Dienstag, 6. Oktober 2009

Schöne alte Welt


Die Linke ist Vorhut einer virtuellen DDR und deshalb geht sie mir ja schon lange auf den Keks, wie hier auf dieser Seite verstreut, aber regelmäßig nachzulesen ist. (Links in der Randspalte gibt es weiter unten die Rubrik Labels, die das Auffinden von Inhalten durch Anklicken von Namen und Themen ungemein erleichtert). Nun hat DIE WELT meinen Essay über Die Linke und ihre virtuelle DDR unter dem Titel Schöne alte Welt veröffentlicht und zwar passgenau am 2. Oktober 2009, dem Vorabend des 19. Jahrestags der Deutschen Einheit. Der Aufsatz ist nach guter neuer WELT-Sitte gleichzeitig online erschienen (Abbildung rechts, lässt sich durch Klicken vergrößern) und hier nachzulesen.

Heute ist in der WELT ONLINE ein Leserbrief von Friedbert Groß zu dem Essay erschienen, den ich gern zitiere, weil er eine treffende Schlussfolgerung aus meinem Text zieht, nämlich den Menschen nicht länger "einzureden, dass mit dem Verschwinden der kommunistischen Diktatur die Ostdeutschen ihrer Lebensleistung beraubt würden". Den Satz lege ich besonders Herrn Thierse ans Herz, der sich neulich bei Anne Will (siehe unten Eintrag vom 23. Mai) wie ein Aal wandt, der das Wort Unrechtsstaat nicht ausspucken wollte.

Mit Interesse und großer Zustimmung habe ich den Essay von Rainer Bieling über die geistige, mentale Situation nach der so genannten friedlichen Revolution und die Rolle, die die alten DDR-Eliten dabei spielen, gelesen. Für bemerkenswert halte ich, dass eine westdeutsche Persönlichkeit, die 1990 eine leitende Position in einer ostdeutschen Zeitschrift übernahm, kritisch auf ihre Tätigkeit zurückblickt, ja dabei nachwirkende Versäumnisse einräumt. Deswegen zolle ich dem Verfasser Respekt.

Auch wenn die beschriebene Entwicklung mehr oder weniger für alle gesellschaftlichen Felder gilt, wiegen die Defizite im Bereich der Medien besonders schwer, weil, statt Zuversicht und Aufbruchsstimmung zu befördern, oft die alten Ressentiments der Klassenkampfideologie geschürt wurden. Am Beispiel einer Zeitschriftenredaktion macht Rainer Bieling deutlich, wie auch in anderen Medien – ich denke hier vor allem an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – unter den (wegschauenden) Augen der aus dem Westen kommenden Führungskräfte die SED–PDS ihre Strategie realisierte, nämlich den Menschen einzureden, dass mit dem Verschwinden der kommunistischen Diktatur die Ostdeutschen ihrer Lebensleistung beraubt würden. Gewiss, das Versäumte lässt sich nicht einholen. Aber auch dieses Kapitel der jüngsten deutschen Geschichte bedarf dringend der Aufarbeitung.

2 Kommentare:

  1. Hans-Joachim Neumann hat mir die folgende, sehr erhellende Anmerkung zu meinem WELT-Essay gemailt, die ich mit seinem Einverständnis hier wiedergebe:

    Das unentwegte erpresserische Beklagen von "Defiziten" und deren Ausgleich trennt Ost und West nicht, sondern ist ihnen gemein. Alle Umfragen besagen, dass der Begriff "Freiheit" in ganz Deutschland massiv in Misskredit geraten, die "Gerechtigkeit" dagegen glorios aufgestiegen ist. Freiheit aber ist vor allem ein Schutzkonzept des Individuums gegen die Obrigkeit, die Gerechtigkeit dagegen wird von der Obrigkeit mittels Gesetzen gegen die Gesamtheit durchgesetzt. Seit langem schon habe ich den Verdacht, dass hier die altdeutsche Autoritäts- und Staatsgläubigkeit im Gewand eines moralisch-ökonomischen Diskurses wieder auflebt.

    Die von allen Westparteien seit Jahrzehnten immer mehr kultivierte Forderung nach "Umverteilung", also nach mehr staatsgesteuerter "gerechter Gleichheit", hat das Feld dafür bereitet und mit der Übernahme der DDR ihre Apotheose erreicht. In ihren besseren Zeiten haben die Parteien realistischen Sinnes noch gewusst, dass man das mit der Gerechtigkeit nicht überdrehen darf. Doch jetzt wirft namentlich die heillos abgestürzte SPD allen gesellschaftlichen Realismus über Bord. Helfen wird es nicht. Gegen die Chuzpe der Linken, im letzten Wahlkampf mit den Parole "Reichtum für alle" und zugleich "Reichtum stärker besteuern" anzutreten, ist kein Kraut gewachsen. Denn das ist die höchste Gerechtigkeit: für alle das Gleiche und zugleich für alle auch das glatte Gegenteil davon.

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  2. Großartig! Ich stimme Dir in allem zu. Dein Text kommt wie ein weißer Rabe in die vermiefte Debatte geflattert aus faulem Mitleid (West) und auftrumpfender Datschen-Maulerei (Ost). Irgendwie: Wir sind ein ängstliches und hinterhältiges Volk. Nicht ungefährlich.

    Danke für die stilistische Sicherheit aus Argument, Polemik und Bekenntnis.

    Gruß RS

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