Für mich ein Doppel-Jubiläum: Vor 30 Jahren, im Dezember 1990, wurde ich Chefredakteur dieser ältesten deutschen Zeitschrift.
Es war vor 30 Jahren, im Dezember 1990, da übernahm ich die Chefredaktion von Guter Rat, einem der damals zahlreichen DDR-Magazine, deren Verlag im Verlauf des Jahres 1990 im Zuge der Wiedervereinigung von einem Westverlag gekauft worden war. Guter Rat gehörte neben der Frauenzeitschrift Sibylle zum Portfolio des Leipziger Verlags für die Frau, den die Nürnberger Gong-Sebaldus Verlagsgruppe erworben hatte. Die Nürnberger kooperierten in der Zeit mit dem Münchener Burda Verlag, der mich von meiner Tätigkeit für sein Wirtschaftsmagazin Forbes freistellte, damit ich nach Berlin zurückkehren und die Leitung des Verbrauchermagazins Guter Rat übernehmen konnte.
Das war eine kluge Entscheidung; denn unter den vielen Westdeutschen, damals „Wessis“ genannt, die ein DDR-Magazin übernahmen, war ich – zwar durch meinen Job bei Burda bedingt auch aus Westdeutschland, nämlich München, kommend – der einzige gebürtige West-Berliner und, wie sich bald erweisen sollte, auch der einzige Westler mit Ostkompetenz. Nicht nur, weil ein Teil der Bieling-Familie in Ost-Berlin und Umgebung lebte und mir bei Besuchen die Sinnlosigkeit des Sozialismus ein aufs andere Mal vor Augen geführt hatte; auch in meiner Zeit beim West-Berliner Stadtmagazin Zitty in den 1980er-Jahren hatte ich vielerlei Kontakte nach drüben, darunter einige aus dem Kreis der Prenzlauer-Berg-Szene, die tief in die Seele der vom SED-Staat schikanierten DDR-Bürger blicken ließen.
Die Westdeutschen hingegen, damals bald „Besserwessis“ genannt, die als Chefredakteure nun einstige DDR-Blätter führten, hatten vom Osten keine Ahnung und fuhren ihre Monatsmagazine und Wochenzeitschriften alsbald an die Wand. So kam es, dass Guter Rat als einzige Zeitschrift von wirtschaftlicher Bedeutung die Wiedervereinigung überlebte, neue Leser und Anzeigenkunden hinzugewann und als Verbrauchermagazin alsbald das Wirtschaftsmedium mit der größten Reichweite in Deutschland wurde. Daraufhin war der Verlag im Jahr 1997 bereit, Guter Rat auch in den Alten Bundesländern einzuführen. So kam es, dass es Guter Rat als einzige Zeitschrift von wirtschaftlicher Bedeutung schaffte, ein gesamtdeutsches Magazin zu werden – und es zu bleiben.
Auch 30 Jahre nach dem Beginn meines Wirkens für Guter Rat existiert die Zeitschrift noch, gehört seit 2002 zum Burda Verlag, der mich einst als Chefredakteur entsandt hatte, und beschäftig noch drei der Redakteure, die ich in den Jahren 1990 bis 1998 für das Blatt gewonnen hatte. Heute hat Guter Rat eine verkaufte Auflage von immer noch fast 100.000 Exemplaren (laut IVW-Meldung fürs 3. Quartal 2020) und feiert mit der aktuellen Ausgabe vom Dezember 2020 seinen 75. Geburtstag. Guter Rat ist nämlich nicht nur das einzige überlebende DDR-Magazin von wirtschaftlicher Bedeutung (es gibt Nischenprodukte wie Das Magazin, das die DDR ebenfalls überlebt hat), es ist das älteste heute noch existierende Magazin Deutschlands überhaupt.
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Das Logo zum Jubiläum 75 Jahre Guter Rat im Dezember 2020. |
Unter dem anfänglichen Namen Guter Rat für Haus und Kleid, später Guter Rat für heute und morgen erschien die von der sowjetischen Besatzungsmacht lizensierte Publikation erstmals im November 1945 im Leipziger Verlag Otto Beyer, dem bereits im Sommer 1946 verstaatlichten und sogleich umbenannten späteren Verlag für die Frau. Die Ausgabe 12/2020 würdigt dann auch im Dezember 2020 den 75. Geburtstag von Guter Rat mit einem Artikel, in dem einer meiner Nachfolger über die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung, die frühen 1990er-Jahre, schreibt:
„Guter Rat ist in diesen Jahren etwas Einzigartiges gelungen. Ein Magazin, an das niemand mehr so recht glauben wollte, ist zu einem Vorreiter des anspruchsvollen Verbraucherjournalismus geworden. Guter Rat hat die Fragen der Zeit aufgegriffen, und es gab viele. Denn das Leben ist sehr komplex geworden. Nicht nur, wenn es um die Orientierung im Konsumdschungel geht. Die wachsende Eigenverantwortung stellt die Menschen vor existenzielle Fragen (...) Mit der Wende wurde Guter Rat das meistverkaufte Wirtschaftsmagazin Deutschlands.“ (Seite 37)
Dieses Kompliment nehme ich auch persönlich – es gilt dem damals einzigen Westler mit Ostkompetenz und einer Ostredaktion mit Westehrgeiz: Die anfangs überwiegend älteren Kolleginnen wollten es noch einmal wissen und waren ohne zu zögern bereit, gleich Anfang 1991 von ihren mechanischen Schreibmaschinen aus DDR-Zeiten auf den Apple Macintosh umzusteigen und die nach Forbes von Burda, wo ich 1989 den Mac kennen- und schätzen gelernt hatte, zweite rein digital erstellte Zeitschrift in Deutschland zu machen. Ein riesen Kompliment auch an die neu hinzugekommene Grafik, die mit Begeisterung das Layoutprogramm QuarkXPress für Apple Macintosh erlernte und Guter Rat schon im Frühjahr 1991 komplett digital umbrach. Ein halbes Jahr nach der Wiedervereinigung war Deutschlands ältestes Magazin sein mondernstes!
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Guter Rat Nummer 12 vom Dezember 2020: Die Jubiläumsausgabe widmet die Seiten 34 bis 37 dem 75. Geburtstag. Alle obigen Abbildungen sind diesen Seiten entnommen. |
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