Freitag, 3. Dezember 2010

Hannah-Arendt-Preis 2010 oder Die Enteignung einer Namensgeberin

Dokumentiert ein Gesicht des Totalitären: Topografie des Terrors

Der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken geht heute in Bremen an den französischen Sinologen François Jullien. Aber ob dieser Preis dem Anliegen der Namensgeberin gerecht wird, wage ich doch zu bezweifeln. Nicht nur ist mir der Laudator Joscha Schmierer als alter KBW-Häuptling suspekt, auch der Ausgezeichnete, François Jullien, ist mir als großer China-Versteher ebenso verdächtig wie sein Verleger Merve Verlag, der einst jede Wendung der orientierungslosen Neuen Linken mit- oder öfter noch vorgemacht hat (auch wenn mir das Verlegerpaar Heidi Paris und Peter Gente seinerzeit immer sehr sympathisch war). Tja, und die Böll-Stiftung als grüner Thinktank ist eher genau so Lost in Interpretation wie ihr Namensgeber Heinrich Böll, der mir nicht als eindeutiger Vorkämpfer gegen das Totalitäre in Erinnerung geblieben ist, sondern als eindeutig Zweideutiger gegenüber RAF und russischen Raketen. (Allerdings hatte er sich für sowjetische Dissidenten eingesetzt, das rechne ich ihm hoch an.)

Das Totalitäre hat viele Gesichter (im Bild sehen wir die Berliner Topographie des Terrors, die eines dieser Gesichter dokumentiert, im frühen Schnee des 2. Dezembers 2010) und lässt sich auf der nach oben hin offenen Massenvernichtungsskala der Staatsverbrechen vielfältig skalieren. Die Begründung der Jury hat mit einem Versuch des Skalierens der chinesischen Spielart des Totalitären und somit mit der Hannah Arendt, die ich kenne, eigentlich rein gar nichts zu tun. Und der Hannah-Arendt-Preis nur in seltenen Fällen wie dem der Verleihung an die frühere Präsidentin Lettlands, Vaira Vīķe-Freiberga, die 2005 eine gute Wahl war. Ich habe sie unlängst in der Gedenkstätte Hohenschönhausen beim 3. Hohenschönhausen-Forum kennengelernt - eine unerschrockene Frau, die zu Recht in einem Atemzug mit Hannah Arendt zu nennen ist. Alles, was ich 2010 lese, läuft auf die Enteignung Hannah Arendts hinaus.
 
Postcriptum vom 4. Dezember 2010: In Dresden gibt es ein Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT). Dort wurde Ende November 2010 ein Stasi-Spitzel enttarnt und entfernt. Das hat einen Autor der Tageszeitung Die Welt veranlasst, am 30. November 2010 eine Schließung des Instituts und die Abkehr vom Begriff des Totalitären zu fordern. Zwei Tage später, am 2. Dezember 2010, stellt Welt-Herausgeber Thomas Schmid klar, warum er beides für keine gute Idee hält. Ersteres kann ich nicht beurteilen, letzteres wohl. Den Kampf gegen den Begriff des Totalitären führt die Linke, so lange ich denken kann - die Neue Linke seit 1968 eingerechnet. Im Geist totalitärer Anmaßung, der die Enteignung folgt (siehe oben), pflügen alte und neue Linke vor unseren Augen das intellektuelle Vermächtnis Hannah Arendts unter, und sie werden damit durchkommen, solange ihnen keiner in der Arm fällt. Thomas Schmid tut das, und das tut gut.
 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen