Sonntag, 5. April 2020

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 2



Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt 12 bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 2


Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am Freitag, dem 3. April 2020, unter der Überschrift Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2 auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Darin berichte ich vom Kronberger Ludwig von Mises Seminar 2020, das am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle von Kronberg im Taunus – nahe Frankfurt am Main – stattfand. (Hinweise zur Folge 1 finden Sie am Ende des Beitrags.)


Die Referenten des Ludwig von Mises Seminars 2020 gemeinsam auf dem Podium (von links nach rechts): Jörg Guido Hülsmann, Thorsten Polleit,  Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus. Nicht auf dem Podium, weil beim Seminar mit Video zugeschaltet, ist David Dürr, der fünfte Referent.


Vom Freitag, dem 13. März 2020, ab ein Uhr mittags bis zum folgenden Samstag, dem 14. März 2020, um fünf Uhr am Nachmittag fand in Kronberg im Taunus das Ludwig von Mises Seminar 2020 statt. An diesen zwei Tagen stand die Österreichische Schule der Nationalökonomie im Mittelpunkt von „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“.

Die Teilnehmer waren auf Einladung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um Wissen über die Austrian School, wie die Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum kurz heißt, zu erlangen oder es aufzufrischen. In den zwölf Stunden des Mises Seminars hörten die Seminaristen zwölf Vorlesungen, vorgetragen von fünf Dozenten. Der Inhalt der ersten sechs dieser zwölf Vorlesungen ist vor einer Woche am 27. März 2020 an dieser Stelle referiert worden; heute folgen die Vorlesungen 7 bis 12.


Vorlesung 7: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird auf der Leinwand übertragen.

Vorlesung 7: The Road to Serfdom, London und Chicago 1944. (Der Weg zur Knechtschaft, Zürich 1945.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?
Friedrich August Edler von Hayek, kurz Friedrich August von Hayek, geboren 1899 in Wien, studiert Rechtswissenschaft an der Universität Wien, besucht Vorlesungen in Volkswirtschaftslehre und Psychologie und das Privatseminar von Ludwig von Mises, promoviert 1921 in Rechtswissenschaft und 1923 in Staatswissenschaften. Nach einem Auslandsstipendium für New York und Tätigkeit für das dortige National Bureau of Economic Research (NBER), eine 1920 entstandene überparteiliche Nonprofit-Forschungsorganisation, gründet er 1927 mit Ludwig von Mises als Wiener Pendant das ebenfalls gemeinnützige Österreichische Institut für Konjunkturforschung (heute WIFO), das sie gemeinsam leiten. 1929 Habilitation in Politischer Ökonomie und Privatdozent an der Universität Wien, 1931 Ruf als ordentlicher Professor an die London School of Economics, wo er bis 1950 lehren wird, seit 1938 als britischer Staatsbürger.

In dieser Londoner Zeit entsteht im Angesicht totalitären Wütens auf dem Kontinent und restriktiver Kriegswirtschaft auf den Britischen Inseln The Road to Serfdom, im März 1944 bei Routledge in London und im September 1944 bei der University of Chicago Press erschienen; die deutsche Ausgabe Der Weg zur Knechtschaft, herausgegeben und eingeleitet von Wilhelm Röpke, folgt bald nach Kriegsende im Herbst 1945 bei Eugen Rentsch in Zürich.

Inhalt: Wie argumentiert Hayek? Worum geht es in den The Road to Serfdom?
Friedrich August von Hayek schreibt 1944 ein politisches Buch, kein wirtschaftstheoretisches. Der Krieg geht auf sein Ende zu, aber Kriegswirtschaft im Inneren und nach außen das Bündnis mit der Sowjetunion lassen allenthalben sozialistische Phantasien aufblühen und eine durchsetzungsfähige Staatsmacht gutheißen. Marktwirtschaftlich orientierte Politiker, Publizisten und Wissenschaftler sehen sich am Rand eines Mainstreams, der überbordendes staatliches Handeln nicht nur als rule of law, Herrschaft des Rechts, legitimiert, sondern dessen Legitimierbarkeit mit dem Ideologem der Ablaufgerechtigkeit noch steigert, der rule of just conduct, der Herrschaft nach den Regeln gerechten Verhaltes. Angesichts der Zustimmung zu „verständlichen“ Einschränkungen der persönlichen Freiheit in Zeiten des Krieges, warnt Hayek vor dem zunehmenden Verständnis für staatliche Planung „zum Wohle der Bürger“.

Obwohl der Nationalsozialismus 1944 noch gar nicht besiegt ist, macht Friedrich August von Hayek schon zu diesem frühen Zeitpunkt mit seinem Buch auf den kommenden Konflikt mit dem Sozialismus aufmerksam. Der Weg zur Knechtschaft zeichnet sich vor seinem geistigen Auge bereits ab. Dabei hat Hayek noch gar kein Bild von der Knechtschaft, denen die Bürger Polens, der Tschechoslowakei, Ungarns und anderer Länder des späteren Ostblocks einschließlich der Ostdeutschen bald nach Kriegsende seitens der siegreichen Sowjetunion unterworfen sein werden, sondern er spürt die Tendenz zum Totalitären im Inneren des eigenen Landes und seiner Verbündeten. Tatsächlich werden gleich 1945 sozialistische Politiker und Publizisten und deren Experten nach dem Wahlsieg der Labour Party unter Clemens Attlee daran gehen, im Vereinigten Königreich den demokratischen Sozialismus einzuführen und ein umfassendes Verstaatlichungsprogramm zu entwickeln und durchzusetzen.

Erst eine Generation, fast 35 Jahre später, wird sich Margret Thatcher nach dem Wahlsieg der Conservative Party im Mai 1979 daran machen, den Rückweg aus der Knechtschaft der Bürger durch den Staat einzuschlagen und der in drei Jahrzehnten verarmten Bevölkerung wieder zu Wohlstand wenn nicht für alle, so doch für viele zu verhelfen. Gleich nach ihrem Antritt als Parteichefin hat es 1975 ein Treffen zwischen ihr und Hayek gegeben, der Margret Thatchers Experiment der Emanzipation der Briten von der Staatswirtschaft in den 1980er-Jahren wohlwollend begleiten wird – mit der New Wave als Soundtrack dazu.

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?
David Dürr sagt, die Botschaft des Buches, „Hütet euch vor dem Sozialismus!“, sei damals provokativ gewesen, da alle Welt doch den Nationalsozialismus fürchtete, selbst noch den besiegten. Deshalb unterbanden die westalliierten Besatzungsmächte anfangs den Vertrieb der deutschen Übersetzung des Buchs in ihren Zonen, auch aus Rücksicht vor ihrem sozialistischen Bündnispartner. Tatsächlich habe Hayek eine Staatswirtschaft, in der „alles geplant“ ist, als totalitär verworfen. Aber ein Land im Ausnahmezustand, in dem die Planung nicht zu weit gehe und nicht alles umfasse, könne als „freies Regime“ durchgehen.

Das findet Dürr bemerkenswert, zumal Hayek fortfahre und die Auffassung vertrete, dass der Staat den Individuen „bei Überforderung oder Unvorhergesehenem“ helfen solle. Diese „erstaunliche Inkonsequenz“ erklärt sich Dürr aus den Umständen des Entstehungsjahres 1944, als ein kriegsbedingt allgegenwärtiger Staat es vermochte, sich als Retter in letzter  Instanz zu profilieren, als „Staat, der Sicherheit schafft“. Dass Hayek auch unter diesen Umständen die „Erhaltung individueller Freiheit“ als möglich ansehe, sei seine Überzeugung.

David Dürr gelangt zu dem Resümee, dass The Road to Serfdom, Der Weg zur Knechtschaft, „ein faszinierendes Buch“ sei, weil es 22 Jahre nach Mises’ Gemeinwirtschaft von 1922 eine Art Update der Sozialismuskritik aus nunmehr österreichisch-britischer Sicht biete, die vor dem Sozialismus „aller Parteien“ warne, nicht nur dem offen totalitären der Kommunistischen Internationale. Dürr verbindet seine Lektüreempfehlung mit der Anregung, den von Friedrich August von Hayek angesichts der Lage von 1944 formulierten Ansatz zu überdenken, nur den „monopolistisch-etatistischen“, nicht aber „den Staat grundsätzlich“ in Frage zu stellen.


Vorlesung 8: Thorsten Polleit über Ludwig von Mises' Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957.

Vorlesung 8: Theory and History (Theorie und Geschichte), New Haven 1957. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4, 5 und 6, lehrt 1957 seit nunmehr zwölf Jahren als Gastprofessor an der New York University. Er ist zum Zeitpunkt des Erscheinens von Theorie und Geschichte 76 Jahre alt. Er wird bis zu seiner Pensionierung im Alter von 88 Jahren im Jahr 1969 an dieser größten privaten Universität der Vereinigten Staaten Vorlesungen halten – als Visiting Professor, für dessen Gehalt bis 1962 der konservativ-libertäre William Volker Fund, der in den Folgejahren kollabieren wird, aufkommt.

Theory and History, im Untertitel An Interpretation of Social and Economic Evolution, erscheint wie Human Action bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut. Nur acht Jahre nach seinem Opus Magnum von 1949 legt Ludwig von Mises 1957 mit Theory and History das „große vierte Hauptwerk“ vor, wie 58 Jahre später das Ludwig von Mises Institut Deutschland als Herausgeber die deutsche Übersetzung Theorie und Geschichte ankündigen wird. Sie erscheint 2015 mit dem Untertitel Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung im H. Akston Verlag, München, mit einer Hinführung von Rolf W. Puster und dem Vorwort der amerikanischen Ausgabe von Murray N. Rothbard.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt sein großes Alterswerk in einer Zeit, die vom Kalten Krieg, von der Unterdrückung und Verarmung der Bevölkerung im sozialistischen Lager und deren Widerstand (Warschau, Budapest 1956) auf der einen Seite und einem nicht für möglich gehaltenen Wirtschaftsaufschwung und Wohlstandszuwachs in der freien Welt auf der anderen Seite geprägt ist. In den angelsächsischen Ländern erblühen alte und entstehen neue Wissenschaften – und in dem akademischen Aufwind das alte Verlangen nach Anerkennung und Bedeutung, nach der vor allem, aber nicht nur Sozialwissenschaftler streben. So wächst die Neigung, Gesellschaftswissenschaften als exakte Wissenschaften nach Art der Naturwissenschaften zu behaupten, mit deren Hilfe sich die Gesellschaft auf der Basis von wissenschaftlich exakt fundiertem Expertenwissen lenken lasse.

Mises wendet sich gegen diese am Ende der 1950er-Jahre zunehmende Tendenz und hält am „methodologischen Dualismus“ fest, der sich aus dem verschiedenen Vorgehen ableitet, um Erkenntnis zu gewinnen:
• Naturwissenschaften arbeiten mit dem Mittel der Hypothesenbildung, um ihre Annahmen anschließend im Experiment zu verifizieren oder zu falsifizieren. So gelingt es, die jeweils „letzte Ursache“ einer Wirkung zu finden.
• In den Wissenschaften vom menschlichen Handeln funktioniert das Verfahren nicht. Eine Letztbegründung außer der, dass der Mensch handelt, gibt es nicht. „Der Mensch handelt“ wird umgekehrt zum Ausgangspunkt, zu einem Apriori, aus dem sich weitere Aussagen ableiten: Menschliches Handeln ist zielgerichtet, benutzt Mittel, braucht Zeit. Weil es Zeit braucht, bildet der Handelnde eine „Zeitpräferenz“: Was ist hier und heute das Wichtige, was duldet Aufschub?

Diese „Handlungslogik“ stellt Ludwig von Mises ins Zentrum seiner Praxeologie, der Lehre vom menschlichen Handeln. Von hier ausgehend fügt er weitere Elemente hinzu: Ideen bestimmen menschliches Handeln, und da es deren unbestimmbar viele gibt, gibt es auch keine Verhaltenskonstanten. Deshalb können Wissenschaften vom menschlichen Handeln keine exakten Wissenschaften sein. Die Annahme von Sozial- oder Wirtschaftswissenschaftlern, Vorhersagen treffen und gesellschaftliche oder wirtschaftliche Prozesse planbar machen zu können, beruht Mises zufolge auf dem Konstrukt einer „Einheitswissenschaft“, die den tatsächlichen Dualismus der Wissenschaften entweder ignoriert oder leugnet.

Im Folgenden befasst sich Mises mit den seinerzeit gängigen akademischen Schulen, die mit verschiedenen Argumenten das Gleiche vorgeben leisten zu können: die vernünftige Leitung der Gesellschaft mittels wissenschaftlicher Expertise. In all den betreffenden Kapiteln kommt Ludwig von Mises zu demselben Ergebnis: Menschliches Handeln lässt sich nicht voraussagen. Und, gegen den Historismus, das gilt auch rückwärts: Aus der Geschichte lässt sich nicht lernen. Geschichte muss mit Theorie erfasst werden, aber die Theorie ist der Schlüssel zur Interpretation von Geschichte, die immer die Geschichte menschlichen Handelns ist, das keine Gesetzmäßigkeiten kennt. So ist Theorie und Geschichte auch, wie es der Buchtitel nahelegt, ein grundlegendes geschichtstheoretisches Werk.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, Theory and History habe eine „auffällig geringe Rezeption“ erfahren, was er bedauere; denn Mises bestimme und stärke mit diesem Werk die Verteidigungslinien gegen Positivismus, Empirismus, Behaviorismus, Szientismus, Kritischen Rationalismus (Popper), Historizismus und Dialektischen Materialismus (Marx), die allesamt dem Menschen Individualität absprächen. Die „Kernbotschaft“ des Buches laute: Die wissenschaftliche Methode einer Wissenschaft entscheide à la longue über „reale Freiheiten“, die Menschen zugebilligt oder ihnen abgesprochen werden. Polleit weist auf das Vorwort von Rolf W. Puster zur deutschen Ausgabe hin, das die Hintergründe des methodischen Dualismus der Wissenschaften beleuchte.

Die Lektüre des wenig rezipierten und erst spät ins deutsche übersetzten Buches gibt Argumente an die Hand, sich der grassierenden Wissenschaftsgläubigkeit zu widersetzen. Der Glaube bestehe darin, sagt Polleit, man könne „Menschen mit naturwissenschaftlichen Phänomenen gleichsetzen“ und ihr Handeln berechnen. Eine solche Form von Wissenschaftsgläubigkeit führe, wenn sie politische Entscheidungsträger leite, zu einer „Kette von Fehlentscheidungen“, die durch immer neue vermeintlich wissenschaftlich exakt begründete Fehlentscheidungen korrigiert werden, die der Gesellschaft kumulierenden Schaden zufügten.


Vorlesung 9: Philipp Bagus über Murray Rothbards The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982.

Vorlesung 9: The Ethics of Liberty (Die Ethik der Freiheit), New Jersey 1982. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände: Murray Newton Rothbard, 1926 in New York City geboren, studiert Mathematik und Volkswirtschaftslehre an der privaten Columbia University in New York, an der er einen Bachelor in Mathematik erhält und 1956 in Wirtschaftswissenschaften promoviert. In den frühen 1950er-Jahren besucht Rothbard parallel zu seinen offiziellen Vorlesungen an der Columbia University auch Ludwig von Mises’ Privatseminar an der New York University und wird unter dem Eindruck der Lektüre von Human Action zu einem Verfechter der Austrian School.

Wie Mises aus Mitteln des William Volker Fund alimentiert, trägt Murray N. Rothbard in den 1950- und frühen 1960er-Jahren als freiberuflicher Theoretiker zur publizistischen Verbreitung der Lehren der Österreichischen Schule bei. Nach dem Ausbleiben der Zuwendungen seit dem Zusammenbruch des Fonds 1962 in prekärer Lage, gelingt es Rothbard 1966, im Alter von 40 Jahren, eine Teilzeitstelle als Wirtschaftslehrer für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute zu übernehmen. Diese Position wird er in den nächsten 20 Jahren innehaben; sie gibt ihm die nötige Zeit, weiterhin als Buchautor und Publizist zu wirken.

Das Buch The Ethics of Liberty erscheint gegen Ende dieser Phase seines Schaffens 1982 bei Humanities Press, Atlantic Highlands, New Jersey. Die deutsche Ausgabe Die Ethik der Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt von Guido Hülsmann, publiziert 17 Jahre später der Wissenschaftsverlag Academia, Sankt Augustin 1999. Die Ethik der Freiheit, deren 4. Auflage von 2013 datiert, ist mittlerweile vergriffen.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt sein Buch The Ethics of Liberty in der Absicht, die Praxeologie der Österreichischen Schule mit der Ethik zu verbinden und einen Austro-Libertarismus zu begründen. Er gliedert sein Buch in 5 Teile.

• Teil 1 Grundgedanken zum Naturgesetz behauptet und begründet eine „objektiven Ethik“, die in der Natur des Menschen liegt und von Moral zu unterscheiden ist.

• Teil 2 Theorie der Freiheit nennt die „universellen Freiheiten“, die für alle Menschen gelten, weltweit, wo immer sie leben:
1. das Selbsteigentum am eigenen Körper,
2. das aus ursprünglicher Aneignung erworbene Eigentum,
3. das mittels Produktion geschaffene Eigentum,
4. das mittels Tausch erworbene Eigentum.
Erst wenn und wo alle vier Eigentümer gewährleistet sind (und nicht durch Zwang oder Gewalt verletzt werden), ist ein Mensch frei und der „Universalitätstest“ bestanden. Ohne Eigentum in diesem Plural gibt es keine Freiheiten.

• Teil 3 Staat als natürlicher Feind der Freiheit bestimmt den Staat als „kriminelle Vereinigung“, die den öffentlichen Sektor mittels Zwang und dem Monopol auf Gewalt beherrscht – im Unterschied zum organisierten Verbrechen, das im Privatsektor agiert. Den Bürgern billigt Rothbard das moralische Recht zu, den Staat zu betrügen.

• Teil 4 Theorien der politischen Philosophie der Freiheit erörtert die theoretischen Konzepte von Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek, Isaiah Berlin und Robert Nozick.

• Teil 5 Strategie zur Freiheit definiert Libertäre als „Avantgarde“,  die diese Ideen der Freiheit verbreiten, wie sie es erstmals im Laufe der Amerikanischen Revolution taten, die für Rothbard das Werk einer „libertären Mehrheit“ war. Den Staat als Feind betrachten als erste Bürgerpflicht.

Nutzen: Philipp Bagus sagt, dass Murray Rothbard mit der Ethik der Freiheit verdeutlicht habe, dass und warum eine ökonomische Begründung der Freiheit nicht reiche. Er verdeutlicht das am Beispiel des Sklavenhalters, der durch die Abschaffung der Sklaverei ökonomisch schlechter gestellt werde; doch reiche diese Begründung nicht, die Sklaverei weiter aufrecht zu erhalten, weil die Ethik der Freiheit das Recht auf Selbsteigentum des gewesenen Sklaven höher bewerte.

Den Gewinn der Lektüre des Buchs von Rothbard sieht Philipp Bagus in der Ermunterung zur Bildung einer „selbstbewussten Bewegung für die Ideale der Freiheit“, die immer dann Zuspruch finden werde, wenn es ihr gelinge, die permanenten Krisen und nie dagewesenen Herausforderungen als „Fehler des Staates“ deutlich zu machen. Allerdings liege auf dem Weg zu einer neuen libertären Mehrheit stets der Stolperstein der Käuflichkeit – der „Eintritt in den Staat“.


Vorlesung 10: Davis Dürr über Friedrich August von Hayeks Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) David Dürr hat seine Vorlesung mit Video aufgezeichnet, sie wird mit einem Beamer übertragen.

Vorlesung 10: Law, Legislation and Liberty, London 1973. (Recht, Gesetz und Freiheit, Tübingen 2003.) Von Friedrich August von Hayek, vorgestellt von David Dürr, Professor für Privatrecht und Rechtstheorie an der Universität Zürich und Wirtschaftsanwalt und Notar in Basel.

Umstände: Friedrich August von Hayek, vorgestellt bei Vorlesung 7 und dort verfolgt bis zu seiner Station an der London School of Economics, verlässt das Vereinigte Königreich 1950 Richtung Vereinigten Staaten, wo er in den nächsten zwölf Jahren an der University of Chicago lehren wird, die wegen ihrer Fakultät für Wirtschaftswissenschaften zu den bekanntesten der privaten Universitäten der Vereinigten Staaten zählt. Ähnlich wie Ludwig von Mises in New York, erhält auch Hayek in Chicago sein Gehalt bis 1962 vom konservativ-libertären William Volker Fund, der wenig später kollabieren wird.

Anders als Mises verlässt Friedrich August von Hayek daraufhin die Vereinigten Staaten und nimmt noch 1962 eine ordentliche Professur in Freiburg im Breisgau an. An der staatlichen Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, bekannt durch ihre auf Walter Eucken zurückgehende Freiburger Schule der Nationalökonomie (Ordoliberalismus), wird er über seine Emeritierung (1967) hinaus bis zu seinem 70. Lebensjahr 1969 lehren. Seit 1968 bis 1977 hat er überdies eine Gastprofessur an der Universität Salzburg inne. In diese Phase seines Schaffens fällt 1973 die Veröffentlichung des ersten Bandes von Law, Legislation and Liberty – ein Jahr bevor Friedrich August von Hayek 1974 den erstmals vergebenen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhalten wird.

Wie schon 1944 The Road to Serfdom, erscheint auch Law, Legislation and Liberty 1973 simultan bei Routledge in London und bei der University of Chicago Press – seit fast 30 Jahren eine stabile Beziehung zwischen Autor und Verlagen, auch wenn dieser beide seiner Wirkungsorte längst verlassen hat. Dem Band 1 Rules and Order von 1973 folgen ein Band 2 The Mirage of Social Justice (1976) und ein abschließender Band 3 The Political Order of a Free People (1979). Anders als im Fall von Der Weg zur Knechtschaft wird die deutsche Ausgabe Recht, Gesetz und Freiheit allerdings nicht zeitnah, sondern erst 1980 und 1981 nach Abschluss der englischen Trilogie erscheinen, ebenfalls in drei Bänden, zuerst unter dem Titel Recht, Gesetzgebung und Freiheit im Verlag moderne Industrie, München, später unter dem heute bekannten und verfügbaren Titel Recht, Gesetz und Freiheit bei Mohr Siebeck in Tübingen, 2003.

Inhalt: Friedrich August von Hayek schreibt im Band 1, Regeln und Ordnung, über den Unterscheid von spontaner Ordnung und Organisation, daraus folgend über den Unterschied von Recht und Gesetzt und gelangt zu dem Schluss: Recht ist älter als Gesetzgebung. Band 2, Das Trugbild sozialer Gerechtigkeit, beschreibt die Übertragung des Begriffs der Gerechtigkeit aus dem Juristischen, wo er herkommt und hingehört, ins Soziale, wo er nicht hingehört und als Wieselwort „soziale Gerechtigkeit“ zu einer Ablaufgerechtigkeit wird. Band 3, Die politische Ordnung eines freien Volkes, beginnt mit einem Abschnitt über „Die zunehmende Enttäuschung über die Demokratie“, die Hayek im Erscheinungsjahr 1979 allenthalben beobachtet – eine Demokratie, nach der 1944, beim Erscheinen der The Road to Serfdom, doch alle so gelechzt hätten. Der Band 3 geht dieser immer wiederkehrenden Enttäuschung nach und erörtert die Stärken und die Schwächen demokratischer Prinzipien wie Mehrheitsentscheidung und Gewaltenteilung.

Nutzen: David Dürr sagt, er selbst habe noch Friedrich August von Hayek erlebt, live bei einem Vortrag in Zürich, bei dem er über das Thema des 3. Bandes, Die politische Ordnung eines freien Volkes, frei gesprochen und eine „eindrückliche Persönlichkeit“ zu erkennen gegeben habe. Doch bereits beim Zuhören sei ihm aufgefallen, was sich beim Lesen dieses „Alterswerkes“ bestätige: Hayek argumentiere „sehr etatistisch“. Umweltverschmutzung, Naturkatastrophen – „ja, dazu braucht es den Staat“, sage Hayek. Infrastruktur, sogar Information seien Staatsaufgabe – „man reibt sich die Augen“.

Zwar postuliere Hayek, „die letzte Schlacht gegen den Sozialismus ist noch nicht geschlagen“, aber er, Dürr, frage sich: „War da eine letzte Schlacht?“ Und gibt sogleich die Antwort: Nein, „recht kampflos weit gekommen“ sei der Staat, „kampflos unterworfen“ habe man sich ihm. „War da ein Anwachsen der freien Gesellschaft?“ Und wieder ein Nein. David Dürr schließt, „die Knechtschaft, in der wir sind“, habe Hayek nur erkennend begleitet, aber er und andere Liberale hätten den nötigen „Kampf nicht konsequent geführt“. Insofern beabsichtigt Dürrs Lektüreempfehlung eine Aufforderung, Recht, Gesetz und Freiheit und besonders dessen 3. Band einer kritischen Sichtung zu unterziehen – nach 40 weiteren Jahren „zunehmender Enttäuschung über die Demokratie“.


Vorlesung 11: Thorsten Polleit über Murray Rothbards Power and Market, Menlo Park, California, 1970.

Vorlesung 11: Power and Market, Menlo Park, California, 1970. Von Murray Rothbard, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Murray Rothbard, vorgestellt bei Vorlesung 9, lehrt 1970 seit vier Jahren in einer Teilzeitstellung Wirtschaft für Ingenieurstudenten am Brooklyn Polytechnic Institute. Diese Position erlaubt es ihm, gleichzeitig als Buchautor und Publizist zu wirken. Das Buch Power and Market erscheint in den Anfangsjahren dieser Phase seines Schaffens 1970 beim Institute for Humane Studies, Menlo Park, California. Es trägt den Untertitel Government and the Economy.

Power and Market gibt es bisher nur auf Englisch, die Fourth edition ist 2006 bei The Ludwig von Mises Institute, Auburn, Alabama, erschienen. Das österreichisches Mises Institut mises.at bereitet eine deutsche Übersetzung vor.

Inhalt: Murray Rothbard schreibt mit Power and Market ein Buch, in dem er eigenständige, über die bisherige Austrian School hinausgehende Gedanken entwickelt. Seine erste große Veröffentlichung von 1962, Man, Economy, and State, ist das Ergebnis der Teilnahme an Ludwig von Mises’ Privatseminar gewesen und hat allein der Verbreitung der Lehren der Österreichische Schule der Nationalökonomie im angloamerikanischen Sprachraum gedient. Acht Jahre später, 1970, setzt Rothbard mit Power and Market eigene Akzente.

Der Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist dieser: Wenn der Staat als territorialer Monopolist schädlich ist, sind alle Staatshandlungen schlechter, als es Markthandeln wäre. Als Lösung schwebt Murray Rothbard eine „Privatrechtsgesellschaft“ vor – ohne öffentliches Recht.

Als Alternative zum Staatsversprechen „Wir schützen euch“ entwickelt Rothbard den Gedanken eines freien Marktes für Sicherheit zum Schutz des Eigentums vor Aggression. Da der Staat selbst der Aggressor ist, der Eigentumsrechte verletzt, ist er unvereinbar mit der Gewährleistung von Sicherheit. Statt des Staatsmonopols für Sicherheit soll künftig ein freier Markt für Polizei den Schutz des Eigentums, der als erstes Eigentum Leib und Leben schützt, sicherstellen. Auf einem freien Markt werden Versicherungsunternehmen diese Leistung erbringen. Auch die Gerichtsbarkeit im Falle einer Eigentumsverletzung ist dem Monopol des Staates entwunden und Angelegenheit von Schiedsgerichten freier Wahl.

In einem zweiten Teil des Buches erörtert Murray Rothbard die Arten der Intervention, mit denen der Staat entweder win-lose-Ergebnisse (der Staat gewinnt, der Bürger verliert) erzielt oder lose-lose-Ergebnisse (beide verlieren), nie aber win-win-Ergebnisse, wie sie Markthandeln erzielt, das auf freier Wahl beruht. Und zwar auf der freien Wahl jedes Einzelnen, Tag für Tag – es gibt niemanden, der nicht wählt. Von diesem Gedanken ausgehend gelangt Rothbard zu einem Demokratiedilemma: Die freie Wahl der Regierung bringt eine Regierung hervor, die von den Nichtwählern nicht gewählt und von der unterlegenen Minderheit nicht gewollt ist.

Nach dieser Art der Intervention, die Rothbard „binär“ nennt, weil sie zwei Seiten hat (Staat und Bürger/Marktteilnehmer), widmet er sich der „triangulären“ Intervention, die drei Seiten hat: den Staat und zwei Marktteilnehmer. Er veranschaulicht das am Patent, das den Entdecker privilegiert und den Zweitentdecker diskriminiert. Das Patent
• erzeugt Monopolgewinne, ohne die Versorgung zu verbessern,
• erhöht die Preise, weil ohne Lizenz ein Zweiter das patentierte Gut nicht anbieten darf,
• verschlechtert die Versorgung, sobald es auf Güter vergeben wird, die nicht patentierbar sind.
Mit der Institution des Patents überträgt der Staat sein Monopolrecht auf einen einzelnen Marktteilnehmer zum Schaden aller anderen Marktteilnehmer.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, wer „das Recht, in Ruhe gelassen zu werden“, schätzt, solle dieses Buch lesen. Aber jene, „die den Staat lieben“, sollten besser die Finger davon lassen. Besonders wenn sie Beamte sind und durch das Buch erfahren, dass ihr Dasein sich einer „binären“ Intervention des Staates verdankt: Nur weil der Staat als territorialer Monopolist sich das Recht nimmt, Steuern zu erheben, für Rothbard Raub, eine Aggression gegen das Eigentum der Nettosteuerzahler, kann er für seinen Apparat aufkommen und dessen Beamte bezahlen, die Nettosteuerkonsumenten. Würden die Nettosteuerzahler alle Zahlungen verweigern, hätten die Nettosteuerkonsumenten kein Einkommen.

Den Geschädigten dieser „binären“ Intervention des Staates ruft Thorsten Polleit zu: „Lesen sie das Buch!“ Power and Market entfalte im Schlussteil noch einmal eine zusammenfassende Argumentation gegen die „Anti-Markt Ethik“, die einerseits Menschenrechte für sich reklamiert, andererseits Eigentumsrechte im Namen der „sozialen Gerechtigkeit“ entweder leugnet oder beschneidet. Die Lektüre des Buchs hingegen verdeutliche, dass für Murray Rothbard Menschenrechte und Eigentumsrechte zusammengehören, dass Menschenrechte ohne Eigentumsrechte jeder staatlichen Willkür Tor und Tür öffnen.


Vorlesung 12: Karl-Friedrich Israel über Hans-Hermann Hoppes Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. 

Vorlesung 12: Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, Opladen 1983. Von Hans-Hermann Hoppe, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Hans-Hermann Hoppe, geboren 1949 im niedersächsischen Peine, studiert Philosophie, Soziologie, Geschichte und Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken, Frankfurt am Main und Ann Arbor, promoviert 1974 bei Jürgen Habermas und habilitiert sich 1981. Anschließend ermöglichen ihm Forschungsstipendien des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes DAAD und der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG die Erarbeitung der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung, die während seiner anschließenden Zeit als Privatdozent an der Technischen Universität Braunschweig 1983 im Westdeutschen Verlag, Opladen, erscheint. Untertitel: Untersuchungen zur Grundlegung von Soziologie und Ökonomie.

Später, von 1986 bis 2008, wird Hans-Hermann Hoppe als Professor für Volkswirtschaftslehre an der staatlichen University of Nevada in Las Vegas lehren. In dieser amerikanischen Zeit seines Schaffens wird er auch Distinguished Fellow des Ludwig von Mises Institute in Auburn, Alabama. Heute lebt er mit seiner Frau Gulcin Imre Hoppe, ebenfalls Österreichische Schulökonomin, in der Türkei.

Inhalt: Hans-Hermann Hoppe schreibt sein Buch, um eine nicht-empirische Begründung für die These zu liefern, dass empirisch-kausalwissenschaftliche Sozialforschung „logisch unmöglich“ ist. Er gliedert sein Buch entsprechend in drei Kapitel:
Kapitel 1 Über die Unmöglichkeit kausalwissenschaftlicher Sozialforschung,
Kapitel 2 Eine Untersuchung zur Begründung der Soziologie als rekonstruierender Handlungswissenschaft,
Kapitel 3 Eine Untersuchung zur Begründung der Ökonomie als aprioristischer Handlungswissenschaft.

Der Referent konzentriert seine Vorlesung auf das erste Kapitel des Buchs, das vor dem Hintergrund der dogmengeschichtlichen Entwicklung seiner Zeit zwei bedeutende Entwicklungen des 20. Jahrhunderts thematisiert:
• in der Theorie die „Keynesianische Revolution“,
• in der Methodik den „Durchbruch der modernen Ökonometrie“.
Beides zusammen, Keynes’ Gedanke der Sinnhaftigkeit staatlicher Intervention zugunsten von allem und jedem, zuletzt sogar zugunsten des ganzen Planeten, und die auf Ragnar Frisch und Jan Tinbergen zurückgehende Idee der Ökonometrie, der Berechenbarkeit von allem und jedem, zuletzt sogar in der Modifikation der Berechenbarkeit planetarer Infektionsketten, behandelt Ökonomie, als sei sie eine Naturwissenschaft, und Wirtschaft und Gesellschaft, als seien sie berechenbar wie die Bahn des Mondes um die Erde.

Hans-Hermann Hoppe hält diesem „Instrumentalismus“ den „Realismus“ der Österreichischen Schule entgegen und stützt sich dabei auf Ludwig von Mises als Verfechter des methodologischen Dualismus, den er seinerseits so begründet:
1. Der Mensch und seine Entscheidungen sind selbst Untersuchungsgegenstand der Ökonomik.
2. Naturwissenschaft beschäftigt sich mit unbelebten oder willenlosen Objekten.
3. Ziel, Zweck oder Motiv einer Handlung können nicht physiologisch erklärt werden – zumindest noch nicht.
Aus diesen Grundannahmen ergibt sich für Hoppe die Unvorhersagbarkeit menschlichen Handelns, das obendrein noch durch zwei weitere Unvorhersehbarkeiten geprägt ist: Der Mensch ist lernfähig, und: „Der Mensch ist verlernfähig“. Einmal erlangtes Wissen kann verloren gehen – und tatsächlich verlernen Menschen einst Gelerntes sogar im Verlauf ihres eigenen Lebens oft und gern wieder.

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt eingangs seiner Vorlesung, Hoppe habe ein „Alleinstellungsmerkmal“: Dieser Autor ist als einziger noch am Leben – jedenfalls als einziger der sechs Autoren, deren Bücher das Ludwig von Mises Seminar 2020 vorstellt. Ein hinreichender Grund zur Lektüre der Kritik der kausalwissenschaftlichen Sozialforschung sei das allerdings noch nicht, vielmehr liege der mögliche Erkenntnisgewinn vor allem im Kapitel 1, das Karl-Friedrich Israel für das wichtigste hält.

Hoppe selbst formuliert die dort begründete zentrale These so: „Als empirische Disziplin muss sich die Sozialforschung als eine rekonstruierende Wissenschaft begreifen, die [...] Handlungen in die ihnen zugrundeliegenden, dem Handelnden im Prinzip als solche erkennbaren logischen Bestandteile zerlegt.“ Indem Hoppe 1983 den Methodendualismus von Ludwig von Mises aktualisiere und die Ökonomie als eine Disziplin der Sozialforschung deren Regeln gleichstelle, leiste er, sagt Karl-Friedrich Israel zum Ende seiner Vorlesung, einen lesenswerten Beitrag zu der österreichischen Grundüberzeugung, nach der es „keine Kausalität in der Ökonomie“ gebe und deshalb auch keinen Bedarf an Experten, die Rettung versprechen, mag die „Herausforderung“ noch so „nie dagewesen“ sein.


Am Ende des Seminars stellen sich die Referenten den Fragen der Seminarteilnehmer, moderiert von Andreas Marquart, Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland (am Pult). Auf dem Podium von links nach rechts: Jörg-Guido Hülsmann, Thorsten Polleit, Karl-Friedrich Israel, Philipp Bagus.

Ergänzende Nachbemerkung zur Folge 1 Die in der Vorlesung 6 angesprochene Schrift Human Action von 1949, bei der es sich um eine von Ludwig von Mises aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der 1940 erschienen Schrift Nationalökonomie handelt, ist 70 Jahre später im Oktober 2019 in deutscher Übersetzung herausgekommen. Unter dem Titel Menschliches Handeln. Eine Grundlegung ökonomischer Theorie bietet die von Rahim Taghizadegan ins Deutsche übersetzte Ausgabe auf rund 850 Seiten zugleich eine Synthese von Nationalökonomie und Human Action. Die in 3 Textbände unterteilte Ausgabe wird durch einen Band 4 ergänzt, der auf weiteren 280 Seiten Endnoten alle Veränderungen zwischen den beiden Versionen dokumentiert und einen Essay von Jörg Guido Hülsmann enthält: Die Wirkung von ‚Human Action’ in den USA.

Die 4 Bände der Schrift Menschliches Handeln sind als Taschenbuchausgabe beim Verlag mises.at erschienen und im stationären Buchhandel sowie im Onlinehandel (etwa bei Amazon) erhältlich. Rahim Taghizadegan, selbst ein Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, ist Wirtschaftsphilosoph und Rektor des scholarium in Wien, einer unabhängigen Bildungs- und Forschungsinstitution, die als Herausgeber der vierbändigen Ausgabe firmiert, die je Band 19 Euro kostet, die einzeln beziehbar sind.


Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Freitag, dem 27. März 2020.

Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland: Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 2. Die dort zuerst veröffentlichte Originalfassung unterscheidet sich von der obigen Blogfassung nicht im Text, nur in der Bebilderung – hier ist zu jeder Vorlesung ein Bild des Referenten zu sehen, dazu eingangs ein zweites Foto mit den vier Referenten auf dem Podium.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

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Hinweis: Die Folge 1 mit den Vorlesungen 1 bis 6 erschien am Samstag, dem 28. März 2020, unter der Überschrift Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 1 als Version der Berliner Freiheiten.




Samstag, 28. März 2020

Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 1



Das Ludwig von Mises Seminar 2020 vergegenwärtigt 12 bahnbrechende Bücher der Österreichischen Schule der Nationalökonomie | Ein Seminarbericht in 2 Teilen – Folge 1


Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am Freitag, dem 27. März 2020, unter der Überschrift Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 1 auf der Website des Ludwig von Mises Instituts Deutschland. Darin berichte ich vom Kronberger Ludwig von Mises Seminar 2020, das am 13. und 14. März 2020 in der Stadthalle von Kronberg im Taunus – nahe Frankfurt am Main – stattfand. (Hinweise zur Folge 2 finden Sie am Ende des Beitrags.)


Der Vorstand des Ludwig von Mises Instituts, Andreas Marquart, begrüßt die Seminarteilnehmer am 13. März 2020.

Es war ein Freitag, der 13. Kein guter Tag für Abergläubige. Zu denen zählen Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie indes nicht, ganz im Gegenteil: An diesem Freitag, dem 13. März 2020, versammelten sich zu ihrem Ludwig von Mises Seminar 2020 in Kronberg im Taunus aufgeklärte Bürger, die mit wachen Augen und offenen Ohren das verfügbare Wissen aufnehmen, das menschliches Denken und Handeln hervorbringt, vermehrt und teilt. Allerdings ist die Verteilung dieses Wissen nichts, das von selbst geschieht, und auch die Bewahrung vorhandenen Wissens vor dem Vergessen will bewerkstelligt sein.

Der Gedanke, „12 Vorlesungen über bahnbrechende Bücher und ihre Bedeutung“ zu veranstalten, sollte der Bewahrung und Weitergabe von Wissen über die Österreichische Schule der Nationalökonomie dienen. Rund 60 Teilnehmer waren zu dem Seminar in die Stadthalle nach Kronberg gekommen, um an zwei Tagen, dem besagten Freitag und am folgenden Samstag, dem 14. März 2020, diese zwölf Vorlesungen zu hören, vorgetragen von fünf Dozenten.

Der Vorstand des Ludwig von Mises Instituts, Andreas Marquart, der zugleich dem Seminar vorstand, nennt eingangs eine Zahl: 4200. So viele Buchseiten haben die elf bahnbrechenden Bücher der Österreichischen Schule zusammengerechnet, die in den folgenden zwölf Stunden des Mises Seminars vorgestellt werden – in zwölf Vorlesungen, weil ein Buch gleich zweimal drankommen wird, von dem es zwei verschiedene Fassungen in zwei unterschiedlichen Sprachen unter jeweils eigenem Namen gibt, also gewissermaßen doch zwölf Bücher von Bedeutung, für jede Vorlesung eines.


Vorlesung 1: Philipp Bagus über Carl Mengers Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871.

Vorlesung 1: Grundsätze der Volkswirtschaftslehre, Wien 1871. Von Carl Menger, vorgestellt von Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid.

Umstände: Wer schreibt was für ein Buch, wann und wo macht er das, und warum tut er es?
Carl Menger von Wolfensgrün, kurz Carl Menger, 1840 geboren und aufgewachsen in einer Kleinstadt südlich von Krakau im österreichischen Galizien, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und Prag, arbeitet anschließend wieder in Galizien als Redakteur der Lemberger Zeitung, Schwerpunkt Marktbeobachtung und -beurteilung, und promoviert 1867 in Krakau. 1871 geht er endgültig nach Wien, wo sich er im Folgejahr mit einer Schrift habilitiert, die bereits vorliegt: Sein Buch Grundsätze der Volkswirtschaftslehre ist erschienen im Wien des Jahres 1871, in dem Preußen einen Krieg gegen Frankreich beginnt und gewinnt und mit dem Deutschen Reich einen kleindeutschen Nationalstaat ohne Zugehörigkeit Österreichs gründet.

Auch wenn Wien kein Bestandteil des neuen Reiches wird – Mengers Augen sind bis dahin ganz auf Deutschland gerichtet, an dessen Gebrauchswertschule er sich orientiert. Mit der staatlichen Trennung des deutschen Sprach- und Wissensraums in zwei eigenständige Reiche und der Berufung Carl Mengers an den neu geschaffenen Lehrstuhl für Politische Ökonomie an der Universität Wien beginnt 1879 die eigenständige Entwicklung einer Österreichischen Schule der Nationalökonomie.

Inhalt: Wie argumentiert Carl Menger? Worum geht es in den Grundsätzen der Volkswirtschaftslehre?
Carl Menger schreibt, zunächst ganz in der Tradition der deutschen Gebrauchswertschule, gegen den Objektivismus der klassischen Nationalökonomie der Briten und setzt ihm einen alternativen Ansatz entgegen, der das menschliche Handeln zum Ausgangspunkt einer subjektiven Wertlehre nimmt, die den Gebrauchswert einer Ware, deren Nutzen, wertbestimmend sieht. Er nimmt also das handelnde Individuum in den Blick, und da dieses stets mit anderen interagiert, die handelnden Individuen oder Subjekte.

Menger gliedert seine Grundsätze in 8 Kapitel, die von der „Lehre vom Gute“ über die „Lehre vom Werte“ und die „Lehre vom Preise“ zur „Lehre von der Ware“ und der „Lehre vom Gelde“ vorarbeiten. In seinem 6. Kapitel erörtert er den Zusammenhang und die Unterscheidung von Gebrauchswert und Tauschwert und gelangt von hier zu einer grundlegenden Weiterentwicklung der deutschen Gebrauchswertlehre, indem er den für die Österreichische Schule wichtigen Gedanken des Grenznutzens ausbaut und ihn mit dem Faktor Zeit in Verbindung setzt, der später zum Begriff der Zeitpräferenz weiterentwickelt werden wird.

Nutzen: Wozu soll das Lesen des Buches heutzutage gut sein?
Philipp Bagus sagt in seiner Vorlesung, Carl Menger sei „radikal anders“ als die deutschen Gebrauchswertlehrer, indem er den theoretischen Ansatz von Wilhelm Roscher, des Leipziger Professors für Staats- und Kameralwissenschaften, dem die Erstausgabe von 1871 „in achtungsvoller Verehrung zugeeignet“ ist (so die Widmung im Buchinneren), konsequent weiterentwickle. Die „Lehre vom Gelde“ (Kapitel 8) definiert Geld als ein von jedermann angenommenes Gut und lege damit einen der Grundsteine dessen, was alsbald als Österreichische Schule der Nationalökonomie gelten werde. Die Lektüre der Grundsätze der Volkswirtschaftslehre verschaffe den Genuss der Wiederbegegnung mit einem „neuen Level“ der Nationalökonomie – eine Art Geburtsurkunde von etwas Eigenem.


Vorlesung 2: Jörg Guido Hülsmann über Eugen von Böhm-Bawerks Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1884.

Vorlesung 2: Kapital und Kapitalzins, Innsbruck 1884. Von Eugen von Böhm-Bawerk, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Eugen Böhm Ritter von Bawerk, kurz Eugen von Böhm-Bawerk, geboren 1851 in Brünn im österreichischen Mähren, studiert Rechts- und Staatswissenschaften in Wien und tritt zunächst in den niederösterreichischen Finanzdienst ein. Nach einer Habilitation in Politischer Ökonomie wird er 1881 Privatdozent an der Universität Innsbruck. Sein Buch Kapital und Kapitalzins entsteht und erscheint in Innsbruck in dem Jahr 1884, in dem er dort eine Professur für Politische Ökonomie übernimmt, mit der eine weitere Stimme der Österreichischen Schule der Nationalökonomie erklingt.

Inhalt: Eugen von Böhm-Bawerk schreibt sein anfangs (1884) auf zwei Bände angelegtes Werk Kapital und Kapitalzins so lange fort, bis es am Ende (1909) drei Bände unter diesem Obertitel sein werden. Der Band 1 von 1884 behandelt unter dem Titel Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien die dogmengeschichtliche Entwicklung und ist mit 546 Seiten der umfangreichste; der Band 2 erscheint fünf Jahre später, 1889, und enthält Böhm-Bawerks eigene Positive Theorie des Kapitals auf 485 Seiten. Als Nachzügler erscheint 1909 Band 3, der auf 350 Seiten Exkurse zur Positiven Theorie des Kapitals ausbreitet und sich mit der Rezeption der Kapitaltheorie befasst.

Der erste Band sorgt 1884 bei seinem Erscheinen für Aufmerksamkeit, weil sich Böhm-Bawerk in seiner Dogmengeschichte auch mit Karl Marx befasst und dessen Werttheorie zurückweist, ja von der „gänzlichen Unhaltbarkeit“ des Marxschen Arbeitswertgesetzes spricht. Marx war im Vorjahr 1883 verstorben und konnte sich nicht mehr wehren, aber Friedrich Engels lebte noch und mit ihm zahlreiche jüngere akademisch gebildete Marxisten. In den Folgejahren wird es zu einer intensiven Fehde zwischen Böhm-Bawerk und den Sozialisten kommen, als deren Wortführer sich Rudolf Hilferding profiliert, ein Österreicher, der später im Deutschen Reich sozialdemokratischer Finanzpolitiker werden wird. So hat die Österreichische Schule der Nationalökonomie auch ihr Gegenstück, den Austromarxismus, hervorgebracht, eine zweite Besonderheit des Wiener Geisteslebens nach der Trennung der beiden Reiche.

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, Böhm-Bawerk sei „der bedeutendste Menger-Schüler“ und anders als dieser „ein gefälliger Autor“. Er habe es geschafft, die Lehren von Menger zu verbreiten, ohne sie zu verflachen, sondern sie im Gegenteil dabei zu systematisieren und weiter zu entwickeln. Schon 1902 sei Böhm-Bawerk ins Englische übersetzt worden – Carl Mengers Buch habe erst 1950 eine englische Übersetzung erlebt.

Als bleibende Erkenntnis des zentralen zweiten Bandes von Kapital und Kapitalzins hebt Hülsmann das Kostengesetz hervor, demzufolge „der Marktpreis von beliebig reproduzierbarer Waren langfristig dazu tendiert, sich den Produktionskosten anzugleichen“. So komme es durch Böhm-Bawerk zu einer Synthese von klassischer Preislehre (Adam Smith) und der Menger’schen Preislehre. Die Lektüre von Kapital und Kapitalzins lasse die „Geburt der modernen Makroökonomie“ nacherleben, den Zusammenhang aller Märkte und Einkommen, und verhelfe zu der Einsicht: „Es gibt eine spontane Ordnung der Marktwirtschaft.“


Vorlesung 3: Thorsten Polleit über Ludwig von Mises' Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Wien 1912.

Vorlesung 3: Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, Wien 1912. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Thorsten Polleit, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, Chefvolkswirt der Degussa und Präsident des Ludwig von Mises Instituts Deutschland.

Umstände: Ludwig Heinrich Edler von Mises, kurz Ludwig von Mises, geboren 1881 in Lemberg in Galizien, studiert Rechtswissenschaft in Wien, promoviert dort 1906 und tritt als Mitarbeiter, bald Leiter, der Finanzabteilung der Handels- und Gewerbekammer in den österreichischen Staatsdienst ein. Für die Tätigkeit in der Kammer qualifiziert ihn, seit er 1903 erstmals Carl Mengers Grundsätze der Volkswirtschaftslehre gelesen hat, ein ausgiebiges Privatstudium der Volkswirtschaftslehre. Seine Schrift Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel, mit der er sich habilitieren wird, erscheint 1912 in Wien und öffnet ihm nach der Habilitation 1913 die Tür zur universitären Lehrtätigkeit anfangs als Privatdozent, dann als außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Juridischen Fakultät der Universität Wien.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt 1912 seine Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel in einer Zeit, in der dem Geld als Umlaufmittel noch eine Golddeckung zugrunde liegt, teilweise jedenfalls. Wenig später, im Verlauf des großen Krieges von 1914, den wir heute Ersten Weltkrieg nennen, kommt dem Geld die Golddeckung erstmals abhanden – nach dem Zweiten Weltkrieg wird es nur 26 Jahre dauern, bis sie 1971 auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein wird.

1912 kann Mises noch vom Geld als einem „Gut sui generis“ schreiben, einem Gut eigener Art, das allgemein als Tauschmittel akzeptiert ist, weil liquide – anders als ein Konsumgut oder ein Produktionsgut. Diese Tauschmittelfunktion ist es, die Geld zu Geld macht und dafür sorgt, dass Märkte als Markt funktionieren. Selbst aus dem Markt hervorgegangen, wird Gold zum Grundgeld; später werden es (gold- oder silberhaltige) Scheidemünzen sein, die diese Tauschmittelfunktion übernehmen.

Mit dem Aufkommen von Scheidemünzen beginnt jedoch ein Prozess, der am Ende zum Fiat-Geld führen wird, zu jenem staatlichen Papiergeld ohne eigenen Wert, das im Hier und Heute von 2020 lebende Menschen U50 als einziges kennen. Dieses wiederum kennt Mises 1912 noch nicht, kann allerdings am Beispiel der Scheidemünzen zeigen, was geschieht, wenn der Nennwert einer Münze höher ist als ihr Materialwert, sei es der Goldwert oder der ihres Silbergehalts.

Nutzen: Thorsten Polleit sagt, dass Mises’ Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel „eines seiner Meisterwerke“ sei, in dem er sich mit seinen Vorgängern Menger und Böhm-Bawerk „hart, aber fair“ auseinandersetze und eine konsistente Geldtheorie entwickle, auf deren Grundlage die spätere Entwicklung des Geldes zu Fiat-Money sich schlüssig erklären – und kritisieren lasse.

Die Praxeologie, jener für Ludwig von Mises kennzeichnende erkenntnistheoretische Ansatz, hingegen sei 1912 zwar erkennbar, aber noch nicht ausgearbeitet. Was die Lektüre der Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel heute noch lohnenswert mache, sei das „sound money principle“, das darin herausgearbeitete Prinzip des soliden Geldes, dessen Verständnis es überhaupt erst ermöglicht, Papiergeld als Zwangsgeld eines staatlichen Monopolisten zu verstehen, als unsolides Geld, das von seinem Emittenten nach Belieben, willkürlich und einseitig vermehrt und verteilt werden kann und tendenziell die Rechte und Freiheiten des Einzelnen aushebele und jede Tyrannei erlaube.


Vorlesung 4: Karl-Friedrich Israel über Ludwig von Mises' Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922.

Vorlesung 4: Die Gemeinwirtschaft, Jena 1922. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Dr. Karl-Friedrich Israel, Senior Researcher am Institut für Wirtschaftspolitik (IWP) der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

Umstände: Ludwig von Mises, in seinen Anfängen vorgestellt bei der Vorlesung 3, ist 1922 beim Erscheinen des Buches Die Gemeinwirtschaft im Verlag von Gustav Fischer, Jena, bereits seit vier Jahren (1918) außerordentlicher Professor für Politische Ökonomie an der Universität Wien. Allerdings lebt er in diesen politisch turbulenten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg und dem Ende der Habsburger Vielvölkermonarchie nicht im akademischen Elfenbeinturm, sondern engagiert sich politisch gegen revolutionäre sozialistische Umsturzbestrebungen und berät Österreichs sozialdemokratische Regierung. Die Gemeinwirtschaft versammelt seine Untersuchungen über den Sozialismus, so der Untertitel, und verdeutlicht erstmals und sehr früh auch dessen theoretische Unmöglichkeit.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt zu einem Zeitpunkt über die Undurchführbarkeit des Sozialismus, als dieser erst wenige Jahre nach Lenins Staatsstreich von 1917 eine politische Realität ist, allerdings Russland eher propagandistisch als realökonomisch bestimmt und noch bevor Stalin 1924 die Parole vom „Sozialismus in einem Land“ prägen und die Umwälzung der Produktionsverhältnisse tatsächlich in Angriff nehmen wird – und lange bevor der Große Terror, wie der spätere staatliche Massenmord der Jahre 1936-38 heute heißt, knapp eine Million Bürger für ihre gelebte Unmöglichkeit des Sozialismus zur Rechenschaft ziehen und ihr „sozial schädliches“ Verhalten mit dem Tod ahnden wird.

1922, als Mises sein Buch veröffentlicht, steht der sozialistische Demozid den Bürgern Russlands noch bevor. Dass die Undurchführbarkeit des Sozialismus bis 1953, Stalins Todesjahr, Millionen Menschen das Leben kosten wird, ahnt trotz der Schrecken des 1922 allmählich zu Ende gehenden Bürgerkriegs niemand, auch nicht Ludwig von Mises. Sein Gedanke der Unmöglichkeit speist sich allein aus wirtschaftlichen Überlegungen.

Er gliedert sein Buch Die Gemeinwirtschaft in fünf Hauptteile, die sich etwa mit dem Unterschied zwischen „Liberalismus und Sozialismus“ befassen oder der Behauptung, es gebe so etwas wie „Die Lehre von der Unentrinnbarkeit des Sozialismus“ oder einen „Sozialismus als sittliche Forderung“. Der Teil über „Die Wirtschaft des sozialistischen Gemeinwesens“ aber bildet das Zentrum der Schrift. Er basiert auf einem Text von 1920, Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen, in dem Mises erstmals begründet, warum eine Wirtschaftsrechnung im Sozialismus nicht möglich ist.

Die Wirtschaftsrechnung ist ein Kerngedanke zum Verständnis von Mises – und von Märkten. Eine Wirtschaftsrechnung ist nur möglich, wenn drei Voraussetzungen vorliegen:
1. Privateigentum an Konsumgütern und Produktionsfaktoren,
2. freier Handel der Konsumgüter und Produktionsfaktoren,
3. stabiles Geld als allgemein anerkanntes Tauschmittel.
Nur wenn die Berechnung der Kosten eine Gewinn- und Verlustrechnung ermöglicht, lassen sich Geldpreise bilden, Knappheitssignale erkennen und Ressourcen erfolgversprechend zuordnen und verteilen. Das ist die Wirtschaftsrechnung.

Sozialismus erlaubt keine Wirtschaftsrechnung: Produktionsfaktoren sind Gemeineigentum, freien Handel gibt es nicht mehr und Geld, obzwar auch im Sozialismus vorhanden, ist kein Maßstab als Tauschmittel und verliert seine Funktion, Maßeinheit der Wirtschaftsrechnung zu sein. Die im Sozialismus für die Wirtschaft zuständige Planungsbehörde mag die besten Absichten haben, tugendhaft und unbestechlich sein, Weitsicht, Weisheit und obendrein Fleiß an den Tag legen – ihr fehlen die Mittel der Wirtschaftsrechnung, mit denen Unternehmer in einer Marktwirtschaft wie selbstverständlich eine Versorgung der Bevölkerung mit den Gütern sicherstellen, nach denen sie verlangt. Vom Scheitern der Sowjetunion 1990 bis zum Drama von Venezuela 2020 reicht die Kette der praktischen Belege für Ludwig von Mises’ theoretische Erkenntnis von 1920: Sozialismus ist undurchführbar.

Mises gelingt es, mit einem Update dieses Gedankens von 1920 und seiner Integration in Die Gemeinwirtschaft von 1922 als Teil 2 des Buches einen Kerngedanken zu verankern und zu verbreiten, der zwar kein einziges sozialistisches Experiment (und dessen wirtschaftlich logisches Scheitern) verhindert hat, aber in jeder neuen Generation von Intellektuellen eine Minderheit unter den „Meisterdenkern“ gegen den Sozialismus immunisiert.

Nutzen: Karl-Friedrich Israel sagt, dass es Die Gemeinwirtschaft war, die Friedrich August von Hayek gleich nach deren Erscheinen gelesen und deren Lektüre ihn von seinem Liebäugeln mit sozialistischen Ideen abgebracht und zum Liberalismus hingeführt habe. Neben dem 2. Teil hinterlasse besonders der 5. und letzte Teil des Buches nachhaltigen Eindruck, überschrieben mit Der Destruktionismus. Diesen Begriff führe Mises ein und bestimme ihn so: Der Sozialismus „baut nicht auf, er reißt nieder. Nach dem Erfolg seines Wirkens müsste man ihm den Namen Destruktionismus geben. Denn sein Wesen ist die Zerstörung.“ (Einen Auszug aus Der Destruktionismus gibt es auf der deutschen Mises-Website, hier.)

Ludwig von Mises hat die Zerstörung von Werten im Auge, die Aufzehrung von Kapital – die Zerstörung von Menschenleben muss nicht, aber sie kann hinzukommen, wie sich bald herausstellen sollte. Karl-Friedrich Israel nennt den größten Gewinn der Lektüre, dass der Leser den abschließenden Hinweis auf den Destruktionismus kennenlernt, der immer zur Verarmung führt, sei es durch Vermögenspreisinflation, sei es durch „Reallohnrepression“. Sein guter Rat: „auf der Hut sein“, wenn Regierungen Privateigentum, freien Handel und stabiles Geld zur Disposition stellen, um gegen die nächste beispiellose Herausforderung zu kämpfen.


Vorlesung 5: Jörg Guido Hülsmann über Ludwig von Mises' Nationalökonomie, Genf 1940.

Vorlesung 5: Nationalökonomie, Genf 1940. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3 und 4, lebt 1940 beim Erscheinen des Buches Nationalökonomie in Genf, wohin er nach dem Österreichischen Bürgerkrieg vom Februar 1934 und dem folgenden Ende der Ersten Republik noch 1934 übergesiedelt war. Eine Berufung an das Genfer Institut Universitaire de Hautes Etudes Internationales ermöglicht ihm, die Nationalökonomie „in Angriff zu nehmen und zu vollenden“, wie er im April 1940 im Vorwort zu dieser grundstürzenden Theorie des Handelns und Wirtschaftens, so der Untertitel, bekennt.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt seine Nationalökonomie als Sechsteiler mit sehr unterschiedlichen Umfängen der einzelnen Teile, die um ein 404 Seiten starkes Zentrum kreisen: „Die Marktwirtschaft“ (Teil 4). Dahin führt er in drei Schritten:
Teil 1 „Das Handeln“ (114 Seiten) stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt der Betrachtung, die Mittel seines Handelns und dessen Zweck.
Teil 2 „Das Handeln in der Gesellschaft“ (74 Seiten) beleuchtet die Kooperation – und den Konflikt: „Die gesellschaftliche Arbeitsvereinigung und Arbeitsteilung beruht auf dem friedlichen Sichvertragen; nicht der Krieg, der Frieden ist der Vater aller gesellschaftlichen Dinge.“ (Seite 144)
Teil 3 „Rechnen im Handeln“ ist nur 36 Seiten kurz, markiert aber, so Hülsmann, einen „epistemologischen Sprung“, einen wissenschaftstheoretischen Fortschritt der Erkenntnis der Bedeutung der Geldrechnung als gedanklichem Werkzeug menschlichen Handelns.

Von seinem Zentrum „Die Marktwirtschaft“ führt das Buch zu zwei weiteren kürzeren Teilen, die sich auch der Sache nach von der Marktwirtschaft entfernen:
Teil 5 „Die verkehrslose arbeitsteilige Wirtschaft“ (18 Seiten) meint den Sozialismus, der dem Absolutismus so verblüffend ähnelt: „Jener gute Vater Staat [...] wolle doch das Wohl des Ganzen und Aller, das Gemeinnützige und Beste. In ihm regiert nicht der Eigennutz, nicht der schwache Mensch mit allen seinen Fehlern und Lastern, sondern das Sittengesetz selbst.“ (Seite 629/30) Dieser Sozialismus sei zwar unmöglich, so Hülsmann, „aber nicht absurd“, eher wie ein Schiff ohne Kompass. Teil 5 bleibt kurz, weil eine ausführliche Sozialismus-Kritik mit der Gemeinwirtschaft von 1922 bereits vorliegt.

Teil 6 „Die gehemmte Marktwirtschaft“ (94 Seiten) beschreibt den Interventionismus – und der, so Hülsmann, sei anders als der Sozialismus hingegen tatsächlich „absurd“. Wie absurd, macht Ludwig von Mises am seinerzeit ultimativen Interventionismus deutlich, der Kriegswirtschaft nach 1914: „Der totale Krieg verlangt den totalen Staat [...] Er macht das bürgerliche Leben, wie es die Kultur geformt hat, unmöglich. Der Bürger verschwindet und wird durch den Soldaten ersetzt. Das Leben aller Menschen wird zu einem permanenten Dienst in einer stets marschbereiten Armee. Der Krieg und der Sieg werden zum einzigen Zweck aller gesellschaftlichen Kooperation.“ (Seite 738)

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, der 6. und letzte Teil der Nationalökonomie beschreibe „ein eigenes Problemfeld“, den staatlichen Interventionismus, das „bis heute vernachlässigt“ sei. Stattdessen dominiere die vermeintliche Dualität von Kapitalismus und Sozialismus einen Diskurs, in dem alles Übel dem Kapitalismus angelastet werde. Dabei verdankten sich die meisten Übel dem Interventionismus „als dem Dritten“, das sich bevorzugt des Geldes als Interventionsmittel bediene. Hinzu komme die Verstaatlichung des Kredits, auch ermangele es einer Theorie der Bürokratie, ohne deren Wirken Staatsinterventionismus nicht auskomme.

Den Gewinn aus seiner Re-Lektüre der Nationalökonomie zieht also zuerst der Dozent selbst mit der Erkenntnis eines Desiderats der Forschung, wie es im akademischen Jargon heißt, also eines noch unzureichend bearbeiteten Themas, von dem er sich wünscht, dass sich ein Forscher seines annimmt. Den zentralen 4. Teil der Nationalökonomie werde er in seiner nächsten, der 6. Vorlesung behandeln, die sich mit ihrer Weiterentwicklung zu einem eigenständigen englischsprachigen Werk befassen werde, der Human Action.

Hülsmann lässt aber keinen Zweifel, dass die Lektüre der original Nationalökonomie von 1940 für Erstleser „eine Freude“ sein werde, weil sie hier einem „Denkgebäude aus einem Guss“ begegneten, das sich auch deshalb so gewinnbringend lese, weil Ludwig von Mises „ein Mann der Praxis“ und von großer Detailkenntnis war und schon sprachlich und in der Gedankenführung angenehm unakademisch schreibe. Und nicht zuletzt sei die Praxeologie, Mises’ erkenntnistheoretischer Ansatz, mittlerweile ausgereift und mit ihr die Werttheorie, die sich in der Nationalökonomie ganz beiläufig nachvollziehen lasse.


Vorlesung 6: Jörg Guido Hülsmann über Ludwig von Mises' Nationalökonomie, Genf 1940. | Human Action, New Haven 1949.

Vorlesung 6: Nationalökonomie, Genf 1940. | Human Action, New Haven 1949. Von Ludwig von Mises, vorgestellt von Jörg Guido Hülsmann, Professor für Ökonomie an der Universität Angers in Frankreich.

Umstände: Ludwig von Mises, vorgestellt bei Vorlesung 3, 4 und 5, lebt 1949 beim Erscheinen der englischen Ausgabe der Nationalökonomie unter dem Titel Human Action in New York City, wohin er bald nach dem Erscheinen der Nationalökonomie, aus Genf kommend, im August 1940 emigriert ist. Anfangs in finanziell prekärer Lage, erhält er 1945 eine Teilzeitgastprofessur an der New York University und 1946 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft und kann eine aktualisierte, verbesserte und erweiterte englische Ausgabe der Nationalökonomie erstellen, die statt 756 Seiten nun 912 Seiten stark ist (plus XXV Seiten Vorwort), den Titel Human Action. A Treatise on Economics trägt und 1949 bei der Yale University Press, New Haven, Connecticut, erscheint.

Neben den inhaltlichen Unterschieden, die in erster Linie auf einer Erweiterung der Inhalte, nicht auf einer Änderung von Mises’ Positionen beruhen, ist die Rezeption der große Unterschied: Die Nationalökonomie, 1940 in der von totalitären Staaten umzingelten, ängstlich geduckten Schweiz zum Beginn eines zweiten totalen Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 13 Besprechungen erhalten. Human Action, 1949 im Ankerland der freien Welt, den Vereinigten Staaten, zum Beginn eines ersten Kalten Krieges erschienen, wird bis 1981 insgesamt 81 Besprechungen erleben. (Im Jahr 1981 wird in seiner alten und neuen Heimat des 100. Geburtstags des Autors gedacht.)

Es ist dieses Buch, die Human Action, das Ludwig von Mises in die Hall of Fame der Austrian School führt und ihn nach seinem Tod im Oktober 1973 zum Namenspatron des Mises Institute erst in Auburn, Alabama, und dann zu dessen deutschem Pendant werden lässt, dem Ausrichter des Ludwig von Mises Seminars 2020.

Inhalt: Ludwig von Mises schreibt einige neue Kapitel und erweitert vorhandene Kapitel der Nationalökonomie. Neu ist im Teil 6 Die gehemmte Marktwirtschaft das Kapitel The Welfare Principle versus the Market Principle, in dem er sich dem 1949 bereits klar abzeichnenden Wohlfahrtsstaat westlicher Prägung zuwendet, der erst 70 Jahre später seinem Ende zusteuern wird – wie auch der real existierende Sozialismus in der Sowjetunion 70 Jahre brauchte, um seine Undurchführbarkeit einzugestehen, wenn nicht verbal, so doch faktisch. Ganz neu fügt Mises einen Teil 7 hinzu: The Place of Economics in Human Society.

Der Ruf dieses neuen Schlussteils, der Wirtschaft in der menschlichen Gesellschaft mehr Aufmerksamkeit zu schenken, verhallt in den Vereinigten Staaten des Jahres 1949 nicht ungehört. Der New Deal der Jahre 1933 bis 1938 unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt und die folgende Kriegswirtschaft bis zur Kapitulation Japans im September 1945 glichen einer Interventionsspirale mit ungehinderter Expansion des Staates, der jede freie Markregung im Keim erstickte. Dass nun, 1949, ein Buch erscheint, dessen zentraler Teil 4 Die Marktwirtschaft auf Englisch Catallactics or Economics of the Market Society heißt, kommt dem Bedürfnis vieler entgegen, „Vater Staat“ wieder einzudämmen und seine Interventionsgelüste zu zügeln. Mit dem im Deutschen wenig benutzten Begriff der Katallaktik meint Mises die freie menschliche Marktinteraktion als treibende Kraft zur Findung von wirtschaftlichen Entscheidungen.

Das verweist auf den Kern seiner Lehre von der Marktwirtschaft, die Ludwig von Mises in dem auf 452 Seiten angewachsenen zentralen Teil 4 der Human Action vor dem englischsprachigen Publikum der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreichs ausbreitet. Im Teil 4 legt er seine Werttheorie dar, die vom subjektiven Wert ausgeht. Nicht dem Ding an sich haftet ein Wert an, das auch keine quantitativen Konstanten aufweist, sondern ein Wert entsteht aus einer dreiseitigen Beziehung, Hülsmann spricht von einer „ordinalen Beziehung“, zwischen einem Ding und zwei Handelnden. Dieser Vorgang erst ermöglicht die Wirtschaftsrechnung, bestimmt den Geldtausch und ist in Umfang und Menge historisch bedingt und somit veränderlich und nichts Konstantes.

Nutzen: Jörg Guido Hülsmann sagt, mit der Theorie der Marktwirtschaft, die seit der englischen Ausgabe der Nationalökonomie in Gestalt der Human Action auch für Leser jenseits des Ärmelkanals und des Atlantiks verfügbar ist, habe Ludwig von Mises das Denken etlicher angloamerikanischer Ökonomen beeinflusst, verändert und geprägt.

Die Lektüre der deutschen oder der englischen Fassung sei in keinem Fall ein Irrtum, ganz im Gegenteil führe sie geradewegs zur Erkenntnis der Bedeutung des Irrtums: Wer irrt, verliert, wer sich nicht irrt, gewinnt. Unternehmergewinn sei das Gegenteil des Irrtums, ein Verlust zeige ihn an. Gewinne und Verluste als das Ergebnis von richtig und falsch getroffenen Entscheidungen wiesen darauf hin, dass unternehmerisches Handeln das Unvorhersehbarste ist, was Marktwirtschaft zu bieten habe und woher ihre einzigartige Fähigkeit stamme, den Zuwachs an Erkenntnis aus dem permanenten Prozess von Versuch und Irrtum in Wohlstand für alle zu übersetzen. Bis dass der Staat ihn vernichtet – und alle wieder verarmen.

Folge 2 mit den Vorlesungen 7 bis 12 folgt in einer Woche am Freitag, dem 3. April 2020.

Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland: Eine Reise durch die Welt der Österreicher in 12 Schriften – Folge 1. Die dort zuerst veröffentlichte Originalfassung unterscheidet sich von der obigen Blogfassung nicht im Text, nur in der Bebilderung – hier ist zu jeder Vorlesung ein Bild des Referenten zu sehen, dafür fehlt das auf der Mises-Website veröffentlichte Schlussfoto mit dem Gruppenbild der Seminar-Teilnehmer.

Fotos © Dr. Rainer Bieling

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Hinweis: Die Folge 2 mit den Vorlesungen 7 bis 12 erschien am Sonntag, dem 5. April 2020, unter der Überschrift Die Österreichische Schule der Nationalökonomie vorgestellt in 12 Schriften – Folge 2 als Version der Berliner Freiheiten.


Sonntag, 23. Februar 2020

Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ 60 Jahre danach


Dem Initiator Reinhard Strecker widerfährt 2020 die späte Genugtuung der Anerkennung seiner Leistung von 1960


Vor 60 Jahren, am 23. Februar 1960, es war ein Dienstag, eröffnete unter dem Titel „Ungesühnte Nazijustiz“ in Berlin-Charlottenburg eine Ausstellung, deren Vernissage eigentlich in Berlin-Dahlem hätte stattfinden sollen: in den Räumlichkeiten der Freien Universität Berlin (FU Berlin). Denn es waren Studenten der FU Berlin, die diese Ausstellung vorbereitet hatten und sie an ihrer Universität zeigen wollten. Das untersagte der Rektor jedoch, und deshalb mussten die Initiatoren der Ausstellung, die allesamt dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) entweder angehörten oder ihm nahestanden, auf einen anderen Standort ausweichen.

Plakat der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“. Die Galerie Springer befand sich einst am Kurfürstendamm 16 in Berlin-Charlottenburg. Vom 23. Februar 1960 bis zum 4. März 1960 war dort laut Plakat elf Tage lang die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ zu sehen – laut Tageszeitung Der Kurier sogar genau zwei Wochen lang bis 7. März 1960. (Das Jahr 1960 war ein Schaltjahr mit einem 29. Februar.) Zeitzeugen bestätigen die Richtigkeit der Angabe einer 14-tägigen Ausstellungsdauer vom 23. Februar 1960 bis 7. März 1960.
Die Galerie Springer zog Ende der 1960er-Jahre in die nahegelegenen Fasanenstraße 13 um und schloss dort nach rund 30 Jahren 1998 ihre Pforten. Im selben Jahr 1998 zog die Springer & Winckler Galerie aus Frankfurter am Main nach Berlin „in die legendären Räume Rudolf Springers“ um: „Seit 2012 wird die Galerie von Heide und Robert Springer unter dem traditionsreichen Namen Galerie Springer Berlin geführt“, heißt es auf der Website der Galerie. 










Das war nicht einfach; denn der Rektor der FU Berlin hatte nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern auf massiven politischen Druck, den der Berliner Senat auf ihn ausgeübt hatte und auf jeden ausüben würde, der seine Räumlichkeiten der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ zur Verfügung stellte. Die Ausstellungsmacher um den Indogermanistik-Studenten Reinhard Strecker fanden schließlich jemanden, der sich einer Verhinderung der Ausstellung widersetzte: Rudolf Springer. Der Galerist stellte die Räume seiner Galerie Springer zur Verfügung, die sich damals am Kurfürstendamm 16 befanden, im Hinterhof des Gebäudes, das auf der Nordseite des Kudamms an der Ecke zur Joachimsthaler Straße lag, zwischen Café Kranzler und Gedächtniskirche, gleich neben dem damals so beliebten Kino Gloriapalast.

60 Jahre danach: In der Villa Oppenheim, dem Sitz des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf, erinnert die Veranstaltung „Ungesühnte Nazijustiz“. Geschichten einer Ausstellung am 19. Februar 2020 an die Eröffnung der legendären Ausstellung in der Galerie Springer am 23. Februar 1960. Am Pult Dr. Michael Kohlstruck, der Vortragsredner des Abends. Kohlstruck gehört zu den allerersten überhaupt, die in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre begannen, die außerparlamentarischen Aktivitäten der Jahre 1959 bis 1962 gegen die „Ungesühnte Nazijustiz“ wissenschaftlich zu untersuchen und ihre Erkenntnisse in akademischen Publikationen zu veröffentlichen.

Wie couragiert der Galerist Rudolf Springer mit seiner Entscheidung war, der unerwünschten Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ Domizil zu gewähren, wird im Nachhinein deutlich: Der Berliner Senat hatte sogar versucht, die Eigentümerin des Hauses zu bewegen, die Räumlichkeiten der Galerie Springer zu kündigen, um die Ausstellung zu verhindern. (Dies und vieles weitere Wissenswerte ist dem ausführlichen Wikipedia-Eintrag Ungesühnte Nazijustiz zu entnehmen. Dort ist nicht das oben gezeigte Ausstellungsplakat, sondern ein anderes abgebildet: Die „Ungesühnte Nazijustiz“ sollte im März 1960 noch ein zweites Mal in Berlin-Moabit, Stendaler Str. 5, zu sehen sein. Diese zweite Ausstellung ist weniger bekannt und stand auch unter keinem guten Stern: Am Montag, dem 21. März 1960, eröffnet, war sie bald weniger umfangreich als die erste in Berlin-Charlottenburg, weil kurz nach der Eröffnung Exponate, die noch in der Galerie Springer zu sehen waren, entfernt und für eine anschließende Ausstellung in die Niederlande verbracht wurden. Das damalige Kuddelmuddel beschreibt Stephan Alexander Glienke in seinem weiter unten zitierten Standardwerk Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962), Seiten 136ff.)

Wer war der Berliner Senat, diese Ausstellung zu verhindern, und was war 1960 so anstößig an der „Ungesühnten Nazijustiz“?

Im Rückblick nur schwer zu verstehen: Dem Senat von Berlin stand im Jahr 1960 Willy Brandt (SPD) als Regierender Bürgermeister vor, assistiert von Franz Amrehn (CDU) als Bürgermeister. Sozialdemokraten und Christdemokraten bildeten eine Große Koalition – ohne Opposition. Denn nur SPD und CDU waren im Abgeordnetenhaus von Berlin vertreten, seit die FDP bei der Wahl von 1958 an der Fünfprozenthürde gescheitert war. Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) hatte 1958 in Berlin (West) sogar die absolute Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhalten und hätte ohne Koalition mit der Christlich Demokratischen Union (CDU) allein regieren können. Kurz: In West-Berlin hatten damals Sozialdemokraten das Sagen. Und das sagten sie zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“:

Das Vorhaben sei ein „Akt öffentlicher Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen“, um das „Ansehen der Justiz als tragendem Pfeiler der öffentlichen Ordnung“ zu beschädigen. Alle beschuldigten Angehörigen der West-Berliner Justiz seien schon überprüft worden. Die Veranstalter hätten die Aufforderung zur Übergabe ihrer Unterlagen bisher nicht befolgt. [...] Die Veranstaltung falle dem Regierenden Bürgermeister Willy Brandt (SPD) in einer politisch schwierigen Zeit in den Rücken. Nachdem [...] die Ausstellung in der Galerie eröffnet worden war, forderte der Senat die West-Berliner Lehrer auf, sie nicht zu besuchen.
(Zitiert nach Wikipedia, die sich in diesem Absatz auf das Standardwerk von Stephan Alexander Glienke als Quelle stützt: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, erschienen 2008 im Nomos Verlag und weiterhin im Angebot.)

Wandtafel zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ im Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim, Schlossstraße 55, dort aufgenommen vor einer Abendveranstaltung über die Ausstellung am 19. Februar 2020 und noch zu sehen bis zum Ende der Berliner Schulferien am 19. April 2019. (Nachsatz vom 16. März 2020: Das Museum wird wie alle öffentlichen Kultureinrichtungen wegen der Corona-Pandemie bis 19. April 2020 geschlossen bleiben.)

Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“, deren Eröffnung sich am heutigen Sonntag, dem 23. Februar 2020, zum 60. Mal jährt, war acht Jahre vor Achtundsechzig ein erster Frontalangriff auf das damalige politische Establishment der Bundesrepublik Deutschland (CDU, FDP und SPD – in dieser Reihenfolge im Bund staatstragend), das sich auch 15 Jahre nach Kriegsende noch dagegen wehrte, die Staatsverbrechen der Jahre 1933 bis 1945 gerichtlich zu ahnden und die dafür Verantwortlichen, die nach wie vor zu Tausenden als Verwaltungsjuristen und Richter im Staatsdienst tätig waren, zur Rechenschaft zu ziehen.

Einhundert dieser Staatsdiener griff die von Reinhard Strecker kuratierte und vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) kommunizierte Ausstellung namentlich an. Die SPD, deren Studentenverband der SDS 1960 noch war, denunzierte die Ausstellung als DDR-gesteuert, versuchte sie mit allen Mitteln zu verhindern und rächte sich, nachdem ihr dies misslang, im Folgejahr: 1961 fasste die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss und schloss SDS-Mitglieder und -Sympathisanten aus der Partei aus. Es ist dies die gleiche Sozialdemokratische Partei Deutschlands, die in ihrer aktuellen Kampagne vom Februar 2020 unter dem Slogan „Für uns gilt seit 156 Jahren: Kein Fußbreit dem Faschismus!“ auf ihrer Parteiwebsite Mitglieder wirbt.

Für die SPD des Jahres 1960 allerdings war „antifaschistische Aufklärungsarbeit“ (so würdigte die SPD Reinhard Streckers Engagement nachträglich im Jahr 2015) ein Ausschlussgrund aus der Partei. So hatte die SPD Ende 1959, gleich nach der Premiere der Ausstellung „Ungesühnter Nazijustiz“ in Karlsruhe (unten mehr dazu), die an dieser ersten Schau vom 27. November 1959 beteiligten SPD-Mitglieder aus der Partei ausgeschlossen. (Dieser Ausschluss betraf die Karlsruher SDSler, die zugleich SPD-Mitglieder waren, nicht den Berliner Reinhard Strecker, der Ende 1959 noch kein SPD-Mitglied war. Erst mit Wirkung vom 1. Januar 1960 trat er zu Beginn des Jahres der Partei bei, wie der Berliner Historiker Siegfried Heimann 2017 in seinem Aufsatz Reinhard Streckers Kampf gegen die „willfährigen Diener“ klarstellte.) Anstoß nahmen Willy Brandts Sozialdemokraten 1960 an der Tatsache, dass Vertreter ihres Studentenverbands es gewagt hatten, auch in Ländern des Ostblocks auf Quellensuche nach Dokumenten zu gehen. So war Reinhard Strecker nach Warschau gereist, um in dortigen Archiven zu suchen, und er hatte sich auch Unterlagen in Ost-Berlin besorgt, das damals noch ohne Mauer nur eine S-Bahnstation entfernt lag.

Eine Studentengruppe von Mitgliedern und Sympathisanten des SDS an der FU Berlin prüfte alle Ost-Dokumente sorgfältig, zu ihnen gehörte auch die spätere Mitgründerin des Kinos Arsenal, Erika Gregor. (Im Perlentaucher beleuchtete ich dessen Namensgebung im November 2017.) Tatsächlich bestätigte Generalbundesanwalt Max Güde bereits 1960 die Echtheit aller einhundert Fälle von „Ungesühnter Nazijustiz“. Die Umdeutung dieser „antifaschistischen Aufklärungsarbeit“ (SPD 2015) als „Agitation zugunsten sowjetzonaler Stellen“ (SPD 1960) erwies sich schon zu ihrer Zeit als haltlos. Sie stigmatisierte den Initiator jedoch nachhaltig, was auch deshalb leicht möglich war, weil die DDR-Propaganda die „Ungesühnte Nazijustiz“ politisch instrumentalisierte, erst recht in den Jahren nach dem Mauerbau, nicht zuletzt mit dem Braunbuch: Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik von 1965. Heute, da Deutschland nicht mehr zwei verfeindete Establishments hat, sondern nur noch ein sich einiges, liegen Instrumentalisierung der einen und Stigmatisierung der anderen in einer Hand.

Nach einem Vortrag aus Anlass des 60. Jahrestages der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ in Berlin-Charlottenburg: Reinhard Strecker (Mitte), der Initiator der legendären Ausstellung, Michael Kohlstruck, der Vortragsredner des Abends und Dozent am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin, und Heike Hartmann, die Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim. Dort fand die Veranstaltung zur Erinnerung an die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 19. Februar 2020 statt.





Den 60. Jahrestag dieser folgenreichen Ausstellung nahm das Museum Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim nun zum Anlass einer Abendveranstaltung zur Erinnerung an die Ausstellung von 1960 und zur Würdigung ihres Spiritus Rectors Reinhard Strecker. Michael Kohlstruck, der Redner am Abend des 19. Februars 2020, gab seinem Vortrag den Titel „Ungesühnte Nazijustiz“. Geschichten einer Ausstellung und erinnerte an das Hin und Her, das der Eröffnung der legendären Ausstellung in der Galerie Springer am 23. Februar 1960 vorausgegangen war.

Es war eine sehr gut besuchte Abendveranstaltung, voll bis auf den letzten Platz, und am Ende verabschiedete das Publikum Reinhard Strecker mit großem Applaus. Dr. Michael Kohlstruck sprach 52 Minuten über die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ – ein ganz ausgezeichneter Vortrag, der das Wirken Reinhard Streckers und die Wirkung der Ausstellung und der begleitenden Aktivitäten anschaulich nachzeichnete. Er schloss mit der Erwähnung der späten Würdigung und Anerkennung, die Reinhard Strecker in den letzten Jahren zuteil wurde – 55 Jahre nach der heftig angefeindeten Ausstellung hatte er 2015 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

Anschließend moderierte die Leiterin des Museums, Heike Hartmann, eine etwa 20-minütige Publikumsdiskussion, bei der auch Reinhard Strecker das Wort ergriff und die Wirkung der Ausstellung unterstrich. Im Eingangsbereich der Villa Oppenheim befindet sich zudem noch bis zum 19. April 2020 eine Wandtafel mit Bildern und Informationstexten zur Ausstellung, die seinerzeit – dem faksimilierten (und oben abgebildeten) Veranstaltungsplakat zufolge – elf Tage lang vom 23. Februar bis zum 4. März 1960 in der Galerie Springer am Kurfürstendamm zu sehen war. (Das Jahr 1960 war ein Schaltjahr mit einem 29. Februar.) Tatsächlich dauerte die Ausstellung genau 14 Tage von Dienstag, dem 23. Februar 1960, bis zum Montag, dem 7. März 1960. Das bestätigen Zeitzeugen, worauf auch der erwähnte Eintrag auf Wikipedia hinweist:

Die Berliner Tageszeitungen berichten am 24. Februar 1960 von der Eröffnung am Vortag, so Der Kurier in einem namentlich gezeichneten Beitrag von Dr. Erika Altgelt: „Die Schau wurde gestern eröffnet. Sie ist bis zum 7. März mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 22 Uhr geöffnet, an den anderen Tagen von 10 bis 17 Uhr. Selbstverständlich ist der Eintritt frei.“

Der freie Eintritt war den Initiatoren wichtig; denn „selbstverständlich“ wäre der Eintritt auch frei gewesen, hätten sie ihre Ausstellung wie ursprünglich vorgesehen in den Räumlichkeiten der Freien Universität Berlin zeigen können. Kein Nachfolger des damaligen Rektors der FU Berlin hat je zu dem Kotau vor dem Berliner Senat Stellung bezogen, die geplante Ausstellung auf dessen Betreiben in seinen Räumlichkeiten zu untersagen. (Als Alumnus dieser meiner Universität erkenne ich hier etwas, das fehlt, akademisch gesprochen ein Desiderat der Erinnerungskultur.)

Ein Nachfolger Willy Brandts indes hat sich im Namen der deutschen Sozialdemokratie gegenüber Reinhard Strecker erklärt: Sigmar Gabriel. Als er Bundesvorsitzender der SPD war, schrieb er am 17. Oktober 2014 einen persönlichen Brief an den zu Brandt-Zeiten als „bekanntlich im Dienste Pankows“ stehend gebrandmarkten Initiator der Ausstellung und sprach ihm „in der Nachbetrachtung“ Dank „und den höchsten Respekt“ für sein „Engagement gegen Vergessen“ aus. Den Worten des Vorsitzenden folgte im August 2015 die Tat: Bundespräsident Joachim Gauck zeichnete Reinhard Strecker mit dem Bundesverdienstkreuz aus. Bundesjustizminister Heiko Maas begründete die Verleihung des Verdienstkreuzes am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland:

Mit seiner legendären Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ hat Reinhard Strecker 1959 in privater Initiative das getan, was die westdeutsche Nachkriegsjustiz viel zu lange versäumt hat: die Täter in den eigenen Reihen zu ermitteln und anzuklagen.

Während der Nazi-Diktatur haben unzählige Richter und Staatsanwälte an der Entrechtung, Verfolgung und Ermordung von Unschuldigen mitgewirkt. Die große Mehrheit von ihnen wurde dafür niemals zur Rechenschaft gezogen und konnte ab 1949 ihre Karriere in der jungen Bundesrepublik nahtlos fortsetzen.

Reinhard Strecker hat für sein Engagement viele Anfeindungen erlitten und Hass ertragen müssen. Dieser Orden ist ein spätes Anerkennen seiner wichtigen Arbeit.
(Quelle: Website der SPD Tempelhof-Schöneberg, deren Mitglied Reinhard Strecker seit 60 Jahren ist.)

Das Jahr 1959 bezieht sich auf die Premiere der Ausstellung: Die „Ungesühnte Nazijustiz“ war zuerst am 27. November 1959 in Karlsruhe zu sehen, dem Sitz des Bundesverfassungsgerichts. Am 27. November 2019 würdigte die Stadt Karlsruhe das Jubiläum mit der Veranstaltung Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ vor 60 Jahren in Karlsruhe und einem Vortrag von Dr. Stephan Alexander Glienke, dem Autor des oben genannten Standardwerks zur Geschichte dieser Ausstellung.

Es war dieses Jahr 1959, das zu guter Letzt auch die Berliner SPD 60 Jahre später zum Anlass nahm, Reinhard Strecker im Jahr 2019 mit der Ehrenurkunde des SPD Landesverbands Berlin zu würdigen: In dessen Namen dankte der Landesvorsitzende Michael Müller am 26. Oktober 2019 Reinhard Strecker „für sein besonderes Engagement als Initiator der historischen Ausstellung ‘Ungesühnte Nazijustiz’“. So schließt sich nach 60 Jahren ein Kreis, der so viele Anfeindungen sah und so viele Verletzungen einschloss.

Reinhard Strecker ergreift das Wort. Aufgenommen in der Villa Oppenheim bei der Diskussion nach dem Vortrag aus Anlass des 60. Jahrestages der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 19. Februar 2020.



Was für ein Glück, dass der 1930 Geborene und spät Geehrte in seinem 90. Lebensjahr die Genugtuung erlebt, vor 60 Jahren das Richtige gesagt und getan zu haben.

Alle Fotos vom 19. Februar 2020 © Dr. Rainer Bieling

Lektürehinweise

Zur Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ und zur Person Reinhard Strecker gibt es zwei Bücher, beide noch im Buchhandel erhältlich:

• Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen. Nomos, Baden-Baden 2008. 350 Seiten, 59 Euro.

• Gottfried Oy, Christoph Schneider: Die Schärfe der Konkretion. Reinhard Strecker, 1968 und der Nationalsozialismus in der bundesdeutschen Historiografie. Westfälisches Dampfboot, Münster 2013, 2. korrigierte Auflage 2014. 250 Seiten, 24,90 Euro.

Ferner gab es aus Anlass der 60. Wiederkehr der Eröffnung der Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ am 23. Februar 1960 eine Würdigung dieses Ereignisses aus der Feder der Historikerin Sabine Lueken; sie erschien unter dem Titel Lehrer durften nicht hingehen in der Wochenendausgabe der Tageszeitung junge Welt vom 22. und 23. Februar 2020 auf Seite 11 und ist für Leser der Berliner Freiheiten hier online verfügbar.


Freitag, 8. November 2019

Angriff auf die freie Marktwirtschaft



Die Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Instituts Deutschland 2019 versuchte, die stimmgewaltigen Solisten der Gegenwart besser zu verstehen: die neuen Sozialisten.

Vorbemerkung Der nun folgende Beitrag erschien am 7. November 2019 unter dieser Überschrift im Online-Magazin AnlegerPlus News #11, dem monatlichen Newsletter für Kapitalanleger, den die SdK – Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. herausgibt. Darin berichte ich von der Münchener Ludwig von Mises Konferenz, die am 19. Oktober 2019 im Hotel Bayerischer Hof stattfand. 

Andreas Marquart, Vorstand des Ludwig von Mises Instituts Deutschland und Autor des Erklärbuchs „Crashkurs Geld“, begrüßt die Gäste zur Jahreskonferenz am 19. Oktober 2019 in München.




30 Jahre nach dem Scheitern des real existierenden Sozialismus im damaligen Ostblock sehen einige Wirtschaftswissenschaftler eine neue Welle sozialistischen Denkens heraufziehen, dieses Mal allerdings in den Demokratien des Westens.

Die Jahreskonferenz des Ludwig von Mises Instituts Deutschland 2019 versuchte deshalb im Oktober in München, die tonangebenden Interventionisten der Gegenwart zu identifizieren. Unter der Überschrift „Logik versus Emotion. Warum die Welt ist, wie sie ist“ verbarg sich ein Tagungsthema, das den Nerv der Konferenzbesucher traf: woher der forcierte Angriff auf die freie Marktwirtschaft kommt, wie er funktioniert und wie sich parieren lässt.

Mit dem Namen Ludwig von Mises verbindet sich eine Denkrichtung der Wirtschaftswissenschaften, die im letzten Jahrzehnt unter dem Namen Österreichische Schule auch in ihren deutschsprachigen Herkunftsländern wieder mehr Beachtung findet. Vor allem an den Debatten um Eurorettung und Nullzinspolitik nehmen die an Mises geschulten Volkswirte seit 2012 regen Anteil und weisen auf die Schäden hin, die das staatliche Geldmonopol anrichtet. Für Kapitalanleger ist die Kenntnisnahme solcherart grundsätzlicher Kritik hilfreich, das große Bild besser zu erkennen.

Emotion versus Logik Gleich eingangs der Tagung sprach ein Psychologe und Therapeut, der heute sein Geld als bildender Künstler und Buchautor verdient: Raymond Unger. Anlass der Einladung zur Konferenz war sein Buch „Die Wiedergutmacher. Das Nachkriegstrauma und die Flüchtlingsdebatte“. Darin befasst sich Unger mit der als „Willkommenskultur“ bekannten Reaktion der Babyboomer-Generation auf die Zuwanderungswelle von 2015.

In seinem Vortrag vertrat er die These, dass die Babyboomer die heutigen Mittfünfziger seien, deren Eltern traumatisiert aus dem Zweiten Weltkrieg kamen, den sie als Kinder erlebt und erlitten hatten. Mit diesen Kriegskindern beginne eine Spirale „transgenerationaler Weitergabe“ von Schuld, die Erlösung nur finde, wenn der vermeintlich Schuldige sich zur Schuld der Vorfahren und Vorvorfahren bekenne. Und die wolle er nicht nur passiv bekennen, sondern aktiv wiedergutmachen.

Die Überführung der Automobilindustrie in Kollektiveigentum werde so am Ende ein Akt der Wiedergutmachung für „Klimasünden“. Kurz: Die psychologische Seite der neuen deutschen Rettung von allem und jedem, des Euros, der Flüchtlinge, des Klimas, sei stärker in den Blick zu nehmen; denn sie erkläre einen Hypermoralismus, der gegen jeden Einwand immun ist: Emotion versus Logik.

Logik versus Emotion Für die Umkehrung, Logik versus Emotion, das Tagungsmotto wörtlich nehmend, sprach sich Rolf W. Puster aus und gab dem Auditorium damit eine harte Nuss zu knacken. Der Professor für Philosophie ist spezialisiert auf die erkenntnistheoretische Grundierung der von Mises selbst so genannten Praxeologie, der Wissenschaft vom Denken und Handeln aller Wirtschaftssubjekte.

In seinem Vortrag machte der Referent auf den Kunstgriff aufmerksam, das Gewünschte und das Gewollte zu vermischen: Jeder wünsche sich reine Luft, aber nur wenige wollten dieses Ziel mittels CO2-Verminderung erreichen. Die Gegner dieses Wollens ließen sich moralisch leicht diskreditieren, weil sie gegen etwas von allen Gewünschtes seien – und müssten obendrein die Kosten dieses Wollens der Wenigen zahlen. Die „Klimaschützer“ schlügen zwei Fliegen mit einer Klappe.

Die fünf Referenten der Mises Konferenz 2019 stellen sich den Fragen des Auditoriums (v.l.n.r.): Rolf W. Puster, Thorsten Polleit, Raymond Unger, Philipp Bagus, Antony P. Mueller.

Anschließend erklärte Antony P. Mueller, Professor der Volkswirtschaftslehre an der brasilianischen Bundesuniversität UFS, dass sich das neue sozialistische Projekt in allen Punkten auf das Kommunistische Manifest zurückverfolgen lasse, in dem Karl Marx und Friedrich Engels bereits 1848 für die Abschaffung des Privateigentums, der Familie, der Nationalität („Arbeiter haben kein Vaterland“) und den Bruch mit allen überlieferten Ideen plädierten – um „alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren“.

Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaft an der Universidad Rey Juan Carlos in Madrid, analysierte in seinem Vortrag das Paradox, dass sich nach jedem Scheitern eines sozialistischen Experiments stets aufs Neue eine Bewegung formiere, die zum x-ten Mal das Heil in der Verstaatlichung verkündet. „Dieses Mal wird alles anders“, so gehe die Begründung; denn die Gescheiterten hätten ja keinen echten, nicht den wahren Sozialismus verfochten. Der Sozialismus – das ewige Stehaufmännchen.

Drei-Punkte-Plan Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa und Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth, knüpfte genau hier als letzter Referent an: Für sozialistische Katastrophen gebe es kein „Nie wieder“. Niemand sollte sich deshalb in Sicherheit wiegen. Also handeln, aber wie? Sein Drei-Punkte-Vorschlag lautet: erstens Entmachten der Soziopathen; zweitens den Sozialismus als „gemeingefährliche Ideologie“ brandmarken; drittens argumentative Selbstverteidigung, die promarktwirtschaftliche Aufklärungsarbeit leistet und dabei die Kontroverse nicht scheut.

Für Kapitalanleger verheiße der neue Sozialismus nichts Gutes. Darauf aufmerksam zu machen, war ein Anliegen der Tagung, Ermutigung zum Widerspruch ein zweites. 30 Jahre nach dem Ende der DDR komme der Sozialismus diesmal auf Samtpfoten daher: demokratisch, gendergerecht, diskriminierungsfrei, klimafreundlich. Ein wenig Mises soll helfen, die Tatzen des Räubers zu erkennen.

Quelle Online-Magazin AnlegerPlus News #11 vom 7. November 2019, Seiten 18-19. Hier als PDF zum Ansehen, Blättern, Herunterladen und Speichern.

Und zu guter Letzt noch als Zugabe das Abschiedsfoto:

Nach der Konferenz ein Erinnerungsfoto (v.l.n.r.): Andreas Marquart, Rolf. W. Puster, Raymond Unger, Philipp Bagus, Antony P. Mueller, Thorsten Polleit. | Alle Fotos © Dr. Rainer Bieling












Mittwoch, 3. Juli 2019

„Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“ – eine Ausstellung auf dem Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses


Berlin, 3. Juli 2019, vormittags um 10 Uhr bei 18 °C und ziemlich frisch: Eröffnung der Ausstellung „Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“ auf dem Vorplatz des Berliner Abgeordnetenhauses, Niederkirchnerstraße 5, direkt gegenüber vom Martin-Gropius-Bau. Getragen von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und dem Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, präsentiert vom Präsidenten des Berliner Abgeordnetenhauses, zeigt die Ausstellung auf 20 Tafeln, was vor 30 Jahren im Osten Deutschlands geschah, als dieser noch als deutsche Demokratische Republik firmierte und der Vorplatz des heutigen Abgeordnetenhauses grenznahes Sperrgebiet war.

Ausstellung und Aufstellung im Freien. Im Hintergrund der Martin-Gropius-Bau





















In der Ankündigung der Bundesstiftung Aufarbeitung hieß es (ergänzt mit meiner Positionsbestimmung auf den Fotos): „Aus Anlass der Ausstellungseröffnung findet eine von Zsuzsa Breier (Mitte) moderierte Gesprächsrunde statt, an der der Präsident des Abgeordnetenhauses Ralf Wieland (links neben ihr), der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Rainer Eppelmann (rechts neben ihr), der Beauftragte der Bundesregierung Staatssekretär Christian Hirte (ganz links in Gestalt seiner Vertreterin) und der Autor der Ausstellung Ulrich Mählert (ganz rechts) teilnehmen werden.“ (Hinweis: auf die Fotos klicken und sie zum besseren Betrachten vergrößern.)

Ulrich Mählert erläutert die Idee. Er ist Kurator und Autor der Ausstellung.





















Die Moderatorin Zsuzsa Breier, einstmals ungarische Diplomatin, später deutsche Staatssekretärin, nunmehr freie Autorin, befragt ihre vier Gesprächspartner nach deren persönlichen Erlebnissen und ihrer politischen Beurteilung der damaligen Vorgänge und siehe da: Der Titel der Ausstellung erweist sich als Statement – die „Friedliche Revolution“ groß geschrieben und die „deutsche Einheit“ klein. Friedliche Revolution als Selbstdemokratisierung, ohne die eine deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 gar nicht möglich gewesen wäre. Darauf macht vor allem Rainer Eppelmann aufmerksam, der 1989 einer der Aktivisten der Bürgerbewegung war.

Szusza Breier und Rainer Eppelmann. Hinter ihnen Tafel 14: Triumph.





















Diese Selbstdemokratisierung begann am Sonntag, dem 7. Mai 1989, als Bürgerrechtler allerorten die Fälschung der DDR-Kommunalwahlen aufdeckten, kam in Fahrt am Montag, dem 4. September 1989, als Bürgerinitiativen in Leipzig erstmals „Für ein offenes Land mit freien Menschen“ demonstrierten, und war nicht mehr zu bremsen, nachdem am Montag nach den Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der DDR, dem 9. Oktober 1989, 70 000 Bürgerinnen und Bürger in Leipzig auf die Straße gingen und sich für eine Nacht Freiheiten herausnahmen, die sie künftig jeden Tag genießen wollten.

Zum Schluss spricht Gastgeber Ralf Wieland – und die Sonne lacht.

Vier Wochen später, am 9. November 1989, fiel die Mauer. Die Selbstdemokratisierung der DDR endete neun Monate später mit dem Beschluss der Volkskammer vom 23. August 1990, die DDR werde der Bundesrepublik Deutschland gemäß Artikel 23 des Grundgesetzes zum 3. Oktober 1990 beitreten. Die Ausstellung „Von der Friedlichen Revolution zur deutschen Einheit“ zeigt die Etappen dieser Friedlichen Revolution auf 18 Tafeln, die 20. und letzte Tafel endet mit der deutschen Einheit. Die 1. Tafel ist das Titelbild der Ausstellung, die bis 7. September 2019 vor dem Berliner Abgeordnetenhaus open air zu sehen sein wird.

Tafel 1 der Ausstellung mit dem Berliner Abgeordnetenhaus im Hintergrund.




















Hinweis: Die Schau umfasst 20 Tafeln, die als Poster-Set im Format DIN A1 vorliegen. Sie präsentiert über 100 zeithistorische Fotos und Dokumente. QR-Codes verlinken zu 18 Videointerviews mit Akteurinnen und Akteuren der Friedlichen Revolution, die auf der Webseite https://zeitzeugen-portal.de zu finden sind.  Quelle: https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/von-der-friedlichen-revolution-zur-deutschen-einheit-7110.html

Im Morgenlicht ist das Blau der Ausstellung schon von weitem gut zu erkennen.


















Zu guter Letzt: Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer macht hier auf die gemeinsam organisierte Ausstellung aufmerksam: https://www.beauftragter-neue-laender.de/BNL/Redaktion/DE/Kurzmeldungen/Nachrichten/2019/2019-06-19-wendejahre-1989-und-1990-im-mittelpunkt-neuer-open-air-ausstellung.html


Samstag, 1. Juni 2019

Eine Kundgebung für Israel findet große Medienresonanz


Berlin, 1. Juni 2019, gegen 16 Uhr: Für einen kurzen Augenblick standen sie sich gegenüber, die überwiegend arabischen Teilnehmer der antiisraelischen Demonstration auf der einen Seite des Kurfürstendamms, Höhe Schlüterstraße, und die überwiegend deutschen Teilnehmer der Gegenkundgebung „Kein Islamismus und Antisemitismus in Berlin – Gegen den Quds-Marsch“ auf dem gegenüberliegenden George-Grosz-Platz.

Von jeweils rund 900 Teilnehmern würde später die Rede in den Abendnachrichten sein, die prominent über den Al-Quds-Marsch und die Gegendemo berichteten:

19 Uhr heute Journal: an zweiter Stelle,
19.10 Uhr arte Journal: an zweiter Stelle,
19.30 Uhr rbb-Abendschau: an erster Stelle,
20 Uhr Tagesschau: an erster Stelle.

Ich kann mich nicht erinnern, jemals in den letzten 50 Jahren mit so wenigen Demonstranten so viel Aufmerksamkeit in den Staatsmedien erreicht zu haben. Das Foto entstand kurz vor 17 Uhr auf dem George-Grosz-Platz. Zu der Zeit waren die Al-Quds-Demonstranten schon zu ihrem Kundgebungsort weiter oben am Ku’damm abgezogen.

Kundgebung auf dem George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm in Berlin.