Donnerstag, 18. August 2011

Götz Aly stellt richtige Fragen und gibt gute Antworten


Götz Aly am 18. August im Museum für Kommunikation.
Wenn 350 Leute zu einer Buchpremiere kommen, dann muss das wohl ein wichtiges Buch sein. Der schöne, große, überdachte Lichthof des alten Postmuseums, das seit elf Jahren Museum für Kommunikation heißt, ist pickepackevoll. So viele Menschen habe ich noch nie bei der Vorstellung einer Neuerscheinung gesehen. Sie sind gekommen, um etwas über das Buch Warum die Deutschen? Warum die Juden? zu hören, und zwar vom Verfasser selbst. Der Verfasser ist Götz Aly, und mit Hitlers Volksstaat hat er vor fünf Jahren schon die Fortsetzung des neuen Warum-Buchs vorgelegt.


Die verkehrte Reihenfolge verweist auf ein Problem, mit dem nicht nur Götz Aly ringt. Sobald einer gute Antworten geben kann, warum es der Nationalsozialismus so weit bringen konnte, wird er sich neue Fragen stellen, die noch näher, noch tiefer, noch bitterer an und durch diese schwer zu verstehende totalitäre Periode führen. So ist es Götz Aly ergangen, der nun mit dem Warum-Buch die Vorgeschichte des Volksstaats erzählt. Am Ende könnte eine Trilogie daraus werden, das ließ der Autor schon durchblicken. Buch drei wird die Europa-Dimension der Ermordung der europäischen Juden beleuchten: die prominent besetzten Nebenrollen – aber nach deutschem Drehbuch, unter deutscher Regie.


Warum die Deutschen? Warum die Juden? Warum ist eigentlich vorher niemand auf diese naheliegenden Fragen gekommen? Weil es Kinderfragen sind, über die sich Erwachsene erhaben dünken. Wegen dieses Dünkels stellen Erwachsene gern falsche Fragen und geben schlechte Antworten. Götz Aly stellt richtige Fragen und gibt gute Antworten. Die Fragen kennen Sie nun, was sind die Antworten? Der Untertitel des Warum-Buchs gibt die Richtung an: Gleichheit, Neid und Rassenhass. Da die Premierengäste im Kommunikationsmuseum das eben erschienene Buch noch nicht gelesen haben können, gibt Götz Aly eine Zusammenfassung seiner zentralen Antworten, die – in meinen Worten – so geht:
Moderator Stephan Speicher, Götz Aly, am Mikro Gregor Isenbort.

Vom Ende des Alten Tausendjährigen Reiches 1806 bis zum Beginn des Dritten Tausendjährigen Reiches 1933 findet in Deutschland eine Säkularisierung statt, die der christlichen Fesselung des Wissens, der Arbeitskraft, der Freizügigkeit und der Märkte ein Ende bereitet. In diesem Emanzipationsprozess erweisen sich die ländlich-trägen christlichen Deutschen den urban-agilen jüdischen Deutschen als hoffnungslos unterlegen. Die Juden nutzen die Chancen der neuen Marktwirtschaft, die Christen fürchten sich vor deren Risiken. Die Juden werden klug und reich, die Christen bleiben blöd und arm. (Im Nahen Osten sehen wir heute – zeitversetzt und mit anderen Darstellern – eine ähnliche Entwicklung.)


Die intellektuell und ökonomisch Zurückgebliebenen entwickeln Neid und Hass, und schon dreht sich die Spirale des Unheils. Die der Unterwerfung unter das ("echte") Tausendjährige Reich der Christen Entronnenen bewegen sich der Unterwerfung unter das neue Tausendjährige Reich der Nationalsozialisten zu, und sie tun dies umso schneller, je näher sie ihrem Neidobjekt kommen. Das ist die zweite zentrale Antwort von Götz Aly: Wenn Christen intellektuell und ökonomisch aufholen und den Aufstieg dahin schaffen, wo Juden schon sind, vermehrt die Erkenntnis des Vorsprungs den Neid: Judenhass wächst bei zunehmendem Christenerfolg. Die nationalsozialistische Avantgarde waren christliche Studenten, die erst die Allgemeinen Studentenausschüsse im Reich eroberten, dann die Bücher des jüdischen Establishments vor der Berliner Universität verbrannten.
Götz Aly signiert im Anschluss an die Buchpremiere.


Götz Aly findet im Publikum erstaunlich viel Zuspruch, das hätte ich gar nicht erwartet. Allerdings beschreibt er die Transformation vom christlichen in das nationalsozialistische Unheil auch nicht so unverblümt, wie ich sie hier wiedergebe. Er neigt sogar dazu, den nationalsozialistischen Judenhass nicht im Kontinuum mit dem christlichen sehen zu wollen – der einzige Punkt, bei dem ich ihm nicht folgen kann. Die totalitäre Matrix, die in beiden Ideologien zur Wirkung kommt, ist in ihrer Marktfeindlichkeit zentriert, und der Neid ist nur deren Derivat. Aber das ist wieder ein anderes Buch, und das muss Götz Aly nicht auch noch schreiben. Jetzt bin ich erst einmal neugierig auf das Warum-Buch, und dank der ausgezeichneten Moderation von Stephan Speicher von der Süddeutschen Zeitung gelang es Götz Aly, dem Publikum im Lichthof etliche Gründe zu nennen, das Buch tatsächlich zu lesen.
   

Hinweis: Wer die Buchpremiere verpasst hat und Götz Aly leibhaftig hören will, kann dies am 27. September 2011 um 19.30 Uhr auf einer Veranstaltung von Schleichers Buchhandlung nachholen. Ort der Lesung (Vortrag und Gespräch mit dem Autor) ist das Museum Dahlem, Lansstr. 8, 14195 Berlin. Der Eintritt kostet 12 EUR, ermäßigt 8 EUR. Vorbestellung von Karten könnte ratsam sein.
  

Sonntag, 17. Juli 2011

Alte Nationalgalerie oder Loblied auf einen preußischen Bankier




Imagination der islamischen Welt,
von keinerlei Realitätskenntnis getrübt:
So stellte sich Horace Vernet
den Orient vor (Sklavenmarkt, 1836).
Bild © Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie, Foto: Andres Kilger
Vor 150 Jahren machte in Berlin der Herr des Geldes seinem König ein Geschenk, damit der es unter sein Volk bringe: 262 Gemälde, den Grundstock der Nationalgalerie. Eine Betrachtung über den Zusammenhang von Marktwirtschaft und Malerei.

Die Marktwirtschaft hatte es von jeher schwer in Deutschland. Als Heiliges Reich unter dem Diktat des christlichen Zinsverbots, behinderten die selbsternannten Römer deutscher Nation jedwede Innovation durch Investition so lange es ging. Nach dem Ende ihres Tausendjährigen Reiches erblühten mit dem Freiheitswind der Amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung auch in der Alten Welt Handel und Wandel. Im Jahr 1775 gaben Otto Heinrich Anhalt und sein Schwager Heinrich Wilhelm Wagener die Gründung ihres Speditions- und Kommissionsgeschäfts Anhalt & Wagener in der Brüderstraße 5 bekannt, die damals direkt zum Königlichen Schlossplatz führte. Seit 1962 versperrt das DDR-Staatsratsgebäude den Weg dorthin, aber das Berliner Stadtschloss war 1950 ohnehin schon auf Anweisung der SED zerstört.

Heinrich Wilhelm Wagener machte seinen Sohn Joachim Heinrich Wilhelm 1814 zum Teilhaber, und nach dem Tod der beiden Gründer übernahm der junge Kaufmann, Jahrgang 1782, als Alleininhaber das Handelshaus beim Preußenschloss. Joachim Heinrich Wilhelm, kurz JHW Wagener weitete die Bankgeschäfte in jenen von den Stein-Hardenbergschen Reformen getriebenen Frühlingsjahren der Marktwirtschaft nach Kräften aus. Als Bankier und Bürger engagierte er sich nicht nur in der Berliner Kaufmannschaft, deren Mitbegründer er war, sondern JHW Wagener hatte auch ein Gespür für guten Geschmack und zeitgenössische Kunst. Davon profitierte 1815 als erster der ein Jahr ältere Maler, Architekt und Stadtplaner Karl Friedrich Schinkel. Dessen Gemälde Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer war die erste Investition, die JHW aus dem Ertrag seiner Teilhabe an Anhalt & Wagener bestritt.

Kathedrale der Phantasie: Karl Friedrich Schinkels
Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer, 1815,
gibt es nur auf der Leinwand.
Bild © Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders

In den folgenden Jahren ließ der Bankier etliche eben erst trockene Ölgemälde aus den Ateliers Berliner Maler in seine Privatgemächer tragen, die er allesamt im persönlichen Gespräch begutachtet und für aufhebenswert erachtet hatte. So entstand in den 45 Jahren von 1815 bis 1860 eine Sammlung zeitgenössischer Kunst, die einer der führenden Köpfe der preußischen Wirtschaftselite als für seine Zeit repräsentativ erachtete. Der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, der heute der Herr dieser Bilder ist, sagt zu der Wagenerschen Sammlung: „Indem sie im Geiste des Zeitgenössischen gesammelt wurde, vermag sie uns noch heute eine Vorstellung davon zu geben, was einst als zeitgenössische Kunst galt und kann uns dadurch auch im Rückblick das Vergangene wieder vergegenwärtigen.“

Aber wie kamen die Gemälde des Kaufmanns und Bankiers JHW Wagener in die Obhut eines Angestellten des öffentlichen Dienstes? Das private Sammeln von Kunstwerken, das heute fast jede deutsche Bank als zweite Natur verinnerlicht hat, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas Neues – so frisch wie die Marktwirtschaft selbst. Und neu war auch die Geste des Gebens, die wir heute nur noch als amerikanische Großzügigkeit kennen und mit Namen wie Bill Gates und Warren Buffett verbinden. Erfunden wurde das neuzeitliche Mäzenatentum natürlich in der Alten Welt, von wo es in die Neue Welt emigriert ist. Es war der Berliner Joachim Heinrich Wilhelm Wagener, der als einer der ersten Mäzene gelten kann. Aber er musste List und Tücke aufbieten, um dem Volk, in diesem Fall dem preußischen, etwas von seinem wirtschaftlichen Erfolg zurückzugeben.

Vor dem Volk stand nämlich 1859, als JHW Wagener sein Testament machte, schon wieder der Staat. So sehr war die Erinnerung an die Aufbruchsjahre der Marktwirtschaft nach einem halben Jahrhundert Nationalstaatsfixierung verblasst, dass dem Bankier eine private Stiftung gar nicht in den Sinn kam. Der preußische Staat sollte Erbe seiner inzwischen auf 262 Gemälde angewachsenen Sammlung werden und sie dem Volk zugänglich machen. Aber dieser Staat war schon damals klamm – und hatte andere als ausgerechnet schöngeistige Ambitionen. So wies, nicht zum ersten Mal, der preußische Finanzminister noch 1860 das Ansinnen der Berliner Künstlerschaft zurück, 50.000 Taler zur Förderung der Schönen Künste in den Haushaltplan einzustellen. Das berichtet Eberhard Roters, der verstorbene Gründungsdirektor der Berlinischen Galerie, in seinem Geschichtsessay über Die Nationalgalerie und ihre Stifter.

JHW Wagener kannte diese Ausgabenunlust preußischer Ministerialbeamter. In seinem Testament sprach er deshalb direkt den König als Adressaten der Schenkung an: „Insbesondere überlasse ich es ganz dem Allerhöchsten Ermessen, ob etwa die Sammlung noch in dem Eingangs gedachten Sinne verstärkt und fortgeführt werden soll, um so zu einer nationalen Galerie heranzuwachsen, welche die neuere Malerei auch in ihrer weiteren Entwicklung darstellt.“ Hier entwickelte der greise Mäzen erstmals den Gedanken einer Nationalgalerie, und genau darauf sprang der preußische König nach der Testamentseröffnung an.

Allegorie auf ein von Napoleon
gerupftes Land: Caspar David Friedrichs
Einsamer Baum, 1822, versinnbildlicht
die Lage der Nation.
Bild © Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie Foto: Jörg P. Anders

Als Joachim Heinrich Wilhelm Wagener am 18. Januar 1861 starb, war der Wilhelm I seit gerade zwei Wochen König von Preußen. Er nutzte die Wagenersche Schenkung als gute Gelegenheit, „seinen Regierungsantritt mit einer bedeutsamen kulturpolitischen Demonstration zu schmücken“, wie Roters notiert. An seinem Geburtstag, dem 22. März 1861, eröffnete der König, der selber zwanzig Gemälde beisteuerte, die Wagenersche- und National-Galerie in den Räumen der Königlich Preußischen Akademie der Künste Unter den Linden. Fünfzehn Jahre später, wiederum zum Geburtstag Wilhelms, der indessen Deutscher Kaiser geworden war, erhielt die Nationalgalerie 1876 ihr eigenes Gebäude auf der Museumsinsel, wo es heute noch steht – und zur Unterscheidung von der Neuen Nationalgalerie am Potsdamer Platz nun Alte Nationalgalerie heißt.

Seit 150 Jahren im Staatsbesitz, ist die einstige Privatsammlung jetzt erstmals zum Jubiläum wieder als geschlossenes Ganzes zu sehen, allerdings nur in einer Auswahl von rund 140 der ursprünglich über 260 Gemälde. Die sonst eher wirtschaftskritische Berliner tageszeitung (taz) war mit dieser Entscheidung nicht einverstanden und übte Staatskritik: „Hier vergibt die Nationalgalerie die Chance, die Sammlung in ihrer wirklichen Breite zu zeigen.“ (taz, 24. April 2011) Tatsächlich bestimmen Angestellte des öffentlichen Dienstes, was das Publikum heute von der Wagenerschen Sammlung sehen darf. Damit setzen sie sich über den Mäzen hinweg, der in seinem Testament „keinerlei andere Bedingung oder Beschränkung, als die [...] ungetrennte Erhaltung, Aufstellung und Benutzung der Sammlung“ genannt hatte. Diese Missachtung liegt im Trend einer Zeit, in der staatliche Eliten glauben, alles besser zu wissen als die Marktakteure und schon gar besser als jener längst verstorbene Bankier, dem sie bei der Nationalgalerie doch alles verdanken, die Existenz ihrer Institution und ihren Job. Die Marktwirtschaft hat es schwer in Deutschland, immer noch.

Nachtrag: Was dem Bankier gefiel

Dem Bankier gefiel der Freiheitskampf der Griechen.
Hier ein Freischärler in einem Gemälde von
Eduard Magnus (Heimkehr des Palikaren, 1836).
Bild © Staatliche Museen zu Berlin,
Nationalgalerie, Foto: Andres Kilger

Wenn Joachim Heinrich Wilhelm Wagener auf Erkundungstour durch die Berliner Ateliers ging, wurde meist eine Einkaufstour daraus. Diese selbstbestimmte Umverteilung des Reichtums aus den Taschen des erfolgreichen Bankiers in die Taschen der aufstrebenden Künstler hat den Aufschwung der Bildenden Künste in der preußischen Hauptstadt beflügelt. Nicht nur Berliner profitierten vom Kunstsinn des Bankiers. Neben Karl Friedrich Schinkel (Gotische Kirche, 1815) und Caspar David Friedrich (Einsamer Baum, 1822) kam auch Horace Vernet (Sklavenmarkt, 1836) zum Zuge.
Bemerkenswert ist das Interesse des Bankiers für Freiheitsbestrebungen, etwa in Griechenland. Damals gehörte der Islam noch zu Europa, aber die Griechen fanden, dass damit Schluss sein müsse. Im Unabhängigkeitskrieg der Jahre 1821 bis 1829 warfen sie die Türken aus dem Land; es war einer der ersten asymmetrischen Kriege, die wir heute für neu halten. Mangels einer regulären Armee waren es Freischärler, die den Aufstand maßgeblich für sich entschieden.
Diese siegreichen Palikaren verewigten Maler wie Peter von Hess (Palikaren bei Athen, 1829) und Eduard Magnus (Heimkehr des Palikaren, 1836) – zwei Gemälde, die zeigen, bei wem Joachim Heinrich Wilhelm Wageners Sympathien lagen: bei den Aufständischen; denn ohne politische Freiheiten, das wusste er als Bankier, stehen wirtschaftliche Erfolge auf tönernen Füßen. Der Freiheitskampf gegen die Muslime zog sich übrigens noch jahrzehntelang hin und endete im Griechischen Staatsbankrott von 1893.

Info: Die Sammlung des Bankiers Wagener. Die Gründung der Nationalgalerie. Sonderausstellung in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel, Bodestraße 1-3, 10178 Berlin. Bis 8. Januar 2012. Di-So 10-18 Uhr, Do bis 22 Uhr, Mo geschlossen. Eintritt 10 €, ermäßigt 5 € (Alte Nationalgalerie + Sammlung Wagener)

Hinweis: Dieser Beitrag erschien zuerst unter dem Titel Ein Bankier beschenkt das Volk in DER HAUPTSTADTBRIEF Ausgabe 102 im Mai 2011 (auf Seite 35, im doppelseitig angelegten PDF Seite 18 wählen). 
  

Donnerstag, 30. Juni 2011

Güner Balci trifft (nicht) auf Rita Süssmuth

Güner Balci bei der Veranstaltung am 29. Juni 2011

Eine so missglückte Veranstaltung habe ich, wenn ich recht erinnere, überhaupt noch nicht erlebt. Weil hier Grundsätzliches schief ging und mein Unmut groß ist, halte ich die Einwände fest: Eingeladen hatte die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit mit der Verheißung Rita Süssmuth und Güner Balci streiten über Integration. Der Abend begann mit einem Vortrag von Rita Süssmuth. Die frühere Präsidentin des Deutschen Bundestages brauchte 60 Minuten für die Darlegung ihres integrationspolitischen Imperativs „Habt euch lieb!“. Ältere Leser werden sich erinnern, dass es einst Schallplatten gab, die vor Kratzern zu bewahren waren. Gab es doch einen, wiederholte sich die Liedzeile nach jeder Umdrehung: Die Platte hatte einen Sprung. So war nach 6 Minuten klar, worauf es Rita Süssmuth ankam. Nach 20 Minuten und der dritten Wiederholung war es nur noch der Respekt vor der Lebensleistung der Vierundsiebzigjährigen, der mich auf dem Stuhl hielt.

Bei genauem Hinhören und weniger wohlwollender Wiedergabe lautete Süssmuths Imperativ allerdings schlicht und einseitig „Habt sie lieb!“ Die Alteingesessenen müssten sich ändern, um die Neuhinzugekommenen auf- und annehmen zu können. Die Welt dermaßen auf den Kopf gestellt, sind Integrationsprobleme die Probleme von Deutschen, die sich mit allem Neuen und Anderen schwertun. Nach 60 quälenden Minuten eines mäandernden Vortrags musste Rita Süssmuth zu einem wichtigeren Event und konnte das Versprechen der Veranstaltung, „Rita Süssmuth und Güner Balçi streiten über Integration“, nicht einlösen. Ich empfand eine gewisse Erleichterung, aber da wusste ich noch nicht, was folgen würde.

Rita Süssmuth, 29. Juni
Der zweite Flop des Abends war der postmoderne männliche Schlaumeier Imran Ayata, der nun mit Güner Balci über Integration streiten sollte. Der alerte und eloquente Schriftsteller und Diskjockey, der so fließend und akzentfrei Deutsch spricht wie jeder andere Anfangsvierziger aus dem linksliberalen Establishment, wie es vorzugsweise den Prenzlauer Berg bevölkert, verblüffte erst mit der Mitteilung, ihm werde oft die Frage nach seiner Integration gestellt – lachhaft. Um dann das Thema Integration ein Thema zu nennen, das sich nicht stelle und um das es gar nicht ginge – was für eine sinnlose Einlassung. Arme Güner Balci! Was soll man nach so einer Vorrednerin und zu so einem Mitdiskutanten noch sagen?
Sie hat sich wacker geschlagen, aber: what a waste of time! Mit Leuten über ein Problem zu diskutieren, die das Problem leugnen, das ist Zeitverschwendung auf niedrigem Niveau. Um das Problem bei dieser Gelegenheit nun doch einmal zu definieren und meine Wertung zu präzisieren: Es gibt in Deutschland kein Problem bei der Integration von Menschen mit Migrationshintergrund. Es gibt in Deutschland ein Problem der Nichtintegrationsfähigkeit von Menschen mit Segregationsvordergrund.
> Ein Mensch mit Migrationshintergrund ist jemand wie Imran Ayata. Da ist nichts zu integrieren, da ist kein Problem außer dem, dass ich mit seiner Beliebigkeit von Relativieren und Realitätsverweigerung ein Problem habe.
> Menschen mit Segregationsvordergrund hingegen kommen stets im Plural daher, sind türkische, kurdische oder arabische Muslime und bilden transfergestützte Gegengesellschaften. Auch da ist nichts zu integrieren, aber hier ist es ein Problem. Das Problem besteht darin, dass es sich um männlich dominierte und meist frisch (nach 9/11) islamisierte Kollektive handelt, deren geschlossenes Weltbild mit den Werten, Rechten und Freiheiten der offenen Gesellschaft auf Kollisionskurs liegt. Darüber wäre zu reden gewesen, aber in der Konstellation ging das nun gar nicht. Die Landeszentrale möge künftig klüger entscheiden, wen sie mit wem diskutieren lassen will – und worüber.
Nachsatz: Güner Balci hat zwei sehr gute Romane geschrieben, Arabboy und ArabQueen, die literarisch gelungen und thematisch treffend in den mikrototalitären Kosmos dieser Kollektive eintauchen und von männlicher Anmaßung, weiblicher Unterwerfung und Enteignung des Ichs berichten.
Beide Romane stehen schon lange unter Meine Buchtipps (links in der Randspalte), mit Arabboy beschäftigte sich mein Blogeintrag vom 5. März 2009, und Güner Balci selbst war bereits Anlass eines Blogeintrags am 14. Dezember 2010.

Sonntag, 12. Juni 2011

In memoriam Manne

Nach der Trauerfeier: Wolfgangs Abschiedslied für Manne
  
Einen meiner früheren Zitty-Kollegen haben wir gestern zu Grabe getragen: Manfred Lattemann, der in den 1980er Jahren den Vertrieb des Stadtmagazins besorgte. Das war die Zeit, in der wir Zitty groß gemacht hatten. Mitte der Achtziger lagen wir bei über 50.000 verkauften Exemplaren. Der Erfolg hat viele Väter, Manne, wie er bei uns kurz und bündig hieß, war einer von ihnen. Deshalb hatte ich ein Veteranentreffen erwartet, und tatsächlich waren weit über zweihundert Trauergäste gekommen. So eine riesen Beerdigung habe ich noch nie erlebt, ein Staatsbegräbnis ist nichts dagegen. Nur, wo kamen all die Leute her? Denn meine und ja eben auch seine Zitty-Kollegen musste ich wie die Nadeln im Heuhaufen suchen.

Es fällt mir auf, dass fünf Mitarbeiter aus der Grafik da waren, zwei aus der Anzeigenabteilung und nur einer aus der Redaktion, ich nämlich. Außerdem ein freier Mitarbeiter sowie der damalige Geschäftsführer, den die Geschäfte gleich nach der Andacht woanders hin führten. Dieses fast vollständige Fernbleiben der Inhalte-Erzeuger finde ich, sagen wir es neutral, unbefriedigend. (Einer, der jetzt in München lebt, hatte mich gebeten, in seinem Namen eine Handvoll Sand ins Grab zu werfen.) Ich frage mich, ob es sich bei dieser Absenz um einen Ausdruck von Selbstüberhebung handelt: als seien es allein die Schreiberlinge, denen ein Medienerfolg zu verdanken sei. Nach allem, was ich in meinen 32 Berufsjahren beobachtet habe, nutzt alle Schreibkunst nichts, wenn deren Ergebnis nicht – optisch ansprechend verpackt, das gehört auch dazu – mit großer Anstrengung verkauft wird.

Die Verachtung des Marktes, die allzu oft das Kennzeichen großer und kleiner Meisterdenker und Kulturkritiker ist, drückt sich in der Abneigung gegen das Geldmachen im Allgemeinen und in der Geringschätzung jener, die dafür zuständig sind, im Besonderen aus. Das Geldverdienen besorgen bei einer Zeitschrift die Anzeigenleute und der Vertriebsmann, bei uns eben der Vertriebs-Manne. Und der hat seine Jungs im Handverkauf in jede Szenekneipe gehetzt, der hat dafür gesorgt, dass an jedem zweiten Mittwoch die Zitty am Kiosk ganz vorne lag. Ohne ihn wäre ich in diesen frühen 1980er Jahren nicht bekannt gewesen wie ein bunter Hund. Ohne ihn wären die Redakteure nicht bei jedem Event vom Veranstalter mit Kusshand begrüßt worden als seien sie – um einen heutigen Vergleich zu wählen – Herr Wowereit persönlich. All das, was Manne für Zitty bewirkt hat, kam aber zu meiner großen Befriedigung auf der Trauerfeier zur Sprache, und zwar von einer Seite, von der ich es gar nicht erwartet hatte: Hartmut Lierow, der als Rechtsanwalt nicht nur Zitty, sondern auch Manfred all die Jahre juristisch vertreten hat, sprach so zutreffende Worte, dass ich seine Rede hier zum Nachlesen zugänglich mache.

Ja, es gibt ein Leben nach dem Tod. Zur Bekräftigung dieser lebensbejahenden Haltung gaben Wofgang Rügner, Zittys einstiger Grafikchef, und seine Freunde nach der Trauerfeier vor der Carabao Bar ein Abschiedskonzert für Manne. Das hat den Lebenden gut getan und Mut gemacht und Trost gespendet – und die Erinnerung an den Toten fest und mit freundlicher Note in unser aller Gedächtnis verankert. Danke, Wolfgang. Die Aufnahme oben ist nach der Beerdigung beim Zusammensein in der Carabao Bar in der Hornstraße entstanden. Gegenüber wohnte Manfred Lattemann zu seinen Lebzeiten. Hier gibt es mehr Fotos vom Abschiedskonzert, und hier sogar ein kleine musikalische Kostprobe des Abschiedslieds. Gut gefallen hat mir auch der Trauermarsch nach der Beerdigung – wenn ich mir einen Wunsch erlauben dürfte: So etwas Tröstliches hätte ich bei der Gelegenheit auch gern.
  

Samstag, 14. Mai 2011

Johannes Kandel und die Islamisierung der Muslime

Johannes Kandel im Friedenauer Salon-Gespräch am 12. Mai

Wie mit dem Islam umzugehen sei, in Deutschland und überhaupt in der Welt, ist eine Frage, die die intellektuellen Eliten entzweit, weltweit und eben auch in Deutschland. Das ist nicht gut, weil das Enteignen im Namen des Islams eher zu- als abnimmt – das Enteignen von Leib und Leben in den muslimischen Ländern, das Enteignen von Persönlichkeitsrechten und Freiheiten in den muslimischen Gegengesellschaften der Länder der freien Welt. Ungebremst beschleunigt sich eine Islamisierung der Muslime, die nach dem 11. September 2001 in Fahrt gekommen war. Unter jenen, die dabei zusehen, können die einen nichts Schlechtes darin erkennen, für die anderen verheißt das alles nichts Gutes.

Johannes Kandel ist einer, der Ungemach auf die Zuschauer zukommen sieht. Deshalb hat er ein Buch geschrieben, Islamismus in Deutschland, und es am Donnerstag in Berlin vorgestellt. In kleiner, aber feiner Runde, semi-privat oder halb-öffentlich, je nach Blickwinkel; genau der richtige Rahmen also, um als Public Private Person davon zu berichten. Dieses Friedenauer Salon-Gespräch im gleichnamigen Berliner Stadtteil Friedenau fand unter Gleichgestimmten statt. Das war gut; denn so musste keine Zeit vertan werden, sich mit Nur-keine-Panik-Vorträgen zu beschäftigen. Es war auch gut, weil sich schnell herausstellte, wie groß der Selbstverständigungsbedarf unter Gleichgestimmten nach wie vor ist.

Ob Islam und Islamismus einerlei oder zweierlei seien, war gleich die erste Frage, die sich an die Buchvorstellung anschloss. Dr. Johannes Kandel ist Dozent und Akademieleiter bei der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung und seit 1999 Referatsleiter der Berliner Akademiegespräche / Interkultureller Dialog in der Politischen Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin. In seinem Buch mit dem passenden Untertitel Zwischen Panikmache und Naivität nennt er gute Gründe, mit dem Begriff des Islamismus die zahlreichen extremistischen Gruppierungen deutscher Muslime zu kennzeichnen. Das geht, auch wenn ich selbst den Begriff nicht verwende und das an anderer Stelle schon deutlich gemacht habe (siehe meinen Blogeintrag zu Bassam Tibi vom 22. April 2011, hier weiter unten). Von meinem Sitznachbarn, einem Grünen-Politiker, kam in Anknüpfung an eine Formel von Ernst Bloch ein Kompromissvorschlag: Im Islamismus gelangt der Islam zur Kenntlichkeit. Damit kann ich leben.

Keine Panik: ein ruhiges, sachliches Buch.
Einen Konsens in der Bewertung des Islams herzustellen, ist überhaupt die große Schwierigkeit und die echte Herausforderung, vor der alle Zuschauer stehen, denen die zunehmende Islamisierung der Muslime nicht gefällt. Das ist das mein Fazit dieses überaus anregenden Abends mit Salon-Gästen, von denen sich etliche schon zuvor öffentlich zum Islam geäußert hatten und die nun ihr Erfahrungswissen und ihre profunde Sachkenntnis in erhellender Weise ins Gespräch einbringen konnten.

Die Schwierigkeit liegt in der Synchronisierung der unterschiedlichen Ansätze; ein Beispiel, wie das ginge, habe ich eben versucht zu geben.

Die Herausforderung ist diese: Auf der Zuschauerseite sind es Individuen mit großem Selbstbezug, auf der Muslimseite sind es Kollektive mit großem Sendungsbewusstsein. Geschichtlich haben die Kollektive die Individuen stets besiegt, die Niederlage von Meinesgleichen 1933 ist für mich bis heute paradigmatisch. Diese echte Herausforderung anzunehmen, könnte der erste Konsens unter den Individuen sein, sie auch zu bestehen.
  

