausgabe wird durch einen Band 4 ergänzt, der auf weiteren 280 Seiten Endnoten alle Veränderungen zwischen den beiden Versionen dokumentiert und einen Essay von Jörg Guido Hülsmann enthält: Die Wirkung von ‚Human Action’ in den USA.

Die 4 Bände der Schrift Menschliches Handeln sind als Taschenbuchausgabe beim Verlag mises.at erschienen und im stationären Buchhandel sowie im Onlinehandel (etwa bei Amazon) erhältlich. Rahim Taghizadegan, selbst ein Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, ist Wirtschaftsphilosoph und Rektor des scholarium in Wien, einer unabhängigen Bildungs- und Forschungsinstitution, die als Herausgeber der vierbändigen Ausgabe firmiert, die je Band 19 Euro kostet, die einzeln beziehbar sind.


Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Freitag, dem 27. März 2020.

Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland: Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2. Die dort zuerst veröffentlichte Originalfassung unterscheidet sich von der obigen Blogfassung nicht im Text, nur in der Bebilderung – hier ist zu jeder Vorlesung ein Bild des Referenten zu sehen, dazu eingangs ein zweites Foto mit den vier Referenten auf dem Podium.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

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Hinweis: Die Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Samstag, dem 28. März 2020, unter der Überschrift Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 1 als Version der Berliner Freiheiten.




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