Freitag, 22. April 2011

Bassam Tibi, die arabischen Demokratiebewegungen und der Islam

Bassam Tibi, links, im Robert-Koch-Saal der Charité am 20.4.

Zum ersten Mal seit zehn Jahren hielt Bassam Tibi einen Vortrag in Berlin. Kein Wunder, dass sich die knarzenden Klappsitze des alten Robert-Koch-Saals der Charité in der Dorotheenstraße 96 trotz beginnender Osterferien gut gefüllt zeigten. Das Thema seines Vortrags, Der Nahe Osten im Umbruch, lockte überdies Neugierige an, die nach Orientierung für die Beurteilung der aktuellen Entwicklungen in Nordafrika und Nahost suchen. Dass sie von dem enormen Wissen des Vortragenden profitieren würden, hatten die Veranstalter Scholars for Peace in the Middle East (SPME) und das Mideast Freedom Forum Berlin (MFFB) dabei in Rechnung gestellt.

Bassam Tibi ist ein wandelndes Lexikon, dessen besondere Stärke es ist, Personen zu erinnern und den Zeitpunkt und die Umstände ihres Eintretens in den lexikalischen Bestand. Es gab also viel zu lernen. So ein fotografisches Gedächtnis hat aber auch eine Tücke: Es vergisst nie und nichts. So erinnerte Tibi, der heute betont, Moslem zu sein, mehrfach daran, einmal ein Neuer Linker gewesen zu sein. Daran ist nichts auszusetzen, das war ich in den späten 1960ern auch. Doch geisterten damals etliche Theorien durch die Köpfe von Teens und Twens, die zu Recht in Vergessenheit geraten sind: weil sie entweder faktenfrei waren oder so selektiv mit Fakten hantierten, dass Schwarz plötzlich in Weiß erstrahlte – tiefrot.

Die Kunst des Vergessens ist die Fähigkeit, sich von Theorien zu trennen, die sich als falsch erweisen und zu schlechten Ergebnissen führen. Das schafft Platz für neue Theorien, die sich bewähren können – oder ebenfalls scheitern. Bassam Tibi konfektioniert sein enormes Wissen in einem Rahmen, der an gestrigen Vorstellungen festhält. Sie verstellen den Blick auf das Verständnis der heutigen Ereignisse. Das veranschaulichen zwei Annahmen Tibis, die im linken Korsett eingeschnürt bleiben.

Die arabischen Demokratiebewegungen seien eine Zeitenwende, erstmalig und einzigartig in der Geschichte der arabisch-sprachigen Welt, an der alle drei historischen Demokratiebewegungen der Neuzeit vorbeigegangen seien: die von bzw. nach 1789 (französische Revolution), die von/nach 1945 (Ende des Dritten Reichs), die von/nach 1989 (Fall der Mauer). Der Hinweis auf die Einmaligkeit der Ereignisse in den arabisch-sprachigen Ländern ist überzeugend. Der Rahmen, in den Bassam Tibi das Unerhörte der Vorgänge steckte, ist es nicht. Der Verweis auf die beglückende Funktion von Aufklärung und französischer Revolution ist eine linke Stereotype, die historisch (also im Rückblick erkennbar) in die Diktatur des Proletariats geführt hat.

 
Die erste erfolgreiche Demokratiebewegung setzten jene in die Neue Welt ausgewanderten Europäer in Gang, die 1776 die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika schrieben und damit (wiederum im Rückblick erkennbar) die Geburtsurkunde der freien Welt schufen. Zu dieser freien Welt gesellten sich 1945, nach der bedingungslosen Kapitulation des Nationalsozialismus, und 1989, nach der Implosion des Realsozialismus, mehrere Dutzend Länder in Europa, Asien (von Israel bis Japan), Mittel- und Südamerika, Südafrika – Australien, Neuseeland und Kanada gehören schon länger dazu, aber eben bis heute kein arabisch-sprachiges Land. Ob sich die Demonstranten in diesen Ländern das unveräußerliche Recht auf »Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit« (Life, Liberty and the pursuit of Happiness, Präambel von 1776) erstreiten werden oder ob doch die islamische Erweckungsbewegung in Nordafrika und Nahost obsiegen wird, wollte Bassam Tibi offen lassen. Zum Orakeln neigt er nicht.

Zu unterscheiden sei zwischen Islam und Islamisten, das ist die zweite Stereotype, mit der Bassam Tibi operiert. Auch sie basiert auf einer linkspopulistischen Annahme, dass nämlich der Sozialismus eine wahre Idee sei, die nur falsch ausgeführt wurde. Dieser Entschuldung liegt wiederum das christliche Stereotyp zugrunde, demzufolge der Mensch fehlbar sei. Die aktuelle christlich-sozialistisch-islamische Unterscheidung zwischen dem Islam als einer guten, im Grunde friedfertigen Idee (Religion) und dem Islamismus als einer bösen, zumeist unfriedlichen Ausführung (Ideologie) ist in Deutschland Staatsraison. Menschen mit christlichem, sozialistischem und islamischem Migrationshintergrund können sich gleichermaßen auf sie verständigen. Bassam Tibi teilt sie mit dem Bundespräsidenten. »Panikmache« ist beider Sache nicht.

Der Erfolg der Demokratiebewegungen in den arabisch-sprachigen Ländern wird sich in dieser Währung nicht messen lassen. Tibis politische Unterscheidung zwischen islamischen Gruppierungen, die freie Wahlen akzeptieren und solchen Dschihadisten, die gewaltsam operieren, mag zur Feindbeobachtung taugen, aber ein Gradmesser für Glückseligkeit ist das nicht. Wer die Bücher  deutscher muslimischer Frauen wie Melda Akbas, Nourig Apfeld, Seyran Ates, Güner Balçi, Serap Çileli und Necla Kelek gelesen hat (die unter Meine Buchtipps links unten in der Randspalte verlinkt sind), die ein christlicher deutscher Mann auf den Index der Islamophobie gesetzt hat, wird leicht erkennen, dass deren Problem nicht ein -ismus, sondern der Islam selbst ist, der in jede Pore ihres Lebens eindringt und es verstopft.

Als Ideologie totaler Herrschaft beginnt der Islam im Privaten, um im öffentlichen Raum zu enden, der dann seinen Regeln gehorcht. Dass der Islam in vielen Spielarten auftritt und deshalb stets in der Mehrzahl zu denken sei, darin ist Bassam Tibi zuzustimmen. Für die der Herrschaft des Islam Unterworfenen ist es dennoch unerheblich, ob es schiitische Mullahs oder sunnitische Scheichs sind, die ihnen ein freies, selbstbestimmtes Leben verwehren. Durch die Hintertür gelangt der Gedanke, dass es um den Islam selbst geht, dann auch bei Bassam Tibi wieder ins Blickfeld. Er fordert seit Jahren eine islamische Reformation, die in einen Euroislam münden solle. Das wäre dann eine Art entideologisierter Islam light, der mit der Rechtsstaatlichkeit einer parlamentarischen Demokratie so kompatibel wäre, wie es das Christentum heute – nach zäher Zurückweisung seines Allmachtsanspruchs halbwegs neutralisiert – ist.


Matthias Küntzel, rechts; Herr Tibi kriegt ein Mikro an den Hals
Es war ein anregender Abend, umsichtig moderiert von Matthias Küntzel, der selbst als Politikwissenschaftler zu Nahostthemen und zum Iran publiziert. Bassam Tibi verstand es, sein Wissen mit uns zu teilen, das überwiegend aus erster Hand stammt und eben nicht nur angelesen ist – aber das Theoriekorsett, in der er es zwang, ist mir zu eng. Von den vielen Einzelinformationen und Anekdoten, die zu referieren meine Sache hier nicht ist, bleibt eine Stellungnahme berichtenswert. Beim Thema Israel nennt Tibi Ross und Reiter: Frieden in Nahost hält er nur für möglich, wenn die arabisch-sprachigen Staaten Israel anerkennen, sonst nicht. Wenn dann im Gegenzug die Israelis die Eigenstaatlichkeit der palästinischen Araber auf dem Boden ihres Autonomiegebiets anerkennen, sei die Sache geritzt. Im September 2011 werden wir sehen, ob das mehr als ein frommer Wunsch ist.
   

Samstag, 12. März 2011

Fünf Minuten über Lukas Bärfuss' »Hundert Tage«

   
Fünf Minuten über Lukas Bärfuss' Buch »Hundert Tage«, in dem er den Völkermord in Ruanda zum Inhalt eines Romans macht. Dieses Genre hat den Vorzug, dass der Autor etliche unerfreuliche Erkenntnisse literarisch verpacken und damit genießbar machen kann.



  

Sonntag, 27. Februar 2011

Sigurd Wendland, Hegel, Morgenwelt, Berlin und ich

Der Maler Sigurd Wendland trägt zur Party Micky Maus

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, gehörnt von Sigurd Wendland






















Der Berliner Maler Sigurd Wendland (links, erstes Bild, lässt sich durch Anklicken vergrößern) hat ein Micky-Maus-T-Shirt für seinen Auftritt gewählt, und ich frage mich, warum er sich nicht für Hegel entschieden hat. Der ist eine andere Ikone der (linksalternativen) Szene, und Wendland hat ihn in einem seiner Riesenformate versteckt, ganz oben in der linken Ecke (rechts, zweites Bild). Hinter Hegel ist noch einer, der ihm Hörner setzt. Hegel, ein kleiner Teufel!

Hegel beäugt das Szenario, in das Sigurd Wendland ihn gestellt hat. Das Szenario ist ein Boxring, der das Knock-out der der Aktienmärkte versinnbildlicht: den Crash (drittes Foto, unten links).

Stock Market Crash, Sigurd Wendland sieht schwarz


Morgenwelt, famose Berliner Band, vor Wendlands Crash-Bild
















Der Zusammenbruch der Aktienmärkte findet in der rechten Bildecke statt; es ist auch die rechte Ecke des Boxrings. Ein Punk als Trainer nutzt die Pause in therapeutischer Absicht (Foto oben, links). Das Crash-Bild trägt den Titel »Ring. Hegel beats Rocchigiani«, ist von 2009 und im Ganzen auf Sigurd Wendlands Website (unter »Galerie«) zu betrachten.

Die Berliner Band Morgenwelt spielt vor Sigurd Wendlands großformatigem Crash-Bild (Foto oben, rechts). Es ist ein Wohnzimmerkonzert aus Anlass der katalog-kommt-raus-Party im Atelier Sigurd Wendland. Morgenwelt gibt ein Wohlfühlkonzert (mit so schönen Liedern wie Stadt der Städte © Morgenwelt, eine Hommage an Berlin) im Angesicht von Bildern, die zeigen, dass sich einer im Raum nicht wohl fühlt: der Maler. Nicht, dass Sigurd Wendland seine eigene Party nicht genießen würde, davon kann erkennbar keine Rede sein. Aber der Maler fühlt sich unwohl in seiner Haut. Deshalb trägt er Micky Maus, heute Abend jedenfalls, der schon gestern ist - die Maus muss das Unwohlsein weglächeln.

Wendlands Bild trägt den Titel »lets fight (for the right to party)«
Nackte Gewalt heißt der Katalog, dessen Erscheinen die Party feiert. Wo kommt all die Düsternis der Bilder her? Die Gewalt, die Agressivität, die rohe Sexualisierung der Bildmotive, ihre absichtliche Unfertigkeit? Der Maler zeigt, dass er an der Gegenwart leidet, und ich bin verstört. Die Güte der gezeigten Malkunst ist hoch, das malerische Konzept erkennbar, aber das politische Credo ist durch und durch apokalyptisch. Das belegt auch die Kettensägefrau aus »lets-fight«, links im Bild; hier sind noch weitere Fotos von der Ausstellungsparty, die das bekräftigen). Ja, wo lebt der Maler denn? In Somalia, in Libyen, im Sudan oder in Pakistan, in einem dieser Länder, wo es zum Verzweifeln ist, lebendig zu sein? Hier stimmt was nicht. Ich muss Sigurd Wendland alsbald fragen, was es ist.
   

Sigurd Wendlands »Zwielicht« zeigt mich vor 25 Jahren
Der Vergleich zu früher drängt sich auf. Vor einem Viertel Jahrhundert, in den 1980ern, war Sigurd Wendland ein Chronist der Berliner Szene. Auf seiner Website unter »Kataloge« gibt es den Katalog »Portraits 1997« als PDF, der Bilder zeigt, die um 1985 entstanden sind. Der Kontrast zu heute könnte nicht größer sein: Ich sehe alle möglichen und unmöglichen Leute, gut, in einem anderen malerischen Stil zwar, einer Art Berliner Realismus, aber es sind Bilder voller Zuneigung zur Welt, mit einem Lächeln auf den Lippen gemalt, das auch maliziös ausfallen konnte. So trägt das Bild rechts, das mich gut halb so alt wie heute zeigt (hier in Vollansicht), den Titel »Zwielicht am Kudamm«. Da kommt mir das Berlin-Lied von Morgenwelt wieder in den Sinn, aus dem ich (mit freundlicher Genehmigung) die erste Strophe zitiere:
So wie ein Klumpen voller Leben
schwammst du in einem roten Meer
von einer Mauer ganz umgeben
doch die gibt es nicht mehr
du warst ein Vorposten der Freiheit
standst ganz allein im großen Sturm
du warst zerbombt geteilt geschunden
doch alles das warf dich nie um
Micky Maus ist böse

Postscriptum: Sigurd Wendland schrieb mir "zwei unbedeutende Richtigstellungen: die Mickey Mouse ist eine böse, und Hegel zeigt uns, dass wir die Gehörnten sind."

Ich habe mir Sigurds Wendlands T-Shirt darauf hin genauer angesehen und muss zu meiner Schande gestehen, dass ich nicht richtig hingeguckt hatte. Da lächelt keine Maus etwas weg, sondern sie blickt böse (rechts die Vergrößerung des Fotos belegt es). Gut, betrachten Sie den obigen Passus als gestrichen. Dass Hegel selbst die Hörner setzt, nehme ich zur Kenntnis, ohne für meine Missdeutung "die eigentümliche Unruhe und Zerstreuung unseres modernen Bewußtseins" verantwortlich machen zu wollen, die Hegel vielleicht am Werke gesehen hätte (Logik I, ed. Moldenhauer/Michel, S. 31). So tadelt der Meisterdenker "das Grundmißvertständnis, das üble, d.h. ungebildete Benehmen, bei einer Kategorie, die betrachtet wird, etwas Anderes zu denken und nicht diese Kategorie selbst" (ibid, S. 32).



Samstag, 22. Januar 2011

Tariq Ramadan beseelt die Schwangere Auster

Tariq Ramadan spricht über Islam in Berlin am 21. Januar 2011.

Da steht uns noch einiges bevor: Tariq Ramadan ruft die Seinen zum langen Marsch durch die Institutionen auf und erklärt ihnen auch, wie das geht. Tariq Ramadan hat für die islamische Erweckungsbewegung die gleiche Funktion, die Rudi Dutschke vor 44 Jahren für die studentische Protestbewegung hatte: die des Charismatikers, brillanten Redners, Vordenkers, Verkünders mit dem Zeug zur Ikone, die beide Geschlechter anhimmeln können. Noch nie habe ich so viele Frauen mit Kopftüchern à la mode islamique um mich herum erlebt und beifällig nicken sehen - ja, wir haben verstanden, Bruder Tariq - wie gestern beim Debattenabend über Deutschlands Muslime und europäischen Islam.

Der Unterschied zwischen beiden Populisten ist indes nicht zu überhören: Tariq Ramadan verkündet seine Botschaft hell und deutlich (in gutem, leicht verständlichem Englisch), wo Rudi Dutschke dunkel und verschwommen blieb. Der intellektuelle Muslimbruder hat nicht nur einen Plan hat, er kann ihn auch didaktisch aufbereitet, methodisch durchdacht und pädagogisch wirksam darlegen. Wären unsere Lehrer so fähig, müssten wir uns über die Indoktrination der Kopftuchmädchen an den Schulen weniger Gedanken machen. Sie würden sich dann vielleicht eher ihren eigenen Kopf machen wollen statt blindlings zu glauben, was Vater, Onkel, Brüder, Cousins und der Imam ihnen zugedacht haben.

Es ist aber nicht so, dass nur hinter jedem Tuch ein bekennender Kopf steht. Gestern Abend im überfüllten Haus der Kulturen der Welt hat sich eine islamische Frauenbewegung in Berlin gezeigt, die stolz zu erkennen gibt: unter jedem Tuch steckt ein bekennender Kopf. Diese weibliche Elite braucht keine Kopfhörer (für die Simultanübersetzung), um die Stimme des Herrn zu verstehen. Diese Frauen können Englisch, und sie sprechen natürlich fließend deutsch. Vor zehn Jahren noch hätten Frauen wie diese Karriere bei Siemens, Schering (gab es damals noch) oder bei der Lufthansa gemacht, und niemand wäre auf den Gedanken gekommen, sie seien etwas Besonderes. Heute ist jede von ihnen von weitem erkennbar etwas Besonderes - eine Muslimin.

Der lange Marsch durch die Institutionen von 1967 war antikapitalistisch motiviert, aber Rudi Dutschke rief nicht etwa zur Eroberung der Kommandohöhen der Wirtschaft auf, sondern zur Unterwanderung des öffentlichen Dienstes. Der lange Marsch von 2011 ist ebenso marktfeindlich, und deshalb ruft Tariq Ramadan die Seinen genau wie Rudi Dutschke nicht dazu auf, einen Beitrag zur Vermehrung des Wohlstands zu leisten, sondern ermuntert sie zur Teilnahme an seiner Umverteilung. Die Tochter türkischer Eltern, die vor zehn Jahren in der Wirtschaft Karriere gemacht und ihr Land bereichert hätte, ist heute studierte Muslimin, und wir werden sie demnächst im gehobenen Dienst sehen, wo die Speerspitze der islamischen Frauenbewegung schon angekommen ist (auch wenn das nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist).

Sitzend zur Rechten Körtings, des Berliner Innensenators, hat es die Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, Sawsan Chebli, schon weit gebracht. Sawsan Chebli gehört zum Vorprogramm für Ramadan, trägt kein Kopftuch, spricht aber für die Betuchten und weiß zu verkünden, dass die gegenwärtige Zurückhaltung der Sozialdemokraten wahlkampfbedingt sei (Sie wissen schon, Sarrazin) und dass mit dem Abbau von Diskriminierung (der Hürden für die Zuwanderung in die Sozialsysteme) schon bald nach der Wahl zu rechnen sei (die sie mit Leisetreterei bei Migrationsthemen wohl schon für gewonnen hält). Schöne Aussichten für alle, die den Wohlstand erarbeiten, der hier umverteilt werden soll. (Wie das heute bereits in Berlin unter Rot-Rot funktioniert, hat Henryk Broder anhand zweier Tagesspiegel-Artikel dokumentiert.)

Größter gemeinsamer Nenner aller totalitären Ideologien ist die Verteufelung der Marktwirtschaft als Quelle allen Übels. Die freie Wirtschaft scheuen die Anhänger von Glaubenslehren solcher Art wie der Teufel das Weihwasser, deshalb zieht es sie in den Staatsdienst. Und dafür gibt es auch immer einen guten Grund. Eine der Legitimationsideologien im Gefolge von Rudi Dutschke war der Eurokommunismus: die sozialistische Umgestaltung der kapitalistischen Verhältnisse mit den staatlichen Mitteln der parlamentarischen Demokratie. Das gleiche Konzept verfolgen die Muslimbrüder. Tariq Ramadans Euroislam ist kein Islam light, er ist so sehr Islam wie der Eurokommunismus ein Kommunismus war (und ist, wie die Chefin der Linkspartei unlängst klargestellt hat): statt sozialistischer eine islamische Umgestaltung der kapitalistischen Verhältnisse mit den staatlichen Mitteln der parlamentarischen Demokratie.

Die islamische Doppelstrategie folgt den vom Sozialismus (und zuvor vom Nationalsozialismus) her bekannten Taktiken. Tariq Ramadan formuliert sie für Muslime klar und deutlich. Erstens: Erkenne deinen Gegner beim Zerstörungswettbewerb der Demokratie und schalte ihn aus ("Sarrazin is a danger"). Zweitens: Habe Mut zum Muslimsein als Deutscher, Franzose, Europäer, sprich die Sprache, teile die Kultur - und bring dich ein ("make your contribution"). Übernimm Aufgaben und Ämter, betreibe Basisarbeit im Stadtteil, in Vereinen und Institutionen. So hat es einst die Rechte gemacht, so hat es die Linke gemacht, und so machen es heute die Muslimbrüder, egal ob man sie lässt (wie in Gaza) oder nicht (wie in Ägypten).

Das Publikum in der Schwangeren Auster war beseelt wie 1967 das Publikum bei den großen Teach-ins im Audimax der Technischen Universität. Wie damals ist wohl auch heute den wenigsten der Enthusiasmierten klar, wohin die Reise geht. In den über vier Stunden gab es nur eine Stimme, die sich unbeeindruckt zeigte: Es war die von Dan Diner, der darauf beharrte, dass die Rede vom Islam sinnlos bleibe, solange nicht vom Christentum die Rede sei, dessen gleichartige Anmaßung erst durch Konfessionalisierung zu neutralisieren war. Niemand ging darauf ein. Wer nicht vorher wusste, wofür Tariq Ramadan steht, hat es an diesem Abend auch nicht erfahren. Der Ungläubige war nicht Adressat. Ihm ist zu raten, dessen Bücher zu lesen und bei Ralph Ghadban nachzuschlagen, dessen Studie Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas unter meinen Buchtipps (in der linken Randspalte) steht, oder auf die Achse des Guten zu klicken, die gestern eine ausführliche Vorankündigung für die Abendveranstaltung veröffentlichte.

Ach, und wer nicht weiß, was die Schwangere Auster ist, dem sei gesagt, dass dies der Kosename der West-Berliner für ihre Kongresshalle war. Die Kongresshalle war einmal ein Geschenk des amerikanischen Volkes an eine Stadt, deren Bevölkerung die persönlichen Freiheiten des Einzelnen und der Schutz der Bürgerrechte aller Bewohner wichtiger waren als die Verheißungen eines wahren Glaubens. Das war, bevor die Kongresshalle zum Haus der Kulturen der Welt mutierte.

Nachtrag: Im Berliner Tagesspiegel lese ich eben online, dass die Statdtverwaltung Rotterdam Tariq Ramadam als Intergrationsberater entlassen hat. Abgesehen davon, dass es zeigt, wie weit der lange Marsch den Muslimbruder schon gebracht hat, ist sein Einwand gegen die Entlassung lesenswert und kommt einem nach dem gestern Gehörten über die Doppelstrategie, Schritt eins (siehe oben), schon ganz vertraut vor:
Ramadan selbst hatte seine Entlassung in einem Beitrag für das „NRC Handelsblad“ als typisch für die durch Geert Wilders’ Rechtspopulisten aufgeheizte Stimmung in den Niederlanden bezeichnet.
Zweiter Nachtrag: Ich war gar nicht allein unter Muslimen, ein mir unbekannter Reporter des Tagesspiegels war auch da (hier sein etwas nichtssagender Bericht; am 25. Januar gab es dann noch eine Auslese von Maritta Tkalec) sowie einer von der Frankfurter Rundschau (hier sein schwer begeisterter Bericht) und ebenso ein Bekannter, ohne dass ich ihn zwischen den Kopftüchern bemerkt hätte. Er schrieb mir nach der Lektüre meines Blogeintrags einige ergänzende Eindrücke; ich gebe die Email hier mit seinem Einverständnis wider: 
Nun sind die letzten Zweifel ausgeräumt, wessen Geist die Betreiber der Schwangeren Auster sind. Der Chef/Intendant dieser hochsubventionierten Hauptstadtkulturinstitution, Bernd M. Scherer, kann in seinem Begrüßungsstatement unwidersprochen den 11. September 2001 mit dem Lehmann-Brother-Skandal im September 2008 gleichsetzen und zugleich den Boden bereiten für die folgende Jammerorgie.
Einerseits rufen sowohl Özdemir im Vorprogramm als auch Ramadan in seiner Predigt ihre Mitläufer dazu auf, nicht als Opfer zu agieren, bedienen aber gleichzeitig gerade diese Opfer- und Jammermentalität in Perfektion. Dasselbe Muster bedient Ramadan bei der Einschwörung seiner Fans auf den simplen Abwehrtrick Rassismus/Rassist. In der demagogischen Rhetorik der von ihm gebrandmarkten Populisten ist er selbst ein Meister und bedient sich dieser unaufhörlich. Man möge sich vorstellen, wie er wohl einem Closed Workshop mit islamischen Jüngern loslegt. Geschickt stellt er sich und den Islam beim Thema Antisemitismus und Islamophobie als Opfer dar, indem er sich unausgesprochen des ihm vorgeworfenen und nachgewiesenen Doppelsprechs erwehrt und diesen Vorwurf mit dem antisemitischen Klischee gleichsetzt.
Dan Diner hat es geschafft, Ramadan ins Wanken und aus dem Konzept zu bringen. Der Redefluss des Predigers kam zunächst sicht- und hörbar ins Stocken bei der Aufforderung, den Kommentar auf seine Propagandarede zu kommentieren. Da blieb ihm nur noch die Flucht in wiederholende Floskeln und Phrasen. Aber, wer hat’s im Publikum gemerkt und wen hat’s interessiert? Dan Diner saß auf einsamen Posten, und selbst die sonst so allwissende, alles verstehende und erklärende, alles relativierende und entschuldigende Islamexpertin Gudrun Krämer stand der Intelligenz eines Dan Diner hilflos gegenüber. Sie wollte doch lieber so gerne noch „einige der Thesen“ des Tariq Ramadan „vertiefen“. Unglaublich niedrig auch das Diskussionsniveau des Appetizer-Panels, enttäuschend und völlig überfordert die (sonst als Autorin von mir geschätzte) Moderatorin Caroline Fetscher. E.S.

Samstag, 15. Januar 2011

Der ewige Sündenbock ... kommt nach Berlin

Der Autor ist am 18. Januar 2011 in Berlin.

Natürlich kommt der Autor des Buchs, nicht der Sündenbock selbst; denn der ist wahlweise ein Land, Israel, oder seine Mehrheitsbevölkerung, die Juden. Der Autor des Buchs ist Tilman Tarach, und der ist so irre geworden an den Vorurteilen gegen wahlweise Israel oder die Juden, dass er, obwohl Jurist und kein Historiker, in die Tasten gegriffen hat. Nicht, um sich gegen nationalsozialistische Judenfeinde, sondern um sich gegen realsozialistische Israelfeinde zu wehren. Es ist ein Buch gegen eine Linke, die nun die Rolle der Rechten spielt: nicht mehr der Jude, Israel ist an allem Schuld.

Dabei war es die Sowjetunion, die 1948 die Waffen lieferte, mit denen sich die Juden im britischen Mandatsgebiet Palästina gegen die arabischen Angriffsarmeen verteidigten, die den Teilungsplan und die Zweistaatenlösung der UNO und somit die Gründung des Staates Israel verhindern wollten. Moskau verhinderte die arabische Lösung, die für Juden im britischen Mandatsgebiet die zweite Endlösung gewesen wäre. Das Eingreifen der Sowjets zugunsten Israels ist der erste Punkt, auf den Tilman Tarach aufmerksam macht. Die originale Endlösung hätte die palästinischen Juden um ein Haar schon ereilt, hätten die Briten nicht 1942 in der Schlacht von El Alamein den Vormarsch der nationalsozialistischen Truppen auf Jerusalem gestoppt und ihren arabischen Kolloborateuren das Heimspiel vermasselt.

Es waren arabische Nationalsozialisten, die während des Zweiten Weltkrieges und des folgenden Ersten Arabisch-Israelischen Krieges als Fünfte Kolonne im Mandatsgebiet wirkten. Ihr Führer war Adolf Hitlers Freund und Kampfgefährte Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, ein entfernter Verwandter des späteren PLO-Führers Jassir Arafat und ein geistiger Vater der späteren Hamas, die heute über den Gazastreifen herrscht. Das ist der zweite Punkt, den Tilman Tarach gerade rückt. Wo die deutschen Revolutionstouristen der 1970er Jahre, die von RAF und 2. Juni eingeschlossen, einen besonders militanten Realsozialismus anhimmelten, war Nationalsozialismus pur, der selbst heute noch unter seiner islamischen Tarnkappe nur jenen verborgen bleibt, die auf dem rechten Auge blind sind und das Totalitäre nicht wahrhaben wollen.

Der ewige Sündenbock ist ein Buch, das so ziemlich alle linken Vorurteile über Israel auseinandernimmt, indem es sie mit den historisch verbürgten Fakten konfrontiert. Das ist auch für Leser lehrreich, die wenig Sympathie für die ewig Gestrigen haben, weil die linken Vorurteile mittlerweile den linksliberalen Mainstream so stark beeinflussen, dass antiisraelische Stellungnahmen im deutschen Feuilleton gewissermaßen zum guten Ton gehören. Ich habe das Buch, zu dessen dritter Auflage Henryk Broder ein Vorwort beigesteuert hat, mit Gewinn gelesen und in der Vergangenheit öfter mit dem Autor korrespondiert (siehe auch meinen Eintrag vom 28. Januar 2010). Deshalb freue ich mich, dass Tilman Tarach nun nach Berlin kommt, um mit uns über das Buch und hoffentlich viele neue Erkenntnisse und Einsichten zu diskutieren. Und hier die Daten der Lesung:
Dienstag, 18. Januar 2011, 18.30 Uhr
Museum für Kommunikation Berlin
Leipziger Straße 16
Nachtrag: Der Autor kommt im März noch einmal nach Berlin und wird seine Thesen in der Bundeszentrale der Linkspartei zur Diskussion stellen:
Samstag, 19. März 2011, 15.00 Uhr
Karl-Liebknecht-Haus
Kleine Alexanderstraße 28
10178 Berlin